Hitze, Dürre und Sahara-Sommer - Wir werden gegrillt

Die Hitzewelle hat Europa fest im Griff. Alte Menschen sollen zu Hause bleiben, Bauern wollen den Notstand ausrufen und Politiker müssen Abkommen schließen. Wie können wir da einen kühlen Kopf bewahren? Von Sabine Bergk

Das Kühlwasser wird knapp: Risse am Rheinufer in Düsseldorf / picture alliance

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Sabine Bergk ist Schriftstellerin. Sie studierte Lettres Modernes in Orléans, Theater- und Wirtschaftswissenschaften in Berlin sowie am Lee Strasberg Institute in New York. Ihr Prosadebüt „Gilsbrod“ erschien 2012 im Dittrich Verlag, 2014 „Ichi oder der Traum vom Roman“.

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Acht Lichtminuten trennen uns von der Sonne. Acht Minuten, die über unser Leben entscheiden. Das richtige Maß an Nähe und Distanz lässt uns wachsen oder verbrennen.

Nun hat sich, gerade in einer Zeit, die das Maß zu verlieren scheint, eine Sommerhitze über Europa ausgebreitet, die einfach nicht enden will. Die Wolken, falls es welche gibt, hängen fest und können nicht abregnen. Straßen und Schienen schmelzen, Flughäfen werden geschlossen, Frachter fahren nur noch mit halber Ladung und Kraftwerke drosseln die Leistung, weil ihnen das Kühlwasser ausgeht.

Die Wassertemperatur steigt und im Rhein droht ein großes Fischsterben, wenn es so weiter geht. Nicht nur Flüssen und Seen droht die Austrocknung: Das ganze Land ächzt. Getreidebauern müssen mit bis zu 70 Prozent Ernteeinbußen rechnen. Kühe bekommen bereits das Winterfutter, da die Wiesen nichts mehr hergeben. Der Deutsche Bauernverband plädiert dafür, den Notstand auszurufen.

Ganz Europa japst unter der Hitzewelle. An den Stränden stapeln sich Urlauber, der Eisverkauf knackt die Rekordmarke. Dennoch bleibt die Badefreude mancherorts gemäßigt – es besteht Blaualgengefahr.

Zwischen Klimawandel und Weltenbrand

Was wird nur aus diesem Sommer, wo taumeln wir hin? Wer dieser Tage von Berlin nach Brüssel fährt, sieht durchgehend vertrocknetes Land. Die Bäume stehen mit gekrausten Blättern da und haben kaum noch Kraft für die Photosynthese. Die Luft ist nicht nur knochentrocken, sie scheint auch weniger sauerstoffhaltig zu sein. Selbst in Meeresnähe ist die Luft so trocken, als wäre man in der Innenstadt.

Der Klimawandel ist in aller Munde. Dennoch muss er nicht der einzige Grund für die diesjährige Sommerhitze sein. In der Ekpyrosis, der Lehre vom Weltende durch Feuer, die sich auf babylonische Astronomen beruft, ist die Konstellation der Sterne für das Feuer verantwortlich. Liegen die Sterne auf einer Linie, brennt die Erde.

Am vergangenen Freitag stand die Erde genau zwischen Mond und Sonne und der Mars stand ebenfalls gegenüber der Erde. Ob das ein babylonisches Kopfnicken oder eher ein modernes Kopfschütteln wert ist, bleibt jedem selbst überlassen. Interessant wäre eine Unterhaltung zwischen Astronomen und Klimaspezialisten. Da sich die Fachgebiete jedoch heutzutage kaum austauschen, bleiben wir auch hier im Trockenen sitzen.

Den Sensenmann auf Abstand halten

Was auch immer es ist – ob die Babylonier richtig liegen oder die Klimaexperten – diese Hitze ist und bleibt unerträglich. Die Hunde wollen nicht mehr hinaus, der Kreislauf fährt auf ein Minimum herunter und für alte Menschen ist dieser Sommer sowieso besonders gefährlich. Der Sensenmann geht mit gespitztem Instrument von Tür zu Tür.

Was können wir jetzt tun? Gute Tipps für den Umgang mit der Hitze helfen durchaus, wenn man sie gewissenhaft befolgt. Kaffee und Alkohol weglassen, viel Wasser oder Kräutertee trinken, Handgelenke, Armbeugen und Füße kühlen, den Hund regelmäßig abreiben. Abends kann man die trockenen Augen mit einer Gurke belegen. Ein Winterbild vor dem Fenster senkt die empfundene Raumtemperatur. Ein Glas Wasser mit einer Prise Salz vor dem Schlafengehen hilft dem Kreislauf über Nacht, stabil zu bleiben.

Wie stabil aber sind unsere Nerven? Mitten in der Hitze sollen nun politische Abkommen getroffen werden. Am besten wäre es, wir machten alle eine Pause, setzten uns in eine Tropfsteinhöhle, kühlten uns ab und kämen zur Ruhe.

Leben unter Idioten

Vielleicht ist es an der Zeit, demütiger zu werden. Ein durchgehend blauer Himmel ist ebenso unerträglich wie ein perfekter Mensch. Der Perfektionismus erzeugt nichts als leere Hitze. Schneller, besser und höher soll alles unentwegt werden, wir wollen uns selbst übertreffen und stagnieren stattdessen auf niedrigstem Niveau. Starrköpfe und Psychopathen halten die Welt in Atem und niemand kühlt ihnen den Kopf. Auch im politischen Sinn wird das Kühlwasser knapp.

Sind wir an allem, was gerade ist und uns drückt, also selbst schuld? Ganz bestimmt. Aber das wird an unserem Verhalten nichts ändern, da wir uns an den falschen Bildern festklammern. Das Kapitel „Vom Leben unter Idioten“ ist weit aufgeschlagen. Es bleibt heiß, die Alten nippen am Kräutertee, der Hund liegt matt unter der Treppe. Die Luft bleibt knochentrocken. Könnten es sprechen, hörte man das Gras klagen.