Charlie Kirk und Javier Milei
Charlie Kirk und Javier Milei / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Dave Decker / picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Natacha Pisarenko

Cicero-Redaktion Inside - Unsere spannendsten Momente 2025

Was waren die journalistisch interessantesten Momente der Cicero-Redaktion 2025? Ein Interview mit einem Star der Kindheit, eine Begegnung mit einem Terrorüberlebenden – und ein Attentat, das einen Kollegen nur noch entschlossener machte, seine Meinung gegen den Zeitgeist zu vertreten.

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Attentat auf Charlie Kirk: „F**** euch alle!“

„Wir müssen den Staffelstab dort aufnehmen, wo Charlie ihn hingelegt hat, und für die Dinge kämpfen, an die er so leidenschaftlich geglaubt hat. Und wir müssen für ein besseres Amerika kämpfen – ein Amerika, in dem gute Menschen die Wahrheit sagen und leidenschaftlich diskutieren können, ohne Angst vor einer Kugel zu haben“, schrieb der amerikanische Publizist Ben Shapiro Anfang September auf X. Zuvor war Charlie Kirk, von dem in Shapiros Post die Rede ist, infolge eines Attentats gestorben. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Für mich war das Attentat auf den Trump-Unterstützer, überzeugten Christen und konservativen Aktivisten Charlie Kirk, geboren 1993 in Illinois, mein journalistischer Moment des Jahres – im negativen Sinne, versteht sich. Zum einen, weil in mir der Gedanke aufkam, dass es nach derselben Logik, die Kirk das Leben kostete, auch viele Publizisten treffen könnte. Einfach, weil sie eine Meinung haben, die anderen nicht passt.

Zum anderen, weil ich schockiert war über die Kaltblütigkeit, mit der Kirks Tod von diversen Leuten – die sonst überall „Mikroaggressionen“ wittern und wegen Geschlechtersensibilität die deutsche Sprache verhunzen – kommentiert wurde, bisweilen fast gerechtfertigt oder sogar offen gefeiert. Auf mich wirkte das wie das Eingeständnis, dass auch diese Leute den politischen Gegner am liebsten tot sehen würden. Komplett irre!

Ja, das alles hat mich schockiert – aber nach dem Schock auch zusätzlich motiviert, weiter öffentlich meine Meinung zu sagen. Wozu übrigens auch gehört, mir jetzt erst recht nicht mehr gefallen zu lassen, wenn irgendwer glaubt, mir wegen einer Meinung, die nicht die seine ist, blöd zu kommen. Oder um es mit drei Wörtern zu sagen, die der Welt-Herausgeber Ulf Poschardt eines seiner Bücher vorangestellt hat: „F**** euch alle!“

Ben Krischke, Leiter Digitales

Interview mit Stephan Sulke: Der Kulturbetrieb ist doch nicht komplett verblödet

Wie interviewt man jemanden, den man als Kind in der „Hitparade“ und im „Großen Preis“ hat singen hören und dessen Platten im elterlichen Plattenschrank standen? Nähme der einen überhaupt ernst? Doch da man inzwischen ja selbst schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat und Facebook, der große Gleichmacher, es möglich macht, war die Anfrage schnell ausgesendet, und die Antwort kam postwendend. Stephan Sulke, der in Shanghai geborene und in Deutschland in den 70ern und 80ern höchst erfolgreiche Schweizer Songwriter, war gerne bereit zu einem Zoom-Interview. Und die Chemie stimmte prompt, man verstand sich auf Anhieb.

Was sich anschloss, war ein mehrstündiges Gespräch über Wokeness und Cancel Culture im Kulturbetrieb, den Antisemitismus der Intellektuellen und „Kulturschaffenden“, Israel und den Islam. Als die harten Themen ausgeräumt waren, folgte noch eine angeregte Plauderei über das, was im Leben wirklich zählt: Musik – über Sulkes eigene neue CD „Letzte Tanke vor der Grenze“, über Elvis Presley und Steely Dan, darüber, was gute von schlechten Produktionen unterscheidet, über den Qualitätsverfall der Popmusik in Zeiten von TikTok und Downloads und über Inseln des guten Klangs im Meer von Streaming und Überkompression.

2026 kommt Stephan Sulke übrigens auf Deutschland-Tournee.

Ingo Way, CvD Cicero Online

Zehn Jahre nach Terrornacht in Paris: Begegnungen mit Überlebenden

Im November war ich in Paris. Es war der zehnte Jahrestag der Anschläge vom 13. November 2015 in Paris, über den ich schreiben wollte. Diese Anschläge haben mich damals tief getroffen. Man könnte sagen, dass sie den Beginn meiner „politischen Wahrnehmung“ der Welt um mich herum markierten. Schon allein deshalb war es mir ein Anliegen, mich mit den Folgen dieses Ereignisses zu beschäftigen.

In Paris habe ich Überlebende und Angehörige von Opfern dieser Anschläge getroffen. Ich habe mit einem Vater gesprochen, dessen Sohn damals vor der Bar La Belle Équipe erschossen wurde, und mit einem Rockfan, der im Bataclan einfach nur eine gute Zeit haben wollte. Es war bewegend, diese Menschen zu treffen – vor allem aber war es beeindruckend.

In einer Welt, in der auf Blut immer nur noch mehr Blut folgt, eine Fehde die nächste nach sich zieht und die Alternativen zu Vergeltung und Rache zunehmend in den Hintergrund treten, war das, was diese Männer und Frauen trotz ihres Leids geschafft haben, zutiefst eindrucksvoll: Sie haben sich gegenseitig wieder aufgebaut, veranstalten Ausstellungen und Konferenzen und bemühen sich unermüdlich darum, die Erinnerung an die Opfer aufrechtzuerhalten. Vor allem aber haben sie nicht mit Hass auf Hass reagiert. Die Welt wäre eine bessere, friedvollere, wären alle so wie diese Überlebenden von Paris.

Carolina Kaube, Hospitantin

Hintergrundgespräche: Politik hinter verschlossenen Türen

Es fällt mir schwer, hier eine ganz bestimmte Begebenheit zu nennen. Natürlich zählte der Auftritt des amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar zu den seltenen Ereignissen, bei denen einem als Zuhörer unmittelbar klar wird, dass man gerade eine Wegmarke der Weltgeschichte miterlebt.

Zwei Wochen später folgte dann mit dem Disput zwischen Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump im Weißen Haus auch schon das nächste Kapitel in der Erzählung vom Verschwinden des Westens als vermeintlicher Wertegemeinschaft. Überhaupt war das ganze Jahr gespickt mit historischen Momenten – ob Putin in Alaska oder der Tod von Papst Franziskus.

Deswegen entscheide ich beim Stichwort „spannendster Moment“ für das Format „Hintergrundgespräch mit Politikern“. Bei solchen vertraulichen Begegnungen erlebt man als Journalist regelmäßig Regierungsmitglieder oder hochrangige Parlamentarier, die entgegen dem medial vermittelten Bild durchaus vernünftige Sachen sagen und ein komplexes Bild der verfahrenen Gegenwart zeichnen.

Allerdings sind die Dinge meist so komplex oder zumindest mit unangenehmen Wahrheiten verbunden, dass sie nur „unter 3“ formuliert werden – also nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und da frage ich mich inzwischen immer häufiger, ob es nicht besser wäre, wenn man den Menschen einfach reinen Wein einschenken würde. Demokratie ist nämlich eine Zumutung – und kein Waldorfkindergarten.

Alexander Marguier, Chefredakteur

Streitgespräch Abdel-Samad vs. Engel: So geht Debattenkultur!

Mein persönlich schönster journalistischer Moment in diesem Jahr war ein Streitgespräch, das ich für die Oktober-Ausgabe von Cicero moderieren durfte: zwischen Bestsellerautor Hamed Abdel-Samad und Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen.

Sie kennen sich seit Jahren – und doch trennt sie eine tiefe politische Kluft. Ausgangspunkt war ein Tweet von Abdel-Samad, in dem er Israel des Genozids bezichtigte. Engel reagierte mit einem offenen Brief. Aus dieser Auseinandersetzung entstand ein intensiver Briefwechsel, der nun als Buch unter dem Titel „Was darf Israel?“ erschienen ist: ein Schlagabtausch über Krieg, Ethik, Verantwortung und die Grenzen von Kritik.

In unserem Gespräch prallten zwei Welten aufeinander: Abdel-Samad spricht von „Genozid“ in Gaza, Engel hält den Vorwurf für kontrafaktisch und gefährlich. Immer wieder hatte man das Gefühl, das Gespräch könnte eskalieren – tat es aber nicht. Trotz aller Schärfe blieb der Austausch respektvoll. Sie waren vor dem Streitgespräch Freunde – und sind es bis heute.

Dieses Gespräch hat mich sehr inspiriert. In meinem Bekanntenkreis werden Freundschaften immer häufiger wegen politischer Differenzen beendet. Ehrlich gesagt hasse ich diesen Zeitgeist, in dem alles politisiert wird und die Welt nach Carl Schmitt in Freund und Feind eingeteilt wird. In einer solchen Gesellschaft möchte ich nicht leben; sie widerspricht allem, was mir als liberalem und neugierigem Menschen wichtig ist.

Abdel-Samad und Engel haben mir gezeigt: Es geht auch anders. Sie sind Leuchttürme in unserer sonst so leidvollen Debattenkultur – ein lebendiges Beispiel dafür, dass Streit, Differenz und Respekt kein Widerspruch sein müssen.

Clemens Traub, Cicero-Redakteur

Gespräch mit Milei-Vertrautem: Ein Rezept für Deutschland? Unbedingt!

Der persönlich spannendste Moment in meiner journalistischen Arbeit in diesem Jahr war ein ausführliches Gespräch mit Agustin Etchebarne, einem der einflussreichsten libertären Ökonomen Argentiniens. Etchebarne gilt als Vater des politischen Erfolgs von Javier Milei – dem charismatischen Politiker, der 2023 zum Präsidenten Argentiniens gewählt wurde.

2013 lud Etchebarne Milei zu einer Veranstaltung in Córdoba ein. Diese Begegnung markierte den Beginn einer Erfolgsgeschichte, die die politische Landschaft Argentiniens nachhaltig veränderte. Während unseres Gesprächs erzählte Etchebarne eindrücklich von den frühen Jahren seines aktivistischen Engagements.

Argentinien befand sich damals am wirtschaftlichen Abgrund. Ein überbordender Staat druckte Geld, um immer neue Wahlversprechen zu finanzieren. Das Resultat: eine rapide Entwertung des Pesos und eine steigende Zahl von Menschen, die in Armut abrutschten.

Etchebarne und sein Team legten den Grundstein, diesen Teufelskreis zu durchbrechen – mit jahrelanger wirtschaftlicher Bildungsarbeit, die nun Früchte trägt. Überall, wo ich in Argentinien mit jungen Leuten sprach, begegnete mir beeindruckendes wirtschaftliches Wissen – fast so, als säße ich in einem Hörsaal voller VWL-Studierender. Ein Rezept für Deutschland? Unbedingt!

Carsten Korfmacher, Ressortleiter „Kapital“

Spannende Zeiten: Unterlassene Momente

Einem alten chinesischen Fluch nach zu urteilen, sind die ereignisreichen Phasen der Geschichte ja jene, die man am liebsten schnell wieder vergessen sollte. „Mögest Du in spannenden Zeiten leben“, so lautet der Satz, den man im alten China jenen Menschen mit auf den Weg gegeben hat, denen man alles Pech der Welt an den Hals wünschen wollte.

So gesehen sind wir Verfluchte. Doch wissen wir nicht, welcher Moment es genau gewesen ist, der die Gegenwart so unerträglich spannend gemacht hat: War es die Amtseinführung von Donald Trump? War es die Zögerlichkeit der neuen Bundesregierung? War es der neue Hype um Künstliche Intelligenz? Der schier nicht enden wollende Ukraine-Krieg? Die Folgen der Pandemie? Es scheint sich dieser Tage unheimlich viel zu ereignen, und doch fällt es schwer, den einen großen Moment zu benennen.

Und vielleicht ist es ja auch umgekehrt: Es sind die unterlassenen Momente, die diese Zeit so aufgeladen erscheinen lassen: Die unterlassene Ehrlichkeit der Regierung. Die unterlassene Handreichung in der Corona-Aufarbeitung. Die unterlassenen Schmerzen auf dem leidvollen Weg zum Waffenstillstand. Das unterlassene Vertrauen in die Vernunft des Wählers. All diese Dinge haben (noch) nicht stattgefunden, sind auch 2025 ausgeblieben, stehen weiterhin auf Wiedervorlage. Ich habe sie für 2026 noch einmal notiert; sie stehen im Kalender unter dem Punkt „Noch zu erinnernd“.

Ralf Hanselle, stellvertretender Chefredakteur

Manuskriptabgabe: Mein persönlicher Höhepunkt

Der schönste persönliche Moment des zu Ende gehenden Jahres war für mich vielleicht jener Abend des 27. Oktober, als ich das Manuskript für mein im kommenden Februar erscheinendes Buch an den Verlag abschickte. Das Buch geht auf einen Essay auf Cicero.de zurück über den allseits konstatierten Niedergang des Westens und die vermeintliche Schuld der Trump-Regierung.

Damit bin ich auch schon bei dem politischen Moment des Jahres, der diesen Text unter anderem inspirierte: die Rede des amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Seine zentralen Worte: „Die Krise, mit der dieser Kontinent [Europa] jetzt konfrontiert ist, die Krise, die wir meiner Meinung nach alle gemeinsam durchleben, haben wir selbst verursacht: Wenn Sie Angst vor Ihren eigenen Wählern haben, kann Amerika nichts für Sie tun.

Die hysterische Empörung, mit der deutsche und europäische Politiker und Journalisten reagierten, war vermutlich das stärkste Indiz dafür, dass Vance den wunden Punkt getroffen hat.

Ferdinand Knauß, Leiter Literaturen

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Sabine Lehmann | Di., 30. Dezember 2025 - 19:42

Ich möchte mich bedanken.
Nicht nur für diesen gelungenen Artikel, der für mich übrigens so ganz besonders ist, weil er so persönlich daherkommt, sondern für dieses komplette Jahr mit so vielen interessanten und wertvollen Texten und Beiträgen. Sei es von den Redakteuren, Hospitanten oder den vielen Gastautoren. Danke dafür.
Meine Welt wäre ein deutliches und trauriges Stück kleiner, gäbe es den Cicero nicht! Und was waren das für Zeiten? Die letzten zehn Jahre Germany waren so erschütternd und destruktiv, sie kommen mir historisch betrachtet eher wie 100 Jahre vor. Mein Blutdruck jedenfalls konnte sich bei der Lektüre des einen oder anderen Artikels hier erstmal wieder beruhigen, denn geteiltes Leid ist halbes Leid wie man so schön sagt, von daher tut es gut, sich nicht gänzlich alleine zu echauffieren über eine Politlandschaft die ihresgleichen sucht, zumindest die in Deutschland;-)
Guten Rutsch & ein Frohes Neues Jahr an Alle.