Comic - Porno mit Adorno

Nach vierzig Jahren vollendet Helmut Wietz nun endlich seinen Comic „Der Tod von Adorno”. Der spielt im Berlin der 68er und ist so melancholisch, weise und schön, wie es ein Comic nur sein kann

Helmut Wietz: Der Tod von Adorno (Cover-Ausschnitt)
Metrolit

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Balzer, Jens

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Jahrelang ist der Fährmann mit seiner Fähre froh über den Fluss gefahren, immer hin und her und her und hin. Er kannte nichts außer dem Einerlei des ruhig dahinfließenden Wassers und seines ruhig dahin fließenden Tagesgeschäfts. Dann aber lockte ihn plötzlich die weite Welt: Die explosiv entflammte Liebe zu einer erotischen Frau und die erregende Lektüre politischer Texte erweiterten sein Begehren sowie sein Bewusstsein und brachten ihm die Beengtheit seiner bisherigen Existenz in den Blick.

Berlin! Das ist das einzige Ziel, an dem der bislang an einem Unterlauf der Elbe beschäftigte Proletarier Hermann C. Trollschack sich nun die Erfüllung seiner Wünsche vorstellen kann; also kapert er mit vorgehaltenem Schnellfeuergewehr eine Linienmaschine und fliegt in die aufgewühlte Mauerstadt ein. Eine Zufallsbekanntschaft bringt ihn sogleich in Kontakt mit den Kommilitonen der ästhetisch wie politisch gleichermaßen radikalisierten Deutschen Film- und Fernsehakademie. Einige von ihnen – man schreibt das Jahr 1968 – haben sich gerade in den bewaffneten Kampf verabschiedet; mit den anderen dreht Hermann C. Trollschack ideologietheoretisch legitimierte pornografische Filme, in denen sich die Kritik der kleinbürgerlichen Sexualmoral mit der Kritik der universellen kapitalistischen Entfremdung verbindet.

„Der Tod von Adorno“ heißt dieser wunderbare Comic von Helmut Wietz, den der neugegründete Berliner Metrolit-Verlag in seinem ersten Programm präsentiert. Und dies ist eine der schönsten Comic-Entdeckungen seit Langem. Begonnen wurde das Werk im Jahr 1967 als eine Art autobiografisch geerdeter Satire auf die Studentenbewegung. Beendet wurde es über 40 Jahre später als versöhnlich-milder, aber deswegen nicht weniger witziger Rückblick auf die eigene Biografie und Politisierung.

Der Autor und Zeichner Helmut Wietz war damals wirklich dabei, er hat in Berlin gemeinsam mit Holger Meins studiert und mit dem Ästhetik-Agitatoren Bazon Brock und dem legendären Politverleger Jörg Schröder pornografische Filme gedreht. Mit den ersten zwanzig Seiten des „Adorno“-Comics bewarb sich Wietz, wie er in seinem Nachwort erläutert, an der Film- und Fernsehakademie und wurde zu seiner eigenen Überraschung aufgenommen. Im Rahmen seiner Studien beteiligte er sich fortan an einem Geburtstagsfilm für den geschätzten nordkoreanischen Diktator Kim Il-Sung und später an den erwähnten Sexfilmen, darunter „Die glatte Diebin“ nach dem Drehbuch eines pornophilen Adornoschülers. Wietz verlor den Comic aus dem Blick, und erst nach einer über vierzigjährigen wechselhaften Karriere als Fernsehregisseur und  produzent kehrte er schließlich zu ihm zurück und fügte den schon fertigen dreißig Seiten noch einmal dreißig hinzu.

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Der Bruch ist kaum zu bemerken; die Ästhetik der Geschichte folgt konsequent dem subkulturell erregten Avantgarde-Comic-Stil der späten Sechzigerjahre. Die energisch wie gleichermaßen ungelenk bewegten Figuren erinnern an Comic-Ikonen wie Guy Peellaerts „Pravda“, eine nur mit einem Patronengürtel bekleidete linksradikale Motorradbraut, oder an den umstrittenen Polit-Porno-Comic „Die Abenteuer der Phoebe Zeit-Geist“. Wie viele seiner damaligen Zeitgenossen macht Wietz ausgiebigen Gebrauch von groben Letraset-Rastern – ein grafischer Effekt, der aus der Pop-Art Roy Lichtensteins kommt. Dieser blies ja in seinen Comic-Gemälden die sonst kaum zu erkennenden Rasterpunkte riesenhaft auf, um die industrielle Produktionsweise der billigen Heftchen zu zeigen. In den 68er-Comics wurde diese Art der Kapitalismuskritik zur ästhetischen Affirmation gedreht: Die politische Aneignung der entfremdeten Massenkultur geriet zum vornehmsten Ziel.

Nun hat Wietz noch einmal an der dialektischen Schraube gedreht: indem er nach vierzig Jahren am Computer den alten Rasterfolien-Effekt imitiert, um den kritischen Geist der Vergangenheit in die Gegenwart zu überführen. Das ist ihm auf ganzer Linie gelungen: Herrlich, mit welch subtiler Schrillheit er den Irrsinn der Revolution spielenden Bürgerskinder zeigt – ohne zugleich ihren Beweggrund zu leugnen: die unabgegoltene Schuld des Nationalsozialismus; den „Untertanengeist“, den man nicht ausrotten konnte.

Helmut Wietz: Der Tod von Adorno (Metrolit)Nur mit Pornografie kann man die Verhältnisse nicht ändern. Das sieht auch Hermann C. Trollschack bald ein. Er entschließt sich, nach Frankfurt am Main zu gehen, um die Vordenker der Bewegung kennenzulernen. Was Ador­no, Horkheimer und Habermas da reden, versteht er zwar nur zum geringeren Teil. Als Trollschack den Bundestag mit Gleichgesinnten besetzt, wird Adorno gleichwohl zum Bundespräsidenten ernannt. Schon bei seiner ersten Rede versagt „der nette Wicht“ mit wirrem Gefasel, woraufhin er von Trollschack erschossen wird.

Der Pornofilmterrorist flieht zurück auf seine Fähre – doch das Kind, das seine geliebte Frau ihm gebärt, sieht aus wie Adorno! Am Ende sprengt sich Trollschack daher in die Luft. Und das bunte, erstarrte, bewegte „Wumm“, in dem sein Leben verlischt, ist so melancholisch, weise, dialektisch und schön, wie ein Comic-Bild überhaupt nur sein kann.

Helmut Wietz: Der Tod von Adorno. Metrolit, Berlin 2013. 72 S., 22 €

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