Hatz auf Hoeneß - Wie das Netz den Ton in den Medien diktiert

Aus bösen Tweets werden am nächsten Tag Überschriften in den Tageszeitungen: Der Fall Hoeneß zeigt, wie sehr die (Un-)Sitten der virtuellen Welt inzwischen auch das echte Leben bestimmen

Zum Abschuss freigegeben: Uli Hoeneß
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Autoreninfo

Christian Jakubetz, Jahrgang 1965. Stationen u.a. beim ZDF, N 24, ProSiebenSAT1 sowie bei diversen Tageszeitungen. Dozent u.a. an der Deutschen Journalistenschule in München und Lehrbeauftragter an der Universität Passau. Herausgeber des Buchs “Universalcode” (Euryclia, 2011). Seit 2006 freiberuflich tätig u.a. für das ZDF, die FAZ und die deutsche Ausgabe von “WIRED”. Blogger mit “jakblog.de”.

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Als feststand, dass der ehemalige Fußballmanager Ulrich Hoeneß für drei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis muss, zeigten die sozialen Netzwerke einmal mehr Kreativität: Innerhalb kürzester Zeit kursierten Hunderte Tweets und Einträge bei Facebook, die sich mit dem Urteil... ja, was eigentlich? Befassten? Eher nicht. Stattdessen war offenbar eine Art Wettbewerb ausgebrochen, den derjenige gewinnen sollte, der am meisten Häme über den gefallenen Bayern-Präsidenten ausschütten würde.

Social-Media-Agreement: Erlaubt ist, was Spaß macht
 

Und tatsächlich gab es da innerhalb kürzester Zeit einiges zu bestaunen: „Der Richter macht ihn rein“, „Der Dicke muss ins Runde“, Zeichnungen mit Hoeneß in einer mit Dortmund-Farben ausstaffierten Zelle, lauter so Sachen eben. Manche witzig, manche dann eher doch jenseits dessen, was man noch mit Satire hätte rechtfertigen können. Tatsächlich gab es eine Art Social-Media-Agreement: Erlaubt ist, was Spaß macht, Hoeneß ist mal eben zum Abschuss frei gegeben. Und wer den Spaß nicht mitmacht, der versteht entweder keinen oder ist unbelehrbarer Hoeneß-Anhänger oder womöglich noch Schlimmeres. Wie das so eben ist an Stammtischen, wenn das eine oder andere Bierchen schon getrunken ist.

So weit, so schlecht. Dass im Netz gerne mal etwas härter hingelangt wird, das weiß man seit vielen Jahren. Dass ein soziales Netzwerk kein Proseminar ist und man dort nicht immer ausgefeilte Argumentationen erwarten darf - geschenkt. Doch diesmal war es etwas anders: Die Stammtisch-Seligkeit und der Häme-Wettbewerb wurden kurz darauf nahtlos von denen übernommen, die normalerweise für genau das Gegenteil verantwortlich sein sollten. In den klassischen Medien und damit in der Mitte der Gesellschaft kam das an, was bis dahin ein Tabu hätte sein sollen.

„Verknackt Hoeneß!“, forderte Bild
 

Ziemlich bezeichnend: Der Tweet „Der Runde muss ins Eckige“ landete nach etlichen Ehrenrunden im Netz als Schlagzeile auf der Titelseite des Berliner Krawallblatts B.Z. Nicht, dass man von dort anderes erwartet hätte und auch keine Überraschung, dass das BZ-Umfeld die Zeile am nächsten Tag ausgerechnet in den sozialen Netzwerken auch noch als eigenen Geistesblitz ausgab. Wohl aber hat die B.Z. wenigstens eines unfreiwillig hinbekommen: den Beweis anzutreten, dass das im Netz gängige Überschreiten von Grenzen auch in den Medien und damit in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Noch ein Beispiel gefällig? Einen Tag vor dem Hoeneß-Urteil titelte Bild: „Im Namen aller ehrlichen Steuerzahler: Verknackt Hoeneß!“. Das war eine ziemlich erstaunliche Forderung angesichts dessen, dass zu diesem Zeitpunkt das Gericht auch zu einer ganz anderen Auffassung hätte kommen können.

Der Ton ändert sich
 

Das ist halt der Boulevard, lässt sich einwenden, da geht es schon immer härter her - und Zeit für Differenzierung lässt das Titeln für „stumme Verkäufer“ auf der Straße nicht. Aber das ist es nicht. Der Umgang mit den großen und manchmal auch kleinen Menschen hat sich geändert, seit sich jeder öffentliche Urteile über alles und jeden erlauben kann. Oder besser gesagt: glaubt, sie sich erlauben zu können. Die Vorverurteilung, die nicht stattfinden darf - bisher ein ehernes Prinzip des Rechtsstaats und auch der Medien. Aber wenn sich eine breite Öffentlichkeit bereits ein Bild gemacht, ihr Urteil bereits gefällt hat, da ist es dann natürlich sehr viel einfacher, mal eben Knast für Hoeneß zu fordern, wenn man via Facebook und Twitter eine Ahnung davon bekommen hat, dass die Mehrheit eine solche Maßnahme befürwortet. Man darf vergleichsweise viel Geld darauf wetten: Wäre Volkes Stimme in den sozialen Netzwerken eine andere gewesen, Bild hätte „Free Uli!“ getitelt.

Tatsächlich lässt sich der Zusammenhang zwischen dem heißkochenden Netz und der Reflektion in Gesellschaft und Medien auch an einem anderen Beispiel aufzeigen. Schon während der Prozesstage kursierten im Netz allerlei lustige und manchmal weniger lustige Karikaturen und Fotomontagen, die Hoeneß im Knast zeigten. Ist es dann wirklich nur Zufall, dass die taz am Tag nach dem Urteil eine Knastmauer, einen rot-weißen Schal und die Zeile „Mia san hier“ zeigte? Und dass taz-Chefin Ines Pohl kurz darauf twitterte, man könne ja Hoeneß helfen, in dem man eines der Gefängnis-Abos der Zeitung unterstütze?

Die Süddeutsche Zeitung kam zwar zu der Auffassung, eine solche Entgleisung könne man gegebenenfalls auch als ein Beispiel des manchmal sehr eigenen Humors der Zeitung verbuchen. Tatsächlich aber zeigen die Tage des Hoeneß-Prozesses vor allem eines: In dem Maß, in dem Hoeneß in den sozialen Netzwerken mehr oder weniger vogelfrei war, haben sich auch viele klassische Medien immer weniger gescheut, die Causa Hoeneß in einem ungewohnt populistischen Ton zu begleiten.

Das Netz als permanente Volksabstimmung
 

Überhaupt, die Popularität nahe am Populismus: Es gibt nicht wenige, durchaus besonnene und alles andere als demokratiefeindliche Menschen, die der Auffassung sind, nicht jedes Thema eigne sich für eine Volksabstimmung. Das Netz aber, vor allem in den sozialen Netzwerken, ist nichts anderes als eine permanente Volksabstimmung, als eine andauernde, schnelle und eben nicht immer differenzierte Meinungsbildung. Ja, manchmal nicht mal mehr das. Schnell mal eben ein Foto teilen, einen markigen Spruch retweeten, das ist gleich getan, man muss gerade mal irgendwo einen Button klicken, man muss nichts wissen dazu, nicht mal eine eigene Meinung haben. In den meisten Fällen lachen wir dann darüber und geben dem ganzen Spektakel den Namen „Shitstorm“, was irgendwie lustig klingen soll, was es aber ganz und gar nicht ist, wie der Begriff bei etwas näherer Betrachtung nahelegt.

Es ist eine fatale Mischung, die die unangenehmeren Seiten von vox populi häufig ausmacht. Eine Mischung aus Lautstärke, aus derben Begrifflichkeiten und aus einer Meinungsbildung, die inzwischen oft schon vor dem eigentlichen Ereignis abgebildet ist. Frag nach bei Uli Hoeneß.

Nein, Uli Hoeneß muss einem wirklich nicht leidtun. Sorgen sollte man sich dennoch machen. Um eine Gesellschaft, die, befeuert von den Möglichkeiten des modernen digitalen Scheiterhaufens, offensichtlich kein Mittelding mehr kennt zwischen „Hosianna“ und „Hängt ihn höher“. Die leiseren, bedächtigeren Stimmen drohen unterzugehen, analog wie digital.

Nein, manche Themen eignen sich tatsächlich nicht für eine Volksabstimmung. Für das Netz und die intellektuellen Schnellschießer allerdings auch nicht.

 

 

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