Hans Küng - „Wir brauchen ein universales Ethos”

Im Cicero-Online-Interview anlässlich seines 85. Geburtstags spricht der kirchenkritische katholische Theologe Hans Küng über sein „Projekt Weltethos”, das aus den Lebensregeln der großen Menschheitstraditionen ein universales ethisches Fundament abzuleiten versucht

Theologe Hans Küng
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Christophe Braun hat Philosophie in Mainz und St Andrews studiert.

So erreichen Sie Christophe Braun:

Herr Küng, Sie sind vor wenigen Tagen 85 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch!
Vielen Dank, bin froh, dass ich so viele Jahre einigermaßen honorig hinter mich gebracht habe.

Wir wollen über das von Ihnen 1989 initiierte Projekt Weltethos sprechen. Können Sie kurz die Ziele des Projekts skizzieren?
Das Projekt Weltethos hat zwei Hauptziele. Erstens: Friede zwischen den Religionen und Kulturen als Basis für den Frieden zwischen den Nationen. Zweitens: Bewusstsein wecken für die den Weltreligionen gemeinsamen ethischen Werte, Standards, Maßstäbe, Haltungen als universales ethisches Fundament.

Sie wollen aus den ethischen Gemeinsamkeiten der Weltreligionen ein universales Regelwerk ableiten?
Ja, aber kein Ethiksystem, sondern einige wenige elementare ethische Standards, die sich in allen großen Menschheitstraditionen finden lassen.

Zum Beispiel?
Am bekanntesten ist sicher die „Goldene Regel“: Was Du nicht willst, dass man Dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu. Diese Regel gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Kollektive, bis hin zu Nationen. Grundlegend dafür ist die Humanitätsregel: Jeder Mensch soll menschlich und nicht unmenschlich oder gar bestialisch behandelt werden – unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Religion… Konkret finden sich in allen Traditionen vier ethische Maßstäbe: Schutz des Lebens, Schutz des Eigentums, Schutz der Wahrheit, Schutz der geschlechtlichen Beziehungen.

Das ist alles?
Das ist alles: Zwei Grundregeln und vier ethische Maßstäbe, die sich seit der Menschwerdung des Menschen durch die Jahrtausende herausgebildet haben.

Wie entstand die Idee zum „Weltethos“?
Langsam. Schon während meiner Libanonreise im Jahr 1967 wurde mir klar: Ein dauerhafter Friede zwischen Muslimen und Christen wäre möglich – wenn es eine Verständigung gäbe. An dem Beispiel wird deutlich: Die Frage des interreligiösen Dialogs ist hochpolitisch.

Dass Verständigung notwendig ist, um Konflikte zu lösen, leuchtet ein. Aber warum braucht es ein universales Ethos?
Die Globalisierung betrifft inzwischen fast alle Bereiche. Dass sie auch unmenschliche Seiten hat, ist längst nicht mehr zu übersehen. Deshalb brauchen wir auch eine Globalisierung des Ethos: ethische Grundregeln, die für alle gelten.

Ohne Ausnahme?
Ja. Das war mehr als einmal ein Streitpunkt zwischen Henry Kissinger und mir. Meine Position ist: Diese fundamentalen ethischen Standards gelten für alle – für den Staatsmann genau so wie für den gewöhnlichen Bürger. Auch der Präsident der Vereinigten Staaten darf nicht lügen. Wir haben ja am Beispiel des Irakkrieges gesehen, welche Folgen gerade Lügen aus den Mündern von Staatsmännern haben können.

Sie haben das Projekt Weltethos 1989 in einer Zeit enormer weltpolitischer Umbrüche ins Leben gerufen.
Ich hoffte, dass die Menschheit ihre dritte große Chance im zwanzigsten Jahrhundert endlich nutzen würde. Die vorangegangenen Chancen in den Jahren 1918 und 1945 hat sie verpasst. Mit dem Ende des Kalten Krieges kündigte der damalige US-Präsident George Bush senior „a new world order“ an, eine neue Weltordnung. Das wurde auf der ganzen Welt mit Begeisterung aufgenommen.

Warum ist daraus nichts geworden?
Bush hatte ganz einfach kein Konzept für diesen neuen Frieden.

Wie steht es heute, im Jahr 2013, um das Erreichen der Projektziele?
Die Lehre der vergangenen zwanzig Jahre lautet leider: Die Menschheit ist nur bereit, durch Leiden zu lernen. Es ist viel Schlechtes passiert in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Jetzt setzt ganz langsam ein Umdenken ein. Betrachten Sie zum Beispiel die aktuelle Diskussion über die Finanzkrise: Allenthalben wird eine Regulierung der Großbanken gefordert. Aber ein paar neue Regeln nützen nichts, wenn sie nicht durch ein grundsätzliches Umdenken auf der ethischen Ebene fundiert sind. Die Banker selbst müssten sich aus Überzeugung zu einigen ethischen Standards verpflichten.

Auch die Zahl der religiösen Konflikte hat seit 1989 deutlich zugenommen.
Leider. Vielfach haben leichtfertige politische Entscheidungen religiöse Konflikte geschürt. Der Einmarsch in Afghanistan war überflüssig und gefährlich; die Invasion des Irak war völkerrechtswidrig und auf Lügen aufgebaut; der Überfall der vom Westen unterstützten Israelis auf den Libanon war ebenfalls ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – diese Liste ließe sich leicht fortsetzen.

Wie steht es angesichts dieser Entwicklungen heute um den interreligiösen Dialog?
Den Weltethos-Thesen „Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen“ und „Kein Frieden unter den Religionen ohne einen Dialog zwischen den Religionen“ widerspricht heute niemand mehr. Das können Sie in Indien und in China genau so hören wie in den USA oder in Israel. Aber zum Weltethos gehört auch noch eine dritte These: „Kein Dialog zwischen den Religionen ohne gemeinsame ethische Werte und Standards“. Das hat sich noch nicht durchgesetzt.

Es herrscht also Einigkeit über die Notwendigkeit interreligiösen Dialogs. Aber haben wir auch echten interreligiösen Dialog?
Ja, den haben wir! Interreligiöser Dialog ist ja nicht die Angelegenheit einiger weniger Spezialisten, sondern aller Bürger. Überall wo heute zum Beispiel eine Moschee gebaut wird, setzen sich Menschen ein für Dialogforen, für gegenseitigen Austausch und Zusammenarbeit. Da sind wir viel weiter als früher. Auch die politischen Debatten zu diesen Themen sind vielfach sachlicher und kooperativer geworden. Der interreligiöse Dialog hat trotz mancher Probleme enorme Fortschritte gemacht.

Herr Küng, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Christophe Braun.

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