Gräben der Flüchtlingsdebatte - Wir müssen nicht so tun, als gäbe es kein Problem

Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Nach kurzem sommerlichen Aufruhr scheint die Welt nun wieder geordnet: In das helle und das dunkle Deutschland. Und was ist mit den Zwischentönen, den geflüsterten Ängsten des mittelhellen Deutschland?

Flüchtlinge stehen unerkennbar hinter einem Zaun
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Jetzt sitzen wir alle wieder bequem, stimmt’s? Unsere Welt ist im Lot, die Grenzen klar gezogen. Es war ja ein bisschen ungemütlich geworden in den vergangenen Wochen mit all den brennenden Flüchtlingsunterkünften und hässlichen Menschen mit noch hässlicheren Parolen.

Aber nun haben wir genug Munition in unseren Schützengräben, wir verweisen kurzerhand auf unser Like unter Joko und Klaas, Gerald Asamoah und Oliver Kalkofe. Diese „Ich-bin-kein-Nazi-aber-Sager“ da draußen funktionieren wunderbar als digitale Wutbälle, die wir nach Bedarf ein bisschen treten und kneifen, wenn da wieder ein totes Kind die Timeline hinuntergespült wird. Da kann man dann unterschiedlicher Meinung sein, ob das Foto des kleinen Jungen gezeigt werden darf oder nicht und was von beidem die größere Bankrotterklärung für eine abgestumpfte Gesellschaft ist. Hauptsache, die Wut hat ein Ventil. Zur Not wäre da noch eine bayrische Staatsministerin Emilia Müller, die „eiskalt und ohne Mitleid“ einen Flüchtling aus dem Kosovo fragt, ob er denn wisse, dass er in sein Land zurück müsse. Überflüssig die Frage, was mit einer Sozialministerin geschähe, die einem Flüchtling das Bleiberecht verspricht, während sie genau weiß, wie es um Asylanträge von Menschen aus dem Balkan steht.

Der Kessel steht unter Druck, ständig knallen irgendwelche Sicherungen durch. Nur sind es nicht nur die des „dunklen“ Deutschland. Die vermeintlich helle Seite übt sich in einer Selbstgerechtigkeit, die ein mulmiges Gefühl hervorruft. Immer klingt da diese Selbstverständlichkeit an, dass man es selbst besser machen würde. Wir bekommen die Zwischentöne in der Flüchtlingsdebatte nicht zu fassen, so viel verklärte Ideologie ist da im Spiel – auf beiden Seiten.

Perspektiven wechseln
 

Dass die „Ich-bin-kein-Nazi-aber-Sager“ mit ihren dumpfen Parolen den Shitstorm nicht wert sind, den sie entfachen – geschenkt. Aber was ist mit all den geflüsterten Ängsten, was mit dem mittelhellen Deutschland? Ich kann es hören, beim Bäcker, am Kaffeetisch, in der Schlange vorm Bankautomaten. Es sorgt sich darum, dass seine Kinder zukünftig in Klassen gehen, in denen die Mitschüler kein Deutsch sprechen. Dass seine Fahrräder nicht sicher sind im Schuppen, die Wäsche nicht auf der Leine, das Auto nicht auf dem Parkplatz. Es sind viele Stimmen. Sie sind nicht im Internet. Sie begegnen mir im wahren Leben. Öffentlichkeitswirksam darum bitten, mich auf Facebook zu entfreunden, kann ich nicht.

So wenig ich ihre Ängste nachfühle, so wenig kann ich mir vorstellen wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Beides aber müssen wir versuchen, wenn wir in Zukunft nicht immer wieder voller Wut aufeinander losgehen wollen. Da hilft es, die Perspektiven zu wechseln. Was, wenn meine Kinder hungernd und frierend neben mir lägen und all meine Körperwärme nicht ausreichte, sie zu schützen? Wie groß die Verzweiflung, da mir ein Kind im kalten Wasser des Mittelmeers aus den Armen gleitet? Das ist nicht vorstellbar? Versuchen wir es trotzdem.

Aber versuchen wir auch, die Ängste derer ernst zu nehmen, die hier sind, damit wir sie in der Debatte nicht verlieren. Sprechen wir darüber, dass eine Million Menschen aus anderen Kulturen positive Veränderungen aber auch Spannungen in unserem Land mit sich bringen werden. Dass etwa 30 Prozent dieser Flüchtlinge nicht aus Kriegsgebieten kommen, sondern aus Albanien und dem Kosovo, wohin sie wohl auch wieder zurück geschickt werden müssen. Dass nicht nur Ärzte und Ingenieure kommen, sondern auch viele, die noch lange auf staatliche Hilfe angewiesen sind.

Wir müssen nicht so tun, als gäbe es kein Problem. Wir müssen nur endlich aufhören zu denken, wir seien etwas Besseres. Sowohl im dunklen als auch im hellen Deutschland.

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