Filmkomponist Éric Serra - „Ich war noch nie auf der Berlinale“

Der Filmkomponist Éric Serra schaffte mit der Komposition des Soundtracks zum James Bond-Teil „Goldeneye“ den großen Durchbruch. Für seinen herausragenden Beitrag zur Filmmusik wurde er nun in Berlin mit dem „Moët Chandon Grand Scores Awards“ geehrt. Zeit für ein Gespräch über Film und Musik, Charlie Hebdo und David Bowie

Filmkomponist Éric Serra (ganz rechts) mit dem Preis, den er in Berlin für seinen Beitrag zur internationalen Filmmusik erhalten hat.
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Nils Leifeld ist freier Journalist. Zurzeit arbeitet er in der Onlineredaktion von Cicero.

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Cicero: Bei „Goldeneye“ denkt jeder sofort an den Titelsong von Tina Turner. Den haben Sie nicht geschrieben. Ihr Soundtrack zu dem James Bond-Film war aber auch kommerziell sehr erfolgreich. Dennoch waren die Kritiken gemischt. Was hatte das für Gründe?
Éric Serra: Die Bond-Produzenten gaben mir von Anfang an das Gefühl, große Fans meiner Musik zu sein. Sie gaben mir so gut wie keine Anweisungen dazu, wie ich den Titelsong gestalten sollte, ließen mir komplett freie Hand. Dazu wollten sie vor allem auch einen kompletten Neustart des Bond-Genres. Man gab mir deutlich zu verstehen, dass ich nicht versuchen sollte, John Barry zu kopieren, der mein Vorgänger als Bond-Komponist war. Ich sollte den Soundtrack nach mir klingen lassen und nicht nach etwas, das James Bond-Fans seit Jahren im Ohr hatten. Was danach passierte, war, dass vor allem alt eingesessene Bond-Fans mit meiner Musik nicht einverstanden waren. Sie waren so sehr an den Sound von John Barry gewöhnt, dass ihnen meine Musik wohl zu revolutionär und zu andersartig daherkam.

Sie und der Regisseur Luc Besson sind seit Jahren enge Weggefährten und im Filmgeschäft ein eingespieltes Team. Ist Ihre langjährige Freundschaft der Schlüssel zum gemeinsamen Erfolg bis hierhin gewesen?
Wir sind langjährige Freunde und ergänzen uns in vielen Bereichen sehr gut. Tatsächlich sind wir auch im selben Alter und beide aus Paris. Ob das der Schlüssel zu der sehr erfolgreichen Zusammenarbeit ist, kann ich nicht sagen. Ich denke nicht, dass es eine Pauschallösung für Erfolg gibt.

Kennengelernt haben wir uns im Alter von 18 Jahren in einem Aufnahmestudio, in dem ich gerade dabei war, ein Stück mit meiner damaligen Band aufzunehmen. Eines der Bandmitglieder von damals war ein guter Freund von Luc und eines Tages kam Luc ins Studio, um ihn zu besuchen. So lernten wir uns kennen. Ein paar Monate später führte er Regie bei seinem ersten Film, einem Kurzfilm namens „L´avant dernier“, und bat mich, die Musik dafür zu komponieren.

Paris wurde vor knapp drei Monaten von mehreren teilweise zeitgleich stattfindenden Terroranschlägen erschüttert. Über Facebook schrieben Sie danach: „Wir dürfen nun trotz allem nicht aufhören zu träumen.“ Was meinen Sie damit?
Zunächst einmal muss ich gestehen, dass der Schrecken dieser Ereignisse auch vor mir nicht Halt gemacht hat und ich von meiner eigenen Angst ein gutes Stück überrascht wurde. Ich dachte immer, ich könnte mit so etwas besser umgehen, doch dem war nicht so. Der psychologische Einfluss der Anschläge auf das alltägliche Leben in Paris und auch auf mein eigenes war ein nie da gewesener. Ich brauchte Wochen, um mich von all dem zu erholen und mich wieder aufzurappeln.Trotz alledem: Wir dürfen unter keinen Umständen damit aufhören, so zu leben, wie wir es vorher auch getan haben. Lange haben wir hier in Europa für Werte wie Freiheit und Pluralität gekämpft. So etwas darf niemals durch Angst und Schrecken verdrängt werden. Vorsicht und Wachsamkeit sind dieser Tage geboten, doch keine Furcht!

Ein wichtiger Bestandteil von Freiheit ist die freie Meinungsäußerung und somit auch Satire. Charlie Hebdo ist, wohl auch durch die Terroranschläge im Januar vergangenen Jahres, eines der bekanntesten Satire-Magazine der Welt. Wie ist Ihre Meinung zu Charlie Hebdo und finden Sie, dass es Grenzen der Satire gibt?
Ich liebe Charlie Hebdo. Sie bringen mich zum Lachen. All die Kritik an Charlie, dass sie zu provokant seien, ist lächerlich. Ich denke, dass dieselben Leute, die Charlie Hebdo für zu provokant halten, genauso über Rock'n'Roll denken. Das werde ich niemals verstehen können. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich denke mir bei einigen Zeichnungen auch manchmal, dass sie nun vielleicht zu weit gegangen sind. Doch im selben Moment muss ich auch unfreiwillig lachen und dafür liebe ich Charlie Hebdo. Charlie repräsentiert Freiheit und sollte sich treu bleiben.

Sie sind ein großer Fan von David Bowie, der kürzlich verstorben ist. Inwieweit hat Bowie Sie in Ihrem musikalischen Schaffen beeinflusst?
Das ist schwer zu sagen. Bowies Musik hat mich über lange Zeit begleitet. Es gab Zeiten, da habe ich jeden Tag nur seine Songs gehört. „Heroes“ ist immer noch eines meiner Lieblingslieder. Also kann man davon ausgehen, dass der Sound von Bowie mein persönliches Verständnis von guter Musik geprägt hat. Doch er war nicht der Einzige. Ich kann nicht beziffern, in welchem Ausmaß sich seine Einflüsse in meiner Musik wiederfinden lassen. Ich bin ebenso ein großer Fan von Jazz-Rock und Bands wie „Weather Report“ oder „Mahavishnu Orchestra“. Dazu habe ich lange Zeit nur Rock'n'Roll gehört. „Led Zeppelin“ zählen nach wie vor zu meinen größten musikalischen Idolen. In diese Reihe großer Musiker, die mich besonders geprägt haben, lässt sich David Bowie gut einreihen. Die Nachricht von seinem Tod habe ich sehr traurig gefunden.

Heute startet die Berlinale. Welchen Film werden Sie anschauen?
Ich war noch nie auf der Berlinale. Auch dieses Jahr werde ich es nicht schaffen. Ich bin schon wieder auf dem Weg nach Paris, wo ich mich heute Abend wieder ins Studio zurückziehen werde.

Es gibt also ein neues Projekt, an dem Sie gerade arbeiten?
Ja, in der Tat. Ich arbeite gerade an der Musik für einen Film namens „The Lake“, der noch dieses Jahr in die Kinos kommen wird. Regisseur ist Steven Quale, der viele Jahre der erste Assistent von James Cameron war und sehr talentiert ist. Man kann sich also auf etwas gefasst machen.

Herr Serra, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nils Leifeld.

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