- Lob des Sittengemäldes
Gegenwärtige Gesellschaftskritik ist entweder übervorsichtig oder drischt auf die altbekannten Feindbilder ein. Dass es von Vorteil wäre, die Gegenwartskultur erst einmal auf den Begriff zu bringen, zeigen einige literarische Beispiele.
Über der aufs Ganze gehenden Gesellschafts- und Kulturkritik liegt heute ein Bann. Nichts scheint verdächtiger als der Anspruch, allgemeingültige Aussagen über eine vielgestaltige, sich in dutzende Kulturen und Räume aufspaltende Gegenwart zu wagen. Es drohe die Gefahr der Generalisierung, der Vereinfachung, der bloßen Spekulation. Allenfalls ist der akademischen Soziologie noch mehr Spielraum erlaubt, wenn diese mit eingefahrenen Etiketten (Informationsgesellschaft, Risikogesellschaft, Abstiegsgesellschaft) versucht, soziale Entwicklungen auf den Punkt zu bringen. Doch auch diesen auf Studien und Statistiken aufbauenden Diagnosen fehlt der Mut zur Kontroverse und zur entschiedenen Kritik – vielleicht auch zu jener Thesenhaftigkeit, die heute schnell als unwissenschaftlich gilt, obwohl sie dem Denken oft erst Lebendigkeit verleiht.
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Stimmt, es gibt einerseits eine weltfremd und weichgespült gewordene Äquidistanz zu allem. Andererseits fühlen sich inzwischen alle Strömungen (auch die staatstragenden) so bedroht, dass es in anderen Aspekten eher zu sehr ins Dogmatische umgeschlagen ist. Letzteres sehe ich auch eher als den dominierenden Zug der Zeit an.
Die Gesellschaft zerfällt eher in verschiedene Lager, die absolute Heiligtümer haben. Das können verschiedene Nationalismen, Religionen, Sozialvorstellungen, Familienbilder, alles mögliche sein. In der bisherigen Mitte der Gesellschaft ist es eine nicht scharf definierte Kette aus Grundgesetz, Menschenrechte, offene Gesellschaft, universelle Werte etc., die absolut und nicht kritisierbar sind - noch nichtmal in ihren Widersprüchen untereinander.
Daraus leiten sich aus meiner Sicht der Welt und dem realen, vielfältigen und widersprüchlichen Menschen fremde Vorgaben ab und man steht etwas hilflos vor all den Dingen, die anders sein müssten, es aber nicht sind.
