Kurz und Bündig - Gerhard Henschel: Gossenreport

Die Zeiten sind lange vorbei, in denen Demonstranten behaupteten, «Bild» habe mitgeschossen beim Attentat auf Rudi Dutschke. Lange vorbei, dass Intellektuelle sich mit dem öffentlichen Versprechen brüsteten, nicht für Springer-Zeitungen zu arbeiten, oder dass «Der Spiegel» sich von den Praktiken der größten Zeitung Europas distanzierte.

Die Zeiten sind lange vorbei, in denen Demonstranten behaupteten, «Bild» habe mitgeschossen beim Attentat auf Rudi Dutschke. Lange vorbei, dass Intellektuelle sich mit dem öffentlichen Versprechen brüsteten, nicht für Springer-Zeitungen zu arbeiten, oder dass «Der Spiegel» sich von den Praktiken der größten Zeitung Europas distanzierte. Heute benutzt der Sozialdemokrat Schröder die Stereophonie aus «Spiegel» und «Bild», um die Öffentlichkeit mit seinen Erinnerungen zu beschallen (jener Schröder, der erst «‹Bild›, ‹BamS› und Glotze» zu den wesentlichen Instrumenten sei­ner Regierung erklärte und der später eben «Bild» mit einem Interview-Boykott belegte). Und heute freuen sich Feuilletonisten über die poetische Dichte einer Schlagzeile wie «Wir sind Papst»; die groteske Vaterlandsgefühlsduselei, die darin steckt, ist kaum mehr einen Gedanken wert: «Bild» ist Kult, und Kulturkritik macht schlechte Laune. Dummerweise sind die Zeiten keineswegs vorbei, in denen die Zeitung Rufmorde begeht, Fotos bis zur Verfälschung manipuliert oder einen dunkelhäutigen Boxer auch mal als «Klammer-Affen» bezeichnet. Gerhard Henschels «Gossenreport» ist insofern ein ebenso unwahrscheinliches wie notwendiges Buch: das Pamphlet gegen ein Blatt, das jedem, der Interesse an einer funktionierenden demokra­tischen Öffentlichkeit hat, den Schlaf rauben könnte – das aber von den Eliten aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur eher hofiert als ignoriert wird. Dabei verrät Henschel nicht wirklich, wie der Untertitel ver­spricht, «Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung» (das tat Gün­ter Wallraff, als er 1977 über die Recherche-Machenschaften des Blattes recherchierte). Hen­schel hat «Bild» einfach gelesen. Aus den Lektürefrüchten, faulig, wie sie sind, setzt er sein Buch zusammen. Schon auf den ersten Seiten präsentiert er die «SEX-AKTE TÜRCK», einen «Penis-Riß – Blutiges Drama um Bundesliga-Star», Anzeigen für schnelle «Bumskontakte» und mittendrin einen braven Ministerpräsidenten, der Wahlkampf für die Christdemokratie macht, eben­so wie Johannes Paul II., der eine von «Bild» herausgegebene «Volksbibel» aus den Händen des Chefredakteurs Kai Diekmann entgegennimmt. Damit sind Wahrheit und Methode des ganzen Buches etabliert. Die Wahrheit: die Zeitung lebt, voller Doppelmoral, von Intimitäten und Leiden anderer; «Bild» treibt sein Unwesen nicht auf dem Boulevard, sondern im Rinnstein. Und die Methode besteht im Auflesen publizistischen Drecks, im anschließenden Montieren und Kommentieren. «Er hat mich zwischen den Beinen geleckt, mir sein Ding rein gesteckt, so zwei Zentimeter», so zitiert Henschel, wie die Zeitung die «schöne Kerstin (12, heute 19)» zitiert – und umschreibt die Passage wenige Zeilen später noch einmal fast wortgleich. Was bleibt anderes,
als Henschels Urteil zuzustimmen: «Allerhand in einem Staat, der Kinderpornographie gesetzlich verboten hat»? Doch zugleich wird rasch deut­lich, dass das Mittel des extensiven Zitats seine Grenzen hat. Gerhard Henschel, der Lum­pen­sammler, häuft Beispiele für die immergleiche Beobachtung an, dass das Vier-Buch­sta­­ben-Blatt unanständig ar­bei­tet, er orchestriert seine wü­ten­de Suada mit dem im­mer­glei­-
chen Fortissimo der Empö­rung: «Bild» ist eine «Sexualklatschkloake», ein «Abflussrohr», eine «zum Himmel stinkende Pfütze», die «größte europäische Anstalt für die Befriedigung des allgemeinen Bedürfnisses nach Fickgeschichten und übler Nachrede». Wir haben verstanden, nicht erst nach 190 Seiten. Am Ende klin­geln uns die Ohren, als hätten wir 190 «Bild»-Zeitungen gelesen. Leiser, kühler und nicht weniger triftig verrichtet die Website www.bildblog.de das kulturkritische Geschäft. Zum Kernangebot der Blogger gehört die geduldige Korrektur falscher Tatsachenbehaup­tungen, die «Bild» verbreitet. Täglich neu.

 

Gerhard Henschel
Gossenreport. Betriebs­geheimnisse der Bild-Zeitung
Mit einem Beitrag von Hermann L. Gremliza.
Edition Tiamat, Berlin 2006. 192 S., 14 €

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