- Arnold Gehlen: Die Gesellschaft als Kristallkugel
Wenn der Zeitgeist nach rechts pendelt, kommen die konservativen Meisterdenker wieder näher. Arnold Gehlen war einer von ihnen. Er hielt den Begriff des Individuums für überschätzt und den Einzelnen für zivilisatorisch überfordert.
Arnold Gehlen (1904–1976) war ein typischer Vertreter des sogenannten deutschen Bildungsbürgertums, das sich vor allem in den mittelgroßen Universitätsstädten herausgeformt hatte. Sein Vater war ein erfolgreicher Verleger in der Buchstadt Leipzig (damals das publizistische Herz Deutschlands), seine Mutter stammte aus einem baltischen Adelsgeschlecht. Gehlen besuchte das humanistische Thomas-Gymnasium, um anschließend an der Universität seiner Heimatstadt eine beachtliche Anzahl akademischer Fächer zu belegen: Philosophie und Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie. Das klingt ein wenig nach Faust: „Habe nun, ach!“. Gehlens Studienwahl gibt Aufschluss über sein ebenso reges wie breitgefächertes Interesse – dies zu einer Zeit, in der das wissenschaftliche Spezialistentum bereits grassierte.
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1940 als frühes NSDAP-Mitglied und in Kenntnis von deren unerbittlichem Judenhass "frei von rassistischen Anklängen" zu schreiben, erscheint mir etwas theoretisch . Aber vielleicht spielte auch der Dünkel eine starke Rolle, wie beim selbstverständlichen Ausschluss von Studenten von der Bibliotheksnutzung. Und an seinem Cousin Reinhard Gehlen konnte er mustergültig feststellen, wie sich Mitläufertum auszahlt. Vom beschworenen "menschlichen Genie" war das meilenweit entfernt.
