Buchenwald
Gedenkstätte Buchenwald / picture alliance / Geisler-Fotopress | Matthias Wehnert/Geisler-Fotopre

Kontroverse um interne Handreichung - Gedenkstätte Buchenwald: Shitstorm wegen Sensibilisierung

Einzelne Passagen einer internen Handreichung der Gedenkstätte Buchenwald zu extremistischen Codes machen in den sozialen Medien die Runde. Die Empörung im pro-palästinensischen Lager ist groß. Doch antisemitische Symbolik muss auch als solche erkannt werden.

Autoreninfo

Antje Jelinek ist Apothekerin und Biologie-Chemie-Lehrerin. Nach Pharmaziestudium und Promotion arbeitet sie in öffentlichen Apotheken und bildet verschiedene Gesundheitsberufe aus. Sie unterrichtet an einer Regelschule und hält Vorlesungen zur Klinischen Pharmazie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Elsevier-Verlag hat sie mehrere Bücher zu Arzneimitteln herausgegeben und ist Autorin für pharmazeutische Fachzeitschriften und das Blog Ruhrbarone

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Die Gedenkstätte Buchenwald wird immer wieder von rechten und linken Extremisten instrumentalisiert. In letzter Zeit sogar zunehmend. Um auf Provokationen und Grenzüberschreitungen richtig zu reagieren, werden die Mitarbeiter der Gedenkstätte entsprechend geschult. Dafür gibt es klare Richtlinien und eine regelmäßig angepasste Hausordnung. Wegen möglicher Straftaten ist auch die notwendige Zusammenarbeit mit der Polizei gut eingespielt.

Doch rechtsextreme und antisemitische Symbole ändern sich. Dafür müssen die Mitarbeiter sensibilisiert werden. In einer internen Handreichung werden daher problematische Codes und Symbole, die rechtsradikale und antisemitische Gruppen gern verwenden, ausführlich erklärt. Die Mitarbeiter bekommen auch Empfehlungen, wie sie damit umgehen sollen, wenn diese im Umfeld der Gedenkstätte auftauchen oder gezeigt werden.

Ein politisches Symbol gegen Juden und den Westen

Im Zuge eines Besuchs von Justizmitarbeitern in der Gedenkstätte gelangte diese Handreichung kürzlich unbeabsichtigt an die Justiz in Schleswig-Holstein. Es handelte sich weder um eine gezielte Weitergabe noch um einen offiziellen Vorgang. Der Großteil der enthaltenen Symbolik stammt aus dem rechtsextremen Spektrum, ein kleinerer Teil (etwa 20 Prozent) bezieht sich auf antisemitische und antizionistische Codes.

Einige dieser Passagen wurden daraufhin von reichweitenstarken Instagram-Accounts veröffentlicht – augenscheinlich mit dem Ziel, Empörung zu erzeugen. Auch die Autorin Deborah Feldman – eine stramme Antizionistin, die das Existenzrecht Israels ablehnt – verbreitete Auszüge aus der Handreichung. In den begleitenden Kommentaren wurden antisemitische Narrative wie die Lüge vom „israelischen Genozid“ oder von „Apartheid“ gegen Palästinenser wiederholt. Mitarbeiter der Gedenkstätte wurden namentlich genannt, ihre Accounts verlinkt – die Folge: ein Shitstorm mit massiven persönlichen Angriffen und sogar Morddrohungen gegen einzelne Mitarbeiter.

Assoziationen und antizionistische Codes

Die in der Handreichung enthaltene Symbolik zu Israel ist durchaus relevant, wenn es darum geht, frühzeitig zu erkennen, dass die Gedenkstätte von Antisemiten instrumentalisiert werden kann. Slogans wie „Ceasefire now“ oder „Stop Genocide“ etwa stehen für einseitige Forderungen im Nahostkonflikt zu Lasten Israels und sind als israelfeindliche Parolen etabliert. Auch die Wassermelone als Ersatz für die palästinensische Fahne oder die blutigen roten Hände, die mit den Lynchmorden in Ramallah assoziiert werden, das rote Hamas-Dreieck und die Landkarte, auf der es kein Israel mehr gibt, sind eindeutig antizionistische Codes, die die Mitarbeiter der Gedenkstätte kennen müssen.

Sehr differenziert in der Handreichung wiederum ist die Beschreibung des Palästinensertuches, das spätestens seit dem Großmufti von Jerusalem, einem SS-Unterstützer, ein politisches Symbol gegen Juden und den Westen ist. Das Tuch wurde durch Yassir Arafat, der mitverantwortlich war für zahlreiche Terroranschläge gegen Israel, auch in Deutschland als antisemitisches Symbol verbreitet. In der Handreichung wird nun einerseits darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Tuch eine gezielte Provokation sein kann, um Juden, die die Gedenkstätte besuchen, einzuschüchtern. Andererseits wird aber darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Tuch auch von Kurden im Zusammenhang mit ihren Emanzipationsbestrebungen getragen wird.

Extremistische Symbolik ist oft mehrdeutig

Eine solche Bereitschaft zur Differenzierung sucht man beim jüngsten Shitstorm gegen die Gedenkstätte vergebens. Den Palästinensern würde in der Handreichung die Existenz abgesprochen, heißt es etwa. Und dass die Keffiyeh darin diffamiert würde. Dabei weiß jeder, dass das Palästinensertuch zum Standardrepertoire jeder antiisraelischen Demonstration gehört. Weiter wird unterstellt, dass die Justiz nun aufgrund der Symbolik der Handreichung voreilige Schlüsse ziehen und Fehlentscheidungen treffen würde. Als ob man wegen der Kenntnis üblicher Symbolik unverhältnismäßig gegen friedliche Demonstranten, die Keffiyeh tragen, vorgehen würde. Das ist doch vollkommen absurd. 

Was die Kritiker der Handreichung nicht verstanden haben: Extremistische Symbolik ist oft mehrdeutig. Wenn bei antisemitischen Demos in Neukölln Keffiyehs getragen werden und „Ceasefire now“ und „Stop Genocide“-Rufe skandiert werden, wenn Wassermelonen regelmäßig in Posts und Kommentaren, die Hetze und Fake News zu Israel verbreiten, zu finden sind, dann muss das auch die Justiz wissen. Denn es sind Codes. Es ist eine geschickte Täuschung der Antisemiten, sich zum Beispiel hinter dem Olivenzweig des Friedens zu verbergen. 

Anders formuliert: Dass das White-Power-Symbol auch so viel wie „erstklassig“ bedeuten kann und dass das Zeichen der Grauen Wölfe dem „Schweigefuchs“ gleicht, ändert nichts daran, welche Ideologie sich hinter der Verwendung dieser Symbole durch solche Organisationen versteckt. Dass man solche Zeichen dabei immer im Kontext betrachten muss, darauf weist die Gedenkstätte in ihrer Handreichung sogar hin – und das wissen auch die Mitarbeiter der Justiz.

Normalisierung antisemitischer Propaganda

Der Antisemitismus äußert sich zunehmend israelbezogen, als Antizionismus mit einer Symbolik, die Antisemiten höhnisch zu einer Täter-Opfer-Umkehr benutzen und die für den Laien oft nicht sofort erkennbar ist. Wie wenig nachgeholfen werden musste, um einen Shitstorm aufgrund völlig relevanter Informationen zu antizionistischer Symbolik auszulösen, offenbart, wie einfach es in unserer Gesellschaft geworden ist, antisemitische Propaganda zu verbreiten und wie gut die Tarnung der Antisemiten funktioniert. Es zeigt, wie wichtig solch eine Handreichung ist. Dass die Gedenkstätte die Handreichung nun überarbeiten möchte, wohl als Reaktion auf die Angriffe, ist leider auch ein Zeichen für die wachsende antisemitische Hegemonie in unserer Gesellschaft.

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Ingofrank | Do., 17. Juli 2025 - 08:16

Aber was soll dem Leser dieses Artikels gesagt werden ? Das große Teile des Antisemitismus in Deutschland von der deutschen Politik importiert wurde ? Das das Auswertige Amt keinerlei Anstrengungen unternahm und unternimmt, die israelisch deutschen Geiseln die immer noch Gefangene der Hamas sind freizubekommen ? Das das Recht Israels auf Verteidigung und Vernichtung, derer die Israelis getötet haben von der deutschen Politik relativiert wird ? Die Unterstützung der Hamas nicht eingestellt wurde.?
I.ü. war es Pflicht in meiner Schulzeit Buchenwald zu besuchen. Während meines Studiums war ich mit meinen Kommilitonen auch mehrmals dort weil wir in Weimar studierten. Und nach 89 habe ich es meinem Enkel gezeigt und erklärt damit so etwas nie wieder passiert. Ist das gemeint ?
Mit besten Grüßen aus der Erfurter Republik

Heidemarie Heim | Do., 17. Juli 2025 - 09:36

Was sonst? Besteht die Urheberschaft aus dem linken Spektrum bzw. den Eigentümern "Unserer! Demokratie" ist diese wenig subtile Form von "Hass und Hetze" natürlich unverdächtig im Auge des Gesetzes bzw. all der fleißigen Überwacher und Demokratiewächter. Denn sie sind genauso natüürlich über alle Zweifel erhaben was Antisemitismus, schon immer als Antizionismus getarnt betrifft. Anderweitige Behauptungen o. zaghafte Korrekturen bzw. Sensibilisierungen in Handreichungen für einen so herausragenden TATORT wie einem KZ müssen dieser perfiden Logik halber deshalb auch umgehend unterbunden werden!
Zumal es heutzutage vollends ausreicht ein kleines "shitstürmchen" loszutreten um politische o. sonstige staatliche Akteure u. Institutionen in Angststarre verfallen u. genauso umgehend veranlassen ihre Vorhaben dazu abzubrechen. Nicht nur unser Kanzler beherrscht die perfekte rückwärts Rudertechnik, sondern die ganze Republik ertüchtigt sich sportiv auf diesem woken, pc "Trimm Dich Gerät"🚣‍.

Brand A. | Do., 17. Juli 2025 - 09:38

Der (Links-)Staat wird täglich übergriffiger, darum denke ich sind viele Menschen empfindlich geworden, wenn es um diese Art der Überwachung und Stigmatisierung geht. Viel zu schnell ist man in einer Schublade.

„Alles für Deutschland“ soll ein Nazi-Satz sein? Das weiß doch kein Mensch, Höcke soll es gewußt haben und wurde dafür vom „Rechtsstaat“ verurteilt, im Zweifel für den Angeklagten gilt bei rechten „Tätern“ offensichtlich genausowenig wie die Unschuldsvermutung und vieles mehr!

Gem. Broder wurde der Begriff in den 20er Jahren von der SPD genutzt, sind SPDler jetzt Nationalsozialisten? Vermutlich ja, zumindest stehen sie den Nationalsozialisten mittlerweile inhaltlich näher als der Demokratie und dem Rechtsstaat, nicht anders als die Grünen!

Es geht in dieser von Linksextremen geprägten Gesellschaft nur noch um Symbole, um Haltung, um Ideologie, wer soll sich da noch zurecht finden wo Inhalte und Fakten keine Rolle mehr spielen?

zum größten Teil und im weitesten Sinne alles unter MEINUNGSFREIHEIT, insofern es nicht direkt gegen das Grundgesetz verstößt. ISRAELKRITIK muss zulässig sein zu! äußern!, Palestinänserhass- oder Liebe ebenfalls..., die Forderung nach Einrichtung eines Kalifats und Anwendung der Sharia und die Trennung von Männern und Frauen IN DEUTSCHLAND dagegen NICHT!!

Aber genau gegen letzteres wird de facto NICHTS nennenswertes unternommen... ... 🤔

Thomas Veit | Do., 17. Juli 2025 - 10:53

Moralstufe angekommen, wenn eine Pharmazeutin hier antisemitische Codes erklärt und wertet... ...?

Für mich sind das letztendlich auch nur radikale Meinungsäußerungen, welche in einer demokratischen Ordnung letztendlich aich akzeptiert werden müssen, genau so wie die mMn linksradikale Forderung einer bekannten Bundestagsabgeordneten Politikerin den Kapitalismus als ganzes abzuschaffen - was aber letztendlich folgenlos bleibt...🤔

Das aber überhaupt sooo viele Antisemiten und Kalifstfreund:innen mittlerweile im Lande sind..., und sich offensichtlich hier auch sehr wohl fühlen und (radikal-) politisch organisieren und agieren... ... - wie es DAZU kam bleibt mir ein großes Rätsel... ...?? /Ironie

K. Vetter | Do., 17. Juli 2025 - 19:59

wurde das vorher eher unproblematische Tuch der Wüstenvölker zum Politikum. Erst durch seine explizite Faltung seiner Keffiyeh wurde es zum Symbol des Judenhasses. Diese zeigt die Form Palästinas die es ohne Israel hätte, also die Umrisse des gesamten Landes, nicht nur der arabischen Gebiete. Schwierig sind solche Symbole erst durch ihren Missbrauch. Auch die Zahlen 88 oder 18 sind erst im Kontext Nazicodes.