- Kritik ist keine Feindschaft
Trans-Aktivisten hatten wegen einer Vorlesung zum Thema Transidentität die Entlassung der Psychologie-Professorin Ute Johanna Bayen gefordert. In ihrem Gastbeitrag plädiert Bayen dafür, sich durch Einschüchterungen nicht von seinen Überzeugungen abbringen zu lassen.
Nie hat eine meiner Vorlesungen so viel Interesse und so viel Aufmerksamkeit gefunden wie die vom 21. Juli mit dem Titel „Entwicklung von Trans-Identität“. Und nie hat eine meiner Vorlesungen, abgesehen von kritischen Zwischenfragen, irgendeine Form von Protest ausgelöst. Ich lehre seit Jahrzehnten an Universitäten; zunächst war ich in den USA, seit 2007 bin ich Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Diesmal war es anders. Schon Tage, bevor die Vorlesung stattfinden sollte, gab es lautstarke Proteste, Rufe nach einem Verbot der Vorlesung. Man forderte, mich zu entlassen und mir Campusverbot zu erteilen. Vor der Vorlesung war die Technik im Hörsaal nicht funktionsfähig. Es gab während der Vorlesung zahlreiche Zwischenrufe und andere Störungen. Ein paarmal war ein lauter Knall zu hören, als träte jemand von hinten gegen die Wand des provisorischen Gebäudes. Es gab während der Vorlesung und in der anschließenden Fragezeit auch konstruktive Zwischenfragen und Einwände. Insgesamt entstand bei mir jedoch der Eindruck, dass mich Menschen als Kritikerin bestimmter Positionen zum Schweigen bringen wollten. Frühere Ereignisse an ausländischen Universitäten und auch in Deutschland haben Ähnliches gezeigt.
Worum ging es in der Vorlesung, dass sie so lautstarke Proteste auslöste? Beim Thema Entwicklung von Transgender-Identität geht es um Minderjährige mit Geschlechtsdysphorie. Die Vorlesung findet regelmäßig im Rahmen der Vorlesung Entwicklungspsychologie statt und gibt Studierenden im Bachelor-Studiengang Psychologie einen Überblick über den Stand der psychologischen Forschung zum Thema. Sie berücksichtigt dabei unter anderem empirische Daten und ihre verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, wissenschaftliche Kontroversen sowie Forschungslücken. Es ist mein Anspruch als Hochschullehrerin und psychologische Wissenschaftlerin, wissenschaftliche Erkenntnisse auf Grundlage der vorhandenen Evidenz zu vermitteln und zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich relevanten Thema beizutragen.
Wenn Kritik als Herabwürdigung missverstanden wird
Selbstverständlich diskriminiere ich in meiner Arbeit an der Universität keine einzelnen Menschen oder Menschengruppen. Ebenso sind in meinem persönlichen Leben Menschen jeder Identität gerne willkommen. Dennoch lautete der Vorwurf: Transfeindlichkeit, also eine Form von Menschenfeindlichkeit, die eine Herabwürdigung von Menschen mit Transidentität bedeutet.
Es tut mir leid, wenn sich Menschen durch meine Vorlesung oder eine vorherige Ankündigung verletzt gefühlt haben. Es ist nicht meine Absicht, jemanden zu verletzen. Wenn jedoch Kritik an wissenschaftlichen Positionen, etwa an der Gendertheorie, mit einer Herabwürdigung von Menschen gleichgesetzt wird, dann wird aus der Kritik an einer Theorie scheinbar eine Feindschaft gegenüber Menschen.
Mich haben vor und nach der Vorlesung mehr als zehnmal so viele unterstützende wie kritische E-Mails erreicht. Für die Ausdrücke von Solidarität aus ganz unterschiedlichen Richtungen und Perspektiven bin ich sehr dankbar – insbesondere auch für die zahlreichen Rückmeldungen, die die Bedeutung von Lehr- und Wissenschaftsfreiheit betonen.
Die Angst der Eingeschüchterten
Viele Menschen haben sich angesichts der Ereignisse mit Besorgnis nach meinem Befinden erkundigt, und ich danke für ihre Sorge. Man kann eine verbeamtete Professorin nicht so einfach entlassen oder ihre Vorlesung verbieten. Auch sonst ist es mir seit der Vorlesung gut ergangen. Zwar bin ich zeitlich sehr eingespannt durch viel Korrespondenz und Gespräche, aber es sind sehr interessante Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen: Menschen, die mich unterstützen möchten, mir ihre Sichtweise schildern, ihre Fragen stellen, ihre Erfahrungen beschreiben, oder auch ihre Zweifel, Kritik und Sorgen äußern. Interessanter hätten die Wochen seit der Vorlesung kaum sein können, und ich freue mich auf weitere bereichernde Begegnungen.
Denjenigen, die sich als meine Gegner sehen, verüble ich es nicht. Sie wollen das aus ihrer Sicht Beste, und manche Menschen reagieren aus großer Sorge. Es ist wichtig für mich, das nicht persönlich zu nehmen. Ebenso wichtig ist es, zu akzeptieren, dass ich keine Kontrolle darüber habe, was andere Menschen über mich denken. Eine Kontrolle über die Gedanken oder Gefühle anderer Menschen haben wir ohnehin nie. Eine freie Gesellschaft lebt jedoch davon, dass unterschiedliche Standpunkte ausgesprochen und miteinander ins Gespräch gebracht werden können, ohne dass der eine den anderen zum Schweigen bringen will.
Den anderen nicht als Feind betrachten
Vielleicht sind überlaut lärmende Proteste, so wie sie während meiner Vorlesung stattfanden, nicht das größte Problem. Vielleicht ist es vielmehr die Angst derer, die schweigen, weil sie sich dadurch eingeschüchtert fühlen, die leise sind, weil sie sich nicht trauen zu sagen, was sie denken. Manche mögen fürchten, wenn sie ihre Überzeugungen äußern würden, würde ihnen Ähnliches geschehen wie mir: Sie könnten Vorwürfe, Ausgrenzung oder Ablehnung seitens anderer Menschen erfahren. Und sie fürchten, sie würden sich dann sehr schlecht fühlen. Wir können nicht kontrollieren, was andere Menschen sagen, denken oder fühlen. Aber wir können versuchen, eine innere Haltung dazu einzunehmen, die uns weniger verletzbar macht. Wir können uns durch Worte oder ein Geschehen aufwühlen lassen, oder wir können versuchen, einen inneren Abstand zu wahren. Etwa indem wir den anderen nicht als Feind betrachten. Das hilft uns, ruhig zu bleiben und den Blick für die anderen nicht zu verlieren. Es hilft uns auch, mutiger zu sein, wenn es darum geht, das auszusprechen, was wir für richtig und wichtig halten. Das gilt für alle Seiten.
Seien Sie also gelassen. Nehmen Sie sich Zeit. Hören Sie zu. Und dann sagen Sie, was Sie nach bestem Wissen und Gewissen für richtig halten. Frei. Unabhängig davon, um welches Thema es geht und wo immer Sie sind. In meinem Fall war es der Hörsaal. Heute ist es für jemanden, der dies liest, vielleicht ein anderer Arbeitsplatz, vielleicht ist es das Picknick mit neuen Bekannten, der Elternabend oder das Nachbarschaftsfest. Haben Sie Mut und begegnen Sie den Menschen ruhig und freundlich. Man wird Sie respektieren und mögen, auch wenn man nicht alle Ansichten mit Ihnen teilt. So lernen wir einander kennen und ich glaube, so können wir Gräben in unserer Gesellschaft überwinden.
Die Würde des Menschen ist nicht von seinen Ansichten abhängig
Eines ist mir besonders wichtig: Wir dürfen nicht die Kritik an Überzeugungen mit einer Abwertung oder gar Feindschaft gegenüber denjenigen Menschen gleichsetzen, die diese Überzeugung vertreten. Wer eine Überzeugung, eine Theorie oder eine Weltanschauung kritisiert, mag doch diejenigen Menschen, die diese vertreten oder sich damit identifizieren, sehr respektieren, schätzen, gar lieben. Die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen hängt doch nicht davon ab, welche Ansichten er vertritt, wie er die Welt, die Mitmenschen und sich selbst sieht, was er fühlt, sagt oder tut. Die meisten Menschen handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Wir wissen meist wenig darüber, was einen anderen Menschen bewegt. Oft bekommen wir nur einen kurzen Eindruck. Wenn wir zuhören, verstehen wir mehr. Wenn wir fragen, mitunter noch mehr: „Wie meinst du das?“ oder „Warum sagen Sie das?“
Verstehen heißt nicht, jedes Verhalten gutzuheißen. Es bedeutet zunächst, den Menschen hinter seinen Überzeugungen und Handlungen zu sehen. Oft können wir so Missverständnisse klären und zumindest verstehen wir einander besser. Das kann helfen, ruhiger zu bleiben. Nie werden wir alles wissen und vollständig verstehen, was einen anderen bewegt. Aber das Bewusstsein dafür kann uns helfen, tolerant und gelassen zu bleiben, auch wenn uns die Äußerungen anderer zunächst rätselhaft oder gar abwegig erscheinen.
Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Frieden genau dort wo wir den Mut haben, zu sagen, was wir für richtig halten, und zugleich dem anderen zugestehen, dass er es anders sehen darf. Kritik ist keine Feindschaft. Wenn wir das verstehen, egal welcher Überzeugungen wir selbst sind, so ist das, so denke ich, ein Schlüssel zu größerer Toleranz und Frieden in unserer Gesellschaft.
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in Judith Butlers et al. 's Ohr. Die wollen aber keinen Austausch, die wollen nicht durch die Ein-und Ansichten anderer bereichert werden, die wollen kaputtmachen, niedergrätschen, wollen entscheiden, was überhaupt noch gedacht werden darf-kurz: die absolute Oberhoheit über jeden Diskurs, der ihnen einigermaßen relevant vorkommt. Das Elend der an einer psychischen Anpassungsstörung (Dismorphologie genannt) leidenden Menschen ist ihnen nur willkommener Zunder, um alles zu verteufeln, was ihrer Oberhoheit im Wege steht.
Alles schön und gut oder doch nicht? Ihr moderierender Text kann ja durchaus als Plädoyer für ein "gedeihliches" Miteinander gemeint sein. Ist er bestimmt auch, geht aber völlig an der Realität vorbei. Da wo Macht im Spiel ist (politisch, wirtschaftlich, in der Deutungshoheit der Themen etc.) befinden sie sich in der Kampfzone. Sie schreiben "...sich durch Einschüchterungen nicht von seinen Überzeugungen abbringen zu lassen." Genau richtig! Weil es eben Kampf erfordert sich von seinen Überzeugungen nicht abbringen zu lassen. Die Möglichkeit falsch zu liegen besteht immer. Aber hier hilft das bessere Argument. @Maria Arenz kommentierte bereits überzeugend.
Er ist ein wunderbares Beispiel für einen aufgeklärten, kritischen aber wertschätzenden Umgang mit Kritik und den Kritikern.
Dennoch glaube ich, dass gerade die im Beitrag beschriebenen Kritiker diesen Umgang gar nicht wertschätzen wollen. Diesen geht es schlichtweg um die Erlangung und das Innehaben der absoluten Deutungshoheit. Widerspruch wird nicht geduldet.
Warum das so ist, darüber kann ich nur spekulieren. IMHO ist es der Wunsch wenigstens einmal "etwas zu sagen zu haben". Es ist der Neid auf die, die sich wirklich etwas erarbeitet und damit etwas geleistet haben, während diese bestenfalls mit (mit Verlaub) Bachelortiteln, also etwas das weniger wert ist als ein Vordiplom, in dubiosen Geschwätzfächern aufwarten können. Es ist unter anderem eine Form von Neid, schlichtweg Neid.
Zuhören, Gelassenheit, ohne Abwertungen die eigene Meinung vortragen, andere nicht als Feind sehen. Alles gut, unsere politisch-gesellschaftlichen Probleme wird es nicht lösen. Es ist ein kleiner Beitrag, aber es ist nicht genug Zeit zum Zuhören da. Wenn Sichtweisen auseinander gehen, müsste man mit jedem Einzelnen Tage reden. Noch mehr sind Menschen bei Themen oft persönlich betroffen mit persönlichen Vernetzungen, Kränkungen, was auch immer. Von den meisten Themen hat der Normalbürger keine Ahnung, es ist trotzdem nicht egal, was die jeweils Informierten gesellschaftlich vorgeben.
Ich glaube, wir müssen diese Auseinandersetzungen ernster nehmen, die lösen sich nicht leicht auf bzw. werden direkt von den nächsten abgelöst. Ich denke, wir müssen diese Debatten mehr führen, nicht unter den Teppich kehren. Es löst sich nicht alles durch Zuhören auf. Wir sollten aber nicht zuviele Debatten gleichzeitig führen - das wird die Gesellschaft überlasten.
"Es tut mir leid, wenn sich Menschen durch meine Vorlesung oder eine vorherige Ankündigung verletzt gefühlt haben." - Meinen Sie diesen Unfug ernsthaft? Sie sind Wissenschaftlerin. Die Vorlesung war kein privates Date.
Sehr schön hat die Referentin dargestellt, wo die Grenzen des Zumutbaren deutlich überschritten wurden: man hat die Technik, die für die Vorlesung benutzt wird, gestört, hat die Vorlesung gestört.
Das alles darf man sich nicht gefallen lassen. Die (eigene) Toleranz muß da ihre Grenzen finden (und haben!), wo sie von der Intoleranz der anderen Seite mißbraucht wird, als welchen Gründen auch immer.
Ich habe - zumindest in der ersten Zeit meines Studiums - noch Studiengebühren bezahlt. Wir hätten solche Störer hinausgeworfen (zunächst: des Saales verwiesen, dann aber, wenn nötig, auch wirklich, handgreiflich, hinausgeworfen) mit dem unwiderleglichen Argument, wir hätten für diese Vorlesung bezahlt, also Anspruch auf diese, und diesen Anspruch hätten wir (wenn es die Störer nicht akzeptiert hätten) durchgesetzt.
Frau Professor neigt offenbar auch schon sehr zum Gutmenschentum, hat "Verständnis" . . .
.... waren die Radaubrüder, die Ihre Vorlesungen störten, nur Kritiker oder doch viel eher Feinde? Äußern diese klamaukigen penetranten Aktivisten der CSDs nur eine Meinung oder eine Kampfansage?
Ihre gut gemeinten Ansichten sind im Kern zu befürworten; sie zeigen, wie essein sollte. Aber Menschen mit einem Toleranzdefizit, unabhängig vom Kontext, werden Sie damit nicht erreichen. DIE werden andere Ansichten immer als Feindschaft bewerten.
... dass Frau Bayens Artikel als übernächster nach dem Artikel zum Aufruf des Journalisten aus den Emiraten steht, der vor den Absichten "der Muslimbrüderschaften" in unseren toleranten Ländern eindringlich warnt.
Da kann man und frau sich´s jetzt aussuchen.
"Mehr sogi ned!" (zu deutsch: "Mehr sage ich nicht!"), wie der Schauspieler Ottfried Fischer einst als Schlusssatz seiner Rundfunkwerbung für ein bayrisches Möbelhaus stets zu sagen pflegte. :-)
Ich warne vor UNTERWERFUNG und "suizidaler Empathie".
Allerdings sehe ich bei den Störern wenig Bereitschaft, sich sachlich mit Ihnen bzw. Ihrer Theorie auseinanderzusetzen. Diese Menschen wollen zerstören, nicht die Lehre, sondern den Menschen, der sie vertritt. Dagegen helfen keine Argumente.
