Moritz Rinke - „Fußball ist Drama in Vollendung“

Warum Angela Merkel als Trainer selbst dann Spiele noch entscheiden könnte, wenn sie schon zu Ende sind, was Jürgen Klopp mit King Lear gemein hat und warum Thomas Schaaf nach dieser Saison in Bremen aufhören sollte. Der Schriftsteller Moritz Rinke im Interview

Rinke im Ruhr-Cup-Finale 2010 gegen die Türkei im Stadion Roter Erde in Dortmund. Im Zweikampf mit Can Öz (Großverleger der Türkei).
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Autoreninfo

Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Herr Rinke, lassen Sie uns über Fußball reden. Was ist Fußball für Sie?
Früher war er alles für mich, aber Gott sei Dank sind im Laufe der Zeit noch ein paar andere Dinge dazugekommen. Aber es gibt natürlich immer noch diese Sehnsucht und den Glauben, mit dem Fußball die Kindheit und das Leben unendlich verlängern zu können. In den Stadien, vor den Fernsehern, auf den Bolzplätzen: überall Männer, die ihre Kindheit verlängern und nun sind ja auch noch die Frauen dazugekommen, die Quote im Frauenfußball ist bestimmt besser als bei der CDU. Und dann gibt es unter Künstlern natürlich diese große Bewunderung dafür, dass der Fußball etwas kann, was die Darstellende Kunst, das Theater, die Oper oder auch die Literatur nur sehr schwer herzustellen vermag: die Durchbrechung der vierten Wand, die Verschmelzung von Publikum und Bühne und Aktion.

Fußball als Drama?
Die zwei Tore der Dortmunder zum 3:2 in 69 Sekunden gegen Malaga im Viertelfinale der Champions League, das ist Drama in Vollendung. Darstellende Kunst ist Wiederholung, Planung, Probe, mit auswendig gelernten Texten. Da ist die Ekstase, diese Eruption von Emotion, kaum zu erreichen, eher im Fußball, wo die Dinge dann doch noch von Fügung und Zufall bestimmt werden. Zwar verfügen Mannschaften über Können und Taktik, aber sobald der Ball eine andere Richtung nimmt, bestimmt der Zufall die Welt. Das würde in der Kunst als Reproduktion schwerlich gehen. Hamlet kann nicht wie Santana von Dortmund spielen, da würde Shakespeare durchdrehen. Klopp, der Dortmunder Trainer, dreht ja fast immer durch, manchmal sieht er aus wie eine Mischung aus Richard III., der den vierten Offiziellen umbringt,  oder wie King Lear im Wahnsinn auf der Heide. Eine wirklich hochdramatische Figur.

Ich vermute, Sie gehen in diesen Woche als Werder-Bremen-Fan durch eine schwere Zeit? Eine Zeit, in der nicht mal eine 9:2 Niederlage des HSV so richtig trösten kann…
Nur bedingt. Der Unterschied ist, dass der HSV danach wieder Mainz und Düsseldorf schlägt, wir aber gegen Schalke und Wolfsburg zu Hause verlieren. Sehen Sie, ich sage schon „wir“, das ist dieser kindliche Reflex.   

Es heißt, dass man sich den Verein nicht aussuchen kann, sondern ausgesucht wird. Wann wurden Sie ausgesucht?
Das war in den Siebzigern, Werder Bremen spielte ein Testspiel bei meinem Jugendverein, dem FC Worpswede, der mich beim TSV Worphausen abgeworben hatte, das war der erste und letzte Transfer in meinem Leben, ich galt eine Saison wirklich als niedersächsisches Jahrhunderttalent, habe aber alle enttäuscht. So richtig ausgesucht fühlte ich mich durch den Trainer Hans Meyer, der trainierte unsere DFB-Autorennationalmannschaft und parallel dazu den 1. FC Nürnberg. Bei einem Länderspiel gegen Italien nahm er mich zur Seite und sagte, ich hätte ja wohl meinen Beruf verfehlt. Ich habe ihn ganz verwirrt angeschaut, weil er ja schon einige Bücher von mir gelesen hatte, aber er meinte wahrscheinlich, dass ich im Fußball hätte mehr verdienen können.

Dann wurde ich noch einmal ausgesucht, denn seit der Heimniederlage von Werder Bremen gegen Augsburg im März bin ich Offizieller Botschafter des Vereins, quasi als Nachfolger von Jürgen Trittin, der wegen der Wiesenhof-Werbung aussteigen musste. Eigentlich soll ich mich bei Werder für internationale Förderungen und Jugendteams in ärmeren Kontinenten einsetzen, aber weil Sie mich auf meine Leidenszeit bei Werder Bremen angesprochen haben: ich glaube, Thomas Schaaf sollte nach dieser Saison in Bremen aufhören. Schaaf ist einer der tollsten, fähigsten und sympathischsten Trainer, die ich kennengelernt habe, er hat sogar Humor, den man ihm ja immer abspricht. Er hat dem Auf und Ab dieses Geschäfts auch immer eine Unaufgeregtheit und Distanz entgegengesetzt, die mich beeindruckt. Trotzdem glaube ich, dass man nach 14  Jahren vielleicht auch mal etwas anderes kennenlernen sollte, sonst wird er irgendwann wie die Bremer Stadtmusikanten in schweres Blei gegossen bewegungslos auf dem Marktplatz stehen. Es geht jetzt darum, wieder Bewegung zu erzeugen. Für beide Seiten. Für Schaaf vielleicht ein Freijahr wie Guardiola und dann woanders, im Ausland, dieser Offensivgeist Schaaf würde gut nach England passen, oder als Löw-Nachfolger könnte ich ihn mir auch vorstellen. Und einer wie Thomas Tuchel würde gut nach Bremen passen.

Was war für Sie der prägendste Fußballmoment?
Es waren natürlich eigene Tore. Mein allererstes Spiel im Herrenbereich. Ich wurde aus der B-Jugend abgerufen für ein Verbandsligaspiel meines Vereins. Ich wurde zehn Minuten vor Schluss eingewechselt, dann kam ein Halbflugball, und ich habe ihn als Flugkopfball zum 4:2 in die Maschen geköpft. Das werde ich nie vergessen. Fast zwanzig Jahre später musste ich mal in meiner Heimat auf eine Bank gehen, also nicht Ersatzbank, sondern Kreditbank. Ich setzte mich hin, der Bankberater kam, und ich fiel ihm sofort um den Hals. Er hatte mir vor zwanzig die Flanke zu jenem Flugkopfball gegeben.

Mit welchem Fußballhelden würden Sie sich am ehesten vergleichen und warum?
Als Berufsjugendlicher, wie mich immer Jim Rakete nennt, kann ich mich natürlich mit allen identifizieren. Ich habe schon als Siebenjähriger Gerd Müller bei der WM 1974 das 2:1 aus der Drehung gegen Holland schießen sehen. Ich habe mit Sepp Maier beim 2:3 gegen Österreich 1978 in Cordoba gelitten. Ich erinnere die Fallrückzieher von Klaus Fischer in den Achtzigern, die ich aufgrund unseres Moorbodens in Worpswede sofort nachmachte, Jahre trainierte und noch heute anwende. Brehmes Endspiel-Elfmeter gegen das Maradonna-Team aus Argentinien 1990, die Nationalismus-Debatte danach, weil plötzlich deutscher Kollektivjubel eine andere Konnotation hatte, eine weniger bedrohliche. Dann diese schreckliche Rumpel-WM 1994 und 1998,  die Agonie des Zweckfußballs der finalen Helmut-Kohl-Jahre, das seltsame Durchmogeln ins Endspiel unter Rudi Völler 2002 in Japan/Südkorea mit einem genialen Oliver Kahn, der dann im Endspiel gegen Brasilien patzte und verstört am Torpfosten lehnte. All diese Bilder sind in mir parat, auch das elektrisierende Neuville-Tor gegen Polen 2006 bei der WM im eigenen Lande, die ewigen Messerstiche durch die Spanier und Italiener danach. Torres, 2008! Balotelli, 2012! Der Fußball hat ein kulturelles Gedächtnis, eine fast mythische Erzähl-und Erinnerungskraft, ich kann mich an keine meiner insgesamt vielleicht 500 Lesungen erinnern, aber an jedes eigene Fußballspiel.      

Heute ist Fußball als Kulturgut weitestgehend anerkannt. Größen aus Politik und Kultur sonnen sich gerne im Lichte des Fußballs. Angela Merkel beispielsweise ist bei großen Spielen immer im Stadion. Was hat sich getan?
Der Fußball hat längst alle Märkte erschlossen: keine Postbank-Filiale oder Audi-Dependance mehr ohne Vip-Lounge. In jeder zweiten TV-Werbung sieht man Dortmunds Trainer Autos einparken oder den Bundestrainer sich mit Nivea eincremen. Der DFB gründet sogar eine Kulturstiftung, setzt sich für Multikulturalität in den Stadien ein, fährt auf einem Wagen auf der Christopher-Street-Parade und fördert Frauenfußball, Toleranz und Homosexualität im Fußball. Sogar unsere Schriftsteller-Nationalmannschaft sponsert der DFB. Der Fußball strahlt mittlerweile sehr breit auf die Gesellschaft aus. Selbst wenn Merkel sich nicht für Fußball interessieren würde, müsste sie dahin. Aber man merkt ja, sie hat wirklich Freude an dem Spiel. Es rührt mich, wenn sie in ihren bunten Jacketts auf der Tribüne mit den Händen klatscht wie ein kleines Mädchen, da vergesse ich sogar, dass sie uns alle zugunsten der europäischen Banken Stück für Stück in den Abgrund reitet.

Auch durch Trainer wie Hans Meyer oder neue schlaue Trainertypen wie Klopp, Tuchel, oder dem Taktiker Favre hat der Fußball eine Intellektuelle Komponente hinzubekommen. In der Fußballautorennationalmannschaft trainierten Sie schon unter Hans Meyer.
Ja. Die Ästhetik ist eine ganz andere als früher. Wenn man einem ahnungslosen Menschen Bilder von Jogi Löw oder Per Mertesacker zeigen würde und danach Aufnahmen von zum Beispiel Clemens Meyer oder meinetwegen auch von mir – wen würde der ahnungslose Mensch für einen Künstler halten und wen für einen Fußballtrainer oder Spieler? Ja, da hat sich einiges gewandelt! Jogi Löw sieht in seinen stilsicheren Pullis und den elegant gebundenen Schals wie ein italienischer Literat aus, dabei ist das Meyer, der sieht aber aus wie Tottenhams härteste Abwehrwaffe. Und mich verwechselt man immer mit Frings! Hans Meyer ist sogar mit einer Dramaturgin vom Staatstheater zusammen, das muss man sich mal vorstellen. Die meisten im Feuilleton können noch nicht mal einen Dramatiker von einem Dramaturgen unterscheiden, aber Meyer, der Fußballtrainer, lebt mit einer Dramaturgin, die Dramen liest! Kürzlich war er in einer meiner Vorstellungen von „Wir lieben und wissen nichts“. Danach hat er sich mit dem Regisseur unterhalten, da war kein Klassenunterschied feststellbar!

Neue Typen im Fußball gibt es auch auf dem Platz: Das Alphatier stirbt aus, die sogenannte „Drecksau“ sowieso. Das wird immer wieder beklagt. Stichwort: Leitwolfdebatte. Aber flache Hierarchien und die Abwesenheit von den Effenbergs und Co. ist doch eigentlich eine gute Entwicklung, oder?
Ja, sehr. Schon daran merkt man, dass es eine Art Paradigmenwechsel im Fußball gegeben hat. Manchmal sind mir die Spieler schon wieder fast zu diplomatisch und zu korrekt, zu untypenhaft. Darüber habe ich mich mal mit Philipp Lahm gestritten, er konnte das gar nicht verstehen. Er würde sich doch einmischen, behauptete er. Aber er mischt sich eben ein, um auch in der Presse eine gute Figur zu machen, ähnlich wie Mats Hummels. Sie wollen auch da Erfolg haben, aber das Typenhafte ist doch eher das Anecken, das Sich-Wehren gegen die Vereinnahmung. Darum mag ich Typen wie Schaaf, Tuchel, Armin Veh oder Christian Streich, die entziehen sich auch immer wieder.

In einem Ihrer Texte vergleichen Sie Helmut Kohl mit Berti Vogts: Beide waren unfähig zur Modernisierung. Welcher Trainertyp wäre Angela Merkel?
Ich glaube, einen Trainer wie Angela Merkel gibt es nicht. Sie kann Spiele und ein aktives Eingreifen von zwei entgegengesetzten Polen oder Optionen denken. Einen Tag spielt sie mauernd und defensiv wie früher Italien, am nächsten Tag stürmt sie alles über den Haufen wie Holland mit Robben. Merkel wäre auch der erste Trainer der Welt, der Spiele entscheiden kann, wenn sie schon zu Ende sind! Keiner kann mit Entscheidungen so zögern wie sie, und wenn alle schon unter der Dusche stehen, wendet sich das Blatt plötzlich zu ihren Gunsten. Und soll ich Ihnen noch was verraten? Wenn die SPD so weitermacht, sitzt Merkel länger auf der Bank als Thomas Schaaf bei Werder.

Herr Rinke, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Timo Stein

 

Moritz Rinke wurde 1967 in Worpswede geboren. Einige seiner preisgekrönten Geschichten und Essays erschienen unter dem Titel „Der Blauwal im Kirschgarten" sowie „Das große Stolpern“. Sein Stück „Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte" wurde er 1997 mit dem Literaturpreis des PEN-Club ausgezeichnet und für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, ebenso wie „Republik Vineta", das zum besten deutschsprachigen Stück 2001 gewählt und 2008 für das Kino verfilmt wurde. Im Sommer 2002 fand in Worms die Uraufführung von „Die Nibelungen" statt. Rinkes erste Arbeit für den Film („September"), in dem er auch als Schauspieler debütierte, wurde 2003 zu den Internationalen Filmfestspielen nach Cannes eingeladen. 2010 erschien sein erster Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, der auf Anhieb ein Bestseller wurde. Sein neuestes Stück „Wir lieben und wissen nichts“ wurde am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt und bereits zehnmal in dieser Spielzeit nachgespielt. ZDF/ARTE drehten einen Film mit und über Moritz Rinke. Der Fußballer Rinke spielt seit vielen Jahren in der Fußballautorennationalmannschaft und ist bester Torschütze.

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