friedensnobelpreis-gewissen-pazifismus
Galerie früherer Friedensnobelpreisträger / dpa

Friedensnobelpreis 2020 - Die Beigabe zum guten Gewissen

Am Freitag wird der Friedensnobelpreisträger des Jahres 2020 bekanntgegeben. Es ist ein Preis, der mit viel Ehre und Ansehen verbunden ist, der aber in der Vergangenheit nur wenig bewirkt hat. Ein Zwischenruf von Alexander Grau.

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

So erreichen Sie Alexander Grau:

Alexander Grau

Preisfrage vor der Bekanntgabe des Friedensnobelpreisträgers 2020: Wer war der erste Friedensnobelpreisträger? Antwort: Es waren deren zwei: Henry Dunant, Gründer des Roten Kreuzes, und Frédéric Passy, Begründer der Internationalen Friedensliga. Letztere wurde ins Leben gerufen, um angesichts der Luxemburgkrise im Jahr 1867 einen Krieg zwischen Preußen und Frankreich zu verhindern. Es half nichts. Drei Jahre später kam es doch zum Krieg. Die Internationale Friedensliga wurde aufgelöst. Das konnte allerdings nicht verhindern, dass Frédéric Passy seinen Preis bekam.

Schon diese erste Preisverleihung erwies sich somit als Menetekel für den von Alfred Nobel in bester Absicht gestifteten Preis. Das Problem der Auszeichnung liegt dabei in der ehrenvollen Absicht selbst. Denn anders als die Nobelpreise für Physik, Medizin, Chemie oder Literatur zeichnet der Friedensnobelpreis keine objektive und in sich abgeschlossene Leistung aus, sondern Ideen, Engagement und Projekte. Die aber können scheitern. Der Friedensnobelpreis, so könnte man sagen, ist ein Preis für die gute Absicht.

Die Verbrüderung der Völker

Alfred Nobel war sich dieses Problems sehr wohl bewusst. In seinem Testament heißt es daher, dass derjenigen den Preis bekommen solle, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.“ Ausgezeichnet werden sollte also halbwegs handfestes und ablesbares.

Aber genau das macht die Sache zu schwierig. Das erste Komitee im Jahr 1901 ging daher auf Nummer sicher und wählte nicht nur Passy zum Preisträger, der die Vorgaben Nobels hervorragend erfüllte, sondern eben gleich auch noch Dunant. Der hatte zumindest Konkretes vorzuweisen: Die Genfer Konvention und ein philanthropisches Werk, das noch heute besteht. Strenggenommen, erfüllen zwar beide nicht die Vorgaben Nobels, aber egal: zum Wohle der Menschheit sind sie allemal. Das ist auch der Grund dafür, dass das Rote Kreuz zum absoluten Favoriten der Preiskomitees aufstieg. Dreimal wurde das IKRK ausgezeichnet, 1944, 1963 und 1971 – öfter als jede andere Person oder Organisation.

Ein Preis für das Allgemeine

Keine Frage: Mit Denis Mukwege oder Abiy Ahmed beispielsweise wurden auch in den letzten Jahren Menschen ausgezeichnet, deren mutiges und engagiertes Handeln ohne jeden Zweifel im Sinne von Nobels Stiftungstext war. Da ändert jedoch nichts daran, dass sich in der Vergabepraxis des Friedensnobelpreises zunehmend die Tendenz eingeschlichen hat, humanes Engagement im Allgemeinen zu würdigen – etwa gegen Armut und Klimawandel oder für Menschenrechte und Demokratie. Das alles ist wichtig und notwendig. Nur mit der Stiftungsidee hat es wenig zu tun. Man hat den Eindruck, dass aus lauter Verlegenheit der Friedensnobelpreis zu einer Auszeichnung für einen allgemeinen Humanismus mutiert ist.
Dabei mangelt es nicht an potentiellen Kandidaten. Denn bewaffnete Konflikte gibt es mehr als genug. Und zum Glück gibt es überall dort auch Menschen, die sich diesem Irrsinn entgegenstellen: in der Ukraine, in Syrien, im Libanon, im Jemen, in Nigeria, Tschad und Kamerun.

Ein Beleg für unsere Trägheit

Doch auf die wirklichen Konflikte aufmerksam zu machen, tut natürlich weh. Denn das lenkt den Blick darauf, dass die Millionen Toten und Verwundeten, die Leidenden und Vertriebenen nicht die Produkte abstrakter historischer Prozesse sind, sondern das Ergebnis konkreten menschlichen Handelns: also von Gier, Machtbesessenheit, Eitelkeit, Dummheit und Brutalität.

Jeder ernsthaft verliehene Friedensnobelpreis ist daher immer auch ein Beleg für unsere Trägheit, unseren Unwillen und unsere Mitschuld. Die notwendige Entschlossenheit vorausgesetzt, wäre die oben genannten Konflikte der Gegenwart alle beherrschbar. Dass sie es nicht sind, ist auch unsere Verantwortung. Doch das ist natürlich eine schmerzliche Einsicht. Da ist es doch viel bequemer einen Friedenspreis zu verleihen, an irgendeinen Umweltschützer, eine Feministin oder irgendeinen anderen Aktivisten. Das macht ein reines Gewissen, fühlt sich gut an und befriedigt die eigene Eitelkeit. Wollen wir hoffen, dass das Komitee sich am Freitag auf die eigentliche Idee Alfred Nobels besinnt – auch wenn es schmerzt.
 

Holger Jürges | Do, 8. Oktober 2020 - 18:58

zu hinterfragen und sodann an den fruchtbaren Peripherien der Vernunft abzugleichen, lässt dann und wann Weisheit entstehen. - Ob es apodiktische Weisheiten gibt, mag Gegenstand einer Debatte sein: nur soviel, alles ist im Fluss und möchte den Erfordernissen der jeweiligen Zeit (nicht dem Zeitgeist!) angepasst werden: so auch die Entscheidungsfindung beim Friedensnobelpreis. - Dabei dem flüchtigen Zeitgeist zu folgen wäre eine Niederlage des oben benannten Prinzips, denn wir müssen schon auf das von Ihnen, Herr Grau, besagte Erfordernis-Profil von Alfred Nobel insistieren. - Die Sublimität weit über die Zeit hinausreichender Hellsichtigkeit ist vonnöten, würde denn eine Entscheidung von Weisheit getragen...

Achim Koester | Do, 8. Oktober 2020 - 19:56

als man ihn, entgegen den von Ihnen, Herr Grau, sehr verständlich aufgeführten Absichten Nobels, an Barack Obama verliehen hat. Obama hatte weder zum Zeitpunkt der Verleihung, noch später, den Preis verdient, das Komitee hat aus reinem Opportunismus die Idee Alfred Nobels verraten.

Tropfen auf einen heissen Stein wirkte.
Auf mich wirkte Hillary Clintons Griff nach der Macht wie eine Verlängerung der Clinton-Ära in Richtung """familiäre Machtergreifung""".
Es hat mich abgestoßen.
Die Nominierung und Wahl Obamas war wie eine Erlösung.
Der Friedensnobelpreis Ausdruck dieser Hoffnung.
Es bestand nach meinem Ermessen ein bisschen die Gefahr, dass Obama zur Galionsfigur von Clintons Gnaden geworden wäre.
Das wurde dadurch verhindert, obwohl zugegeben der Friedensnobelpreis so vielleicht nicht explizit konzipiert wurde, aber vielleicht doch auch implizit?
Obama hat keinen heiligen Krieg verkündet, allerdings auch wohl keinen Krieg beendet.
Er bleibt als Präsident vlt. ein Unvollendeter, aber dazu ist das Amt auch nicht geschaffen worden, zur persönlichen Himmelfahrt.
Die Aufgabe bleibt eine riesige und viele Präsidenten (w/m/d) der USA werden sich noch daran versuchen.

war fraglos einer der BESTEN und WICHTIGSTEN US-Präsidenten.

Leider konnte er nur wenige seiner zahlreichen, durchaus sinnvollen Vorhaben verwirklichen - als Beispiel sei nur die Bekämpfung des Waffenfetischismus' genannt.

Das lag daran, dass er zu beiden Amtszeiten gegen republikanische Mehrheiten in den Parlamentskammern regieren musste.

Man stelle sich ein Szenario vor, in dem ein direkt von der Bevölkerung gewählter CDU- oder SPD-Kanzler gegen eine AfD-Mehrheit im Parlament regieren müsste .

Da kann nur Chaos die Folge sein. Oder eben Donald Trump.

Für mich persönlich ein Kriegs-Unterstützer. Unter keinem amerikanischen Präsidenten gab es so viele Länder, mit denen Krieg geführt worden ist.
Der Teufelskreis beginnt doch schon damit, dass ein "Prophet" geehrt werden soll, obwohl weit & breit keiner zu sehen ist.
Hinzu kommt noch die sehr unterschiedliche Wahrnehmung.
Ich sage nur Trump - Nordkorea, Israel & der Nahe Osten.
Weiß - Schwarz / Guter Bupi & Böser Bubi

Alexander Mazurek | Do, 8. Oktober 2020 - 20:08

... inzwischen wissen alle, die es wissen wollen und es ertragen können, dass diese Preise nur billige Instrumente der Politik, heißt, der Dominanz sind, bevor der Krieg zur Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln wird, sind es die Sanktionen und davor die Nobelpreise. Der peinlichste Friedensnobelpreis ist der für Barack Hussein Obama, den späteren Meister vom Berge außergerichtlicher Tötungen rund um die Welt ... da ist der Preis für Aung San Suu Kyi ganz harmlos.

gabriele bondzio | Do, 8. Oktober 2020 - 20:35

„ Wenn ihr einen Stein werft, wird er euch von hinten wieder treffen-weil die Erde rund ist.“...schließt viel von Ihrem Gesagten ein, Herr Grau.
Alfred Nobel war wohl zutiefst erschrocken, was die Welt mit seiner Erfindung machte.
Die Verleihung des Friedensnobelpreises gilt als Höhepunkt der Reihe. Die wichtigste politische Auszeichnung, die es zu vergeben gibt. Laut meiner Informationen ist Greta als Favoritin vorgemerkt.
Wobei mir ihre Rolle, in Form von friedensstiftend eher unklar ist. Eher bin ich der Meinung, dass durch die ganzen Klimadiskussionen mehr Unfriede gestiftet wurde. Auch Trump ist ist dabei.
Wenn es geschafft werden könnte, erste gute Vorsätze (Normalisierung der Beziehung der Emirate und Bahrains mit Israel) gibt es ja. Mehr friedliche Koexistenz im Nahen Osten zu schaffen. Hätte er ihn auch verdient.

"Die größte Geißel dieses modernen Lebens ist es, Dingen Bedeutung beimessen zu müssen, die in Wahrheit gar keine besitzen."(Rabindranath Tagore)

Tomas Poth | Fr, 9. Oktober 2020 - 00:18

„der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.“
An diesen Kriterien gemessen und wörtlich genommen hätte man diesen Preis seit der Auslobung nie vergeben können.
Wäre auch eine Möglichkeit, und vielleicht die beste, ehrlichste.

Heidemarie Heim | Fr, 9. Oktober 2020 - 13:45

In reply to by Tomas Poth

Ich enthielt mich bis jetzt eines Kommentar lieber Herr Poth, da ich einen dem Ihren sehr ähnlichen Gedanken hatte! Ich fragte mich nämlich auch, bezogen auf die eigentlich von A. Nobel geforderten wie leicht verständlichen Kriterien (stehende Heere, Frieden unter den Völkern usw.) , also WIE man oder überhaupt WER diese annähernd erfüllen könnte. Denn diese unsere Welt und die Menschheit war trotz Aufklärung nie mitleidloser , unfriedlicher und gewaltbereiter unterwegs. Im Gegenteil! Man duldet und führt fort was man früher und heute als Barbarei auch an der Natur bezeichnet hat unbeirrt und noch effizienter fort. Nur mit dem technisch zeitgemäßem Waffen-Knowhow und obendrein digitalisiert! Ich weiß leider nicht von wem der Spruch stammt, es ist einer der traurigsten in jungen Jahren meinem Gedächtnis verbliebenen:" Es gibt auf dieser Welt nur zwei gute Menschen. Der Eine ist schon (am Kreuz?) gestorben, der Andere noch nicht geboren". Alles Gute! Bleiben Sie gesund! MfG

helmut armbruster | Fr, 9. Oktober 2020 - 07:20

von Kriegsverbrechern, Kriegstreibern, Kriegsgewinnlern, Scharfmachern, Warlords, politischen, religiösen und ideologischen Hetzern.
Ich meine das Nobelkommitee sollte, anstatt Menschen mit guten Absichten und Null Ergebnissen mit einem Friedenspreis
auszuzeichnen, den andern Weg gehen.
D.h. es sollte ausgesuchte Personen mit Macht und Einfluss, welche kriminell in Wort und Tat gegen den Frieden verstoßen haben, öffentlich anprangern und moralisch verurteilen.
Das hätte vielleicht mehr Wirkung als die Auszeichnung guter Ideen und guter Absichten.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 9. Oktober 2020 - 11:33

Sehr interessante Hintergrundinformationen Herr Grau. Einiges war mir so nicht bekannt. Man lernt nicht aus. Ob echte Friedensbemühung nachhaltig wirken, beantwortet uns die Geschichte. Etliche israelische und arabische Führer haben ihn bekommen und dennoch sind weite Teil dort nicht befriedet. Ein Obama hat ihn bekommen, trotz laufender 7 Kriege.
" US-Kräfte sind in insgesamt sieben Ländern im Einsatz: Afghanistan, Irak, Pakistan, Somalia, Jemen, Libyen und Syrien. Nur in Afghanistan sind Soldaten mit einem offiziellen Mandat im Einsatz, in den meisten anderen Ländern fliegen die USA Luftangriffe oder entsenden Drohnen." Quelle: Spiegel vom 16.5.2016.
Und unlängst wurde Trump für den Preis diskutiert. Er wäre dann der 5. Präsident. Er hat jedenfalls keinen Krieg begonnen, sondern Frieden gestiftet zwischen den VAE, Israel und Bahrain. Hat wenigstens versucht mit Nordkorea ins Gespräch zu kommen. Zieht überall Truppen ab. Also auch er würde den Anforderungen entsprechen.