Freiheits-Egoisten - Es gibt sie eben doch, diese Gesellschaft

Die Ichlinge verdammen den Staat, weil er ihrem Egoismus eine Grenze setzt. Eine Gegenrede zur Freiheits-These von Alexander Kissler – und ein Plädoyer

Drei Menschen reichen sich die Hände: Gemeinschaft ist mehr als die Summe seiner Individuen
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Arme, geschundene Freiheit, wofür sie alles herhalten muss. Neulich, als der SPD-Chef Sigmar Gabriel Tempo 120 auf deutschen Autobahnen forderte, da wurde sie wieder ausgiebig missbraucht, die unschuldige Freiheit. Ein Angriff auf – jawohl! – die Freiheit sei das gewesen, auf die Freiheit des Autofahrers, die in Deutschland offenbar eine besonders hoch anzusiedelnde Freiheit ist, den einen oder anderen Verkehrstoten wert und höhere Emissionen sowieso. Zahlt ja der Raser im Namen der Freiheit, einerseits als Tankfüllung, manchmal mit dem eigenen Leben. Aber es ist schließlich sein Leben, oder?

Es sei Zeit für eine „neue Philosophie und eine neue Praxis der Freiheit“, postulierte an dieser Stelle in der Juni-Ausgabe zitatenschwer und wortgewittrig der Kollege Alexander Kissler. Wie zu vermuten stand, ortete er die Angreifer auf die individuelle Freiheit dort, wo sie immer zu suchen sind: bei den notorischen Etatisten der Sozialdemokratie. Weil diese sich den etwas ungelenken Wahlkampfspruch „Das Wir entscheidet“ zulegte, ließ Kissler seine Blitze vom liberalen Himmel fahren. Der kluge Kollege stellte sich ahnungslos und behauptete, es bleibe im Dunkeln, „wer dieses absolut souveräne, radikal dezisionistische Wir sein soll, wen es umfasst, wen es auschließt“. Und schloss aus der eigenen Behauptung: „Der Verdacht liegt nahe, es könnte mit dem Wir ein sozialdemokratisch verwalteter Staatsapparat gemeint sein.“
 
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Da nun irrt Kollege Kissler zugunsten seiner Thesen und in seinem Furor gegen alles Sozialdemokratische absichtlich. Es geht nicht um einen von wem auch immer verwalteten Staatsapparat, sondern um ein Ding namens Gesellschaft, die am Ende diesen Staat bildet, die dieser Staat am Ende ist. Zu den grundlegenden Irrtümern der gerade verstorbenen Margaret Thatcher gehörte die Behauptung: „There is no such thing as society.“ Eine Gesellschaft gebe es nicht. Das war Thatchers zweitschlimmster Satz. Der schlimmste war der von der steigenden Flut, die alle Schiffe anhebe, die Urlüge des Neoliberalismus.
 
Es gibt sie aber eben doch, diese Gesellschaft. Sie ist die Gesamtheit aller Individuen in einem definierten Raum. Sie verständigt sich auf Normen des Verhaltens im Zusammenleben, diese Normen sind entweder festgeschrieben, dann sind sie Gesetze (wie in allen anderen Ländern der Welt zum Beispiel jene zur Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen), oder es sind ungeschriebene Verhaltensmuster im Umgang miteinander, die sich bewährt haben. Zum Beispiel, für den Nachbarn die Sandsäcke mitzufüllen. Die Menschen fahren seit Jahrhunderten ganz gut mit dem Modell Gesellschaft.
 
In diesem Modell sehen Kissler und die Anhänger der These von der Über-Wirung die Gefahr der Bevormundung des Ich. Ist das so? Ja, das ist so. Die Freiheit des Einzelnen findet in einer Gemeinschaft ihre Grenzen an der Freiheit des anderen. Und das ist gut so. Dazu könnte man nun von der Bergpredigt bis zu Kants kategorischem Imperativ viele Quellen anführen, die des sozialistischen Etatismus völlig unverdächtig sind. 
 

Wo das Ich angeblich bevormundet wird, da strebt es meistens in Wahrheit danach, sich – Vorsicht, jetzt kommt ein ganz schreckliches Wort für alle Kämpfer für die totale Freiheit – dem Solidarsystem zu entziehen; es geht um die Freiheit der Ichlinge. Die Flucht aus dem Solidarsystem haben übrigens prompt alle jungen, gesunden Ichlinge vollzogen, als die privaten Krankenkassen eingerichtet wurden: War billiger und versprach eine bessere Versorgung. Inzwischen sind die einst jungen, gesunden Ichlinge alt und siech geworden und mit ihnen das unsolidarische Privatversicherungswesen. Jetzt stöhnen viele Gesundheits-Ichlinge und wollen zurück ins System. Ich habe da wenig Mitgefühl. Das ist die Folge der Freiheit der Ichlinge. Franz Müntefering hat das Freiheitsversprechen des Neoliberalismus so persifliert: Jeder denkt an sich, dann ist an alle gedacht.

Genau so geht es eben nicht in einer intakten Gesellschaft. Da irrte schon Adam Smith mit seiner wunderlichen unsichtbaren Hand: Wenn jeder tut, was für sein Geschäft gut ist, entsteht daraus eben kein Gemeinwohl. Es gibt sie nicht, diese unsichtbare Hand, die aus Versehen Gutes tut. Es gibt nur eine sichtbare. Und die heißt Gesellschaft, die heißt Staat.

Ichlinge haben ein seltsames Staatsverständnis. Der Staat ist aus ihrer Sicht ein fettes, gemästetes, gefräßiges Etwas, das den Menschen das Mark aus den Knochen saugt. Kein Über-Ich, sondern ein Über-Wir, ein Moloch, der nichts mit den Bewohnern des definierten Raumes zu tun hat. Das ist ein Zerrbild vom Staat. Natürlich gibt es Auswüchse. Natürlich krankt etwa Frankreich an seiner Staatsquote von fast 60 Prozent. Aber der Staat an sich ist kein zu bekämpfendes Ungeheuer. Der Staat sind wir, der Staat bin ich: In einer Demokratie darf der Citoyen zu Recht sagen, was einst der König für sich reklamierte.

Wenn der Mensch perfekt wäre, dann könnte man gerne über die Herrschaft der Freiheit nachdenken. Wenn jeder Mensch die Kant’sche Einsicht in sich trüge und auch beherzigte, dass man stets so handle, dass die Maxime des eigenen Handelns zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden könnte, dann ließe ich mit mir über die Herrschaft der totalen individuellen Freiheit reden. Dem ist aber nicht so. Da können wir unseren Kindern noch so oft und noch so richtigerweise die Kindervariante von Kant vorbeten: Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.

Wir werden uns nicht daran halten, zumindest nicht durchgängig. Deshalb braucht es einen Staat, deshalb braucht es eine Definition des Wir, auf das sich die große Mehrheit eines Gemeinwesens verständigt. Dafür hat der liebe Gott übrigens den Juden und Christen die Zehn Gebote gegeben. Du sollst dies nicht, du sollst das nicht, sagt darin der liebe Gott. Es muss sich bei diesem Gott auch um einen schlimmen Freiheitsfeind und Etatisten handeln.

 

 

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