Frau Fried fragt sich... - ...ob wir in einer Wohlfühldiktatur leben

Cicero-Autorin Amelie Fried beobachtet mit Verwunderung, wie das Wohlbefinden immer mehr das Handeln definiert. Auf Kosten des Altruismus

Yoga als Selbsterfahrung: Sind wir in unserer Mitte?
Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators

Autoreninfo

Amelie Fried ist Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin. Für Cicero schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft

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Neulich habe ich meinen ersten Yoga-Kurs gemacht. Ich finde Yoga super. Man lernt neue Muskeln kennen und Stellungen, die „Herabschauender Hund“ oder „Krieger 2“ heißen. Leute, die Yoga machen, achten auf sich. Sie sagen Sätze wie „das tut mir gut“ oder „achte mal drauf, was dir guttut“. Hört man diese Sätze gehäuft, fragt man sich, ob sie symptomatisch sind für unser Leben in der Wohlfühldiktatur. Denn: Uns gut zu fühlen, ist oberstes Gebot. Ständig scannen wir unsere körperliche und seelische Verfassung. Haben wir ausreichend geschlafen? Haben wir genügend Vitamine zu uns genommen? Sind wir in unserer Mitte?

Unser Gottesdienst ist die Fernsehwerbung vor den 19-Uhr-Nachrichten: nur Produkte zur Steigerung des Wohlbefindens. Vitamin-B-Shots für bessere Konzentration, linksdrehender Milchsäurejoghurt für die Verdauung, Diätdrinks fürs Traumgewicht. „Das tut mir gut“ ist das Mantra unserer Zeit, die Überzeugung, dass es der Welt gut geht, wenn es mir gut geht. Leider ist das Gegenteil der Fall. Unser Leben ist gut, weil das anderer schlecht ist. Und wenn von diesen anderen welche hierherkommen, um ein besseres Leben zu finden, schicken wir sie heim oder lassen sie ertrinken, um sicherzustellen, dass unser Leben gut bleibt. Die Fixierung aufs eigene Wohlbefinden geht mit dem Verlust von Empathie einher. Wer mit der existenziellen Frage beschäftigt ist, ob er nach 18 Uhr noch Rohkost essen kann („ich glaube, das tut mir gar nicht gut“), kann sich nicht noch darum kümmern, ob anderswo Leute sterben, sorry jetzt mal!

Ich muss an einen Freund aus meiner Jugend denken. Der schlief auf einer Isomatte, ernährte sich absichtlich schlecht und führte seinem Körper gerne zweifelhafte Substanzen zu. Seine Philosophie war, dass man einem Organismus, um ihn gesund zu halten, etwas zumuten müsse. Betrachten wir unsere Gesellschaft als Organismus. Ab auf die Isomatte! Muten wir uns etwas zu! Vergessen wir das Tut-mir-gut-Mantra und fragen wir uns, was anderen guttun könnte!

Ich mache übrigens weiter Yoga. So viel Bewegung kann unmöglich gut für mich sein.

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