Frau Fried fragt sich... - … ob sie als emanzipiert gelten kann, obwohl sie nicht Rasen mäht

Was ist Emanzipation? Wenn Frauen auch technikbegabt sind? Amelie Fried ist sich da nicht so sicher

Verrat an 40 Jahren Frauenbewegung?
Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators für Cicero

Autoreninfo

Amelie Fried ist Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin. Für Cicero schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft

So erreichen Sie Amelie Fried:

Ich bin eine technische Null. Ob das bei mir frauenspezifisch oder ameliespezifisch ist, weiß ich nicht. Wenn das Auto nicht anspringt, der Fernseher streikt oder ich meinen Computer nicht verstehe, frage ich meistens einen Mann. Nach meiner Erfahrung kennen sich Männer mit Technik in der Regel besser aus. Das laut zu sagen, traue ich mich kaum, Geschlechterklischees sind nämlich bäh. Wir Frauen können alles, und wenn wir’s noch nicht können, dann können wir’s lernen, so heißt es. Die Frage ist nur: Wollen wir auch alles lernen?

Also: Ich nicht. Ich kann vieles gut. Kochen, einparken, Memory spielen, stricken. Wieso soll ich Sachen lernen, die mir keinen Spaß machen und für die ich nicht begabt bin? Solange das irgendwelche Sachen sind, kümmert es keinen, wenn ich mich verweigere. Verweigere ich aber Tätigkeiten, die eher Männern zugeschrieben werden, wird daraus ein Politikum. Ich darf mich zum Beispiel der Technik nicht verweigern, weil ich sonst 40 Jahre Frauenbewegung verrate.

Bei uns findet Gleichberechtigung anderswo statt


In meiner Ehe gibt es Männerarbeit und Frauenarbeit. Männerarbeit ist alles, was ich nicht gern mache oder nicht gut kann. Geräte reparieren, Rasen mähen, Schnee schippen. Frauenarbeit ist alles, was ich gern mache und gut kann. Kochen, Möbel umräumen, Reisen organisieren. So tun mein Mann und ich überwiegend Dinge, die wir können oder gerne tun. Bei uns findet Gleichberechtigung anderswo statt: Wir haben die Kinder gemeinsam aufgezogen und trotzdem unsere Berufe ausgeübt. Keiner ist finanziell vom anderen abhängig, keiner würde im Fall einer Trennung Unterhalt beanspruchen. Jeder von uns ist gleich wichtig, mal steckt der eine zurück, mal der andere. In unserer Ehe herrscht keine Gleichheit, sondern Gerechtigkeit.

Gleichberechtigung ist nicht, wenn alle das Gleiche tun (müssen) oder gar die Rollen tauschen. Gleichberechtigung ist, wenn jeder seinen Neigungen und Begabungen entsprechend leben kann und die Aufgaben des Alltags gerecht verteilt sind. Ich jedenfalls verschwende meine Kraft nicht in ideologischen Scheingefechten. Wäre es nötig, könnte ich Rasen mähen und Schnee schippen, aber solange ein Mann im Haus ist, muss ich nicht. Emanzipiert bin ich trotzdem.

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