Vollbrecht
Teilnehmer einer Demo gegen Vollbrecht im Jahr 2022; Biologin Vollbrecht / picture alliance/dpa | Christophe Gateau / picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

Folgen von Cancel Culture - „Der Dreck bleibt haften“

Aufgrund eines geplanten Vortrags an der Humboldt-Universität geriet Marie-Luise Vollbrecht im Jahr 2022 in einen Shitstorm. Die Auswirkungen der öffentlichen Hetze und Verleumdung verfolgen die Biologin bis heute, erzählt sie im Interview.

Autoreninfo

Christine Zinner studierte Sozialwissenschaften und Literaturwissenschaft und ist freie Journalistin.

So erreichen Sie Christine Zinner:

Marie-Luise Vollbrecht (36) ist Doktorandin am Institut für Biologie der Humboldt-Universität Berlin. Sie erforscht die Auswirkungen von Sauerstoffmangel auf die kognitive Leistungsfähigkeit und das Gehirn leicht elektrischer Fische.

Frau Vollbrecht, im Jahr 2022 sind Sie wegen eines Vortrags, den Sie an der Humboldt-Universität Berlin halten wollten, in einen Shitstorm geraten. Könnten Sie die Ereignisse kurz schildern?

Ich hatte damals für die „Lange Nacht der Wissenschaften“ einen Beitrag eingereicht, der erklären sollte: Was ist Geschlecht als biologischer Begriff, warum gibt es nur zwei davon? Und wieso ist das etwas anderes als Gender? Dieser Vortrag richtete sich nach dem, was an der Uni gelehrt wird, und stand schon lange im Programm. Er wurde erst zum Problem, als ich zusammen mit anderen Wissenschaftlern im Juni 2022 in einem Welt-Artikel kritisierte, dass es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Verzerrungen der Begriffe Gender und Geschlecht kommt. 

Um was ging es darin konkret? 

Wir forderten den ÖRR zu einer wissenschaftlich orientierten, unideologischen Berichterstattung auf. Dann begann der Shitstorm. Online-Aktivisten klärten meinen Doktorvater darüber auf, dass ich einen bis dahin anonymen Twitteraccount habe. Sie aktivierten die Studentenschaft. Der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“ rief mit der Rückendeckung vom Refrat, also dem Asta der Uni, über den E-Mail-Verteiler zum Protest auf, weil der Vortrag angeblich wissenschaftlich falsch sowie trans- und queerfeindlich sei. Das ging an über 30.000 Studenten. Der Aufruf ging auch in Telegram-Gruppen herum. Dabei kam das Thema Transgender im Vortrag gar nicht vor.

Darin haben Sie sogar erklärt, dass es mehr als zwei soziale Geschlechter geben kann.

Inzwischen sage ich Gender statt soziales Geschlecht, sonst ist es zu verwirrend. Gender ist kein Begriff aus der Naturwissenschaft. Daraus könnte man auch hundert Identitäten kreieren.

Wie ging es weiter?

Der Vortrag wurde abgesagt. Stattdessen habe ich ihn auf YouTube gehalten. Alle sollten sehen, dass daran nichts Kontroverses ist. Wenig später gab es eine Wiederholung des Vortrags unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen an der Universität.

Medial und in den sozialen Medien wurden Sie weiter als transfeindlich und menschenfeindlich verunglimpft. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Schon vor dem Shitstorm übte ich feministische Kritik an der Thematik. Dass man Kinder medizinisch kastriert und unter Hormone setzt, sehe ich sehr kritisch, wie auch den Angriff auf die Biologie und das Canceln von Wissenschaftlern. Zu all dem äußerte ich mich unter einem Pseudonym auf Twitter, denn ich wusste, dass es ein sehr umstrittenes Themengebiet ist. Davor hatte ich den Account eher für Prostitutionskritik genutzt, weil ich in einem Verein bin, der Prostituierten beim Ausstieg hilft. Bereits dafür wurde ich online attackiert. Mit dem Verein sind wir auch im wahren Leben angegriffen worden. Deswegen war ich schon vor dem Bekanntwerden meiner Identität vielen Bedrohungen und Anfeindungen ausgesetzt.

Sie reden vom Verein Sisters. Gibt es da nicht Überschneidungen? Es waren doch teils Transaktivisten, die versuchten, dessen Veranstaltungen zu canceln?

Bevor ich selbst gecancelt wurde, gab es bereits erfolgreiche Cancelungen von Sisters-Events. Vor 2022 war ich im Verein viel aktiver. Aber einerseits habe ich es zeitlich nicht mehr geschafft, andererseits habe ich versucht, mich in der Öffentlichkeit davon zu distanzieren, weil meine Mitgliedschaft schon zum Anlass genommen wurde, weitere Veranstaltungen zu canceln.

Wobei Sisters sich selbst pro biologische Zweigeschlechtlichkeit positioniert.

Ja, aber der Verein lädt oft Aussteigerinnen aus der Prostitution zu Podien ein, die häufig traumatisiert sind. Es ist schlimm, wenn diese Frauen durch den Hintereingang ein Event betreten oder Sorge haben müssen, angeschrien zu werden. Ich habe es in der Vergangenheit erlebt: Wenn bekannt wird, dass ich irgendwo auch nur als Zuschauer teilnehme, taucht ein aggressiver Mob auf.

Wie wirkt sich das alles heute auf Ihr Leben aus? Vor Kurzem haben Sie auf X noch über eine Art Panikattacke geschrieben.

Canceln ist in dem Ausmaß ein relativ modernes Phänomen. Menschen wurden immer schon ausgeschlossen oder gedemütigt, aber nicht in dem Umfang, den soziale Medien und das Internet ermöglichen. Während ich gecancelt wurde, musste ich weiter zur Arbeit gehen, ich bekam Hilfe durch ein Crowdfunding, ich hatte verschiedene Gerichtsverfahren, ich wollte unbedingt meine Promotion retten, ich wollte, dass die Verleumdungen aufhören. Ich wehrte mich, und das war ein Fulltime-Job. Aus dieser aktiven Rolle habe ich Kraft geschöpft. Ich flüchtete mich wiederholt in den Gedanken, dass alles wieder normal wird, wenn ich den nächsten Prozess gewonnen habe.

Dem war wohl nicht so.

Anfang 2024 war der letzte Prozess vorbei, auch das Interesse der Öffentlichkeit war geschrumpft. Es wurde erwartet, dass ich in mein normales Leben zurückkehre, aber ich stellte fest: Der Dreck, mit dem ich beworfen wurde, bleibt an mir haften. Es ist egal, ob man Recht bekommt oder ein Gericht sagt, dass man keine NS-Leugnung begangen hat. Die Leute behaupten es trotzdem. Ich bin in ein krasses Loch gefallen, hatte alle Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dann habe ich mir einen Hund zugelegt und eine Therapie angefangen, jetzt geht es mir besser. Ich war in einer so starken Vermeidungshaltung, dass ich das Haus nicht mehr verlassen wollte, kaum noch Kontakte zu anderen Menschen hatte. Ich arbeite daran und versuche, wieder so etwas wie ein normales Leben zu führen.

Lag die soziale Isolierung an Ihrem Rückzug oder haben sich Menschen von Ihnen abgewendet?

Beides. Ich verlor einen großen Teil meines Umfeldes. Manche brachen aus Überzeugung mit mir, das zog sich bis in die Familie. Ich musste gegen Leute vorgehen, die ich aus der Schulzeit kenne. Menschen haben versucht, private Geschichten über mich an die Presse zu verkaufen. Es gab Bekannte und Freunde, die zwar nicht glaubten, dass ich ein schlechter Mensch bin, sich aber wegen des sozialen Drucks trotzdem distanzierten. Es gibt auch Menschen, die zu einem stehen, aber nicht verstehen, warum man weiterkämpft. Die mitkriegen, wie schlecht es einem geht, und fragen: „Warum entschuldigst du dich nicht? Lösch einfach all deine sozialen Medien und tauch unter!“ Aus diesem Grund hat sich mein damaliger Partner von mir getrennt.

Und Sie zogen sich zurück?

Ich möchte Menschen nicht in Gefahr bringen. Ich möchte nicht, dass der Verein, in dem ich bin, dem ausgesetzt ist. Selbst wenn Freunde hinter einem stehen und einen öffentlich verteidigen: Es war für mich sehr schlimm zu sehen, wie sie deswegen attackiert wurden. Selbst Freunde, die das Thema nicht interessiert, gingen verloren, weil ich mich zurückzog von der Welt. Ich bin nicht mehr dieselbe Person wie vorher. Viele Freundschaften und Beziehungen haben sich deshalb stark verändert.

Warum fällt es Ihnen schwer, das Haus zu verlassen?

Ich war mal mit meiner Familie in einem Café, dann sind Leute aufgestanden und haben sich beschwert, dass wir dort sind. Ich bin aus Kneipen geschmissen worden. Leute haben auf der Straße vor mir ausgespuckt. Meine Meldeadresse ist gesperrt. Es gab von Aktivisten mehrere Versuche, meine Adresse auszuforschen – auch die meiner Familie, die gar nicht in Berlin wohnt. 

Wie war das vor 2022?

Ich war mal ein sehr mutiger Mensch, der ein sehr freies Leben geführt hat. 2019 habe ich mehrere Wochen in Uganda im Dschungel gelebt. Ich hatte immer das Gefühl, ich komme mit allen Menschen sehr gut klar, lerne schnell Leute kennen, bin ein Mensch, der in die Welt geht und macht, was er will, in die Länder reist, in die er will. Nun bin ich jemand, der sich auf dem Nachhauseweg fünfmal umguckt und manchmal so starke Angstzustände hat, dass er das Haus nicht verlassen kann. Ich möchte keine neuen Menschen mehr kennenlernen. Das ist das, was mich am traurigsten macht.

Haben Sie Hoffnung, dass es für Sie wieder besser wird?

Es ist schwierig, nicht in eine Opfermentalität zu verfallen. Ich möchte nicht die ganze Zeit lamentieren, dass das alles ungerecht war und dass es mir so schlecht geht. Aber ich nutze X wie eine Art Tagebuch, und manchmal schreibe ich über die Sachen, die passiert sind, die mir nach wie vor passieren und wie mich das beeinflusst. Ich bin die ganze Zeit sehr präsent geblieben und werde wieder mehr zu Podien und Interviews eingeladen, habe mehr Gelegenheiten, meine Sicht der Dinge zu erzählen. Manche Leute sagen inzwischen: So schlimm war es doch eigentlich gar nicht, relativieren also. Ich glaube, die Sicht der Gesellschaft ändert sich langsam, da ist ein Weg zur Rehabilitation. Doch ein Leben wie davor gibt es für mich nicht mehr.

Das Gespräch führte Christine Zinner.

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Hans Meiser | So., 4. Januar 2026 - 13:00

Wer nun immer noch dem Märchen anhängt, die Menschen seien Hitler nicht freudig und freiwillig gefolgt, ist genau einer dieser Menschen.
Das ist KEIN Vorwurf!
Es ist eine Feststellung …

Achim Koester | So., 4. Januar 2026 - 13:02

zieht heute die Wissenschaft immer den kürzeren. Da werden honorige Nobelpreisträgerinnen mit Dreck beworfen, und ihre Vorlesungen gestrichen. Solange die Professoren sich eher der Ideologie unterwerfen als wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen, wird sich auch daran nichts ändern.

C. Schnörr | So., 4. Januar 2026 - 13:41

an die Autorin, diesen unglaublichen Fall wieder publik zu machen. Man fühlt sich an das dunkle Mittelalter mit Hexenverfolgung durch sich selbst ermächtigende Eiferer erinnert. Noch erschreckender ist, wieviel Mit(?)Bürger diesen ideologischen Rattenfängern auf den Leim gehen.

Chris Gustav | So., 4. Januar 2026 - 15:00

Mutig ist die Dame schon - und gerade der Sturm gegen sie zeigt, wie richtig und wichtig sie da lag. Aber als selbsterklärte Feministin ist sie auch gefangen in linker Identitätspsychose - einer Opferhaltung, die privilegierte junge Frauen wie sie von echten Anstrengungen befreien, siehe Quote statt Kompetenz, während Männer notfalls zum Wehrdienst müssen und dabei keinerlei reproduktionsrechte haben, dafür aber zahlen müssen, wenn die Mutter in spe es so will. Nichtdenken ist gerade unter Akademikerinnen diesbzgl. leider auch sehr verbreitet?

Dorothee Sehrt-Irrek | So., 4. Januar 2026 - 16:03

sehr stark und einen Weg zurück gibt es nicht.
Andererseits ist es manchmal fraglich, ob man die Kraft hat, einen Weg in die Zukunft zu finden.
Wenn ich Frau Vollbrecht richtig verstehe, dann unterscheidet sie zwischen Geschlecht und Gender, ersteres biologisch, zweites sozial?
Weiterhin habe ich während der Auseinandersetzung darüber evtl. gelernt, dass manche Menschen ein biologisches Geschlecht nicht anerkennen, manche kein soziales Geschlecht?
Die strittigen Sichtweisen können bislang nicht übereinkommen?
Ich tendiere dazu, unser biologisches Geschlecht als soziales zu erkennen, nicht aber als beliebiges.
Ich warte darauf, ob sich alternative Ansätze auch biologisch durchsetzen können oder ob sie im Rahmen der uns bislang bekannten gesellschaftlichen Biologie verbleiben.
Darüber könnten allerdings Jahrhunderte ins Land gehen.
Bis dahin kann ich nur empfehlen, sich selbst immer auch als "vorläufig" zu zeigen und würde hoffen, dass alternative Ansätze ebenso kommuniziert werden.
Nu

Brigitte Miller | So., 4. Januar 2026 - 20:05

„ Manche Leute sagen inzwischen: So schlimm war es doch eigentlich gar nicht, relativieren also. „ Doch, das ist sehr schlimm und ich sage nur darum nicht, dies hirnlosen Gestalten hätten Frau Vollbrechts Leben zerstört, weil ich hoffe und ihr von Herzen wünsche, dass sie sich wieder ganz regenerieren kann von diesen dummen unmenschlichen Angriffen.

Andreas Turnwald | So., 4. Januar 2026 - 22:01

Danke für Ihre Standhaftigkeit! Und seien Sie froh, dass Sie nun einen besseren Partner haben können, der nicht so feige ist, wie der vergangene.

Thorwald Franke | Mo., 5. Januar 2026 - 00:15

Das ist ja schauerlich. Sogar der Partner. Danke für die Geradlinigkeit. Sie kommt gewiss von tief innen. Und das ist gut so. Man möchte ganz viel Liebe senden! So eine schöne, kluge und starke Frau, und überhaupt nicht überkandidelt. Die Welt braucht solche Menschen.