- Schöne, kalte Welt
Bereits vor seinem Start hat „Herz aus Eis“ Kritik und Festivals überzeugt. Frei nach Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ meditiert das perfekt gestaltete Melodram über Film und Wirklichkeit. Doch hinter der glanzvollen Oberfläche steckt wenig Substanz.
Die Kunst des Storytellings hat Alfred Hitchcock einst so beschrieben: „Drama ist das Leben, aus dem man die langweiligen Teile herausgeschnitten hat.“ Damit meint der Meister des Suspense, dass es beim Geschichtenerzählen nicht darum geht, unrealistische Ereignisse hinzuzufügen. Vielmehr sollen banale, alltägliche Momente entfernt werden, um die spannenden, menschlichen Aspekte des Lebens zu betonen. Im Sinne Hitchcocks sollte ein Film vor allem eines erwecken: Spannung und Interesse des Zuschauers. Leider hat die französische Regisseurin Lucile Hadžihalilović dieses Prinzip noch nicht ganz verstanden.
Auf der diesjährigen Berlinale lief ihr vierter Spielfilm „Herz aus Eis“ im Wettbewerb. Die deutsch-französische Koproduktion gewann den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung. Etliche Filmkritiker lobten das Werk über den Klee. Das hypnotische Meisterwerk von absoluter Schönheit gleite mühelos zwischen Traum und Realität (The Observer), Motive würden mit brillanter Stringenz enggeführt (Welt) und alte Kinoformeln überzeugend aktualisiert (FAZ). Inspiriert von Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ verfassten Lucile Hadžihalilović und Geoff Cox gemeinsam das Drehbuch zu diesem ambitionierten Melodrama.
Getrieben von undefinierbarer Sehnsucht
Der Plot spielt in den 1970er Jahren und erzählt von der 16-jährigen Jeanne (Clara Pacini). Nach dem Tod ihrer Mutter lebt das Mädchen in einem Heim inmitten einer finsteren, verschneiten Berglandschaft. Getrieben von undefinierbarer Sehnsucht flieht Jeanne in eine Stadt, wo sie heimlich in einem Filmstudio Unterschlupf findet. Tagsüber wird hier „Die Schneekönigin“ gedreht. Die Hauptrolle spielt Cristina, eine perfektionistische Diva der schlimmsten Sorte. Dass diese wiederum von Frankreichs prominentester Filmschauspielerin, der Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard („La Vie en Rose“), gegeben wird, ist ein cleverer Zug.
Cristina zieht die Vagabundin sofort in ihren Bann. Bestens vertraut mit Andersens Märchen entwickelt Jeanne eine starke Faszination für den unerreichbar scheinenden Star und die Welt des Films. Sie erhält zunächst eine Statistenrolle, ersetzt dann in einer komplizierten Szene mit einer Krähe sogar eine Nebendarstellerin und wird so Teil des kreativen Teams. Die wachsende Bindung zwischen Cristina und Jeanne ist von solch auffälliger Ambivalenz, dass deren Kern nichts Gutes verheißen lässt. Das langsame Abgleiten in eine Katastrophe meint man vorherzusehen. Cotillard spielt diesen inkarnierten Eiszapfen mit maximalem Einsatz. Ihr Umfeld behandelt Cristina wie Untergebene. Bei Jeanne aber macht sie eine Ausnahme. Auch Leibarzt Max, der sie mit stabilisierenden Injektionen versorgt, begegnet sie mit Respekt. Gespielt wird er von August Diehl, der nach seiner erst kürzlich erschienenen Mengele-Interpretation schon wieder den Mediziner geben darf.
Ausgelöst durch den Film im Film und Jeannes Identitätssuche verschwimmen mit der Zeit die Grenzen zwischen Realität, Fiktion und Traum. Dieser konzeptionelle Ansatz hat durchaus seinen Reiz. Trotzdem erweckt „Herz aus Eis“ beim Zuschauer weder Spannung noch Interesse. Wie kann das sein? Zugegeben: Rein visuell hat die Regisseurin ein fein aufeinander abgestimmtes Kunstwerk erschaffen. Dekor, Kostüm, Maske, Licht, Kamera und Musik harmonieren in höchstem Maß. Düstere, für die Siebziger charakteristische Brauntöne dominieren die alltäglichen Interieurs. Am Set sowie in den eisigen Traumlandschaften gefriert die Leinwand förmlich vor Blau und Weiß. Hadžihalilović gelingen Seelenräume.
Nonverbales Spiel kommt häufig zum Einsatz
Das poetische Skript reduziert die Dialoge auf das Wesentliche. Nonverbales Spiel kommt häufig zum Einsatz. Problematisch allerdings ist der zum einen weiblich geprägte Plot, der dramaturgisch wenig zu bieten hat: Waisenkind entflieht dem Heim, bewundert eine Schauspieldiva, die sie wiederum in eine toxische Abhängigkeit manövriert. Die zahlreichen eingearbeiteten Fantasie-Sequenzen stellen die unrealistischen Ereignisse dar, von denen Hitchcock abrät. Klar, in „Vertigo“ verwendet der Brite ebenfalls eine solche Ästhetik. Doch nicht in diesem Ausmaß und stets zielführend.
Fesselnde, menschliche Aspekte kommen in „Herz aus Eis“ zu kurz. Hadžihalilović entfernt zwar die banalen Momente des Lebens. Die traumtänzerische Melange mit übergriffigem und schließlich selbstermächtigendem Finale zersplittert indes in einen deprimierenden zweistündigen Trancezustand. In Kombination mit dem meditativen Score wird außerdem ein zeitnahes Erschlaffen der Augenlider befördert. Nein, wirklich gutes Drama sieht anders aus. „Gib ihnen Vergnügen – dasselbe Vergnügen, das sie empfinden, wenn sie aus einem Albtraum erwachen.“ Auch diesen Rat Hitchcocks sollte die Regisseurin für ihr nächstes Projekt beherzigen. Ihr Talent ist unübersehbar vorhanden. Es könnte also spannend werden.
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