Mandela-Film - Wer nicht zum Taschentuch greift, ist kein Mensch

Ende Januar kommt mit „Der lange Weg zur Freiheit“ die Autobiografie von Nelsons Mandela in die Kinos. Der zweieinhalbstündige Film ist routiniertestes Hollywood. Aber das Spiel des Hauptdarstellers Idris Elba bewegt. Cicero Online verlost Eintrittskarten für die Preview

In dem Film „Der lange Weg zur Freiheit“ geht es auch um den Kampf von Nelson Mandela  (Idris Elba) und Winnie Mandela (Naomie Harris)
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Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Gebrochene Helden will jeder Schauspieler verkörpern. Helden ohne Macken sind nicht mehr handelstauglich. Nur in den Traumfabriken von Hollywood und Mumbai geht die Saat des großen Mannes hie und da noch auf. Dann werden Präsidenten gerettet, Konzerne aufs Kreuz gelegt, Politintrigen enttarnt. Ewig fiedeln die Geigen, hämmern die Beats. Die Großaufnahme regiert.

Ohne Geigen und Großaufnahmen kommt auch die zweieinhalbstündige Verfilmung von Nelson Mandelas Autobiographie nicht aus. Filmkomponist Alex Heffes ließ sich zwar von dem südafrikanischen Musiker Caiphus Semenya zu jeder Menge landestypischer Rhythmen anregen, zu wiegenden Takten im tanzenden Ährengold, wenn die Sonne versinkt. Im Ganzen sind Ton und Kamera (Lol Crawley) reinstes, routiniertestes Hollywood. Schöne Menschen in majestätischer Natur, dramatische Mimik im Schlagschatten – das lässt erschauern beim ersten, sättigt beim zweiten und erzeugt Überdruss beim dritten Mal. Wie heißt es so schön: Allzu viel ist ungesund. Das Leben ist kein Melodram.

[video:Mandela und „Der lange Weg zur Freiheit“: Filmtrailer]

Schon gar nicht das Leben des Nelson Mandela steht unter Kitschverdacht. Deshalb ist „Der lange Weg zur Freiheit“ trotz der kreuzbraven Regie Justin Chadwicks, der hier seine dritte Kinoarbeit vorlegt und offenbar über weite Strecken damit ausgelastet war, ein 12.000 Köpfe zählendes Statistenheer sicher durch rund 200 Originalschauplätze zu dirigieren, nicht ohne packende, nicht ohne bewegende Momente. Wer nicht mindestens einmal zum Taschentuch greift, der ist kein Mensch.

Der Film hat für seine Hauptfiguren Idealbesetzungen gefunden
 

Die eher angedeuteten denn ausagierten Macken des Nelson Mandela sind seine Schürzenjägerei, seine Familienuntauglichkeit, seine Befürwortung von Gewalt in den Jahren vor der Verhaftung 1964, seine Getriebenheit. Doch letztlich wuchs er an seinen inneren wie äußeren Widerständen und behielt fast immer Contenance. Der Mensch kann dem Menschen vergeben, Rache richtet sich gegen den Rächer: Diese urchristliche Botschaft war zur Zeit des Antiapartheid-Kampfes noch unattraktiver, noch riskanter als heute. Mandelas bleibende Leistung ist es, das Racheverlangen, das er in sich spürte nach seiner 26-jährigen Gefangenschaft, gewandelt zu haben in Vergebung. Sonst wäre Südafrika explodiert. Zu den stärksten Szenen im Kammerton gehört das Gespräch mit Präsident de Klerk (Gys de Villiers), ehe dieser ihm die Freiheit zurückgibt. Deutlich macht hier Chadwick, wie sehr Worte, wie sehr Gesten Ausdruck sein können von Verletzungen. Und dass jeder Friede im Gespräch beginnt.

Idris Elba in der Titelrolle, ein kraftvoller Hüne, ist eine Idealbesetzung, Naomie Harris, unlängst Miss Moneypenny in dem James-Bond-Vehikel „Skyfall“, als Winnie Mandela ebenso. Den Umschwung vom verliebten Backfisch zur rücksichtslosen Politikerin gelingt ihr nuancenreich. Wo kam sie nur her, die Brutalität dieser Frau, die ihrem „Madiba“ Verrat an der gemeinsamen Sache vorwirft, die doch längst ihre eigene geworden war? Elba und Harris zeigen die Wunden ihrer Leidenschaften und lassen diese Deutung zu: Liebe ist auch eine Form von Politik. Winnie ist die bittere Antwort auf die Frage, die Nelson hieß. Und umgekehrt.

Um die beiden Hauptfiguren sind eine Vielzahl solide agierender Figuren gruppiert, Fernsehschauspielkünstler der oberen Mittelklasse, aus der Tony Kgoroge als Walter Sisulu herausragt. Das Taschentuch kommt dennoch zum Einsatz. Der geschundene Mensch, der andere nicht schinden will, rührt tief. Diese Geschichte ist größer als all jene, die sie erzählen.

Cicero Online verlost Eintrittskarten für die Preview am 20. Januar 2014, um 20.00 Uhr. Unter www.cicero.de/mandela können Sie außerdem eine unvergessliche Reise nach Südafrika gewinnen.

„Der lange Weg zur Freiheit“ kommt am 30. Januar in die Kinos

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