Filmkritik „Er ist wieder da“ - Er war nie weg

Die Adolf-Hitler-Satire „Er ist wieder da“, die in den Kinos läuft, wirft beklemmende Fragen auf: Ist der Führer vielleicht des Deutschen innigster Therapeut?

Er ist wieder da: Adolf Hitler (Oliver Masucci) landet im heutigen Berlin
Constantin Film Verleih GmbH

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Gegen Ende der Films „Er ist wieder da“ stehen sie beide auf einem Berliner Hochhaus, Er und Sawatzki. Letzterer ist ein gescheiterter Fernsehproduzent, dem plötzlich klar geworden ist, dass dieser Mensch, mit dem er da wochenlang durch Deutschland getourt ist, kein durchgeknallter Hitler-Darsteller ist, der diese Rolle wie kein Zweiter spielt, sondern dass es sich wirklich um Ihn handelt, Ihn persönlich. Deshalb hat Sawatzki eine Pistole in der Hand, um dem Spuk nun endlich ein Ende zu bereiten.

Doch dann spricht Er die entscheidenden Worte. Er sagt: „Sie sind wie ich, und deshalb werden Sie auch nicht schießen.“ In diesem Moment schießt Sawatzki.  Doch natürlich ist Er nicht tot. Denn Ihn kann man nicht einfach erschießen. Schließlich ist Er schon lange kein Mensch aus Fleisch und Blut mehr. Er ist unsterblich.

Spätestens seit den ersten großen Wahlerfolgen der NSDAP begann die Parteipropaganda Ihn als entrückte Person zu inszenieren, als einsame Erlösergestalt, als ein übermenschliches Wesen, allgegenwärtig, von der Vorsehung auserwählt, als jemanden, der nie schläft, nie ruht, rastlos und asketisch, ohne jede menschliche Schwäche. Er sollte nicht von dieser Welt sein.

Er war so ganz abseitig und abnorm


Nach dem Krieg griffen die Deutschen – also wir – diese Erzählung begierig auf, wenngleich in einer paradoxen Uminterpretation. Von nun an war Er einfach das ganz Andere, das Abseitige, das Unfassbare, das personifizierte Böse. Und so wird Er uns immer noch präsentiert von Fernsehhistorikern, von reißerischen Schlagzeilen und Sonntagsrednern.

Das ist natürlich eine bequeme Position. Sie entlastet enorm. Denn wenn Er so ganz abseitig und abnorm war, dann sind wir Deutschen eben die Opfer eines Perversen geworden.

Aber leider: Er war eben nicht das ganz Andere, Unfassbare, sondern ein durchschnittlicher Beamtensohn, auffallend zunächst allenfalls in seiner Faulheit und seinen Phantastereien. Nur eine Begabung hatte Er wirklich: sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihnen das Gefühl zu geben, ihr Sprachrohr zu sein, ihre Gedanken zu artikulieren, das auszusprechen, was sie dachten – nur eben präziser, eloquenter und radikaler.

Er gab den Menschen das Gefühl, so zu sein wie sie. Und Er war wie sie – das war sein Kapital. Durchgedrehte Außenseiter sammeln keine Massen hinter sich.

Projektionsfläche für Sorgen und Nöte


Gerade weil Er so war wie alle anderen auch, gelang es Ihm, dem Redner und Agitator, eine Kunstfigur zu schaffen, mit der sich Millionen identifizieren konnten. Dafür jedoch musste die tatsächliche Person hinter der Fassade vollkommen verschwinden – und verschwunden bleibt sie bis heute. Denn aller dickleibigen Biografien zum Trotz, ist der Mensch hinter der Propagandafigur in seiner seltsamen Eigenschaftslosigkeit bis heute nicht wirklich zu fassen.

Es ist diese eigenartige Fremdheit einer bis zum Überdruss bekannten Figur, mit der alle Verfilmungen zu kämpfen haben, die sich diesem Leben anzunähern versuchen. Die Pointe von „Er ist wieder da“ liegt darin, mit beiden Ebenen zu spielen: der Propagandafigur und dem Menschen.

Letzterer stolpert im Film unversehen durch das frühe 21. Jahrhundert. Das gibt Raum für mehr oder minder lustige Kalauer. Die sind ganz spaßig, aber geschenkt. Sehr viel spannender ist hingegen die Medienfigur, die inszenierte Propagandagestalt mit ihren ikonischen Insignien. Denn ganz schnell begreift man, dass diese Kunstfigur immer noch funktioniert, dass Er immer noch als Projektionsfläche dient für Sorgen und Nöte, für Sehnsüchte und Hirngespinste, aber auch für verspäteten Widerstand und ritualisierte Empörung.

Die beklemmendsten Passagen dieses Films sind daher die dokumentarischen Abschnitte, in denen sich der Burgschauspieler Oliver Masucci in bekannter Kostümierung den Deutschen des Jahres 2014 auf der Straße annähert, ihnen geduldig zuhört und sie in genialer Improvisation zum Reden bringt. 380 Stunden Filmmaterial sind so entstanden. Zu sehen ist davon natürlich nur ein Bruchteil.

Des Deutschen innigster Therapeut?


Dennoch sitzt man fassungslos vor der Leinwand. Und plötzlich beschleicht einen ein fürchterlicher Verdacht: Ist es vielleicht so, dass Er des Deutschen innigster Therapeut ist? Dass das alte Spiel im Grunde immer noch funktioniert? Dass diese bizarre Gestalt es schafft, uns auf die Couch zu legen und Ihm unsere verdrängten, verborgenen Ängste und Wünsche zu offenbaren? Dass dafür ein paar Schlüsselreize ausreichen, eine Uniform, ein Bärtchen, eine Haartolle, der väterliche Wiener Akzent?

Schon zu Lebzeiten war Er eine inszenierte Projektionsfläche, losgelöst von jeder Realität. Dass Er es nach 70 Jahren immer noch ist, ist die schockierende Erkenntnis dieses Films. Er ist unser Beichtvater, unser Selbstorakel, der Geist unserer Versuchungen und Alpträume. Deshalb auch ist Sawatzkis Griff zur Pistole eine so hilflose Geste. Sawatzki müsste sich schon seinen eigenen Kopf wegschießen. Nur dann wäre Er tot.

So aber ist die seltsame Stimmung im Kinosaal – irgendwo zwischen aufgekratzter Erheiterung und nervöser Verklemmtheit – förmlich zu greifen. Und einem wird klar, dass der Film eigentlich den falschen Titel trägt. Denn Er ist nicht wieder da. Er war nie weg.

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