Sandra Hüller
Sie hat die Hosen an: Sandra Hüller als Soldat „Rose“ / © Piffl Medien

Film der Woche: „Rose“ - Große Kunst im ideologischen Korsett

In dem Historiendrama „Rose“ strebt eine Frau in der Rolle eines Mannes nach einem freien Leben. Leider nutzen Macher und Kritik den Film für identitätspolitische Botschaften. So wird das brillante Werk nur die übliche Blase erreichen.

Ursula Kähler

Autoreninfo

Ursula Kähler ist promovierte Filmwissenschaftlerin und arbeitete unter anderem am Deutschen Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main. Sie veröffentlichte „Der Filmproduzent Ludwig Waldleitner“ (2007) und „Franz Schnyder. Regisseur der Nation“ (2020).

 

So erreichen Sie Ursula Kähler:

Film war schon immer politisch. Doch wo man früher politische Botschaften subversiv über Genre, Symbole oder Montage vermittelte, wird heute häufig nur noch der platte Weg der Direktheit gewählt. Warum auch die diffizilere Variante wählen, wenn alles gesagt, getan und gezeigt werden darf? Ab dieser Woche ist Markus Schleinzers Historiendrama „Rose“ in den Kinos zu sehen. Dem Österreicher, der damit seinen dritten Spielfilm realisiert, ist ein Glanzstück gelungen. Seine Mise-en-Scène ist archaisch-präzise, ihre virtuosen Elemente sind ideal aufeinander abgestimmt. Ein Werk wie aus einem Guss. Es erzählt vom tragischen Schicksal einer Frau im 17. Jahrhundert. In der Rolle eines Mannes gelingt ihr der soziale Aufstieg. Eine Steilvorlage für identitätspolitisches Framing.

„Das Schöne ist das, was ohne Begriffe, als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird.“ Immanuel Kants Versuch aus seiner „Kritik der Urteilskraft“ von 1790, das Wesen des ästhetischen Urteils zu definieren, sollten sich zeitgenössische Kreative vielleicht mal wieder zu Gemüte führen. Denn das wirklich große Kunstwerk kommt ohne Begriffe aus. Es fragt nicht nach Gruppenzugehörigkeit oder einem politischen Ziel. Stattdessen wirkt es vor allem durch seine Form, seine Gestaltung auf den Menschen. „Rose“ erfüllt alle Voraussetzungen, als ein schönes Werk im Sinne Kants rezipiert zu werden. Unglücklicherweise instrumentalisieren seine Macher und etliche Kritiker den Film jedoch für ideologische Inhalte. Der Freiraum der Kunst wird somit verengt. Ästhetische Teilhabe wird zur Gesinnungsfrage, die ihr elitäres Publikum will.

Das deutsche Kino ist übersättigt mit historischen Stoffen des 20. Jahrhunderts. Dass Markus Schleinzer für sein Projekt die frühe Neuzeit und hier die Zeit der Glaubenskriege wählte, ist bemerkenswert. Inspiriert durch eine befreundete Historikerin, recherchierte er hunderte Fälle von Frauen aus mehreren Epochen, die als Männer lebten. Die Gründe dafür waren ganz unterschiedlich: Zugang zu Arbeitsmarkt und Bildung, Flucht, Gaunereien, Schutz vor Vergewaltigung und Zwangsehen, Selbstbestimmung. Auch lesbisches Begehren, Transsexualität, Patriotismus und Exotismus zählten zu den Auslösern, erklärt Schleinzer. 

Das Drehbuch kombiniert die Tragödien mehrerer Frauen

Sein mit Alexander Brom verfasstes Drehbuch, das viel nonverbales Spiel vorsieht, folgt keiner solitären Biografie. Vielmehr kombiniert es die Tragödien mehrerer Frauen. Auffallend ist allerdings die Nähe zum Roman „Rosenstengel“ von Angela Steidele und deren Biographie zur 1721 hingerichteten Catharina Linck, die sich als Mann Anastasius Rosenstengel nannte. Steideles Vorwürfe waren gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen.

Mit ihrer einnehmenden Stimme begleitet Marisa Growaldt als Erzählerin in bildhaftem Barockdeutsch die gesamte Handlung. Gepaart mit der Schwarz-Weiß-Ästhetik erzeugt dies den Gestus einer filmischen Moritat und erinnert an moralisierende Literatur wie die von Grimmelshausen. Bereits zu Beginn macht uns der Kommentar zu Mitwissern von Roses „übler Schandtat“ und offenbart immer wieder das Innenleben der Heldin – zu sich, zur Welt und zu Gott. Inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges sucht Rose (Sandra Hüller) als Mann Zuflucht in einem abgelegenen protestantischen Dorf. Jahrelang kämpfte sie als Soldat im Krieg. Grässliche Narben entstellen ihre rechte Gesichtshälfte. Die Kugel, die Roses Schädel durchschoss, trägt sie nun an einer Kette. Das Lutschen daran hilft ihr beim Nachdenken.

Als vermeintlicher Erbe eines verfallenen Gutshofs erschleicht sich der Sonderling nicht nur Prestige. Er geht auch eine strategische Ehe mit Suzanna (Caro Braun), der Tochter des Großbauern (Godehard Giese), ein. Das fragile Konstrukt aus Täuschung und Sehnsucht scheint perfekt, als Suzannas uneheliche Schwangerschaft Roses männliche Identität scheinbar beglaubigt. Doch ein banaler Unfall beim Imkern reißt die Maskerade nieder. Die gottesfürchtige Dorfgemeinschaft reagiert mit unerbittlicher Härte. Die Flucht beider Frauen endet im Kerker und schließlich vor einem gnadenlosen Richter.

In- und ausländische Filmkritiker feierten das Drama für seine angebliche Queerness

Allein Sandra Hüller, die auf der Berlinale für diese äußerst komplexe Hosenrolle zu Recht als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, ist es wert, diesen Film zu sehen. Ihr männlicher Habitus gerät nie ins Lächerliche, nie ins Übertriebene. Stets erkennt man dahinter – wenn auch nur in zarten Dosen – die unsichere, ängstliche Frau. Schleinzers Werk ist Existenzialismus pur. Die exzellente, starre Kamera von Gerald Kerkletz spiegelt die Moralvorstellungen und Härten des Lebens wider, die (vor allem) Frauen die Autonomie vereitelten. Ihr Schicksal will Rose nicht akzeptieren. Der Sinnlosigkeit der sie umgebenden zerstörerischen Welt entzieht sie sich selbstbestimmt. Insofern ist ihr Betrug ein authentischer Akt individueller Sinnstiftung.

„Rose“ ist von universaler Dimension. Mit der Freiheit als Leitmotiv kann er ein breites Publikum berühren. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die männliche Identität der Titelheldin nur Mittel zum Zweck ist, um so den sozialen Grenzen ihres Geschlechtes zu entkommen. In- und ausländische Filmkritiker feierten das Drama für seine angebliche Queerness. Auch der Regisseur äußerte sich in diese Richtung. Sein Film sei eine Geschichte über Entscheidungen, die Tragweite von Entscheidungen und die Hoheit über die eigene Narration. „Denn das ist ja letztendlich – vielleicht nur für mich – der Punkt, an dem Queerness beginnt. Die Unterschiedlichkeit in der Erzählung. Rose hat den Mut, ihre eigene, wenn man so will, queere Situation mit der von Suzanna zu verbinden, die sich als ebenso mutig erweist.“

Indem sie durch queeres Framing vorab besetzt wird, droht die Produktion zu einem exklusiven Produkt für die Blase zu schrumpfen. Zuschauer, die mit der Community fremdeln, grenzt dieses Vorgehen unnötig aus. Die eindeutige und festgelegte Interpretation beraubt den Film seiner eigentlichen Offenheit. So wird „Rose“, der das Potenzial zur zeitlosen Parabel besitzt, von einem – wie Umberto Eco es nannte – „offenen“ zu einem „geschlossenen Kunstwerk“, also einem ideologisch festgelegten, degradiert. Das ist bedauerlich. Was bleibt, ist nur die Hoffnung, dem Publikum wieder mehr intellektuelle Selbständigkeit zuzutrauen – und das Werk in seine eigentliche Freiheit zu entlassen.

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Walter Buehler | Do., 30. April 2026 - 20:17

Liebe Frau Kähler, danke für die offene Warnung vor diesem neuen Agit-Prop-Film.

Agit-Prop-Filme sind eben einfach nur Propaganda. Sie verlangen vom Zuschauer die sklavische Unterwerfung unter das Propaganda-Narrativ der Filmemacher und ihrer Finanziers.
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Sie haben recht: irgendwann einmal sollte man aufhören, Filme nur exklusiv für eine langweilige kleine soziale Blase zu produzieren, und damit beginnen, dem ganzen Publikum in seiner wahren Vielfalt wieder mehr intellektuelle Selbständigkeit zuzutrauen.

Michael Sauer | Do., 30. April 2026 - 21:26

Woanders stand, dass über 6 Millionen Steuergeld in dieses "Opus" geflossen sind, vermutlich genauso sinnlos wie Frau Hüllers unbestrittene Schauspielkunst.