Femen
Albina Korzh als Oxana / X-Verleih

Film der Woche: „Oxana – Mein Leben für die Freiheit“ - Beten allein genügt nicht

Eine Filmbiografie widmet sich der ukrainischen „Femen“-Mitgründerin Oksana Schatschko. „Oxana – Mein Leben für die Freiheit“ ist ein Requiem für eine Künstlerin und Aktivistin, die ihre Ideale verraten sah und im Pariser Exil den Freitod wählte.

Ursula Kähler

Autoreninfo

Ursula Kähler ist promovierte Filmwissenschaftlerin und arbeitete unter anderem am Deutschen Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main. Sie veröffentlichte „Der Filmproduzent Ludwig Waldleitner“ (2007) und „Franz Schnyder. Regisseur der Nation“ (2020).

 

So erreichen Sie Ursula Kähler:

Es ist still um sie geworden, aber es gibt sie immer noch: „Femen“. Die feministischen Aktivistinnen sind bekannt für ihre barbusigen Protestaktionen. 2008 in Kiew gegründet, entwickelte die Organisation eine neue Kampfform innerhalb der Frauenbewegung: den Sextremismus. Die politischen Parolen malen die Frauen auf ihre nackten Oberkörper, im Haar tragen sie Blumenkränze. Sie streiten für Emanzipation, Frauenrechte, Meinungsfreiheit. 

Im Zentrum ihrer Kritik steht meist das Patriarchat. Egal ob Berlusconi, Lukaschenko, Strauss-Kahn oder Putin – sie alle wurden bereits von medienwirksamen „Femen“-Protesten überrascht. Doch wie und warum die Bewegung entstand, wissen vermutlich die wenigsten. Dass es sich lohnt, hier genauer hinzuschauen, beweist das französische Biopic „Oxana – Mein Leben für die Freiheit“.

Porträt einer außergewöhnlichen Rebellin

Inspiriert von der kurzen, bewegenden Vita der Ikonenkünstlerin Oksana Schatschko zeichnet der Film das Porträt einer außergewöhnlichen Rebellin, die zu den drei Gründungsmitgliedern der „Femen“ zählte. Von Beginn an versteht sich die Gruppierung als feministisch, politisch und künstlerisch. Mit ihren provokanten Aktionen bereiteten ihre Anhängerinnen den Nährboden für weitere frauenrechtliche Bewegungen, allen voran MeToo.

Im August 2009 entblößt Schatschko bei einer Demonstration im Kiewer Parlamentsgebäude mit der Parole „Die Ukraine ist kein Bordell“ zum ersten Mal ihre Brüste. Ein radikaler Akt, der zum ikonischen Symbol der „Femen“ wurde. Damit setzten die durchaus auch attraktiven Damen ihr charakteristisches Zeichen gegen patriarchale Normen, religiöse Dogmen und gesellschaftliche Zwänge.

Nicht alle Feministinnen überzeugte die Methode des Oben-ohne-Protests. Die mediale Aufmerksamkeit war jedoch groß. „Wir ziehen uns nicht aus. Wir ziehen unsere Uniform an“, erklärt die Titelheldin, überzeugend gespielt von Albina Korzh. Die Facetten der ambivalenten, kämpferischen und zugleich hochsensiblen Persönlichkeit berührten Regisseurin Charlène Favier tief: „Für mich war Oksana vor allem ein kleines Mädchen, das von Gott gerufen wurde, die Welt zu retten. So wollte ich sie im Film darstellen.“

Am Abend nimmt sich die 31-Jährige das Leben

Faviers sehenswerte Chronik dieses intensiven Lebens springt zwischen mehreren Zeitebenen. Die erste handelt vom Ablauf des 23. Juli 2018. Es ist der Tag, an dem in einer Pariser Galerie bei einer Vernissage Oxanas Iconoclast-Gemälde gefeiert werden. Am Abend nimmt sich die 31-Jährige das Leben. Dies ist kein Spoiler. Denn der Suizid ist erstens bekannt und stellt zweitens keine überraschende Wendung innerhalb des Plots dar. „Oxana – Mein Leben für die Freiheit“ ist eine Art Requiem, das eine Erklärung für das tragische, zu frühe Ende dieser mutigen Kämpferin finden will.

Weitere Stationen erzählen von der trostlosen Kindheit in einer ukrainischen Kleinstadt, einem arbeitslosen, trinkenden Vater, einer liebevollen Mutter und weiblicher Unterdrückung. Bereits als 15-Jährige malt Oxana im Auftrag der orthodoxen Kirche Ikonen und liest viel. Der Schriftsteller Nikolai Gogol hat es ihr angetan, insbesondere seine Idee, Gott habe jedem Menschen einen Auftrag gegeben, den er erfüllen müsse. Die Mutter will sie überzeugen: „Beten allein genügt nicht.“ Doch die belächelt sie bloß, nennt die Tochter ihre kleine Jeanne d’Arc.

Emotionale Schlüsselmomente zeigen schließlich Oxanas Befreiungsschlag innerhalb der restriktiven postsowjetischen Gesellschaft, die keinen Platz für starke Frauen bietet. Ende der Nullerjahre sieht man die Kunststudentin in Kiew mit ihren zukünftigen Mitstreiterinnen. Sie debattiert, gründet die „Femen“, plant Aktionen gegen Prostitution und Korruption, emanzipiert sich – auch sexuell. Dabei driften die Kämpferinnen von einem Extrem ins andere. Lautstark skandieren sie: „Unsere Mission: Aufstand! Unser Gott: Die Frauen!“

„Femen“ ist für sie zur Mode geworden

Die Schattenseiten der „Femen“-Proteste präsentiert der Film ebenfalls – und zwar schonungslos. Proteste gegen Lukaschenko in Weißrussland 2011 und ein Jahr darauf in Moskau gegen Putin werden von staatlicher Seite mit aller Härte geahndet. Nach Folter und Verhaftung flieht Oxana 2012 nach Paris, wo Kollegin Inna Schewtschenko (Maryna Koshkina) bereits einen „Femen“-Ableger gegründet hat. Ein Zerwürfnis mit ihr über die Idee der Gruppe nagt an der Künstlerin. Die von Schewtschenko forcierte Internationalisierung der Bewegung sieht Oxana als Verrat. „Femen“ ist für sie zur Mode geworden. Der anschließende Sturz in eine Depression ist unaufhaltsam.

Dass „Femen“ heutzutage an Relevanz verloren hat, liegt an mehreren Gründen: Einerseits hat sich das Bild der mit Parolen bemalten weiblichen Brust schlichtweg überholt. Andererseits fristet die Gruppe mittlerweile ein Dasein im Schatten der globalen, wirkmächtigeren MeToo-Bewegung. Auch die Proteste der Klimabewegung haben den „Femen“ medial den Rang abgelaufen. „Oxana – Mein Leben für die Freiheit“ ist dennoch ein Film, der sich lohnt. Denn er erzählt nicht nur eine beeindruckende Biografie, sondern blickt ebenso respektvoll auf eine Revolte, die – im Gegensatz zu etlichen aktuellen Aktivistengruppen – von einem Geist der Freiheit und Anarchie getragen war.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.