Szenenfoto aus „In die Sonne schauen“
Hanna Heckt (M.) als Alma / Studio Zentral

Film der Woche: „In die Sonne schauen“ - Narben des Verborgenen

Vom Kaiserreich bis in die Gegenwart portraitiert „In die Sonne schauen“ vier Mädchen und deren transgenerationale Traumata. Das preisgekrönte Drama zeugt von einer neuen Sehnsucht nach Übersinnlichkeit in einer durchrationalisierten Welt.

Ursula Kähler

Autoreninfo

Ursula Kähler ist promovierte Filmwissenschaftlerin und arbeitete unter anderem am Deutschen Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main. Sie veröffentlichte „Der Filmproduzent Ludwig Waldleitner“ (2007) und „Franz Schnyder. Regisseur der Nation“ (2020).

 

So erreichen Sie Ursula Kähler:

Das Mädchen scheint zu schlafen. Seltsam verloren sitzt es auf einem großen Gründerzeitsofa. Sein schwarzes Kleid und die Schleife im blonden langen Haar wirken festlich. Neben ihm liegen zwei Puppen. Hinter dem Möbel steht eine Person, die den Kopf des Kindes hält. Gebannt starrt die siebenjährige Alma auf die gerahmte Fotografie. Von ihrer älteren Schwester erfährt sie: „Das ist Alma. Sie sieht aus wie du.“ Das Portrait ist eine Totenfotografie, wie sie um die Jahrhundertwende verbreitet war. Langzeitbelichtung ließ die Körper der Lebendigen verschwimmen. Die der Verstorbenen hingegen blieben stets gestochen scharf. So gleicht die Person hinter dem Sofa einem Geist. Beim Anblick des Leichnams ergreift Alma eine Mischung aus Schauder und Faszination. So wie den Zuschauer von „In die Sonne schauen“.  

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