Michael Born
Er hatte gut Lachen: TV-Fälscher Michael Born / © Across Nations

Film der Woche: „Born to Fake“ - Vater der Fake News

Der TV-Journalist Michael Born sorgte in den Neunzigern mit gefälschten Beiträgen für einen Medienskandal. Die Dokumentation „Born to Fake“ rekonstruiert den Fall – und offenbart den Luftikus als Vorläufer einer Medienlandschaft im Zeitalter von KI und Deepfakes.

Ursula Kähler

Autoreninfo

Ursula Kähler ist promovierte Filmwissenschaftlerin und arbeitete unter anderem am Deutschen Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main. Sie veröffentlichte „Der Filmproduzent Ludwig Waldleitner“ (2007) und „Franz Schnyder. Regisseur der Nation“ (2020).

 

So erreichen Sie Ursula Kähler:

Man nannte ihn den Konrad Kujau des deutschen Fernsehens: Michael Born. Mit Beginn des Privatfernsehens ab Mitte der Achtzigerjahre fälschte der Selfmade-Journalist Fernsehbeiträge, die ungeprüft von großen Formaten gesendet wurden, darunter „Spiegel TV“ und ZAK. Bei „Stern TV“, dem von Günther Jauch moderierten und produzierten Magazin, liefen die meisten seiner Reportagen. Quotendruck und Sensationslust ließen Born immer haarsträubendere Geschichten fantasieren – vom Junkie, der für seinen Rausch an Kröten leckt, über Asyl-Schlepper, Katzenjäger bis hin zum Ku-Klux-Klan in der Eifel. 1995 flog der Schwindel auf. Im Jahr darauf wurde Michael Born zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

In ihrer sehenswerten Dokumentation begeben sich die Regisseure Erec Brehmer und Benjamin Rost auf die Spuren des 2019 verstorbenen Hochstaplers und rekonstruieren den von ihm ausgelösten Medienskandal. Mit einem geschickten Bogen in das heutige Informationszeitalter ergründen sie außerdem die Frage: Warum glauben wir, was wir sehen? Der Rückblick offenbart somit nicht bloß einen spektakulären Kriminalfall. Borns Geschichte und Fake News, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab, nutzt der Film für eine Reflexion über Wahrheit und Täuschung. Damit seziert „Born to Fake“ zeitlose systemische Strukturen, die heute noch die Entstehung von Nachrichten bestimmen und die Reaktion der Zuschauer prägen.

Den persönlichsten Blick auf den Menschen Michael Born öffnet der österreichische Filmemacher Roland Berger. Er lernte den Fälscher erst nach dem Prozess kennen und stellte ihn 1997 während des offenen Vollzugs in seiner Produktionsfirma ein. Bald darauf wurde Berger klar, dass sein neuer Mitarbeiter weder von Kameraführung und Lichtsetzung noch vom Schnitt wirklich Ahnung hatte. Doch Berger mochte den Lebenskünstler und schätzte dessen Kreativität. Die beiden freundeten sich miteinander an. Seine letzten Monate verbrachte Born bei Berger in Graz, wo die Männer gemeinsam an einem Theaterprojekt über Borns Schaffen arbeiteten. Seinen filmischen Nachlass vermachte Born seinem Freund, der wiederum das gesamte Material den Regisseuren Brehmer und Rost überließ.

Statisten stellten Drogendealer, Junkies, Bombenbauer, Waffenhändler, Schlepper oder Flüchtlinge dar

Als weitere Wegbegleiter kommen Claudia Bern, Borns ehemalige Partnerin und Assistentin, seine Schwester Gabriele Schuster, ein ehemaliger Reporter von „Stern TV“, Martin Lettmayer, und der damalige PR-Verantwortliche des Magazins, Thomas Pritzl, zu Wort. Durch diese bunte Personalriege und deren intime wie berufliche Einblicke entsteht ein komplexes Psychogramm. Es soll, das wird schnell klar, auch Borns Motive ergründen. Die Medienwissenschaftlerin Eva Hohenberger analysiert, wie eng Wahrheitsanspruch, Inszenierung und Bildglauben im Fernsehen miteinander verbunden sind. Die Redaktionen, sagt sie, hätten die Inszenierungen nicht erkennen müssen. „Menschen glauben, was sie sehen, weil es vom Kontext abhängt, innerhalb dessen sie das sehen.“ 

In den Beiträgen Borns vermittelten Experten Seriosität, die wacklige Kamera, die verpixelten Gesichter, der allwissende Kommentar wirkten authentisch. Dies alles spricht für Borns Talent. Schließlich wusste etwa bei der Kröten-Story niemand – außer dem im Beitrag auftretenden Gerichtsmediziner, dessen O-Ton im entscheidenden Moment geschnitten wurde –, dass man tausendmal am Rücken einer Colorado-Kröte lecken muss, um dann lediglich die Wirkung eines einzigen Bieres zu verspüren.

Michael Born, 1958 im rheinland-pfälzischen Lahnstein geboren, fand nicht über den klassischen Weg zum Journalismus. Nach Tätigkeiten als Musikant, Offizier auf einer Ostseefähre und Inhaber einer Zoohandlung ging er bankrott. Mit dem Boom des Privatfernsehens gründete er seine eigene Produktionsfirma und berichtete zunächst relativ professionell aus Krisenregionen wie Afghanistan, Jemen, Irak und immer wieder aus dem Libanon. Er inszenierte sich als Abenteurer und Nahostkenner, als jemand, der dorthin ging, wo die anderen nicht hinkamen oder hinwollten. Als Born 1991 mit Claudia Bern eine Flutregion in Bangladesch bereiste und seine Auftraggeber explizit Bilder von aufgedunsenen Wasserleichen forderten, kam er an einen Wendepunkt. „Wir haben da beschlossen, eine fiktive Welt zu bauen, wie sie nur in den Köpfen der Redakteure existierte“, so Born.

Von da an lieferte das Team Born-Bern exklusive, schockierende, aberwitzig fantasierte Reportagen. Statisten stellten Drogendealer, Junkies, Bombenbauer, Waffenhändler, Schlepper oder Flüchtlinge dar. Falsche Bärte wurden angeklebt, Hidschabs aufgesetzt, Kostüme übergezogen. Amüsiert erinnern sich Bern, wie oft sie aus Autokofferräumen kriechen musste. Laut Schwester Gabriele berichtete ihr Bruder davon, dass Sender auch dann Material einforderten, wenn zu einem Ereignis gar keines existierte. Born betonte demnach, dass er den Wünschen der Sender nachkomme und die entsprechenden Bilder liefere. Denn dies sei „so üblich.“

Unfreiwilliger Aufklärer einer skrupellosen Branche

Bei der Produktion des Beitrags über den vermeintlichen Ku-Klux-Klan aus der Eifel war die gesamte Familie Born involviert. Auch die Mama half beim Nähen der weißen Kutten und Kapuzen. Dass das Hakenkreuz auf der Fahne spiegelverkehrt befestigt wurde, fiel anscheinend niemandem auf. „Wir haben alle gelacht. Über die Konsequenzen hat wohl keiner nachgedacht“, sagt Gabriele Schuster. Im Lauf der Zeit wurden Borns Reportagen immer dreister, bis das System eines Tages kollabierte. Ein polizeiliches Gutachten brachte den entscheidenden Beweis, dass die Stimme eines Protagonisten in mehreren Berichten wieder auftauchte und somit von ein und derselben Person stammte. 

Angesichts der Beweislast bewegte die Staatsanwaltschaft Mitarbeiter Borns zu einem umfassenden Geständnis, was den Weg für die Anklage ebnete. In der Folge musste sich auch „Stern TV“-Chef Günther Jauch rechtfertigen. Den Vorwurf mangelnder journalistischer Sorgfalt wies er bei seiner Vernehmung mit dem Argument zurück, er habe den Schneideraum im Grunde nie von innen gesehen. Bis heute hüllt sich Jauch zu dem Thema in Schweigen, weshalb die Doku auf Archivmaterial des Fernsehmachers zurückgreifen muss.  

Der Film analysiert die mediale Lüge, ohne selbst manipulativ zu wirken. Das ist seine große Stärke. Michael Born erhebt er somit zum unfreiwilligen Aufklärer einer skrupellosen Branche. Der windige Journalist bediente als Symptom und Vorläufer einer zynischen Medienlandschaft – ähnlich wie später Tom Kummer oder Claas Relotius – den Konkurrenzdruck der Sender in einer Zeit, als das Fernsehen noch unhinterfragte Autorität besaß. Wenn der alte Born im finalen, technisch manipulierten Deepfake-Video mit authentischen Zitaten darüber philosophiert, dass die Wahrheit des einen die Lüge des anderen sei, offenbart sich die hässliche Fratze unseres Informationszeitalters. Wo Information zur Ware wird, interessiert nicht mehr ihr Wahrheitsgehalt, sondern das Sensationelle und Spektakuläre.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.