Ist Facebook gut für die Gesellschaft oder nicht?
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Social Media - Facebook macht uns schlauer

265 Tage war unser Autor Alexander Pschera in den letzten 10 Jahren bei Facebook. Er hat alte Freunde wiedergefunden und neue Freunde kennengelernt, viel gelernt und vor allem keine Minute bereut. Eine Laudatio zum 10. Geburtstag.

Autoreninfo

Alexander Pschera ist Publizist, Autor und Blogger. Er ist Geschäftsführer der Münchner Agentur Maisberger. Zuletzt erschien von ihm der Essay „Vom Schweben. Romantik im Digitalen“

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265 Tage. 12 Stunden. Und 28 Minuten. Genau soviel Zeit habe ich in den letzten fünf Jahren mit Facebook verbracht. Sorry: „verschwendet“. Das sagt mir eine Software des Time-Magazines, deren einziger Sinn und Zweck es zu sein scheint, den Lesern dieses altehrwürdigen Blattes ein schlechtes Gewissen einzureden: „How much time have you wasted on facebook?“ steht da in großen Lettern über dem Artikel, der den Kalkulator vorstellt. Was nur zeigt, dass viele Medien immer noch nicht verstanden haben, in welche Richtung sich das Rad der digitalen Fortuna dreht. Sie führen immer noch einen Kampf gegen die medialen Plattformen der Zukunft, anstatt diese in ihre Strategie zu integrieren. So kann man die Leser von morgen heute schon verlieren.

265 Tage also waren es. Meine erste Reaktion? Danke fürs Ausrechnen. Und die zweite: Was? Nur so wenig?! Gefühlt waren es deutlich mehr. Das liegt natürlich daran, dass ich, wie viele andere Nutzer auch, Facebook seit einiger Zeit fast ausschließlich mobil auf dem Smartphone nutze und immer angemeldet bleibe. Facebook ist zum Grundrauschen unseres Alltags geworden, zur digitalen Welle, auf der wir durch die Woche surfen. Kein Mensch steuert Facebook heute noch über eine Google-Suche an. Auf genau diese logischerweise zurückgehenden Zugriffszahlen aber hat vor kurzem eine Studie der Princeton-Universität ihre Aussage gestützt, Facebook sei bald am Ende. Dies brachte den Forschern zwar mediale Aufmerksamkeit ein, aber auch nicht wenig Spott und Häme angesichts der obsoleten Marktforschungsmethodik. Zurecht.

265 Tage Facebook. Und keiner ist bereut. Es macht immer noch Spaß. Und ehrlich gesagt habe ich weder das Gefühl, langsam aber sicher zu verblöden, noch habe ich den Eindruck, meine Zeit zu vergeuden oder meine sozialen Kontakte zu vernachlässigen. Aus mir ist weder ein digitaler Autist geworden, noch hat jemand von der NSA bei mir angeklopft. Kein „worst case“-Szenario ist über mich hereingebrochen. Ich will damit nicht sagen, dass das alles nicht passieren kann. Natürlich kann man in Facebook abstürzen. Genauso, wie man sich zu Tode telefonieren kann. Aber klar ist auch, dass die digitalen Medien, wenn wir sie mit Selbstdisziplin und Fokussierung bedienen, wenn wir wissen, was wir von ihnen wollen und erwarten, unser Leben bereichern und uns intelligenter machen. Jeden Einzelnen von uns, wohlgemerkt. Der Schwarm als Ganzheit ist eine überschätzte Größe.

265 Tage. Meine persönliche Bilanz sieht so aus: Ich weiß und sehe mehr durch Facebook, ich habe alte Freunde reaktiviert und neue Freunde hinzu gewonnen, ich bekomme so langsam Überblick über meine weitverzweigte Familie und ihr buntes Treiben, ich nehme die Welt da draußen anders war: kontextueller, vielgestaltiger und auch nachdenklicher. Ein Freund ist Komponist: Ich kann hautnah verfolgen, wie seine großartige Caravaggio-Oper voranschreitet. Ein anderer ist katholischer Blogger: Auf Facebook diskutieren wir seine neuesten Thesen zu Rom und Umgebung. Ein dritter Facebook-Freund ist ein ehemaliger Kollege aus Großbritannien, dessen herrlich rauhbeinige Postings mir jeden zweiten Tag versüßen. Das sind Informationen, Diskussionen und Impulse, die das soziale Ich nähren.

Die Jugend zieht weiter. Das mag sein. Facebook wird erwachsen. Wenn die Jugendlichen jetzt in Heerscharen zu Snapchat, WhatsApp und anderen Spontan-Netzwerken abwandern, kann das Facebook nur gut tun. Denn das pubertäre Gehabe und Gequassel der 12- bis 16-Jährigen hat das Potential von Facebook verstellt. Es hat dazu geführt, dass Facebook als ein verlängerter Pausenhof wahrgenommen wurde. Es hat dem sozialen Netz einen schlechten Ruf eingebracht: den Ruf eines überflüssigen, irrelevanten, ja gefährlichen Unsinns, der mitten hinein führt in die post-zivilisatorische Barbarei der heute als digital natives Heranwachsenden.

Ja, Facebook hat ein schlechtes Image, vor allem in Deutschland, und das nicht nur seit Bekanntwerden der Abhörpraktiken der USA. Facebook gilt manchen als zynisches Machwerk dunkelmännischer Datenklauber, als Manifestation der Wohlstandsverwahrlosung. Bei allem Respekt für Sozialkritik und Zivilcourage würde ich doch dafür plädieren, die Kirche im Dorf zu belassen. Denn: Wie weit ist es mit einer Menschheit gekommen, dass sie ein Netzwerk, das potentiell alle Menschen dieser Welt in Echtzeit miteinander verbinden kann, auf dem sie ihre Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle austauschen können, derart abwertet? Wie solipsistisch und angstgetrieben, wie anti-kommunikativ und verbohrt müssen wir sein, eine solche Utopie, die kostenlos ist, nicht nur nicht auszuprobieren und unseren Bedürfnissen anzupassen, sondern in Bausch und Bogen als Teufelswerk zu verdammen?

Ein kleines Gedankenspiel mag der Verstocktheit auf die Sprünge helfen: Hätte man Jean-Jacques Rousseau, Johann Wolfgang von Goethe oder Ludwig van Beethoven Facebook vorgeführt, dann hätten sie losgeschwärmt und einen philosophischen Traktat, einen Freundschaftsroman und eine 10. Symphonie geschrieben. Werther wäre mit Facebook nicht gestorben. Er hätte Freunde gefunden, die ihn getröstet hätten, bevor der Schuß fiel.

Facebook macht uns schlauer. Und es macht uns weniger einsam. Wir sind nicht einsam, weil wir so oft in Facebook sind, sondern wir sind in Facebook, um unserer Einsamkeit zu entkommen. Facebook lockt uns aus der Vereinzelung. Facebook ist ein leeres Buch, das uns herausfordert. Es bietet uns Verbindungen zu Menschen an, die wir in Verbündungen umgestalten müssen. Facebook ist nur so gut wie das, was wir aus ihm machen. Facebook ist nur so gut wie wir selbst. Vielleicht überfordert uns diese Utopie der Kommunikation. Aber anstatt uns diese Überforderung einzugestehen, versuchen wir unsere Urangst vor dem Anderen – denn genau das ist der Kern der Facebook-Phobie – in Technologie- und Zivilisationskritik umzumünzen. Mit Erfolg: Denn romantischer Obskurantismus und raunendes Ablehnen war schon immer ein beliebtes Schutzschild vor den Anforderungen einer sich verändernden sozialen Wirklichkeit. Die Abwehr der sozialen Medien und der digitalen Welt ist nichts anderes als ein feuilletonistisch mehr oder weniger gelungen verbrämter Irrationalismus.

[gallery:Was bedeutet heute Freundschaft?]

Facebook hat die Welt verändert und verändert sie weiter. Mehr als das Telefon. Viel mehr als das Fernsehen. Man muß dabei gar nicht einmal die politischen Umwälzungen in Ägypten, Tunesien und der Türkei zitieren, bei denen soziale Netze sicher eine wichtige Rolle gespielt haben, in denen aber auch andere soziale Triebkräfte wirkten. Facebook hat zunächst unser Bewußtsein von der Welt transformiert. Die Welt ist kleiner geworden durch Facebook. Aber zugleich auch größer und tiefer. Was wir durch Facebook gelernt haben, ist nicht nur, uns mitzuteilen. Wir haben auch gelernt, zu teilen. Facebook steht am Anfang der Shareconomy. Es hat uns mit dem Gestus des Teilens vertraut gemacht, der mittlerweile eine Vielzahl neuer sozialer und ökonomischer Modelle hervorgebracht hat.

Ist Facebook perfekt? Nein, natürlich nicht. Die Pannenstatistik ist beachtlich. Die mobile Version ist bis heute nicht stabil. Viele Facebook-Applikationen sind im Rohr krepiert. Den Trend der sozialen Medien zu Mobilität und Visualität hätte Facebook fast verpasst. Und was Facebook der neuen Authentizität der auf Kurzmeldungen basierenden sozialen Spontan-Netzwerke entgegensetzt, die auf der Idee des eingefangenen Moments beruhen, mit der auch Facebook selbst einmal warb, wird sich zeigen.

Liebes Facebook, ich gratuliere Dir zu Deinem 10. Geburtstag. Normalerweise solltest Du Dir ja was wünschen, wie es sich an einem Geburtstag eben so gehört. Aber ausnahmsweise wünsche ich mir jetzt etwas von Dir. Ich wünsche mir mehr Zeit für das, was meine Freunde posten. Ich wünsche mir digitale Entschleunigung, ich wünsche mir die Möglichkeit eines nachhaltigeren digitalen Genusses. Auf Slowfood folgt dann das Slownet. Und in 20 Jahren sprechen wir uns wieder.

 

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