Schirrmachers „Ego” - Es gibt nichts Humaneres als Egoismus

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zieht gegen den „neuen Egoismus” ins Feld – warum eigentlich? Ein gesundes Maß an Eigensinn ist ein Zeichen moderner, aufgeklärter Gesellschaften

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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Achtung, Alarm! Alle in Deckung! Nachdem sich die erste Aufregung um den derzeitigen Noch-Papst und seine möglichen Nachfolger etwas gelegt hat, droht nunmehr die ultimative Feuilleton-Schlacht. Es wird dabei ums Ganze gehen: Unser Menschenbild, unsere Gesellschaft, die Grundlagen unseres Wirtschaftens und unseres Wohlstandes, um Moral und Werte.

Schuld daran wird ein Buch sein, das diese Woche in die analogen und digitalen Buchhandlungen kommt: „Ego. Das Spiel des Lebens“. Sein Autor: Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das Buch, soweit ist den Verlagsankündigungen ebenso zu entnehmen wie Schirrmachers zusammenfassenden Vorab-Essay im „Spiegel“, ist eine Kampfschrift, gerichtet gegen den angeblich allgegenwärtigen Egoismus, gegen eine Welt, in der scheinbar alles und jedes auf Kosten-Nutzen-Relationen reduziert wird und gegen den vermeintlich inhumanen Kapitalismus, der sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat, um dort ihre Wünsche, Träume und Gedanken zu manipulieren.

Schirrmacher weiß natürlich, dass Eigennutz und Gewinnstreben zur Grundausstattung des Menschen dazugehören. Wohlstand, technische Entwicklungen, Wissenschaft, all das wäre ohne das Bedürfnis des Individuums nach egoistischer Befriedigung seiner Bedürfnisse schwer vorstellbar. Hätten Menschen nicht zu jeder Zeit egoistisch nach ihrem Vorteil gestrebt, sie würden noch heute auf den Bäumen hocken. Es war ein Egoist, der das erste Mal den aufrechten Gang wagte. Einer, der nicht die Menschheit weiter bringen wollte, sondern sich selbst.

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Schirrmacher geht es daher um etwas anders. Für ihn sind wir in eine ganz neue Phase des Egoismus eingetreten. Und dieser Egoismus ist rücksichtsloser, kälter und berechnender als der gute alte Egoismus unserer Vorfahren. Es ist ein Egoismus, der unser Denken verändert, unser Fühlen, unser ganzes Menschsein. Woher kommt dieser qualitativ neue Egoismus? Ist er das Ergebnis sozialer Prozesse, kultureller Veränderungen oder ökonomischer Entwicklungen? Nein, sagt Schirrmacher, er kommt direkt aus den Labors der amerikanischen Militärs.

Damit eröffnet Schirrmacher rhetorisch einen Assoziationsraum, dem man sich nur schwer entziehen kann: Bilder von biologischen Waffen, von Seuchen und Massenvernichtungsmitteln gehen einem unwillkürlich durch den Kopf. Zur Kontaminierung unseres Denkens konnte es nach Schirrmacher kommen, weil all die Physiker und Mathematiker, die im Kalten Krieg Handlungsmodelle für das Militär entworfen hatten, in den 1990er Jahren arbeitslos wurden und in die Finanzwirtschaft und die damals entstehende IT-Branche gingen. Dort implementierten sie ihre spieltheoretischen Modelle in die Programme und Algorithmen, die heute die Finanzmärkte steuern, das Käuferverhalten bei Amazon berechnen und bei Google versuchen, unsere Interessen, Gedanken und Handlungen zu antizipieren. Und weil wir uns durch unser Verhalten diesen Steuerungsalgorithmen anverwandeln und deren Logik übernehmen, hält die hässliche und eiskalte Moral des Homo oeconomicus, die all diesen Modellen zugrunde liegt, Einzug in unsere Köpfe.

Seite 2: Erzählt wird die alte Geschichte vom geistigen Brunnenvergifter

Was an Schirrmachers Argumentation interessiert, ist weniger die Frage, ob die Fakten stimmen, auf denen sie basiert, ob seine Darstellung der Spieltheorie überzeugt (tut sie nicht) oder seine Annahme über die Wirkung von Algorithmen auf unser Verhalten (kaum). Wichtiger ist der Denkstil, der charakteristisch für viele Intellektuelle ist – und alles andere als neu.

Erzählt wird die Geschichte einer kulturellen Infektion. Es ist die alte Erzählung vom geistigen Brunnenvergifter, von Mächten, die es schaffen, das Denken ganzer Völker zu manipulieren, das Schlechteste in einer Gesellschaft erstarken zu lassen und alles Gute und Edle, zu dem der Mensch auch fähig ist, abzutöten.

Diese Erzählstruktur, die Schirrmacher in die Sprache des IT-Zeitalters packt, gehört zum klassischen Repertoire des antimodernistischen Diskurses. Genauer: Sie ist der negative Gründungsmythos der Moderne selbst. Wie eine Krankheit breitet sich demnach das moderne Denken aus, das die Menschen mit dem süßen Gift der individuellen Befriedigung ködert, sie aus ihren traditionellen sozialen Bindungen reißt und dabei ihre Seele vergewaltigt und ihr Denken pervertiert, so dass sie schon gar nicht mehr merken, was mit ihnen passiert.

Der Witz dieser Niedergangserzählung ist ihre Entlarvungsgeste: Erzählt wird, wie es wirklich ist, die wahre Geschichte hinter der perfide arrangierten Oberfläche. Wie Neo im Film „Matrix“ durchschaut der kritische Intellektuelle die vorgegaukelte Realität als Inszenierung. Die unbefangene Wahrnehmung, das normale alltägliche Denken und Handeln ist hingegen verfangen in der Welt des Scheins, des Betruges, der Lüge. Obergriesgram Adorno nannte dies „Verblendungszusammenhang“.

Der argumentative Trick dabei: Die Theorie immunisiert sich selbst. Jedes Gegenargument zeigt ja nur, wie weit die Pervertierung des alltäglichen Denkens schon fortgeschritten ist. Und noch einen Vorteil hat diese Argumentationsstrategie: Man darf als kritischer Intellektueller ein Menschfreund bleiben. Nicht die Leute selbst sind ja so einfältig, charakterlos und egoistisch, das System (oder wer auch immer) hat sie dazu gemacht. Psychologisch gesehen, kanalisiert der Intellektuelle so seine Frustrationen über den Durchschnittsmenschen und lenkt sie auf mehr oder minder anonyme Mächte.

Im Kern handelt es sich hier um einen autoritären Paternalismus, wie er für linke und konservative Intellektuelle schon immer charakteristisch war. Dabei war die konservative Kritik der Moderne allerdings stets ehrlicher. Anders als die Linke, hat sie nie behauptet, dass es ihr um die Freiheit und Autonomie des Individuums geht, sondern um Volk, Nation oder Glaubengemeinschaft. Die Linke hingegen konnte sich lange Zeit nicht zwischen Emanzipationspathos auf der einen und Sozialromantik auf der anderen Seite entscheiden. Inzwischen sind diese Fronten geklärt. Seit die Linke nicht mehr von der Arbeiterschaft getragen wird, sondern von (klein)bürgerlichen Akademikern, ist ihre Gedankenwelt mit Sozialkitsch geradezu zugekleistert.

Seite 3: Die Besinnung auf Eigeninteresse ist das Zeichen einer humanen, aufgeklärten Gesellschaft

Individualismus, Freiheit, Selbstbestimmung und Autonomie hatten es beim deutschen Bürgertum allerdings noch nie leicht. Verstädterung, technischer Fortschritt, Industrialisierung, die Herausbildung einer urbanen Kultur, all das kam in Deutschland mit Verspätung an. Der Modernisierungsschock und die Abwehrreaktionen waren entsprechend ausgeprägter. Und schon die Aufklärung hatte es in Deutschland schwer. Man könnte auch sagen: Es gab sie nicht. Die deutsche Aufklärung, auch der angebliche „Alleszermalmer“ Kant, war gegenüber dem Denken in England und Frankreich zahm, ängstlich und bieder.

Zu dieser Geschichte aus Furcht und Verzagtheit gehört auch, dass man in Deutschland stets auf das Kollektiv bedacht war und nicht auf das starke und autarke Individuum. Das freie Spiel der Kräfte, das freie Handeln autonomer Subjekte, die wechselseitig Regeln, Präferenzen und Vorlieben aushandeln – das alles hatte in Deutschland stets einen unguten Ruf. Eigeninteresse, das ist was für unkultivierte Amerikaner und zynische Briten. Das schmeckt nach Händlertum und Krämerseele und entbehrt so ganz dem Schönen, Wahren und Guten.

Was dabei am Eigennutz so schlimm und inhuman ist, wird ein ewiges Rätsel bleiben. Letztlich gibt es nichts Humaneres, als Individuen, die frei und losgelöst von kontingenten Traditionen und kulturell überlieferten Werten allein nach ihrem Nutzen, nach ihren Interessen oder ihrer Lust handeln. Amoralische Gesellschaften gibt es ohnehin nicht. Moral ist im gewissen Sinne unvermeidbar. Wo immer Menschen zusammen leben, werden sie sich Regeln geben. Die Frage ist nur, woher diese Regeln kommen, ob aus dem Dunkel eines zufälligen Traditionsbestandes den wir dann „Kultur“ nennen oder als Ergebnisse von Verhandlungen aufgeklärter, autonomer und interessengeleiteter Subjekte.

Die Emanzipation von den Normierungen kollektivistischer Moralvorstellungen der Tradition und die Besinnung auf kühl kalkulierendes Eigeninteresse ist keine Form der Verblendung, sondern das Zeichen einer humanen, aufgeklärten Gesellschaft.

Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens. Karl Blessing Verlag, München 2013. 19,99 €

Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens (Blessing Verlag)

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