Erntedankfest - Mehr Demut und weniger Halloween

Kolumne Stadt, Land, Flucht: Erntedankfest, ein alter Brauch, den niemand mehr benötigt? Auch eine moderne Gesellschaft könnte einiges aus diesem Datum ziehen

Halloween statt Erntedankfest: Kürbisse liegen während einer Kürbisausstellung im pfälzischen Haßloch. Das Erntedankfest
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Die kommende Woche steht ganz im Zeichen des Erntedankfestes. Noch so ein alter Brauch, den niemand mehr benötigt? Bedeutete das Erntefest früher, dankbar zu sein für das gesicherte Überleben im kommenden Winter, ist es heute zu einem „möglichen“ Fest geworden, wie der Theologe Philipp Beyhl schreibt. Kinder werden in Geschäften und Medien heute eher auf Halloween eingestellt, denn auf das kirchliche Ereignis.

Und eigentlich betrifft der Entedankkram sowieso nur noch 1,6 Prozent aller Deutschen. So viele Menschen leben hier nämlich von der Landwirtschaft, besagen die aktuellen Zahlen aus dem Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes für das Jahr 2013/14. Alle anderen können sich der Verantwortung für die Ernte entziehen, leben abgekoppelt von der Natur, vom Wetter, von den Niederungen der landwirtschaftlichen Produktion.

In der Rechnung des Bauernverbandes fehlen aber all jene, die sich gegen diese Entfremdung stemmen, die einen großen Teil der Gesellschaft erfasst hat. Immer mehr Menschen versorgen sich zumindest teilweise selbst. Sie ziehen ihr Obst und Gemüse in Guerillagärten, auf stillgelegten innerstädtischen Flugplätzen oder in Kleingartenkolonien. Sie bemerken den Unterschied zwischen den pappigen Radieschen aus dem Supermarkt und den scharfen aus dem Gartenanbau. Sie wissen, wie viel Arbeit die Aufzucht der eigenen Kohlpflänzchen bedeutet. Sie kennen den kindlichen Stolz, der mit einer selbst gezogenen Möhre und einer in Butter zerdrückten Kartoffel aus der eigenen Erde einhergeht.

Eine dankbare Gesinnung kann man kultivieren


Auch ich habe Verantwortung übernommen für mein Essen. Ich habe im vergangenen Jahr, seit Beginn meines Lebens auf einem Bauernhof, bei der Schlachtung von zwei Schafen zugesehen, deren Namen ich kannte. Ich habe gelernt, wie viele Abende im Sommer die Beete extra begossen werden mussten, wie viel Mühe das Großziehen des Salatkopfes gekostet hat.

In einer aufgeklärten, in Bezug auf die Existenz irgendeines Gottes misstrauischen Zeit, nimmt die Verantwortung für das eigene Leben großen Raum ein. Wir können und sollen Verantwortung übernehmen für unser Leben, unsere Familie, für Jobentscheidungen und Lebensleistungen. Das entfaltet immensen Druck.

Der Tag des Erntedankfestes ermöglicht uns dagegen, einmal Verantwortung abzugeben. Denn wer dankt, der muss Verantwortung abtreten, muss loslassen, Demut zeigen. Sonst macht das Danken ja keinen Sinn. Das merkt der Bauer, seitdem er keine transzendentralen Kräfte mehr für eine gute oder schlechte Ernte verantwortlich machen kann und selbst für seinen Ertrag gerade stehen muss. Das registrieren aber auch alle anderen in einer Welt, in der jeder für sich selbst und sein Glück verantwortlich gemacht wird.

„Dankbarkeit lässt sich nicht verordnen“, schreibt der Theologe Beyhl. Aber eine dankbare Gesinnung kann man kultivieren. Beyhl plädiert für eine „Grammatik des Dankes“, die in einem „umfassenden Lebensdank“ mündet. Nicht nur für unser Brot, für Fleisch und Kartoffeln, sondern für all das, was unser Leben ausmacht. Ganz ohne unser Zutun. Ganz ohne, dass wir Verantwortung übernehmen müssen.

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