- Warum die Botschaft der NS-Überlebenden zu selten gehört wird
NS-Überlebende berichten von Krieg, Verfolgung und lebenslangen Traumata. Doch ihre Stimmen finden im öffentlichen Diskurs oft zu wenig Gehör. Gleichzeitig geraten wichtige Begegnungsangebote wegen fehlender Finanzierung zunehmend unter Druck.
Sie hatten den Nationalsozialismus überstanden. Den Krieg. Als Kinder. Und dabei Grauenvolles mitgemacht. „Einer unserer Senioren überlebte die Leningrader Blockade, seine Eltern und Großeltern nicht“, erzählt Jost Rebentisch, Geschäftsführer des Bundesverbands „Information und Beratung für NS-Verfolgte“. Seit über 30 Jahren unterstützt die Organisation NS-Überlebende. Und sie engagiert sich dafür, dass sie im öffentlichen Diskurs vorkommen. Beides wird zunehmend schwieriger.
Die brutale Wirklichkeit des Krieges steckt den 200 Senioren, um die sich Jost Rebentisch mit seinem Team kümmert, bis heute tief in den Knochen. „Die allermeisten hatten ja nie einen Psychotherapeuten gesehen“, sagt der Historiker. An den Männern und Frauen, zu 95 Prozent jüdische Kontingentflüchtlinge, an die sich die Angebote des Bundesverbands richten, wird wahrnehmbar: Krieg bedeutet nicht allein akute Grausamkeit. Krieg erschüttert bis ins Mark. Und zwar ein Leben lang. Über Jahrzehnte. Diese Botschaft weiterzugeben, ist ein Hauptanliegen der Überlebenden. Um sie zu transportieren, müssten sie jedoch im Diskurs präsenter sein.
Laut Frank Bösch, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, werden NS-Verfolgte an sich zwar in der Öffentlichkeit heute mehr thematisiert als früher. Dies gelte jedoch nicht für Überlebende aus Osteuropa, obgleich die Verfolgungen dort besonders umfangreich und grausam waren. „Selbst Massenmorde und Folterungen im Nachbarland Polen jenseits des Holocaust sind im deutschen Bewusstsein wenig bekannt“, betont der Historiker.
Gerade weil man nicht rückgängig machen kann, was geschehen ist, gilt es, alles zu tun, damit vom Krieg traumatisierte Menschen mit den Wunden, die ihnen geschlagen wurden, besser umgehen können. Der Bundesverband „Information & Beratung für NS-Verfolgte“ unterhält drei Begegnungscafés in Köln, Recklinghausen und Düsseldorf, wo sich NS-Überlebende treffen und austauschen können. Im Augenblick funktioniert allerdings nur noch das Kölner Angebot wie gewohnt. Dank städtischer Zuschüsse. Für die Angebote in Recklinghausen und Düsseldorf läuft gerade eine Crowdfunding-Aktion. Allerdings nur mit extrem mäßigem Erfolg.
Als sie damit konfrontiert wurde, dass es kein Geld mehr für ihr Begegnungscafé gibt, sei das „ein großer Schock“ gewesen, sagt Hanna Vlasiuk aus Recklinghausen. Im Augenblick arbeitet sie ehrenamtlich. Aber natürlich müsste sie eigentlich Geld verdienen: „Wie es weitergeht, kann ich nicht sagen.“
Die Begegnungscafés waren bisher finanziell von der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ abhängig. Dort gibt es ein Förderprogramm für hochbetagte NS-Überlebende aus der Ex-Sowjetunion, die heute in Deutschland wohnen. „Ziel ist es, ihnen in einer oft von Altersarmut geprägten Lebenssituation materielle und soziale Unterstützung zukommen zu lassen“, teilt die Stiftung mit. Die Nachfrage nach dem Programm sei höher als das zur Verfügung stehende Budget. Der Projektantrag des Bundesverbands „Information & Beratung für NS-Verfolgte“ habe es nicht in die Auswahl für die aktuelle Förderrunde geschafft.
Jost Rebentisch bestätigt, was die Stiftung mitteilt: Alle Überlebenden, mit denen die Organisation in Kontakt steht, sind Empfänger von Grundsicherung im Alter. Wegen ihres Geldmangels können sie andere, teure Angebote dort, wo sie leben, nicht wahrnehmen. Zwölf Senioren aus der Gruppe, die sich für den Besuchsdienst als weiteres Angebot des Bundesverbands engagieren, erhielten bisher 50 Euro im Monat als Ehrenamtspauschale. Doch auch das kann sich der Verband nicht mehr leisten. Die Ehrenamtlichen akzeptieren das: „Aber es tut ihnen finanziell richtig weh.“
Kein „Warmes Zuhause“ mehr
Die NS-Überlebenden sind froh, dass sie nach wie vor in die nun bis auf Köln ehrenamtlich organisierten Begegnungscafés gehen dürfen. Ein wichtiges Angebot jedoch muss komplett eingestellt werden. „Warmes Zuhause“ nennt es sich. Bisher fand es jeweils einmal im Monat an neun Standorten in Nordrhein-Westfalen statt. „Wir haben das Projekt in Israel kennengelernt“, erzählt Jost Rebentisch. Dort laden Zugewanderte, die Schwierigkeiten haben, sich in der israelischen Gesellschaft zurechtzufinden, einander als Gastgeber in ihre Wohnungen ein: „Die Problematik war auf unsere Kontingentflüchtlinge gut übertragbar.“
Es ging dabei nicht nur darum, gesellig beisammen zu sein, bestätigt Hanna Vlasiuk, die neben der Leitung des Recklinghauser Begegnungscafés für das „Warme Zuhause“ zuständig war: „Für unsere Senioren waren das Highlights.“ Sie denkt an NS-Überlebende, die in einem Hochhaus mit kaputtem Aufzug festhocken. Und kaum Kontakte haben. Bis zu 20 Personen kamen beim „Warmen Zuhause“ zusammen. Der Bundesverband investierte jeweils um die 120 Euro, um Lebensmittel einzukaufen.
Für Jost Rebentisch wäre die Arbeit für und mit NS-Überlebenden wichtiger denn je, da die in den vergangenen Jahren begonnenen Kriege einfach nicht aufhören wollen. Die Überlebenden transportierten die Botschaft: „Lasst nicht zu, dass noch einmal Verfolgung stattfindet, lasst nicht zu, dass noch einmal Ausgrenzung stattfindet, lasst vor allem nie wieder Krieg zu!“ Auch er, 60 Jahre alt und stark von den Kriegserfahrungen seiner Eltern geprägt, ist dezidiert dagegen, dass man aktuell sein Heil wieder darin sucht, immer mehr Waffen anzuschaffen: „Und Menschen wieder in Uniform zu stecken.“
Früher war die Besucherschaft in den Erzähl- und Begegnungscafés weniger einheitlich als aktuell, erzählt Vanessa Rex, die das Café in Köln leitet. Es gab nicht nur jüdische Kontingentflüchtlinge: „Wir hatten auch Zwangsarbeiter oder als Sinti und Roma Verfolgte oder Verfolgte aufgrund von Homosexualität.“ Seit 15 Jahren kümmert sie sich inzwischen in Köln um Überlebende. Viele Biografien hielt sie seitdem schriftlich fest: „Als die Menschen zu uns kamen, hatte sich ja niemand für ihr Schicksal interessiert.“ Wer weiß zum Beispiel davon, dass es Überlebende des Ghettos Minsk gibt?
Halbverfaulte Möhren
Haim S., bis zu seinem Tod vor zwei Jahren regelmäßiger Teilnehmer des Kölner Cafés, war ein Beispiel dafür, mit welcher Energie gerade auch Kinder in der NS-Zeit um ihr Überleben kämpften. 1941 kam der in der Ukraine geborene Jude mit zwölf Jahren in ein Konzentrationslager. Beim Versuch, einen LKW auf der vereisten Straße anzuschieben, wurde er eines Tages in tiefen Schnee geschleudert. Dort verkroch er sich und flüchtete am nächsten Morgen. „Er versteckt sich fortan in verschiedenen Kellern und ernährt sich von halbverfaulten Möhren und Kartoffeln, immer in der Gefahr, doch noch entdeckt zu werden“, ist den Aufzeichnungen von Vanessa Rex zu entnehmen.
Kommen Schüler oder andere Interessierte ins Kölner Begegnungscafé, was in diesem Jahr mindestens dreimal der Fall sein soll, dolmetscht jemand zwischen den Sprachen Deutsch, Russisch und Ukrainisch. Viele Biografien liegen allerdings inzwischen auch in Schriftform vor und können ausgehändigt werden. Geschätzt wird bei den Live-Begegnungen, dass Nachfragen gestellt werden können. Die Fakten sind ja nur das eine.
Entspinnen sich Gespräche, bietet das die Chance, tiefer in das Emotionale einzusteigen. Wie hat sich jemand gefühlt, als er im eisigen Schnee versteckt lag? Wie ging es für ihn nach dem Krieg weiter? Wie sehr wühlen die einstigen Erlebnisse in ihm? Wie wirkten sie sich auf die eigenen Kinder aus?
Dass durch Verfolgung bedingte Traumatisierungen in Nachkommen fortleben, ist nicht unnormal, sondern längst biologisch erklärbar. Stichwort: Epigenese. In Frankfurt treffen sich seit drei Jahren internationale Nachkommen von Verfolgten des Faschismus, um gemeinsam der Frage nachzugehen, was die Verfolgungsgeschichte mit jedem Einzelnen macht. „Und auch, was wir Sinnvolles daraus lernen können“, sagt Katinka Pönsgen. Die Frankfurter Rentnerin ist Enkelin eines im KZ Buchenwald inhaftierten Kommunisten, Sprecherin der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora sowie freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte Buchenwald.
Niemals eine Lösung
„Nie wieder Krieg!“ und „Wehret den Anfängen!“ sind keine hohlen Phrasen für die ehemalige Gewerkschaftlerin. „Die Häftlinge von Buchenwald hatten geschworen, für eine Welt des Friedens und der Freiheit einzutreten, und da gehe ich voll mit“, sagt sie. „Es kann einfach nicht genug Stimmen dafür geben, dass Krieg niemals eine Lösung ist.“ Wie hätte sich wohl ihr Großvater in der aktuellen Weltlage verhalten, wäre er noch am Leben? Das fragt sich Katinka Pönsgen manchmal. Ihr Großvater, sagt sie, war kein Intellektueller. War keiner, der studiert, der Artikel oder Bücher geschrieben hätte. Und doch: Womöglich hätte er sich in den aktuell brisanten und brenzligen Zeiten öffentlich zu Wort gemeldet: „Ob er dabei seine persönlichen Erfahrungen eingebracht hätte, weiß ich nicht.“
Im öffentlichen Diskurs von heute jedenfalls soll jeder vorkommen dürfen, egal, ob jemand kurz davorsteht, den Quali zu bestehen, oder ob sich jemand vor Jahren habilitiert hat. Katinka Pönsgen ist vor allem die junge Generation wichtig. Oft führt sie Teenager durch Buchenwald: „Hier gab es 278.000 Gefangene, 56.000 haben nicht überlebt, aber unter dieser Zahl kann man sich nichts vorstellen.“ Spricht sie mit Jugendlichen, hat sie das Foto ihres Großvaters mit seinen Haftunterlagen und seiner Wiedergutmachungsakte dabei: „Ich hoffe, einzelne Teenies anregen zu können, sich Gedanken zu machen, was auch heute falsch läuft.“
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30 waren beide zu Jung irgend eine Schuld auf sich geladen zu haben …..wir und unsere Kinder gleich gar nicht ! Ich habe mit meinem Enkel Buchendwald besucht, als er alt genug war das zu verstehen. Meine Art der Erinnerung weil gegen Kieg und Völkermord bin. Damit soll’s aber auch langsam gut sein wenn z.B Jugendliche als schulische Pflichtveranstaltung eine Gedenkstätte besuchen wie es in der DDR war, nur das uns verschwiegen wurde, dass Buchenwald nach 45 als Internierungslager der Russen diente.
Damit ich richtig verstanden werde, mein Auffassung zur „Vergessensindusrtrie“ die über mangelnde Geldfüsse klagt, will die Verbrechen der NS Zeit keinesfalls relativieren……
Unsere Nachfahren müssen politisch neutral gebildet werden . Da wird auch nichts vergessen. Auch nicht die NS Zeit.
MfG a d Erf. Rep.
das Gedenken möchte bitte nie aufhören.
Ich weiss z.B. jetzt noch "333 Issos Keilerei", obwohl ich damit herzlich wenig zu tun hatte.
Was ich alle, vielleicht ob der "Schuld" Müden, bitte, ist, sich klarzumachen, dass im 3. Reich Menschen, deutsche Familien und europäische Familien ermordet wurden nur aufgrund der "Bezeichnung" "Juden".
Diese Leute hatten kaum eine Chance, irgendwohin zu gehen!
Sie saßen in der Falle, gerade weil sie seit Jahrhunderten in Europa lebten.
Je länger ich nachdenke, desto mehr schüttelt es mich.
Wehrlose, hilflose Menschen, das kann man wohl niemals erklären...
Finanzielle Hilfen, auch persönliche sind doch wohl das Wenigste!
Ministerpräsident Wüst besuchte kürzlich das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.
Ich gehe davon aus, dass dieser Artikel aufrütteln wird.
Danke
Ihnen und mir ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Schule noch etwas beigebracht wurden. Bei Ihnen ist’s die Issos Keilerei um 333 und bei mir der Bauernkrieg 1524/25 auch weil Münzer wenige Kilometer von meiner Heimat in der Münzer Stadt Mühlhausen hingerichtet wurden ist.
Und klar ist auch, Geschichtszahlen müssen „gepaukt“ werden, was heut zu Tage als antiquiert abgekanzelt wird…… aber, letztlich etwas mit Allgemeinbildung und vor allem Geschichtsbewusstsein zu tun hat.
MfG a d Erf. Rep.
auch mit VERANTWORTUNG, wie eines meiner Kinder mir gestern noch einmal einschärfte.
in dem Sinne, die "autochthonen" Deutschen hätten doch auch nicht weggekonnt?
Das stimmt, aber sie hatten die Wahl, NICHT ZU MORDEN.
Deshalb ist mir für die heutige Debattenkultur vor allem wichtig, jenseits aller "Ideologie" oder "Schwurbelei", alternative Handlungsspielräume aufzuzeigen oder aufzumachen.
Las heute über MSN, Gabriel hätte gesagt, natürlich würde in unsere Sozialsystem auch eingewandert.
Insgesamt klang das ganz akzeptabel, was er zu sagen hatte.
Die SPD muss m.E. wieder breiter zu hören sein, um auch wahrgenommen zu werden?
Leute, wir leben in der Moderne...
Ich glaube an uns
