Britischer Polizist mit Helm in Uniform; unsicherer Vorschlag: weitere Personen im Hintergrund. Foto.
Polizist vor 10 Downing Street / picture alliance / NurPhoto | Seiya Tanase

Epstein und die Briten - Und plötzlich bebt das Land

In Großbritannien erschüttern die Epstein-Akten Regierung und Königshaus zugleich. Sogar Prinz William sieht sich inzwischen Fragen ausgesetzt. Nun bemühen sich Downing Street 10 und der Palast um Schadensbegrenzung – mit begrenztem Erfolg.

Autoreninfo

Christian Schnee studierte Geschichte, Politik und Public Relations in England und Schottland. Bis 2019 war er zunächst Senior Lecturer an der Universität von Worcester und übernahm später die Leitung des MA-Studiengangs in Public Relations an der Business School der Universität Greenwich. Seit 2015 ist er britischer Staatsbürger und arbeitet als Dozent für Politik in London.

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Es ist eine Geschichte von Gier und Lüge – Eigenschaften, die nicht nur geduldet und akzeptiert werden, sondern längst als selbstverständliche Umgangsformen unter jenen gelten, die sich zur politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes zählen. So beschrieb der Satiriker und Chronist Anthony Trollope die feinen Londoner Kreise in den 1870er Jahren des 19. Jahrhunderts. Er prangerte die moralische Verkommenheit hinter der pompösen Fassade der vornehmen Familien an. Für die Reichen und Mächtigen der viktorianischen Gesellschaft hatte Trollope in seinem Roman „Umwälzungen“ nur Verachtung übrig.

150 Jahre sind seitdem vergangen. Geblieben sind die Mächtigen – und ihre Schwächen. Es sind die Zirkel der Finanzinvestoren und Geschäftemacher, der Reichen und Privilegierten, der politischen Strippenzieher, der Händler gegenseitiger Gefälligkeiten. Es ist die Welt von Lord Peter Mandelson, der nach Skandalen zweimal sein Kabinettsamt in der Regierung von Tony Blair verlor. In beiden Fällen ging es um Geld und Vorwürfe persönlicher Vorteilnahme. Der politische Fixer und Stratege zeigte wenig Interesse an moralischen Skrupeln und verlor sich nicht lange in Gewissensfragen. 

„Fuck off“ war seine Antwort

Mehrfach gelang Mandelson das Comeback. Selbst seine Freundschaft mit dem amerikanischen Finanzinvestor Jeffrey Epstein, die dessen erste Verurteilung als Sexualstraftäter überdauerte, schien er politisch zu überstehen. „Fuck off“ war seine Antwort, als Journalisten der Financial Times Anfang 2025 nach seinem Verhältnis zu dem Milliardär fragten, der Minderjährige für Sex an seine Freunde vermittelte. Das Interesse an ihm und Epstein sei eine „Obsession“.

„Ich halte große Stücke auf Dich“, schrieb Mandelson seinem „besten Freund“ Epstein einst und ermunterte ihn nach einer Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs, „für eine frühe Haftentlassung“ zu kämpfen. Die Beziehung der beiden Männer kostete Mandelson im September vergangenen Jahres seinen Posten als britischer Botschafter in Washington. Inzwischen hat er auch seinen Sitz im Oberhaus verloren und ist aus der Labour-Partei ausgetreten.

Doch die Ereignisse der vergangenen Tage beenden nicht nur Mandelsons Karriere. Anfang der Woche schien es, als könnte Premierminister Keir Starmer selbst über den Skandal stürzen. Abgeordnete der Labour-Fraktion zweifelten, ob der Regierungschef den Fall politisch überstehen könne. Nach seiner Wahl 2024 hatte Starmer sich bewusst für Mandelson als Botschafter in Washington entschieden – obwohl dessen Epstein-Kontakte längst bekannt waren. Er wollte nicht auf die Fähigkeiten des ehemaligen Fernsehjournalisten verzichten, der in den 1990er Jahren als gerissener Spin-Doktor galt und Blair zu einem fulminanten Wahlsieg verhalf.

Als graue Eminenz in Downing Street 10 blieb Mandelson jahrelang einflussreich. Über seine Macht wurde gemunkelt, sein Zynismus galt als Markenzeichen. In der Labour-Fraktion sorgte er für Empörung, wenn er erklärte, er finde es „in Ordnung, dass Menschen stinkreich werden“ – solange sie Steuern zahlten. Freunde wie der russische Oligarch Oleg Deripaska, auf dessen Yacht im Mittelmeer Mandelson urlaubte, konnten mit einem solchen „Linken“ gut leben. „Der Prinz der Dunkelheit“, so der Titel seiner Autobiographie, erschien Starmer offenbar als geeigneter Mann für das Washington eines Donald Trump. Ein Fehler, den ihm viele in den eigenen Reihen nicht verzeihen.

Sogar Prinz William sieht sich Fragen ausgesetzt

Szenenwechsel: Während Starmer um seine politische Zukunft ringt, posiert Prinz William im saudi-arabischen At-Turaif. Der Besuch des Unesco-Weltkulturerbes bei Riad gehört zum Programm seiner Delegationsreise. Ursprünglich hatten sich seine Diplomaten gesorgt, ein Treffen mit Kronprinz Mohammed bin Salman könne wegen der Menschenrechtslage Kritik auslösen. Doch bei der Landung der Regierungsmaschine stand ein anderer Skandal im Raum: der Fall Epstein.

In Unterlagen des amerikanischen Justizministeriums fanden sich Nachrichten, wonach sich Epstein dem saudischen Kronprinzen als „Vertrauter“ und Finanzberater angeboten hatte. Dennoch wurde der Besuch nicht verschoben, keine Termine hinter verschlossenen Türen verlegt, kein klärendes Statement abgegeben. Es ging um Investitionen und Handel zwischen den beiden Königreichen – strategische Partnerschaft in geopolitisch unsicheren Zeiten.

Auch Prinz William sieht sich inzwischen Fragen ausgesetzt. In den Epstein-Akten taucht der Name eines Gründungsmitglieds und Geldgebers des Earthshot-Preises auf, Williams Umweltinitiative. Der Fokus der Empörung richtet sich jedoch stärker auf Prinz Andrew. Noch zwei Jahre nach Epsteins Verurteilung empfing er den Milliardär in Begleitung einer jungen Rumänin im Buckingham-Palast. Beobachter fragen, warum die königliche Familie ihn nicht früher stoppte. War es vorsätzliches Wegsehen?

Gegenseitige Gefälligkeiten inklusive

Der Ansehensverlust des Hauses von König Charles III. ist inzwischen bei öffentlichen Auftritten spürbar. Zwischenrufe begleiten königliche Visiten. Demonstranten fordern Stellungnahmen. Erst als kompromittierende Fotos und Dokumente die Monarchie selbst bedrohten, entzog Charles seinem Bruder Titel, militärische Ehren und das Wohnrecht in der Loyal Lodge in Windsor. Aus Prinz Andrew wurde Mr. Andrew Mountbatten-Windsor – gesellschaftlich isoliert.

Dass die Affäre in Großbritannien so weite Kreise zieht, hängt mit der engen kulturellen und wirtschaftlichen Verbindung zwischen London und New York zusammen. Auch Ghislaine Maxwell, Tochter des Medienmagnaten Robert Maxwell, gehörte zum britischen Jetset beiderseits des Atlantiks. Nähe zu Epstein galt als Statussymbol. „Nur Loser“ fänden sich nicht in seinem Mailverkehr, erklärte Lady Victoria Hervey. Freundschaften in diesen Kreisen folgen oft strategischer Logik – gegenseitige Gefälligkeiten inklusive.

Nun bemühen sich Downing Street 10 und der Palast um Schadensbegrenzung – mit begrenztem Erfolg. Zwar engagiert sich Königin Camilla öffentlich für Opfer sexueller Gewalt, doch Andrew bleibt weiterhin Achter in der Thronfolge. „Dafür hat niemand im Land Verständnis“, sagt Peter Hunt, früherer Korrespondent der BBC. Worte reichten nicht mehr aus; es brauche Taten.

Schaden für die Institutionen 

Der Vergleich mit der Profumo-Affäre liegt nahe. 1963 musste Kriegsminister John Profumo zurücktreten, nachdem er das Parlament über seine Affäre mit Christine Keeler belogen hatte. Der Schaden für die Institutionen war erheblich.

Heute warnen Politiker wie Ed Davey vor einem ähnlichen Vertrauensverlust. Starmer war angetreten, um Anstand zurückzubringen. Nun droht die Frustration mit der etablierten Klasse neue Dimensionen zu erreichen. Rechtspopulisten um den EU-Gegner Nigel Farage profitieren bereits davon. Erstmals seit mehr als hundert Jahren führt ein Herausforderer in Umfragen vor den etablierten Parteien. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales in zwei Monaten wird ein politisches Erdbeben erwartet.

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Walter Buehler | Sa., 14. Februar 2026 - 20:56

ist offensichtlich manchmal verheerend.

Lord Mandelstam, vor Zeiten ein einfacher Fernsehjournalist, galt für die hohe Labour-Politik als gerissener Spin-Doktor, weil er einmal Blair zu einem fulminanten Wahlsieg verholfen hatte.

Ja, es gibt sie manchmal, die schrecklich unheilige Allianz zwischen bösartigen Journalisten und dummen und "blinden" Politikern.

Man kann lange darüber nachsinnen, wer mehr zur Zerstörung der Demokratie beiträgt, solche Politiker oder solche Journalisten.

Die Unterhaltungsindustrie und die Medienwelt haben allzu oft keinen guten Einfluss auf die Politik.

Da hilft nur eins: God save the king!