Politischer Diskurs - Weniger Hysterie und mehr Differenzierung bitte

Kolumne: Grauzone. Dieses Land kultiviert eine neue Borniertheit. Es wird lieber diffamiert statt diskutiert, entweder von Horrorszenarien gesprochen oder Dinge schöngeredet. Genau das erzeugt erst die Ressentiments, die es zu bekämpfen gilt. Es wird Zeit, rhetorisch abzurüsten

Pegida-Demonstranten versammeln sich im Dezember in Dresden
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Noch ist das Jahr jung, noch ist es nicht zu spät für ein paar Neujahrswünsche. Denn das neue Jahr, so hat man den Eindruck, knüpft unmittelbar da an, wo das alte aufgehört hat. Also bei Aufregung, Tumult und Hysterie.

Das hat natürlich Ursachen: Die Lage in der Welt ist alles andere als beruhigend. Im Nahen Osten nimmt das Desaster unaufhaltsam seinen Lauf. In Ostasien schwelt derweil ein Dauerkonflikt. Die wirtschaftliche Situation Chinas ist schwierig. Vielleicht können die Planwirtschaftler in Peking das hausgemachte Krisentableau mit zusätzlichen Milliarden noch einmal in den Griff bekommen. Doch der Crash ist unvermeidlich. Folgen: verheerend.

Und auch in Europas unmittelbarer Nachbarschaft sieht es wenig verheißungsvoll aus: In Nordafrika zerbröselt die staatliche Ordnung ebenso wie südlich der Sahara. In der Türkei herrscht eine nationalistisch-islamische Regierung, die zur Beruhigung der Situation wenig beiträgt. Russland spielt sein Spiel um Einflusssphären in Syrien und in der Ukraine. Weitere Flüchtlinge werden kommen.

Derweil driftet die EU auseinander. In Polen und Ungarn regieren nationalistische, ultrakonservative Regierungen. In Südeuropa stellen linke Bewegungen notwendige Reformprozesse infrage. Die Probleme in Griechenland sind ungelöst. In Frankreich klopft der Front National an die Tore zur Macht. Und bei einem Austritt der Briten aus der EU droht ein Super-Gau, der unabsehbare Zentrifugalkräfte freisetzen kann.

Da ist es eigentlich auch schon egal, dass in den USA ein Wahlkampf mit erheblichen Risiken tobt und die 2008er Finanzkrise immer noch weiter schwelt.

Emotional und voreingenommen
 

Kurz: Die Lage ist ungemütlich. Da wäre es wünschenswert, wenn hierzulande ein politischer Diskurs kultiviert würde, der sachlich ist und ideologisch unvoreingenommen, Dinge weder schönredet noch Horrorszenarien malt und sich von veralteten Denkschablonen verabschiedet. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Es herrscht ein Klima von Engstirnigkeit – in allen politischen Lagern. Offensichtliche Probleme werden nicht benannt, weil sie ideologisch nicht genehm sind, kritische Einwände werden überhört oder gleich diskreditiert. Manchmal hat man den Eindruck, eine ganze gesellschaftliche Kaste verbarrikadiert sich hinter lieb gewordenen Gesinnungsphrasen.

Diese neue Borniertheit verhindert nicht nur, dass die Probleme, die dieses Land zu bewältigen hat, mit Nachdruck angegangen werden, sondern erzeugt zudem erst jene Ressentiments, die zu bekämpfen sie vorgibt – mit gefährlichen innenpolitischen Folgen.

Von der Fähigkeit, zu differenzieren
 

Wie wäre es, im neuen Jahr rhetorisch abzurüsten und anstelle von Pauschalisierungen auf das differenzierte Denken zu setzen? Differenzieren bedeutet Unterscheiden. Und das Unterscheidungsvermögen, das wusste schon Aristoteles, ist eine intellektuelle Grundfähigkeit.

Also: Nicht jeder, der Angst vor einem kulturellen Identitätsverlust hat, ist ein Rechtsradikaler. Und nicht jeder, dem angesichts moderner Völkerwanderungen ein ungutes Gefühl beschleicht, ist ein Rassist.

Desgleichen gilt: Nicht jeder Muslim ist ein Islamist oder gar Terrorist. Nicht jeder Mohammedaner möchte das Abendland islamisieren und unterjochen. Und nicht jeder Pegida-Demonstrant ist eine verführte oder sonst wie limitierte Dumpfbacke.

Das bedeutet auch: Nicht jeder Befürworter einer pluralistischen, offenen Gesellschaft ist ein vertrottelter Gutmensch und nicht jeder Nationalkonservative gleich ein Nazi.

Zudem ist nicht jeder Kritiker der Genderpolitik homophob. Nicht jeder, der sich gegen Quotierungen ausspricht, ist misogyn. Und im Übrigen: Nicht jeder Politiker ist inkompetent, abgehoben und nur an der eigenen Karriere interessiert.

Für den inneren Frieden
 

Das alles ist sowieso klar und selbstverständlich? Stimmt. Nur leider halten wir uns nur allzu selten an diese Binsenweisheiten. Statt zu diskutieren wird lieber diffamiert. Statt zu versuchen, den anderen zu verstehen, wird niedergemacht und moralisch abgeurteilt. Das gilt nicht nur für die sozialen Netzwerke.

Auch die traditionellen Medien spielen bei diesem Spiel eine nicht immer rühmliche Rolle. Statt neutral zu berichten, wird bewertet und Stellung bezogen. Das ginge vielleicht noch, wenn diese Bewertung ausgewogen wäre und vielstimmig. Doch das ist sie häufig nicht.

Offene Gesellschaften leben davon, dass man einander zuhört und den anderen ernst nimmt, auch wenn man seine Ideale oder seinen Lebensstil nicht teilt. Pauschalverurteilungen helfen nicht nur nicht weiter, sie blockieren eine Gesellschaft und machen sie handlungsunfähig. Zudem gefährden sie den inneren Frieden. Und der ist in diesen Zeiten ein hohes Gut.

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