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Sind die Warteschleifen die wahren Mußeorte unserer Zeit? / picture alliance

En Passant - Achtsam in der Warteschleife

Schon seit der Erfindung der Eisenbahn glauben wir, dass Geschwindigkeit krank macht. Mit Yoga, Waldbaden und Achtsamkeitsübungen wollen wir im Moment leben. Doch das Geschäft im Hier und Jetzt boomt gerade deshalb so, weil es so schnell ist

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

So erreichen Sie Sophie Dannenberg:

Neulich im Biosupermarkt. Eine ältere Dame bat um eine zweite Kasse, und der etwas jüngere Herr hinter ihr beschwerte sich halblaut beim Kassierer: „Traurig, dass die Leute gar keine Muße mehr haben …“ Er guckte dabei yogamäßig-passiv-aggressiv.

Wir glauben ja schon lange, dass Geschwindigkeit krank macht. Mit der Erfindung der Eisenbahn zum Beispiel, die damals eine sagenhafte Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 30 km/h erreichte, warnten Experten vor der sogenannten „Eisenbahnkrankheit“, vor der „Reizung gewisser Nervenzentren im Gehirn oder Rückenmark“. Dagegen sollte, neben Brom und kalten Abreibungen, Waldeinsamkeit helfen.

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Christa Wallau | Fr, 11. Oktober 2019 - 15:38

Sie sind vielmehr der Ausdruck einer auf Gewinnmaximierung getrimmten Wirtschaftsgemeinschaft, die sich "Dienstleistungsgesellschaft" nennt, aber alles andere ist als dies.
Mit Muße und Entspannung hat das reale Warten
vor einem Gemeindebüro, wo man eine Nummer ziehen muß, oder in einer telefonischen Warteschleife absolut nichts zu tun.
Es ist lediglich Ausdruck einer menschenunfreundlichen Entwicklung, die immer mehr konkrete Bedienung durch Selbstbedienung und automatisierte Vorgänge ersetzt.

Dann sitzen zumindest wir beide in einem Boot, liebe Frau Wallau.
"Wenn Sie das... dann drücken Sie die eins. Wenn Sie jenes... dann drücken Sie die zwei. Im Moment sind alle Mitarbeiter im Gespräch. Bitte versuchen Sie es später noch einmal." Tut. Tut. Ende des "Gesprächs". Mein Mann hat da schon längst kapituliert. Ich habe da - leider - eine stoische Sturheit entwickelt, um durchzukommen. --
Nächste Woche darf ich auch wieder eine Nummer ziehen. Kfz-Ummeldung.

Ich wünsche trotzdem ein schönes Wochenende.

Anruf bei der Versicherung, ich habe eine Frage.
- Wollen Sie Ihren Vertrag wechseln? Drücken Sie die 1
- Wollen Sie einen neuen Vertrag abschließen? Drücken Sie die 2
- Haben Sie Fragen zu einem bestehenden Vertrag? Drücken Sie 3
- Haben Sie sonstige Fragen? Drücken Sie die 4
Ich drücke die 4. Ein Band läuft mit schöner Musik und dann der Hinweis, dass alle Mitarbeiter im Gespräch sind und ich besser später anrufen soll oder mich auch mittels Email oder Internet schlechthin auf der Website melden kann.
Ich gehe auf die Website, auch dort die gleichen Fragen und die gleichen Optionen bis mir ein Emailkonto zugewiesen wird und ich meine Versicherungsnummer angegeben habe, falls ich eine habe. Dann ein Abgleich all meiner Daten. Nein.
Für eine einzelne Frage nach dem Verbleib meiner Rechnung verbrachte ich 35 Minuten an Handy und Internet. Ging letztlich in die Kreisstadt zum Versicherungsbüro, sah einem Menschen in die Augen. Kurz mein Name, ein nettes Lächeln und schon wusste ich es.

Bernd Muhlack | Fr, 11. Oktober 2019 - 17:46

Die wunderschöne Roboterstimme:

"Hallo, vielen Dank für Ihren Anruf. Bitte nennen Sie mir ihre Kundennummer!"
1418-0815
"Viel Dank! Korrekt! Bitte nennen Sie mir ein Stichwort bzgl. Ihres Problems!"
"Error 404"
"Ich habe Sie leider nicht verstanden!"
"Irrtum 404"
"Ich habe Sie leider nicht verstanden!"
"Fehler 404, Internet..."
"Ich habe Sie leider nicht verstanden!"
"Das ist doch hier der letzte Sche….!"
"Vielen Dank, ich habe Sie verstanden. Zurzeit sind alle Mitarbeiter im Gespräch, bitte haben Sie etwas Geduld! Mit welcher Art Musik dürfen wir Sie zwischenzeitlich unterhalten?"
"Hardrock!"
"Ich habe Sie leider nicht verstanden!"
……………...

("Haben Sie etwas dagegen, wenn wir das Gespräch zu Ausbildungszwecken aufnehmen?
Ihre Antwort interessiert uns einen Dreck, wir machen das sowieso!)