Empörung in den sozialen Medien - Wie sich die Pöbelspirale etabliert

Kolumne: Grauzone. Shitstorms funktionieren, weil der Mensch auch in der Netzgemeinschaft dazu gehören will. Mit diesem Bedürfnis bildet sich im Digitalen ein Rudel, das mit brutalem Ton Entrüstung erzeugt. Es ist wie die Schweigespirale, nur umgekehrt

Undatiertes Foto von Cecil, einer der berühmtesten Löwen in Zimbabwe, der von einem US-Mann erschossen wurde
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Keiner ist vor ihm sicher, weder Konzerne noch Prominente oder Privatpersonen. Und inzwischen vergeht kaum eine Woche ohne ihn: den Shitstorm.

Angefangen hat alles vor Jahren mit Unternehmen. 2005 erwischte es den Computerhersteller Dell, 2010 den Konzern Nestlé, 2012 die Bank ING DiBa und ihren Werbepartner Dirk Nowitzki.

So gerieten zunehmend Prominente ins Visier der Empörten, etwa sich ungeschickt äußernde Popsternchen oder Sportler. Vor drei Wochen erwischte es dann sogar die Bundeskanzlerin, nur wenige Tage nachdem der Kabarettist Dieter Nuhr für einen veritablen Entrüstungssturm gesorgt hatte.

Aber auch Privatpersonen werden verstärkt Opfer globaler Erregungswellen. Der prominenteste Fall war sicher derjenige der PR-Managerin (!) Justine Sacco. Im Dezember 2013 twitterte sie munter kurz vor ihrem Abflug nach Südafrika: „Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white“. Als sie ein paar Stunden später landete und ihr Smartphone wieder anschaltete, hatte sich ihr Leben grundlegend geändert. Dass sie ihren Job los war, war dabei noch das Harmloseste.

Medienkompetenz bei Selbstvermarktung
 

Letzte Woche sorgte der Zahnarzt Walter James Palmer aus Minnesota für weltweite Empörung. Mit wenig waidgerechten Mitteln hatte er einen bekannten Löwen („Cecil“) in Simbabwe erlegt. Mordaufrufe gehörten noch zu den gemäßigten Reaktionen, die kurz darauf das Netz fluteten.

Zur Entschuldigung der Netzgemeinde kann man allerlei vortragen. Zum Beispiel, dass Weltkonzerne keine hilflosen Opfer sind. Eine gute Marketingabteilung sollte jeden Shitstorm parieren können. Außerdem gilt noch immer der alte Marketingspruch: „There’s no such thing as bad publicity.“

Auch Politiker und von PR-Beratern umschwirrte Prominente sollten als Personen des öffentlichen Lebens einiges wegstecken können – zumal es genau diese Öffentlichkeit ist, die ihnen zu Ruhm und Geld verhilft.

Heikel wird es bei Privatpersonen. Allerdings gilt hier: Medienkompetenz ist nicht nur etwas für Jugendliche. Medienkompetent sollten auch Erwachsene sein. Nicht jeder lose Spruch, den man unter seinen besten Kumpels nach einer Flasche Wein klopft, gehört auf Twitter. Und dass man sich nicht öffentlich damit brüstet, den Lieblingslöwen aller Löwenliebhaber auf halblegale Weise ins Jenseits befördert zu haben, sollte auch klar sein.

Zudem gilt: Die Möglichkeit, Fragwürdiges öffentlich zu machen, ist ja erst einmal lobenswert. Doch leider: Die Gehässigkeit dieser Kampagnen zeigt, dass es hier nicht um den Kampf gegen Missstände geht, sondern darum, Menschen niederzumachen und Recht zu behalten. Vor allem aber darum, jemanden zu verurteilen und inquisitorisch abzustrafen.

Rudelbildung im Digitalen
 

In seiner Analyse der Motive des tobenden Mobs verweist Dieter Nuhr in der FAZ auf mittelalterliche Hexenprozesse. Der Delinquent werde der digitalen Vernichtung anheim gegeben, nicht um Meinungsäußerung ging es, sondern um Meinungshoheit.

Stimmt ja alles. Doch erklärt diese Einordnung noch nicht, weshalb Shitstorms überhaupt funktionieren. Warum bauen sich Einzelmeinungen zu Massenbewegungen auf? Wie kommt es, dass vereinzelte Individuen sich zu einer Horde tobender, gehässiger Rechthaber zusammenfinden?

Dass Bösartigkeit und Brutalität verstärkt durch die Anonymität und Distanz digitaler Kommunikation zunehmen, ist nicht überraschend. Interessanter ist die Rudelbildung. Sie ist nichts anderes als die Umkehrung der Schweigespirale – die Pöbelspirale.

Die Theorie der Schweigespirale der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann basiert auf zwei Grundannahmen. Erstens: Menschen haben eine angeborene Isolationsfurcht, sie wollen „dazu gehören“. Deshalb – zweitens – neigen Gesellschaften zur Ausbildung eines offiziellen Konsensus.

Konformitätsdruck mit hartem Ton
 

Haben Menschen aufgrund der politischen Berichterstattung das Gefühl, zur Minderheit zu gehören, ziehen sie sich in sich selbst zurück. Ihre Kommunikationsbereitschaft schwindet, ihre Ansichten behalten sie für sich. Damit sinkt in der Öffentlichkeit die Präsenz der betroffenen Meinung und verstärkt den Effekt – die Schweigespirale dreht sich.

Das funktioniert auch umgekehrt, insbesondere in sozialen Netzwerken. In seinem Bedürfnis „dazu zu gehören“, antizipiert das digitale Herdentier die herrschende Meinung. Seine Kommunikationsbereitschaft steigt, die als opportun empfundene Ansicht wird zum Besten gegeben. Damit steigt deren Präsenz in den sozialen Netzwerken, immer ehr schließen sich ihr an, der Ton wird härter, der Konformitätsdruck steigt weiter: Die Pöbelspirale kommt in Gang.

Ein Gegenmittel wäre Selbstdisziplinierung aufgrund eigener Einsicht. Da die Erfahrung jedoch lehrt, dass der Mensch für ein Mindestmaß an Zivilisiertheit Autoritäten nötig hat, wird sich das Internet früher oder später in eine von Medienkonzernen regulierte und zivilisierte Zone verwandeln. Und das Traurige ist, dass man darüber auch noch froh sein wird.

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