Copy-Paste-Journalismus - Ekelhafte Gruppenpraxis

Es ist fast ein bisschen Schadenfreude, mit der die Medien gerade über Bundesbildungsministerin Annette Schavan herfallen. Dabei ist auch der Journalismus von einer unsäglichen Abschreiberitis befallen

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(picture alliance) Wo in rauen Mengen kopiert wird, sollte lieber entsorgt werden

Am 28. Juli 2011 berichtete Spiegel Online, dass Ehemänner ein deutlich höheres Bruttoeinkommen erzielen als Junggesellen mit den gleichen Bildungsvoraussetzungen. „Warum Verheiratete mehr Geld verdienen“ – so der Titel des Artikels, der die Ergebnisse einer US-Studie unter rund 16.000 Baseballspielern zusammenfasste.

Das Problem: Die Geschichte war geklaut – aus dem Handelsblatt des Vortages. Zwar verwies der Autor in einem Nebensatz auf die Fundstelle. Doch der kopierte Text war nicht einfach nur eine Kurznachricht, sondern ein längerer Beitrag mit sieben Absätzen. Zudem tauchten darin mehrere Formulierungen auf, die mit der Originalversion nahezu identisch waren. Die Handelsblatt-Redaktion dokumentierte die Fehltritte des Konkurrenten akribisch: „Die journalistische Eigenleistung des Kollegen beschränkte sich darauf, einen Faktenfehler in seinen Text einzubauen.“

Dabei hatte das Handelsblatt nur wenige Wochen zuvor seinen eigenen Abschreibskandal: Die Praxis des designierten Online-Chefs flog im Mai 2011 auf. Im Interview mit der Süddeutschen, von der der Redakteur mehrfach geklaut hatte, räumte der Handelsblatt-Mann seine Fehler schließlich ein.

Zwei Fälle, die zeigen: Im Journalismus geht es längst nicht so sauber zu, wie die Urheber so manch polemischer Schavan-Kritik dieser Tage gern suggerieren. Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis und jetzt die Bundesbildungsministerin – jeder dieser Fälle, von Plagiatsjägern im Internet aufgedeckt, wird von Journalisten ausgeweidet. Das bringt Quote – und ist ja auch legitim. Die Medien dürfen das nicht nur, sie sollen sogar.

Nur: Dass die fleißigsten Kopisten oft in den Redaktionen – und nicht nur in den Universitätsbibliotheken – sitzen, wird gern unter den Teppich gekehrt. Etwa bei Spiegel Online. Da hieß es unter dem Artikel lediglich, man habe „die Ursprungsmeldung aus dem ‚Handelsblatt‘ und das PDF der Originalstudie verlinkt“. Ein Eingeständnis, gar eine Entschuldigung sucht man hier vergeblich.

Tatsächlich ist der Grat zwischen der (erlaubten) Verbreitung von Tatsachen und der (verbotenen) Übernahme eines Werkes nirgendwo schmaler als im Journalismus. Es ist in der Branche zum Beispiel völlig üblich, bereits veröffentlichte Fakten zu einer lesenswerten Erzählgeschichte zu verweben. Würde der Autor für jedes recherchierte Einzelstück die Fundstelle nennen, wäre der Text nicht mehr genießbar, ein Wust an Quellenangaben. Journalismus bedient sich aus Bekanntem, Erzähltem, bereits Gemeldetem. Das war seit Jahrhunderten so, und daran ist auch nichts einzuwenden.

Die erlaubte Weiterverbreitung gerät aber dann in eine Grauzone, wo aus aufwendig recherchierten Exklusivgeschichten schnelle Berichte gestrickt werden, ohne etwa im Netz einen Link zu setzen oder auf die Nachrichtenagentur hinzuweisen. Das ist gerade bei Printmedien üblich: Sie zahlen für das Abonnement der Agentur, weshalb sie eine Nennung von dpa, dapd, Reuters, AFP oder anderen Diensten häufig nicht für nötig erachten.

Seite 2: Subtile Tricks: ein Halbsatz hier, eine Idee da

Schlimmer ist es noch, wenn die beklauten Urheber nicht an den Einnahmen beteiligt werden, die die Verbreitung des übernommenen Textes im eigenen Angebot einspielt. Das ist nicht nur unfair gegenüber den ehrenamtlichen Autoren und Bloggern im Netz, sondern auch gegenüber denjenigen, die mit kreativer Leistung ihr Geld verdienen wollen. So hätte sich der freischaffende Verfasser des Handelsblatt-Beitrags zu den reichen Ehemännern sicher über ein Zweitabdruck-Honorar gefreut.

Die erlaubte Weiterverbreitung endet ganz sicher dann, wenn nicht nur Fakten neu aufgearbeitet oder anders interpretiert werden, sondern wenn fremde Sätze, Gedanken oder Schlussfolgerungen eins zu eins übernommen werden.

Eine solche Dreistigkeit erlaubte sich etwa die Badische Zeitung im März 2011. Der Text über nervende Schwiegermütter war keine geistige Schöpfung, sondern ein zusammengebasteltes Stückwerk, das sich munter bei Spiegel, Focus und dem Berliner Tagesspiegel bediente, wie der Blogger Rudi Raschke auflistet. Die Badische Zeitung löschte den Artikel daraufhin aus ihrem Onlineangebot – und zog nach eigenen Angaben „personelle Konsequenzen“.

[gallery:Karl-Theodor zu Guttenberg – Aufstieg und Fall eines Überfliegers]

Der Fall mag in seiner extremen Form sicherlich eine Ausnahme im Journalismus sein. Manchmal sind die Tricksereien aber viel subtiler – ein Halbsatz hier, eine Idee da. Oder eine verwaschene Übersetzung aus einem ausländischen Leitmedium. Manchmal wird die Übernahme gekennzeichnet, um nach Zitatende umso hemmungsloser abzuschreiben zu können; schließlich hat man seine Pflicht ja erfüllt. Am Ende ist dann für niemanden mehr sichtbar, woher die Textteile tatsächlich entnommen wurden.

Die Beschleunigung der Nachrichten-Industrie im Internet hat der Copy-and-Paste-Unsitte zweifellos zu neuen Höhenflügen verholfen. Die Erkenntnis etwa, dass sich Journalisten großzügig bei Wikipedia informieren und von dort auch gern abschreiben, ist ausgerechnet dem Oberplagiator Karl-Theodor zu Guttenberg zu verdanken: Am Abend vor seiner Ernennung zum Bundeswirtschaftsminister 2009 nämlich fügte ein Wikipedia-Autor den zehn Vornamen des Barons einen elften hinzu. Am nächsten Tag übernahmen zahlreiche Medien den Falschnamen, darunter Bild, Spiegel Online, Handelsblatt und Süddeutsche Zeitung, sogar mehrere TV-Sender.

Im Extremfall läuft die journalistische Verwertungskette dann so: Ein Redakteur einer Nachrichtenagentur oder eines Onlineportals kopiert unter extremem Zeitdruck einen Artikel aus Wikipedia zusammen. Das Material erscheint dann ohne Fundstellenangabe in einer gedruckten Zeitung. Schließlich freut sich der Wikipedia-Autor, dass er eine Quelle gefunden hat.

So werden aus Fantasien Fakten. Ein Plagiate-Kreis, ein „Circle Jerk“. Im Englischen bezeichnet das übrigens eine sinnlose Gruppenanstrengung oder Zeitverschwendung und – so etwa das „Online Slang Dictionary“ – Männer, die sich im Kreis zum Masturbieren aufstellen. So etwa läuft es beim Plagiieren im Journalismus: Alle machen mit, keiner verrät etwas, und am Ende sind alle befriedigt. Na schönen Dank auch!

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