Bücher des Monats - Eintritt ins persönliche Posthistoire

Wie Durs Grünbeins neuer Gedichtband dessen bisheriges Werk im großräumigen Selbstzitat wiederholt – und dabei sich selbst wie leider auch den Leser erschöpft

1888, September. Ein Mittvierziger, geplagt von Welt- und Kopfschmerz, erwägt, seine verstreuten Gedanken-Notate zu sammeln. Auch einen Titel hat der große Unzeitgemäße schon parat: «Weisheit für Übermor­gen» – darunter geht’s bei Friedrich Nietzsche nicht.

2007, September. Ein anderer Mittvierziger, ein «Mensch, im Jahrhundert verirrt wie im Wald», versammelt seine neueste Dichtung. Und auch dieser Unzeitgemäße übergibt seine lyrische Flaschenpost an die «Zeit, die gezeitenhafte». Was darin auf über 200 Seiten von Leid und Leben der Sterblichen gesungen wird, das sind, so verspricht der Titel, «Strophen für übermorgen» – wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt.

Dabei ging es Durs Grünbein seit Mitte der Neunziger doch eigentlich um das Gestern. Das dekadente Rom der Kaiserzeit lieferte Exempla, um dem Spätmodernen den Spiegel vorzuhalten. Überall, so suggerierten diese Gedichte, herrschte das Immergleiche, das Lieben, Schlachten, Sterben, das ewig vergebliche Mühen des trostlosesten aller Geschöpfe. Am Ende der großen Erzählungen, die Trümmer der welterklärenden Ideologien unter den rastlosen Füßen, war Geschichte nicht mehr als sinnvoller, in einem Utopia gipfelnder Prozess zu denken. Ohne innere Ordnung lagen die Zei­ten verstreut auf dem Tableau – das Posthistoire hatte begonnen, die erschöpfte Epoche.


Vers-Baumeister der Gegenwart

Durs Grünbeins letzte größere Gedichtbände, «Nach den Satiren» (1999) und «Erklärte Nacht» (2002), waren gerade in ihrer Versenkung ins Historische, in den «Schlamm Geschichte», wie es nun im neuen Band heißt, kunstvoller Ausdruck jener Erschöpfung. Diese Dokumentationen des Scheiterns menschlicher Entwürfe – ihres Scheiterns am Menschen – sind zugleich und im eigentlichen Sinne konservativ: Als Setzkästen bürgerlicher Bildung stellen sie ein Wissen aus, das der nachbürgerlichen Welt nur noch verstaubte Tradition war. Der Furie der Archivierung die Stirn zu bieten, wurde zur Aufgabe des Unzeitgemäßen, des über dem popkulturellen Gewimmel schwebenden Dichters.

Nun legt Grünbein mit «Strophen für übermorgen» ein aus neuen Gedichten bestehendes Archiv seines bisherigen Schaffens vor, all das Alte ist darin aufgehoben. Noch einmal also inszeniert der Dichter sein Repertoire – seine Themen, seine Topoi, seine Rhythmen – in einer Art Synthese seines Werks. Zentrales Prinzip dieser so gar nicht futuristischen «Strophen» ist dabei die Wie­derholung, die Reprise. Und das heißt auch: Grünbein spielt erneut seine Stärken aus.


Versifizierter Venedig-Baedeker

Dass er, mit bestechendem Gespür für den Klang der Jahrtausende, sowohl klas­sische wie romantische Metren beherrscht, sie mal elegisch seufzend, mal volksliedhaft schaukelnd einsetzt; dass er den Reim derart über­zeugend ungezwungen verwendet, dass die Anstrengung der notorischen Unrein-Reimer unserer Jahre deutlich wird – all dies weist ihn wieder einmal als den Vers-Baumeister der Gegenwart aus. Sein «familiäres Formgefühl / für das Zerstörte» lässt ihn darüber hinaus abermals als scharfsinnigen Chronisten des spätsozialistischen «Zonen-Zoos», jener «Grauzone morgens» figurieren, wie es im Zyklus «Russischer Sektor» heißt.

Doch halt. «Grauzone morgens»? War so nicht schon Grünbeins erster Gedichtband überschrieben? Hat er nicht auch seine DDR-Jugend bereits mehrmals in Szene gesetzt? Und Gedichttitel wie «Kindheit im Diorama» und «Transit Berlin» – hießen so nicht bereits Aufsätze aus den frühen Neunzigern? Grünbeins Selbst-Zitierung hat zweifellos Methode. Und doch: Die Tristesse des sozialistischen Dresden ist wohlbekannt und bereits im Detail vom Dichter selbst bedichtet worden. Ebenso wie «Berlin, das Ungetüm», «Klios Bühne», der Sündenpfuhl auf «märkischem Sand», mal bei Regen, mal bei Sonne und dabei doch immer irgendwie gleich.

Überhaupt die Städte, vor allem Venedig! Mehr als 320 Verse umfassten Grünbeins «Veneziana» im Jahr 1999; der «Venezianische Dreisprung» 2002 kam dem­gegenüber mit 80 Versen recht bescheiden daher. Nun, 2007, bringen es «Venezianische Sarkasmen» immerhin wieder auf 192 Verse. Darin Schlick, Schlamm, Steine und Möwen, der Hiatus zwischen Sein und Schein und das Labyrinthische der Stadt – dies alles war auch schon Goethe, Platen oder Brodsky aufgefallen. Nichts gegen die Wie­derholung des Bewährten – aber muss es denn gleich dreimal sein? Fast scheint es, als lägen hier verschiedene Fassungen eines versifizierten Venedig-Baedeker vor.


Applaus im Opernhaus

Doch liegen die Probleme dieses Bandes im Grunde nicht in der Themenwahl, nicht in den kulturkritischen Platitüden über den Sprachverfall und die Bausünden «der Stahl­beton-, der Plastikzeit», auch nicht im Geraune des verspäteten Schwarzromantikers über die «Nacht in uns» oder in sang-, klang- und bedeutungsleeren Bildungsreminiszen­zen à la «Plinius der Ältere, mit ihm fing vieles an». Die Schwierigkeiten liegen tiefer – in der erlesenen Bildlichkeit der Gedichte beispielsweise, ihrer preziösen Vergleichs- und Metaphernwut.

Allzu häufig wird hier ein Phänomen erst hübsch verpackt ins Gedicht eingelassen: Die Luft ist «alt wie Rom», die Fliegen «kämpfen um ihr Leben / Wie Hektor», und das Flattern der Taube in Manhattan «klingt nach dem Applaus / Im Opernhaus». Was insofern erstaunlich ist, als das «vertraute Wassergeräusch» in Venedig sich wiederum ziemlich ähnlich anhört, nämlich wie «Beifall im Opernhaus».

Dieser Schnitzer ist symptomatisch. Grünbein, einst für seine wirklichkeitssuchende Dichtung gerühmt, hört mittlerweile nur noch Hochkultur in jedem Geräusch. Wenn dann die Probe aufs Unbürgerliche in einem gewollt-koketten Gedicht über die Frage «Was ist Sex?» spätestens in dem Moment grandios misslingt, da dem Dichter die Metapher vom «rosa Abgrund» unterläuft – dann wird dem Leser ganz wie dem Ich dieser Gedichte heiß und kalt zugleich.

Andererseits ist dies Ich das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Band. Häufiger als je sagen Grünbeins Gedichte jetzt «ich», nicht mehr «du» oder gar jenes alle und keinen meinende «man». Und tatsächlich verlieren die Verse zeitweilig alles Gezwungene, wirken sogar herrlich entspannt – so, wenn das Ich plötzlich seine närrischen Salti im «Zirkus Sinnlichkeit» schlägt oder entzückende Dialoge mit Sperling und Eichhörnchen hält, bis es schließlich zum Minnesänger wird und die Liebe als letzte, kaum noch metaphysische Tätigkeit preist. Zugleich aber zweifelt es auch an sich selbst: «Denn da ist etwas, das sich nicht geschlagen gibt, / Wenn wir ins Abseits gehen, ruhig und wählerisch. / Ich habs versucht. Nun ja, wer hat es nicht versucht?»

Wer immer hier spricht, man nimmt ihm ab, was er sagt. Doch geschieht dies in diesem Band leider nur ausnahmsweise einmal; im Übrigen herrschen die altbekannten Routinen der Grünbein’schen Dichtung.


Übermorgen? Zweifelhaft

Als «Zustand der Überraschungslosigkeit» charakterisierte der Philosoph Arnold Gehlen einst das Posthistoire. Mit den «Strophen für übermorgen» ist Grünbeins Œuvre nun in sein eigenes Posthistoire eingetreten und hat sich in einem fulminanten Akt der Selbst­wiederholung erschöpft. Damit ist das, was einmal philosophisches Programm dieser Dichtung war, zum Konzept eines Gedicht­bandes selbst geworden. Was dem Dichter auf diese Weise gelingt, ist ein großes, vielleicht letztes (weil ideologisch völlig leeres) Meisterstück der Dialektik – ein großer Gedichtband hingegen nicht. Das «Übermorgen», Nietzsche wusste es, ist «zweifelhaft».

 

Peer Trilcke ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen.

 

Durs Grünbein
Strophen für übermorgen. Gedichte
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007. 200 S., 19,80 €

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