Einsteins kosmische Religiosität

Objektive Wissenschaft und religiöser Glaube – eine unlösbare Polarität? Einstein, der sich selbst als einen „religiösen Ungläubigen“ bezeichnete, entwarf die Vorstellung einer neuen, verblüffend metaphysischen Weltsicht.

Obwohl ich so etwas wie ein jüdischer Heiliger bin, habe ich seit so langer Zeit keine Synagoge mehr besucht, dass ich fürchten muss, Gott würde mich nicht mehr erkennen. Wenn er es aber täte, wäre es wohl schlimmer.“ So schalkhaft beantwortete Albert Einstein 1946 die Einladung in eine Synagoge – und kommentierte gleichzeitig ironisch die Tatsache, dass er an keinen personifizierten Gott glaubte. Dennoch sah sich Einstein als durchaus religiösen Menschen. Seine Forschungen ließen ihn immer wieder über die „Harmonie der strukturellen Zusammenhänge der Welt“ staunen, und sein Hang zu einem von Spinoza beeinflussten Determinismus ohne Schöpfergott lässt ihn von einer „Demut“ sprechen, die mit einem religiösen Gefühl verwandt sei. Sein Resümee: „Sie können mich als religiösen Ungläubigen betrachten.“ Es ist verlockend, sich vorzustellen, wie Einstein reagieren würde, stiege er dieser Tage aus einer Zeitmaschine, rechtzeitig zum Auftakt des großen Jubiläumsjahrs 2005. Zeitreisen in die Zukunft, das muss dazu gesagt werden, sind im Rahmen seiner Relativitätstheorien durchaus möglich. Läse er diejenigen offiziellen Verlautbarungen zum Einstein-Jahr, in denen sich die Rubrik „Seine Ideen wirken bis heute“ in der Beschreibung des Einstein-Bezugs technischer Errungenschaften wie CD-Spieler und GPS erschöpft, dann würde Einstein die Stirn runzeln. Für Zeitgenossen, die die Wissenschaft gar zu eng durch die Brille der Technik sahen, hatte er schon in den dreißiger Jahren einen Gegenentwurf parat – nicht die Anwendung als Triebfeder bahnbrechender Forschung, sondern eine „kosmische Religiosität“. Diese Religiosität bedeutet weder, wissenschaftliche Wahrheiten an die Stelle althergebrachter Dogmen zu setzen, noch handelt es sich um New-Age-Weltanschauungen. Ebenso wenig setzt sie einen personifizierten Gott voraus: Den viel zitierten Aussprüchen zum Trotz, dass Gott raffiniert, aber nicht boshaft sei und zudem nicht würfle, hat sich der Physiker nie mit der Idee eines höheren Wesens anfreunden können, das an den Naturgesetzen vorbei direkt ins Weltgeschehen eingreift. Die kosmische Religiosität hat vielmehr mit dem Gefühl zu tun, das wohl jeden der Wissenschaftler, die in Einsteins Fußstapfen wandeln, schon beschlichen hat: Ist es nicht geradezu unglaublich, dass sich die Grundgesetze unserer Welt als eine Hand voll einfacher Gleichungen niederschreiben lassen? Dass selbst das Verhalten des Universums im Großen, mit all seinen auseinander fliegenden Galaxien, einer mathematischen Beschreibung zugänglich ist? Dass sich die Welt auf der Ebene der Physik überhaupt nach einfachen Gesetzen richtet, anstatt heute so, morgen ganz anders zu funktionieren, je nachdem, wo man sich gerade aufhält? Umgekehrt ist ein Grundvertrauen in die Regelmäßigkeit unabdingbare Voraussetzung der anstrengenden und oft genug frustrierenden Suche nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Vertrauen in und Staunen über die „vernünftige und der menschlichen Vernunft wenigstens einigermaßen zugängliche Beschaffenheit der Realität“ sind es, die Einstein mit seinem Begriff erfassen wollte. Eine Religiosität der Welterkenntnis, mit der sich Einstein durchaus in der jüdischen Tradition verwurzelt fühlte: „Streben nach Erkenntnis um ihrer selbst willen, an Fanatismus grenzende Liebe zur Gerechtigkeit und Streben nach persönlicher Selbstständigkeit – das sind die Motive der Tradition des jüdischen Volkes, die mich meine Zugehörigkeit zu ihm als ein Geschenk des Himmels empfinden lassen“, schrieb er und säkularisierte den jüdischen Glauben damit zu einer „moralischen Einstellung im Leben und zum Leben“. Schon Einstein war natürlich bewusst: Sobald es um komplexe Systeme geht, um Lebendiges, gar um Menschen oder Gesellschaften, herrschen keine so einfachen Gesetze mehr wie im Reich der Elementarteilchen oder Planeten. Und selbst die Grundlagen der Physik haben sich als deutlich weniger regelmäßig herausgestellt, als Einstein lieb wäre. Dass die Quantentheorie tatsächlich jenes Zufallselement enthält, das Einstein Zeit seines Lebens nie akzeptieren konnte, ist nach den Experimenten der letzten Jahrzehnte sicherer als je zuvor. Trotz solcher Einschränkungen würde ein zeitgereister Einstein feststellen können, dass die kosmische Religiosität fortlebt, dass der Erfolg ihr Recht gibt und dass sie auch heute noch als diejenige Triebkraft wirkt, als die er sie verstanden wissen wollte. Mit Befriedigung könnte er den Fortgang des wohl ehrgeizigsten kosmisch-religiösen Projekts betrachten, der Weiterentwicklung der auf seinen Ideen basierenden kosmologischen Modelle, die seit den sechziger Jahren immer genauerer Überprüfung standgehalten haben. Genugtuung dürfte ihm auch die Suche nach den Gravitationswellen bereiten. Einst ein bloßes Konstrukt, erforscht von Theoretikern mit dem Einsteinschen Vertrauen in die Regelmäßigkeit der Welt, sind sie heute Gegenstand internationaler Experimente im Wettlauf um den ersten direkten Nachweis. Andererseits würde Einstein es sich wohl kaum nehmen lassen, sich dort einzumischen, wo die kosmische Religiosität in Bedrängnis gerät, und in der laufenden Debatte zur Zukunft der Universitäten für jene Forschungsgebiete streiten, in denen es nicht primär um Anwendungen geht, sondern einfach darum, die Welt zu verstehen – ob man das nun als Spielart der Religiosität wertet oder es, weit prosaischer, Grundlagenforschung nennt.

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