Katja Kullmann - Einmal Hartz IV und zurück

Katja Kullmann bekam 2003 den deutschen Bücherpreis für ihr Buch „Generation Ally“. Fünf Jahre später musste sie Hartz-IV beantragen. Darüber schreibt sie in ihrem neuen Buch „Echtleben“. Kullmann über Armut, Aufstockerei und Alice Schwarzer.

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(Eichborn Verlag/Thomas Schweigert) Bestsellerautorin Katja Kullmann musste selbst im Arbeitsamt vorsprechen.

Frau Kullmann, 2002 waren Sie noch Bestsellerautorin. Wie Sie in Ihrem neuen Buch „Echtleben“ beschreiben, mussten Sie Anfang 2008 aber Hartz-IV beantragen. Unverhofft hat Ihnen dann etwa ein Jahr später ein Hamburger Frauenmagazin eine Stelle als Ressortleiterin angeboten. Was hätten Sie gemacht, wenn Sie diese Chance nicht bekommen hätten?
Kurz bevor der Anruf aus Hamburg kam, hatte ich ein Probearbeiten in einem Call Center vereinbart – und ich hätte diesen Job auch erst einmal gemacht. Rund ein Jahr liefen meine „Amtsgeschäfte“. Von der Aufstockerei, dem ständigen An- und Abmelden hatte ich genug. Ich hätte damals alles dafür getan, meine Autonomie zurückzugewinnen. Und das hätte erst mal bedeutet: Meinen eigentlichen Beruf nach fast zwei Jahrzehnten aufzugeben und einfach mit irgendwas schnell irgendein Geld zu verdienen. Keine Ahnung, wie das dann weitergegangen wäre.

Wie haben sie sich gefühlt, als sie Hartz-IV beantragen musste.
Zu meinem Selbstverständnis – und ich denke, das teile ich mit vielen Erwachsenen in meinem Alter und aus meiner sozialen Herkunft – gehört der Anspruch, möglichst selbst bestimmt durchs Leben zu kommen. Ich kenne niemanden, der sich freiwillig in die so genannte soziale Hängematte legen würde. Und wer einmal eine BG-Nummer hatte, der weiß genau, wie entwürdigend das sein kann. An meinen Idealen halte ich fest: sich nicht bestechen lassen von Geld, Glamour, Hierarchien, sondern in jeder Hinsicht einen emanzipatorischen Weg verfolgen – das Glücksversprechen versuchen einzulösen und auch anderen zu ermöglichen. Das ist das, was ich unter Freiheit verstehe.

Gibt es den Klischee-Hartzer?
Ich glaube nicht, dass es ihn gibt – aber es gibt ein „Klischee des Hartzers“. Dieses Klischee erfüllt die gute alte Sündenbocktradition, und spätestens als ich selber „so eine“ war, habe ich das begriffen. Was wir feststellen müssen, gerade auch in Großbritannien, im Zuge der jüngsten Krawalle: Die Welt, in der wir heute leben, produziert Massen von Abgehängten, Ausgeschlossenen und Verlierern – manche von denen verfallen in Agonie, andere toben. Etwas muss also faul sein an der angeblichen neuen „Freiheit“.

Wie sehr schreckt dieses Klischee Akademiker davon ab, sich auch im Notfall helfen zu lassen?
Wenn man heranwächst mit dem Versprechen, dass Bildung ein Garant fürs Gewinnen ist, dann schmerzt das natürlich und passt nicht mit dem Selbstbild zusammen: „Ich habe mich doch immer angestrengt – wieso stehe ich nun genauso schlecht da wie ein ungelernter Leiharbeiter?“ Aber genau in jener Erkenntnis liegt natürlich auch eine große Kraft. Auf einmal sitzt man mit ganz anderen Menschen in einem Boot, als man es je für möglich gehalten hätte. Daraus kann eine ganz neue Solidarisierung erwachsen. Meine eigenen Arroganzen habe ich mir jedenfalls gründlich abgeschminkt.

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Hatten Sie, als Sie das erste Mal zur Arbeitsagentur (heute Jobcenter) gegangen sind, psychologische Tricks, um sich zu beruhigen?
Zum einen habe ich gehofft, dass die mich gleich wieder wegschicken und etwas sagen wie: „Aber jemand wie Sie ist hier doch völlig fehl am Platz!“ Zum anderen habe ich versucht, eine Rechnung in meinem Kopf anzustellen: Nie Bafög oder Arbeitslosengeld oder auch nur ein Stipendium in Anspruch genommen, alles immer aus eigener Kraft finanziert, 38 Jahre lang, und jahrelang als Spitzenverdienerin eine Menge Steuern und Sozialbeiträge abgedrückt – also werden so ein paar Monate hoffentlich mal in Ordnung sein. Irgendwie so habe ich versucht, mich zu beruhigen.

Ihr Buch beschreibt Probleme, kein Rezept – wie Alice Schwarzer über Charlotte Roches neues Buch sagt. Wie sähe ihr Rezept für die Republik aus, was täte Katja Kullmann als Königin von Deutschland?
Brutal verkürzt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir, die Gesellschaft, wollen das bisherige Gemeinwesen weiter aushöhlen, uns weiter entsolidarisieren und die Welt weiter „individualisieren“ – dann brauchen wir aber auch neue Rahmenbedingungen, etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen, das anstelle der fehlenden gesellschaftlichen Solidarität den Einzelnen stützt. Das würde aber bedeuten: Alle Subventionen, auch das Elterngeld, Steuervergünstigungen etc. müssten  abgeschafft werden. Oder wir halten an der Idee der sozialen Marktwirtschaft fest, wir retten und reparieren die Vorzüge, die die alte Bundesrepublik hatte. Das würde z.B, bedeuten, dass die Arbeitgeber sich wieder in vollem Umfang an den Sozialsystemen beteiligen und verlässliche, faire Beschäftigungsformen bieten, dass die erwirtschafteten Gewinne auch geteilt werden und nicht das Gemeinwesen für die Sicherung privater Gewinne gerade stehen muss, wie es aktuell, europaweit geschieht.

In ihrem Buch nehmen Sie  Coachings und andere Methoden auf Schippe, mit denen Großstädter versuchen, den inneren Ausgleich zu finden. Haben Sie schon mal so etwas versucht? Vielleicht Yoga oder Qi Gong?
Nein, ich glaube nicht an Zaubersprüche. Aber ich habe Verständnis dafür, wenn Menschen ab und an Trost brauchen.

Was hat ihnen dann geholfen sich mental über Wasser zu halten?
Das, was mich seelisch schon oft gerettet hat, ist das Gegenteil von all dem. Nicht sich weiter „nach innen“ wenden, sondern eher mal einen Schritt von sich selbst zurücktreten, quasi „von oben“ auf sich selbst schauen. Den eigenen Narzissmus mal zurückfahren und vielleicht bei Facebook spielerisch ausleben – und begreifen, dass man als vermeintlich individuelles Wunderwerk stets auch Teil einer Masse ist, ein Rädchen im Getriebe. Ich betrachte mich da ganz nüchtern als soziologisches „Fallbeispiel“.  Es entlastet die Psyche ungemein und macht klüger. Und ich kann es jedem empfehlen.  Das bringt viel mehr, als beim Therapeuten ständig in der eigenen Kindheit zu wühlen. Kindheit ist für jeden immer schwer!

Sie haben lange als Stammautorin für die Emma gearbeitet, was ist ihr Verhältnis zu Alice Schwarzer und was halten Sie von ihrer Arbeit für die Bild?
Alice Schwarzer ist ein Machtmensch – und das sage ich mit allem Respekt. Ich habe ungeheuer viel von ihr gelernt, vor allem, dass man es aushalten kann und muss, sich auch mal unbeliebt zu machen, gerade ,als Frau‘. Sie ist eine Boxerin, sie denkt strategisch, sie kann knallhart sein. Das finde ich hochgradig interessant, es gibt nicht viele Frauen, die das so durchziehen. Von Alice habe ich gelernt: Frauen sind nicht automatisch die sanfteren Wesen – und müssen es auch nicht sein. Viele Dinge sehen und sahen wir anders, und auch ich kann das mit der Bild überhaupt nicht verstehen. Aber es bleibt dabei: Eine bessere, klügere Sparringspartnerin kann ich mir nicht wünschen. Sie hat mich schlauer und mutiger gemacht, als ich es vor unserer Bekanntschaft war.

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Was halten Sie von Slutwalks?
Schwierig. Nach zwanzig Jahren Beschäftigung mit feministischen Inhalten bin ich zum Schluss gekommen: Diese Selbstbenennung mit sexistischen Schimpfwörtern – „Slut“, „Schlampe“, „Mädchen“, „Zicke“, „Hure“ – funktioniert nicht. Es gehe um Aneignung und Selbst-Definition der feindlichen Vokabeln, sagen die Befürworterinnen. Für mich ist das aber zu sehr um die Ecke gedacht, die Provokation letztlich auch billig und kindisch. Es hat sehr viel mit dem Faktor ,junge Frauen‘ zu tun. Diese zornigen 20-Jährigen zeigen jetzt ihre süßen Brüste her – und demonstrieren dagegen, dass man auf ihre Brüste starrt. Wenn diese Frauen mal Ende 30 sind, werden sie die Sache anders sehen, da bin ich sehr sicher. Aber ich respektiere das natürlich: Dass die ganz Jungen immer neue, eigene Formen erstmal ausprobieren wollen. Das wollte ich ja auch, mit um die 20.

Was bedeutete die Liberalisierung des Arbeitsmarkts im vergangenen Jahrzehnt für die weibliche Emanzipation?
Zum einen profitieren Frauen, wenn auch oft unter Schmerzen, von den neuen Verhältnissen – allein dadurch, dass viele Familien mit einem Alleinernährer nicht mehr über die Runden kommen. Die Erwerbstätigkeit von Frauen wird somit zur Selbstverständlichkeit. Zum anderen sind Frauen sowieso das flexibilisiertere Geschlecht – so wie es kaum historische Vorbilder in vielen neuen Tätigkeitsfeldern gibt, so sind Frauen es gewohnt,  dass es kaum „Vorfahrinnen“ für sie gibt, in ganz vielen Bereichen des selbstbestimmten Lebens. Deshalb kleben sie nicht so an alten Rollenbildern wie noch immer viele Männer. Sie sind eher bereit, neues auszuprobieren. Dennoch bleibt eine bittere Wahrheit bestehen: Bis heute verdienen Frauen im Schnitt ein Viertel weniger als Männer. Unglaublich, dass das immer noch so ist.

Ist es auch Zeit für die Emanzipation des Mannes aus seiner Rolle?
Ja klar, und viele haben das ja längst kapiert. Welcher vernünftige Mann will heute noch den Aktenkoffer-Patriarchen abgeben, der zwanzig Jahre früher als seine stumpf zu Hause sitzenden Frau an einem Magengeschwür eingeht? Es gibt welche, die sehnen sich noch immer danach: ein möglichst unterlegenes Wesen an ihrer Seite zu haben, irgendwie den Max zu machen. Aber es gibt doch auch viele Männer und Frauen, die sich längst auf Augenhöhe lieben und das sehr aufregend und erfüllend finden.

Das Interview führte Peter Knobloch

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