- Herbst der wirtschaftlichen Desillusionierung
Bis heute gehört die Chancengleichheit zum unantastbaren Ideenarsenal aufgeklärter Gesellschaften. Doch jüngste Sozialstudien zeigen: Oben bleibt oben, unten bleibt unten, und die Mitte kommt immer stärker unter Druck. Was resultiert daraus politisch?
Zu den ehernen Versprechen der Leistungsgesellschaft gehört die Möglichkeit der Tüchtigen zum sozialen und materiellen Aufstieg. „Wohlstand für alle“ war nicht von ungefähr die zentrale Aussage der sozialen Marktwirtschaft in den 1950er Jahren: Wer sich selbst genügend anstrenge, der gelange auch nach oben. Persönlicher Erfolg war eine Frage des Willens, der Opportunität, vielleicht auch des Glücks – nur eines nicht: der Klassenzugehörigkeit und des Herkunftsmilieus. Der Selfmademan, der es aus eigener Kraft bis an die Spitze der Einkommenspyramide schafft, war das Leitbild der Wirtschaftswunderjahre. Naiv vielleicht, oftmals karikiert, aber gesellschaftspolitisch höchst wirkungsvoll. Das ist lange her.
Bis heute gehört die Chancengleichheit zum unantastbaren Ideenarsenal aufgeklärter und kompetitiver Gesellschaften, wonach jeder eine Chance im Leben verdiene, er müsse sie nur im rechten Moment ergreifen und an ihr festhalten. Dieses Narrativ, welches schon immer mangels überzeugender empirischer Evidenz etwas Fragwürdiges hatte, ist nun zu Ende erzählt. Deutschland, so belegt ein aktuelles Arbeitspapier des marxistisch-leninistischer Umtriebe vollkommen unverdächtigen Münchner ifo-Instituts, mutiert immer stärker zu einer Klassengesellschaft, in der familiäre Geburtsprivilegien mehr zählen als individuelle Eigenanstrengung. Wohlstand für Wenige, Prekarität für den Rest – ein erstrebenswertes Gesellschaftsmodell? Wohl kaum. Demokratische Gesellschaften müssen sozial hinreichend durchlässig bleiben, ansonsten drohen Vertrauensschwund und Systemerosion. Für eine meritokratisch definierte Gesellschaft sind Herkunftsprivilegien zumindest problematisch, gewiss aber keine Tugend.
In den Wirtschaftswissenschaften wird der Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und schwindenden Aufstiegschancen die „Great Gatsby Curve“ genannt, eine poetische Umschreibung der dramatischen Scherenbewegung zwischen oberen und unteren Einkommensschichten. Die gesellschaftliche Mitte zwischen diesen beiden Polen wird, um im Bild zu bleiben, immer stärker überdehnt und leiert aus. Auf diese Weise verliert eine Gesellschaft Spannkraft und Zukunftsoptimismus. Warum sich anstrengen – es bringt ja eh nichts. Fatalismus ist auf Dauer gefährlich.
Soziale Desillusionierung
Gebrochene Aufstiegsversprechen sind das eine, Pauperisierung das andere. Die Verarmungstendenz der unteren Gesellschaftshälfte wird zumeist als „schwindendes Realeinkommen“ euphemisiert. Das ändert aber nichts an der harten sozialen Wirklichkeit, dass Arbeit allein immer häufiger kaum mehr lohnend oder auch bloß auskömmlich ist. Nicht nur die Arbeitslosenzahlen nähern sich hierzulande wieder historischen Rekordmarken, auch die Anzahl der schlecht Bezahlten und prekär Beschäftigten steigt kontinuierlich an. „Working poor“ wird dieses Negativphänomen genannt: Verarmung breiter Bevölkerungsschichten trotz (oder gerade wegen!) preußischer Sekundärtugenden wie Fleiß, Gehorsam und Pünktlichkeit. Die Sogwirkung nach unten erfasst neben den unmittelbar Betroffenen auch deren Nachwuchs. Kinderarmut, zumal in einer – vergleichsweise – immer noch wohlhabenden Gesellschaft, bleibt ein schwerwiegender sozialer und moralischer Makel.
Das alles führt zu Frustration, Zorn und politischer Reorientierung. Die Suche nach Alternativen hat ja längst begonnen. De facto nähert sich Deutschland dem Muster einer Gesellschaft an, die für ihre erlahmte soziale Mobilität den Preis schwindender politischer Stabilität bezahlt. Da helfen auch keine hinterhergeworfenen Transfermilliarden mehr; ihre potenziellen Empfänger haben sich längst nach rechts oder links abgewandt. Sozial- und wirtschaftspolitischer Stillstand führt aber paradoxerweise zur Radikalisierung der Gesellschaft.
Am besten warm anziehen
Helfen noch Reformen? Wird der seit Jahrzehnten eingeforderte „Ruck“ (Ex-Bundespräsident Roman Herzog) irgendwann die alternden Vertreter etablierter Strukturen wachrütteln? Werden sich die politisch Enttäuschten besinnen und reumütig zurückkehren in den programmatisch unfruchtbaren Schoß ehemaliger Volksparteien? Möge jeder selbst erwägen, wie wahrscheinlich diese Szenarien sind. Schon ist in diesem Herbst die Rede von einer großen Sozialreform, wie sie zuletzt Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 glückte. In der Zwischenzeit jedoch hat sich der Prozess der gesellschaftlichen und parteipolitischen Fragmentierung vertieft, und er beschleunigt sich weiter. Die etablierten Parteien fürchten mit gutem Grund die radikalen Kräfte links und rechts der Mitte. Gesamtgesellschaftliche Kohäsion, einen breiten Konsens in irgendeiner relevanten Frage, gibt es nur noch in der nostalgisch-bundesrepublikanischen Erinnerung.
Die fehlende Elastizität der Mitte ist ein Gleichnis der ganzen Gesellschaft. Die soziologische Mitte ist müde, überdehnt und glaubensschwach. Wird sie ihre Dynamik und Leistungsfähigkeit, die sich aus persönlichen Erfolgserlebnissen speist, je wiedererlangen? Berechtigte Zweifel sind erlaubt. Barrikadenkampf ist gewiss keine Option; ein raueres und aggressiveres Gesellschaftsklima steht gleichwohl zu erwarten. Ziehen wir uns warm an.
Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.
beschreibt es exakt:
Wer immer strebend sich bemüht,
Die Fleißigen und Braven,
Wer positiv die Zukunft sieht,
Den werden wir bestrafen.
Bezeichnenderweise trägt das Werk den Titel "Der Tragödie zweiter Teil.
Da hätte ich gewünscht, dass der Professor Lösungsvorschläge skizziert. Ich hab nicht viel Ahnung davon, könnte mir aber vorstellen, dass der Verzicht auf Armutsmigration in die Sozialsysteme, gezielte Familienpolitik mit ordentlichen Kinderprämien und Massnahmen für den Erwerb von bezahlbarem Bauland bzw.
Wohnungen sowie erstklassige Bildungssysteme dem entgegen wirken..
Alles dazu gesagt von Birgit:
"der Verzicht auf Armutsmigration in die Sozialsysteme, gezielte Familienpolitik mit ordentlichen Kinderprämien und Massnahmen für den Erwerb von bezahlbarem Bauland bzw. Wohnungen sowie erstklassige Bildungssysteme (könnte) dem entgegen wirken.."
Ergänzen könnte man noch: Stopp des Energie- und Klimawahns und all der Lügen, die damit einhergehen. Denn genau die sind ursächlich für den Ruin der Wirtschaft, der Menschen arbeitslos und Familien prekär macht. Das, was zur Zeit hier stattfindet, ist Sozialismus pur und wird erneut verheerend sein.
ist mir aufgefallen, dass Migration, schulische und berufliche Bildung bei der Beurteilung als Ursache für die Unterschiede dieser Entwicklung überhaupt nicht genannt werden.
Der Kandidat hat 100 Punkte. Mit diesem Zitat haben Sie alles treffend beschrieben. Danke Herr Köster. Ich bin immer wieder angetan von den Foristen, die über so viel Wissen, Erinnerung und differenziertes Denken verfügen. Ich freue mich insbesondere, dass hier Meinungspluralität herrscht und weitestgehend ein respektabler Umgangston herrscht, ach bei gegensätzlichen Meinungen, seit einige Herren hier nicht mehr schreiben. Ihnen und allen anderen im Forum ein schönes, wenn auch kühles Wochenende.
Ergänzend wäre zu fragen, warum die Vereinigten Staaten als wesentlich stärker als Deutschland ausgeprägte "Leistungsgesellschaft " derart durchgerüttelt werden. Trump hatte den "Wokismus" als Hauptursache ausgemacht und landete einen Volltreffer. Dass er mit seinen persönlichen wirtschaftlichen Ambitionen seit Jahrzehnten das Gegenteil einer fairen Leistungsgesellschaft darstellt, blenden seine Wähler aus. Und die BlackRock-Erfahrungen von Friedrich Merz prädestinieren ihn nicht dazu, einen gegenteiligen Ansatz für Deutschlands Zukunft zu verkörpern.
Aussitzen oder gegen die Wand fahren mutiert.
Dies Politische Klasse hat die Einhaltung der Regeln und der pol. Arbeit seit Schröder nicht respektiert und zunehmend verlassen und falsche Agenden priorisiert mit dem GANZEN STEUERGELD.
Wie kann man in Anbetracht dessen dieses System noch so loyal und tatkräftig unterstützen.
Es ist mir schleierhaft.
vielleicht könnte man da mal ansetzen.
Das im Erstbeitrag von Herrn Koester gebrachte Zitat bringt linksgrüne Politik auf den Punkt. Seit einigen Jahren kann man noch „woke“ ergänzen, was den ganzen Mist noch verstärkte.
Deutschland steckt fest. In einem Sumpf aus Trägheit, Sturheit, Blindheit und v.a. Dummheit. Wenn man mit den einzelnen Leuten redet, kommt schnell heraus, dass so gut wie niemand linke Politik möchte. Und trotzdem wählen sie stur Altparteien, mehrheitlich die von vielen immer noch als „konservativ-bürgerlich“ angesehen Union und bekommen immer wieder: linke Politik.
Die AfD, v.a. Frau Weidel mit ihren erfrischenden, marktliberalen und v.a. konservativen Vorstellungen kommt gegen diesen Wahnsinn (Einsteins Definition) noch nicht an. Sie wird vom linksgrünwoken Komplott aus Altparteien und „Leit“-Medien mit Dauerfeuer belegt. Und das deutsche Wahlschaf hat nicht den Schneid, sich diesem Komplott zu widersetzen. Aber eine zunehmende Zahl tut es nun. Es müssen mehr werden
