Einheitliches Abitur - Der „Nationale Bildungsrat“ bleibt in der Mottenkiste

Im Koalitionsvertrag hatten sich SPD und Union auf die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrates verständigt. Er sollte einheitliche Bedingungen für Schulabschlüsse schaffen, um das Bildungsgefälle zwischen den Ländern zu verringern. Doch jetzt haben zwei Bundesländer die Reißleine gezogen

Ein junges Mädchen hängt am Donnerstag (15.03.2007) an der Eingangstür der Wöhlerschule in Frankfurt/Main ein Plakat für ihre Freundin auf, mit dem sie ihr viel Glück für die Abiturprüfungen wünscht. An rund 19 000 hessischen Schulen treten am Freitag Schülerinnen und Schüler zum ersten einheitlichen Landesabitur an.
Fast geschenkt: Wettbewerb unter den Ländern soll das Niveau des Abiturs wieder heben / picture alliance

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Josef Kraus ist pensio­nierter Gymnasialdirektor und war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

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Glaubt man bildungspolitisch orientierten Meinungsumfragen, dann ist der Bildungsföderalismus derzeit eines der größten Aufregerthemen. Alle anderen Bildungsthemen verblassen dahinter, schließlich ist alles ja immer „besser“ geworden: immer bessere Noten, immer höhere Abiturientenquoten, immer mehr „Akademiker“, immer weniger Sitzenbleiber. Was der Preis für dieses „immer besser / immer mehr“ ist, lassen wir mal dahingestellt. Hier nur so viel: Es ist das Ergebnis einer gut ankommenden Bildungspolitik, die all dies mit Niveauabsenkungen erkauft. Quantität und Qualität verhalten sich trotzdem reziprok.

Bleibt das Aufregerhema Bildungsföderalismus. Die „Gro“-Koalitionäre von CDU/CSU/SPD glaubten dieses Thema mit dem Koalitionsvertrag vom Februar 2018 bedienen zu können, indem sie die Einrichtung eines „Nationale Bildungsrates“ planten. Dieser „Rat“ sollte unter anderem „auf Grundlage der empirischen Bildungs- und Wissenschaftsforschung Vorschläge für mehr Transparenz, Qualität und Vergleichbarkeit im Bildungswesen vorlegen.“

Boykott der „Südstaaten“

Vergleichbarkeit! Im Volksmund wird daraus schnell ein „Mehr an Gerechtigkeit“. Skeptiker nennen es „Gleichmacherei“ auf niedrigem Niveau. Letzteres war dann auch jahrelang Praxis. Das innerdeutsche Bildungsgefälle hat zwar immer das gleiche Spitzentrio (Bayern, Sachsen, Thüringen, bis 2011 inkl. Baden-Württemberg) und das gleiche Verlierertrio (Bremen, Berlin, Brandenburg) ausgewiesen. Geändert aber hat sich daran nichts; eher orientierten sich die Besseren an den Schwächeren, die Schwächeren aber nicht an den Besseren.

Mit einem „Nationalen Bildungsrat“ sollte das anders werden. Aber daraus wird nun nichts. Gottlob! Denn die „Südstaaten“ Bayern und Baden-Württemberg haben den Plan zunichtegemacht. Warum der „Nationale Bildungsrat“ überhaupt im GroKo-Vertrag vorkam, bleibt rätselhaft. Der damalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer war damit einverstanden – gegen den Willen seines damaligen Kultusministers Ludwig Spaenle.

Bildungspolitische Geisterfahrt 

Nun hat Seehofers Nachfolger Markus Söder die Reißleine gezogen und den „Nationalen Bildungsrat“ für tot erklärt. Für Spaenle ist es eine späte Rache an Seehofer, wie er postwendend auf Facebook auskostete, als schrieb: „Ein Segen für Bayerns Schüler: der Ausstieg aus Seehofers bildungspolitischer Geisterfahrt mit einem Instrument aus der sozialistischen Bildungsmottenkiste.“

Unterstützung bekam Söder umgehend aus Baden-Württemberg. Die dortige Kultusministerin Susanne Eisenmann, die ja 2021 Ministerpräsidentin im Ländle werden will, hieb in dieselbe Kerbe – mit Wohlwollen ihres „grünen“ Landeschefs Wilfried Kretschmann, der sich längst zu einem veritablen Föderalisten entwickelt hat. Skeptisch hatten sich über den „Bildungsrat“ zuvor schon die CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet und Volker Bouffier geäußert.

Vereinheitlichung auf niederem Niveau 

Hätte man ein wenig in der jüngsten deutschen Bildungsgeschichte gestöbert, hätte man schon vor dem Koalitionsvertrag darauf aufmerksam werden können. Von 1965 bis 1975 gab es nämlich schon einmal einen „Deutschen Bildungsrat“. Dieser brachte 1970 den „Strukturplan für das Bildungswesen“ heraus. Ziel war eine Vereinheitlichung des Schulwesens – möglichst mittels Einheitsschule von Garmisch bis Flensburg und von Aachen bis Berlin.

Gewiss ist ein Bildungsgefälle innerhalb der Republik nicht nur ärgerlich, sondern auch ein Nachteil für junge Leute, beziehungsweise deren Eltern, die beruflich mobil bleiben müssen. Aber dieses Gefälle darf nicht beseitigt werden durch Vereinheitlichung auf niederem Niveau. Die Lösung kann also nur heißen: Wir brauchen einen Bildungsföderalismus, der ein echter Wettbewerbsföderalismus ist.

Wettbewerb garantiert Qualität 

Es darf kein wie auch immer ausgestalteter Zentralismus sein, der nicht auf dem Niveau der führenden deutschen Bildungsländer stattfindet. Jetzt sind einige, hoffentlich mutige Schulminister am Zug: Sie sollten – die Südstaatler wieder voran – endlich so manch hohle Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz zur Anerkennung der Abiturzeugnisse und der Zeugnisse der so genannten Mittleren Reife aufkündigen, wenn sich gewisse andere Länder nicht endlich nach der Decke strecken. Da steckt Brisanz drin. Aber Wettbewerb belebt noch immer das Geschäft. Und garantiert Qualität.

Bernd Muhlack | Mo, 25. November 2019 - 17:52

Josef Kraus war gefühlte 100 Jahre Vorsitzender der Deutschen Lehrerkonferenz; der Bursche hat Ahnung, weiß von was er spricht.
Es gibt ein ziemlich aktuelles Buch von ihm, ein must-have!
Wer das gelesen hat, wundert sich über nichts mehr, tanzt freiwillig seinen Namen!

"Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt - Und was Eltern jetzt wissen müssen"
Josef Kraus
Herbig, F A, 2017, Hardcover
ISBN: 9783776628029

Eine Pflichtlektüre für Eltern und etwas ältere zu Beschulende (sagt man so?)...

Christa Wallau | Mo, 25. November 2019 - 19:06

Aber nein, Herr Kraus!
Das ist nichts anderes als DISKRIMINIERUNG der
Schwächeren. Das geht nicht. Das ist schlicht ein Unding.
Wie soll da noch ein inkludiertes behindertes Kind o. ein des Deutschen nicht mächtiges Migrantenkind hinein passen?
Leistungsförderung und -belohnung - das ist
Teufelswerk von Anno Tobak, bei dem die Schüler reihenweise krank wurden u. die Zahl der Abiturienten und Studenten bei 20 bis 25%
steckenblieb. Dafür hatte man damals zwar gute Abgänger von Realschulen u. Hauptschulen, die
Handwerk und Geschäftsleben bereicherten und darin Bestes leisteten, aber - bitte sehr - warum sollen nicht alle die gleiche Chance haben dürfen, a l l e s werden zu können? Das Endziel muß heißen: Jedem SEIN Abitur! Berufe wie Pilot, Arzt, Wissenschaftler müssen grundsätzlich j e d e m offenstehen.
Wenn alle immer auf dem gleichen niedrigen schulischen Niveau zusammen gehalten werden, fühlt sich niemand mehr ausgeschlossen u. eine
bunte, glückliche Gesellschaft blüht auf!

Klar, die Gleichheit der Chancen muss unter allen Umständen herbeigeführt werden. Anstrengen ist schließlich gesundheitsschädigend, vor allem für die Psyche. „Berufe wie Pilot, Arzt,...“ Hoffentlich bin ich, ehe diese (von Ihnen beschriebene) „Elite“ im Beruf ankommt, nicht mehr auf sie angewiesen.

Tja, Frau Wallau, in wolkenkuckucksheim und Gutmenschhausen ( wo Sie vermutlich eine Erst-und Zweitwohnung haben) sieht die Welt so aus, wie Sie sie beschreiben. Mit Realität außerhalb hat das nichts zu tin, auch wenn Sie die Erfahrung machen, dass der Strom aus der Steckdose kommt. Alles Gute weiterhin! Träumen Sie weiter- bis Sie merken, dass das Ganze ein Alptraum ist.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 25. November 2019 - 20:05

allein, "ich" habe zu spüren bekommen, wie sich Mobilität auswirken kann.
Habe andererseits erleben können, dass in Schulen noch anderes als abfragbares Wissen mitvermittelt wird.
Berlin transportiert den Habitus Hauptstadt und Multikulturation, dass bringt man Schülern* nicht mal eben so bei.
Andererseits wüßte ich auch nicht, wie sich ein nationaler Bildungsrat darauf verständigen könnte.
Vielleicht aber im Sinne eines Angebots für Kinder aus anderen Bundesländern, im je neuen Bundesland an das jeweilige Lernniveau durch Fachkräften herangeführt zu werden, damit Mobilität nicht zum Hindernis wird?
Qualifizierter Abgleich.
Dafür wäre aber doch ein Bildungsrat die geeignete Plattform.

Tomas Poth | Mo, 25. November 2019 - 21:38

Das kann nicht unser Ziel sein. Die Messlatte darf nicht nach unten gelegt werden (außer beim Limbo), sondern die Vergleichbarkeit muß auf das Niveau der "Südstaaten gelegt werden.
Dazu bräuchte es keinen Bildungsrat, sondern die anderen Länder müssen sich schlicht dem Niveau der besseren anpassen.
Unsere Fähigkeiten, unsere Ausbildung sind unser Rohstoff von dem wir leben. Deutschland braucht einen Ruck, weg von den sozialistischen Schneeflöckchen die bei jeder Leistungs-Beanspruchung dahin schmelzen oder gegen Abiprüfungen streiken. Nur mit Leistungsbereitschaft können wir unsere Existenz sichern.

Michaela Diederichs | Di, 26. November 2019 - 00:54

Ich denke immer, tote Pferde reitet keiner mehr. Dann stelle ich fest: Cowboyhut auf, Colt in der Hand, Marlboro - nee ist out - also Strohhalm zwischen die Zähne und dann losgaloppiert. Pferd ist aber immer noch tot. Wie lächerlich ist dann das Absteigen? Die Koalition der toten Pferde. Und so reiten sie denn in den Sonnenuntergang.

Wolf-Dieter Hohe | Di, 26. November 2019 - 11:33

In reply to by Michaela Diederichs

...und leere Sättel - perfektes Bild Frau Diederichs.
Gruß aus Bayern

Bernd Hartke | Di, 26. November 2019 - 12:10

Lieber Herr Kraus, eine nationale Nivellierung auf dem Niveau von Bremen oder Berlin wäre ein Desaster. Aber was wäre schlimm daran, daß Niveau von Bayern auf alle Bundesländer auszudehnen? Wenn, wie sie sehr richtig sagen, die Verlierer im föderalen Bildungs"wettbewerb" jahrzehntelang immer wieder dieselben sind, muß man irgendwann konstatieren, daß der Wettbewerb mit einem stabilen, reproduzierbaren Resultat beendet ist. Ihn fortzusetzen, bedeutet dann nur noch, die Bildung der Kinder in den Verliererländern bewußt schlechter zu halten als es möglich wäre. Ein Wettbewerb ist nur dann einer, wenn die "Kunden" ohne größere Probleme zwischen zwei (oder mehr) Angeboten wählen können. Aber als komplette Familie (mit 1-2 Arbeitsplätzen) von Nord- nach Süddeutschland umzuziehen, ist definitiv eine große Hürde...

Romuald Veselic | Di, 26. November 2019 - 12:37

ermöglichte das, was in Dresden passierte. Die Ausplünderung der deutschen Kulturschätze. Nicht die Windräder sind Kunstwerke, sondern Werte, die vor mehr als vor 250 Jahren erschaffen wurden, über die und deren Wertschöpfer, sich politische Nomenklatura lustig macht.
Wenn Leonardo oder Newton so erzogen wären, wie die deutsche Jungend aktuell wird, hätten wir die kulturelle Gleichheit mit den Australopitheci.

sah gestern Bergerac 4. Staffel "Tödliches Virus" und mußte an die Meldung denken, dass Gorillas das Niveau von "Lucy" besitzen, war also sehr angetan von der Folge.
Und wenn ich sehr auf alternative Medizin setze, dann auch, weil ich Tierversuche grässlich finde.
Toll dieser Delegierte der Grünen in der Heuteshow zur Homöopathie, "ich glaube nicht dran, aber es wirkt".
Ich setze generell auf unsere Möglichkeiten, aber auch die Schätze, die uns erhalten blieben.

Horst Weber | Di, 26. November 2019 - 13:23

Das deutsche Schulrecht müsste lediglich so geändert werden, dass der Bund für die Details zuständig ist. Die ewigen Kämpfe der Bundesländer um Privilegien (Bayern, BaWü...) sind einem insgesamt besseren Bildungsniveau abträglich.
Vernunft ist ohnehin schon seit Jahrzehnten in den Schulen auf der Strecke geblieben. Man denke nur an die unsäglichen sogenannten "Vereinfachungen" des deutschen Vokabularsj, an die absurden Vorstellungen, wie unsere Kinder Lesen, Schreiben Rechnen lernen sollen, indem man alles, was sich bewährt hatte mehrfach über den Haufen warf.

Hans Schäfer | Mi, 27. November 2019 - 11:19

Unseren Kindern muss eine Bildung vermittelt und eine gesundheitliche Versorgung zuteilwerden, die es ihnen ermöglicht ihren weiteren Lebensweg zu ihrem und zum Wohle der Gesellschaft möglichst störungsfrei hinter sich zu bringen. Sie sind nämlich die Steuerzahler von morgen, die das Gemeinwohl am Kacken halten müssen. Das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Hier ist unser föderalistischer Aufbau ein Hindernis. Gesundheit & Bildung gehören in Bundeshand.
16 Bundesländer verfolgen unterschiedliche Strategieen und in Kultusministerkonferenzen wird alles zerredet, weil jeder meint die Weisheit gefressen zu haben.
Die Politik bezeichnet unsere Kinder als einzigsten Rohstoff den wir haben! Wie dumm muss man sein, um aus personalpolitischen Gründen zu verheizen. 16 Kultusministerien bedeuten, 16 Minister-, 32 & x Staatssekretärenposten für vediente Parteisoldaten weniger. Von den tausend & x Beamten und Angestelltenposten abgesehen.
Und das Schlimme daran ist, alle sind Experten.

Benno Pluder | Mi, 27. November 2019 - 12:06

"Im Koalitionsvertrag hatten sich SPD und Union auf die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrates verständigt."
Die CSU gehört offensichtlich immer nur dann zur Union, wenn es ihr passt.
Diese bayrische Spezialpartei führt die Koalition ein ums andere Mal am Nasenring durch die Manege.
Köstlich, oder eher zum K...?

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