Felicitas Hoppe - Eine undomestizierte Pinocchia

Für ihre „sensible und melancholische Erzählkunst" hat die Schriftstellerin Felicitas Hoppe von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis erhalten. Ihr neuer Roman "Hoppe" ist eine Autobiographie, die nur bedingt etwas mit Realien zu tun hat. Es gibt wieder Wirklichkeiten zweiter, dritte und vierter Ordnung - und eine entscheidende ästhetische Entwicklung

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(picture alliance) Auf Pinocchio nimmt Hoppe in komischer Übersteigerung Bezug - ohne seine Domestizierung übernehmen zu wollen

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Diese Küche sieht so aus, als könnte es hier tatsächlich grünes Ei mit Speck geben. Wie in der Geschichte von Dr. Seuss, dem amerikanischen Kinderbuchklassiker, den Felicitas Hoppe gerade übersetzt hat. Bei dieser Schriftstellerin in Berlin-Mitte ist Fantastisches plötzlich denkbar, egal, ob es wild gewordene Friseure sind, der Weltumsegler Magellan, die bärenstarke Pippi Langstrumpf oder die sprechende Holzpuppe Pinocchio. Sie sitzen alle mit am Tisch, trinken Tee, klauen Kekse, klimpern auf dem Klavier, das hier ebenfalls seinen Platz hat, und blättern in den überall herumliegenden Büchern. Mitten unter ihnen: die 51jährige Dichterin, deren neuester Roman schlichtweg „Hoppe“ heißt.

Es ist ihr neuntes Buch, Essays und kleinere Arbeiten nicht mitgerechnet. Nach „Johanna“ (2006), einer hochverdichteten Inbesitznahme der Jungfrau von Orléans, musste etwas anderes passieren, erzählt sie. „Johanna war eigentlich der Höhepunkt des Schrecklichen. Ich habe da eine sprachliche Hermetik erzeugt, die sicher eine hohe Qualität hatte. Aber wenn ich das heute in die Hand nehme, verstehe ich vieles nicht mehr. Also war mein Gedanke: Schluss mit den Stellvertretern! Schreib über dich selbst.“

Aber Felicitas Hoppe wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht eine Wirklichkeit der zweiten, dritten und vierten Ordnung erzeugen würde – mit Realien hat diese Autobiografie nur bedingt etwas zu tun. Außerdem: Was wäre das denn, das tatsächliche Leben? Bei Hoppe, 1960 im niedersächsischen Hameln als mittleres von fünf Geschwistern geboren, verschmilzt ohnehin alles miteinander, genau wie in ihrem Lieblingsbuch „Pinocchio“. Für die vielfach preisgekrönte Autorin, die Germanistik, Religionswissenschaften und Italianistik studierte, mehrere Jahre als Deutschlehrerin am Goethe-Institut arbeitete und 1995 mit dem Erzählungsband „Picknick der Friseure“ debütierte, galten die langweiligen Raum-Zeit-Koordinaten des Alltags schon in ihrer Kindheit nicht wirklich. „Meine Eltern haben sich früher große Sorgen gemacht, weil ich kaum draußen spielte, sondern am liebsten allein war, vor mich hin fantasierte und Geschichten schrieb. Es war etwas vollkommen Organisches, auch als Studentin in den USA und Rom vertrieb ich mir die Zeit mit Schreiben. Das ist der größte Verlust, den der Beruf der Schriftstellerin mit sich bringt: Der Spaß ist mir verdorben.“ Sie müsse schneller sein als ihre Zweifel, erklärt die Autorin. „Wie kleine Gnome winken mir meine Zweifel aus der Ferne zu und zupfen am Kleid. Wenn sie dann zu aufdringlich werden, drehe ich mich um und sage: Gut, reden wir mal.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum man ihren Büchern diese Zweifel nicht anmerkt - und Hoppe Entwicklungsgeschichten nicht leiden kann.

Den Büchern merkt man das nicht an, im Gegenteil. Auch der neue Roman ist eine atemberaubende Sprachpartitur und eine lustvolle Eroberung verblüffender Schauplätze, ob es kanadische Eishockeyfelder oder australische Pensionszimmer sind. „Hoppe“ kommt anfangs wie ein Abenteuerroman daher, führt nach Kanada, wo die Heldin mit ihrem alleinerziehenden Erfinder-Vater als Sportskanone auf Schlittschuhen und beste Freundin des Eishockeystars Wayne Gretzky heranwächst. Der nächste Schauplatz ist Australien, dann geht es nach New York und von dort nach Upstate, ins New Yorker Umland, wo die Reise aber längst nicht endet. Eine Dirigentenlaufbahn scheitert zwischendurch, genau wie mehrere Hochzeiten. Geplant als lustige Standortbestimmung, geht es nach und nach immer mehr ans Eingemachte. Daran ändert auch die bissige Selbstexegese nichts, die Hoppe im Gewand dreier ausgedachter Kritiker betreibt, die ihr Beschimpfungen wie „hochbegabte Museumsprosa“ an den Kopf werfen. Unter der munteren Oberfläche werden schmerzhafte Themen verhandelt: Abschied und Trennung. Nichts ist von Dauer.

So leicht ihr der Anfang von der Hand ging und sosehr es sie amüsierte, sich selbst von außen in den Blick zu nehmen, so groß war Hoppes Schrecken, ihrer eigenen Geschichte eben doch nicht zu entkommen. Obwohl auf den Bildungsromanklassiker „Pinocchio“ in komischer Übersteigerung Bezug genommen wird, ist „Hoppe“ alles andere als eine Entwicklungsgeschichte. Die Hauptfigur mit ihrem ausgeprägten Rededrang, ihrer Begabung für Freundschaften und dem unersättlichen Erkundungswillen wird gerade nicht domestiziert. Sie macht im entscheidenden Moment eine Kehrtwendung, schnürt ihren Rucksack und geht wieder auf Wanderschaft. Allein. „Entwicklung interessiert mich nicht“, erklärt Hoppe. „Auch bei den Menschen um mich herum sehe ich das nicht. Klar, wir werden alle immer älter, aber ob wir uns auch entwickeln?“

Ästhetisch allerdings erkennt man bei ihr eine Entwicklung, eine entscheidende sogar. Immer wieder wagt sie sich in neue Gefilde vor. Beim Schreiben, meint Felicitas Hoppe, „muss es immer eine Nummer zu groß sein, wie bei einem Hemd zum Reinwachsen. Natürlich jedes Mal mit dem Risiko, dass es nicht klappt.“ Aber auch dieses Mal passt das Gewand wie angegossen. Jetzt ist es wirklich Zeit für ein grünes Ei mit Speck.

Maike Albath ist Literaturkritikerin, unter anderem beim Deutschlandradio. Zuletzt erschien ihr Buch „Der Geist von Turin“ (Berenberg)

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