Fußball - Ein grässlich ordinärer Sport

Seid ihr eigentlich noch bei Trost, ruft Christoph Schwennicke den Fußballbegeisterten dieses Landes zu. Fußball sei unappetitlich und mache schlechte Laune, weiß der Cicero-Chefredakteur

Schmutzig, schwitzig, übelriechend: Und das soll irgendjemand anregend finden?
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Neulich wieder dieser, dieser.... Neururer, Peter Neururer heißt der, glaube ich. Auch eines dieser ewigen Fußballgesichter mit Schnauzbart. Hatte eine neue Anstellung als Trainer. Verein A hatte ihn gefeuert, weil er nichts brachte, Verein B hatte ihn angeheuert, weil er es bringen soll. Große Aufregung auf dem Fußball-Hühnerhof: Schau an, der Neururer, jetzt beim VfL Bochum. Interessant, interessant.

Gar nichts ist interessant! Seit ungefähr 40 Jahren ist das Trainergeschäft ein Reigen ewig gleicher alter Männer. Manchmal kommt ein neuer in diesem Reigen dazu, einer mit einem flackernden Blick des manischen Irrsinns, der heißt dann entweder Daum oder Klopp oder so, aber auch der wird älter und muss sich dann Haare auf die Stirn verpflanzen lassen.

Ansonsten aber bleiben Magath, Heynckes, Hitzfeld. Sie haben nur manchmal einen anderen Daunenkittel mit einem neuen Namenszug an, wenn sie aufgeregt an der Linie herumrennen oder missmutig in diesen albernen, überdachten Schalensitzen versinken.

Ich finde Fußball doof. Nein, ich finde Fußball grässlich – und ungemein langweilig. Ein Reigen alter Männer steht am Rand und schreit herum, viele mehr oder weniger junge Männer rennen auf einer Wiese herum, erst alle nach links, dann Ballverlust, dann wieder nach rechts, Ballverlust, wieder nach links.

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Vor ein paar Tagen hat der von mir ebenso geschätzte wie gemochte Moritz Rinke hier gesagt: „Fußball ist Drama in Vollendung“. Ich mache mir seither ernsthaft Sorgen um Moritz. Fußballgucken finde ich, ist Ödnis in Vollendung, die überflüssigste Sache der Welt. Dann doch lieber Minigolfspielen, oder Monopoly, und das ist schon ganz schön schlimm öde.

Wer meine, wie ich finde, einzig vertretbare Grundeinstellung zum Fußball hat, bekommt ganz viel Lebenszeit geschenkt. Ganze Wochenenden verplempern Fußballbegeisterte an diese ungemein primitive Sportart. Dekaden an sinnlos verbrachter Lebenszeit kommen da zusammen.

Vor ein paar Tagen gab es zwei in dieser sonderbaren Welt wichtige Spiele, das kriege ich aus dem Augenwinkel schon mit. Mein guter Freund Nico Fried drehte auf Facebook fast durch an dem Tag, als Bayern München gegen – wen noch gleich? – antrat. Seine Schwester Amelie, geschätzte Cicero-Kolumnistin für alle Lebensfragen, merkte trocken an: So viel Sätze, wie ihr Bruder da verloren hatte, würde man von Männern sonst in zwei Jahren nicht hören.

Ich hätte von Nico lieber einen klugen Leitartikel in der Süddeutschen gelesen als diesen infantilen Fußballschmarren auf Facebook

Seite 2: Unappetitliche Spieler, die dauernd auf die Wiese rotzen

Dieses Spiel ist unästhetisch und ordinär. Schon der Klang, wenn der Ball getreten wird, macht mich übellaunig. Es ist ein zutiefst ordinäres Geräusch, es klingt so ähnlich wie die Schläge von Bud Spencer in den alten Prügelfilmen mit Terence Hill. Die Spieler haben keine Manieren, tun sich absichtlich weh, sind nicht nur furchtbar verschwitzt, sondern oft auch noch sehr verdreckt und vom Regen pitschenass und rotzen dauernd auf die Wiese. Manchmal sogar ins Nackenhaar eines Gegners. Das ist so unappetitlich.

Viele Spieler sehen haarsträubend lächerlich aus, obwohl sie sich unwiderstehlich finden. Bei Bayern München gibt es einen, der hat sich sein glänzendes Hemdchen wie ein Ganzkörperkondom auf den Leib schneidern lassen, dazu tippelt er mit kleinen, wichtigen Schrittchen über den Platz, was so hühnerartig aussieht, dass man sich das Lachen verkneifen muss. Der Mann ist ein Star. Für mich ist er eine Witzfigur.

Vollends peinlich wird es, wenn versucht wird, diesem primitiven Sport eine politische oder philosophische Überhöhung zu geben. Dieser Theweleitismus ist noch schlimmer als die plumpe Fußballleidenschaft, die nach schalem Bier riechend, am Wochenende grölend die Bahnabteile füllt. Das ist wenigstens authentisch und stimmig.

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Fußball macht schlechte Laune. Mir sowieso. Aber allzu oft auch den Infizierten. Vor einigen Jahren, es war mal wieder Welt- oder Europameisterschaft, es ist ja dauernd Welt- oder Europameisterschaft, oder Qualifikation zu einem von beidem. Jedenfalls hatten wir mit unseren Nachbarn ein schönes Gartenfest geplant, es war Juni, es war warm, es war herrlich, und der Grill glühte.

Aber die Fußballleidenschaft des Nachbarn und einiger Gäste auch. Deutschland spielte gegen wenauchimmer, Achtelfinale, Viertelfinale, was weiß ich. Unser im normalen Leben  angenehme Nachbar gab erst Ruhe, als ein Fernseher im Garten aufgebaut war.

Alle Männer hingen an der Mattscheibe und erlebten, wie Deutschland verlor. Das Fest war gelaufen. Eine ungemeine Niedergeschlagenheit legte sich über den ganzen Garten, und sie wurde nicht besser, wenn man einen kleinen Witz darüber machte. Gar nicht besser. Blicke voller, voller...ja, war das sogar Hass?

Ich glaube, ich war der einzige Mann, der dann noch ein Steak aß, ganz allein, geächtet. Die anderen ertränkten ihre Trauer in Bier.

Nicht nur nach solchen Erlebnissen möchte ich ausrufen: Männer! Geht‘s noch? Seid ihr eigentlich alle noch ganz bei Trost?

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