Musketiere feuern am 12.7.2003 beim Historienspetakel im Elbauenpark in Magdeburg ihre Musketen ab. Am Wochenende ist der Park Schauplatz einer Reise in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.
In Magdeburg wird eine Schlacht des Dreißigjährigen Kriegs nachgespielt / picture alliance

Dreißigjähriger Krieg - Der Mythos des „Sonderwegs“

Heute begann vor 400 Jahren der Dreißigjährige Krieg. Ein Drittel der damaligen deutschen Bevölkerung verlor darin das Leben. Warum wir die Folgen noch heute spüren. Von Alexander Grau

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Januar erschien von ihm „Entfremdet. Zwischen Realitätsverlust und Identitätsfalle“ bei zu Klampen.

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„Die Türme stehn in Glut, die Kirch’ ist umgekehret./ Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,/ Die Jungfraun sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun,/ Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret“ – dichtete Andreas Gryphius 1636 in seinem Sonett „Tränen des Vaterlandes“. Da wütete der Krieg, der bald schon als der „Dreißigjährige“ in die Massenmordanalen der Menschheit einging, bereits 18 Jahre, weitere 12 wird das Schlachten dauern. Am Ende stehen schätzungsweise sechs Millionen Tote innerhalb des Reichsgebietes, das war ein Drittel der Bevölkerung.

Begonnen hatte alles vor vierhundert Jahren, am 23. Mai 1618, als Vertreter der protestantischen Stände zwei königliche Stadthalter nebst Kanzleisekretär aus einem Fenster der Prager Burg warfen. Hintergrund war ein Konflikt zwischen dem deutschen König in Gestalt des Habsburgers Ferdinand II. und dem böhmischen Adel, der auf seine Unabhängigkeit und seine Rechte pochte. Der Habsburger war erst seit einem Jahr König und Bannerträger katholischer Gegenreformation. Um seinen Machtwillen zu demonstrieren, ging er auf Konfrontationskurs, entließ protestantische Beamte und befahl den Abriss zweier soeben errichteter protestantischer Kirchen.

Nach zwei Jahren hätte Schluss sein können

1619 wählten daraufhin die böhmischen Stände den Pfälzer Kurfürsten Friedrich zum neuen König von Böhmen. Im Gegenzug schmiedete Ferdinand II., nunmehr deutscher Kaiser, eine antiböhmische Allianz. In der Schlacht am Weißen Berg siegten die kaiserlichen Truppen unter General Graf Tilly und schlugen die Böhmen in die Flucht. Nach zwei Jahren hätte der Dreißigjährige Krieg vorbei sein können.

Doch Ferdinand II. hatte Bündnisverpflichtungen zu erfüllen. Also besetzten seine Truppen die Oberpfalz. Der Krieg hatte Böhmen verlassen. Hier nun wäre endgültig der Punkt gewesen, die Armeen zu demobilisieren. Doch Ferdinand witterte die Chance, den Protestantismus in Norddeutschland zu zerschlagen. Friedrich Schiller wird später kommentieren: „Nie lag eine so große Entscheidung in eines Menschen Hand, nie stiftete eines Menschen Verblendung so viel Verderben.“

Die politischen Ergebnisse des Irrsinns: Frankreich etablierte sich als die dominierende Kontinentalmacht, auch kulturell. Das Reich verlor viele Seehäfen an Schweden. Von Kolonialbestrebungen war es damit abgeschnitten. Der verspätete Wunsch nach dem „Platz an der Sonne“ hat auch hier seine Ursachen. Zugleich blieb Deutschland dauerhaft ohne Zentrum – kulturell, räumlich und dynastisch. Das bewirkte die Vielfalt und den Reichtum deutscher Kulturinstitutionen aber auch machtpolitische Bedeutungslosigkeit.

Das Land der Dichter und Denker

Anfang des 19. Jahrhunderts wird Madam de Staël daraus das romantische und publikumswirksame Bild des verträumten, apolitischen Landes der „Dichter und Denker“ zeichnen. Auch viele Deutsche werden es begeistert aufgreifen. Mit unguten Folgen: Es etabliert sich die Vorstellung von der deutschen Kultur, die der westlichen Zivilisation geistig überlegen sei. Ein Ergebnis: Bis in die Gegenwart sieht sowohl die politische Linke als auch Rechte Deutschland nicht als uneingeschränkten Teil des Westens. 

Ein Spiegelbild dieses deutschen Selbstverständnisses unter umgekehrten Vorzeichen war der Verdacht, dass die deutsche Geschichte ab 1648 einen unguten „Sonderweg“ eingeschlagen habe. In der Geschichte aber gibt es keine Sonderwege, da es keine Normalwege gibt. Vielmehr gab es einen deutschen Weg in die Moderne, einen französischen und einen englischen. Die Idee vom deutschen Sonderweg war ein Märchen, erzählt erst im Namen eines chauvinistischen Nationalismus und später zur pauschalen Diskreditierung deutscher Geschichte.

Doch der Dreißigjährige Krieg ist nach wie vor ein reicher Quell für verquaste Lehren aus der Vergangenheit. Beispiel Europäische Union: Der Frieden von 1648 war auch deshalb erfolgreich, weil es keine Zentralmacht gab, keine Gleichmacherei, sondern einen – modern gesprochen – Pluralismus der Regionen. Die EU in die Tradition des Westfälischen Friedens zu stellen, ist nicht nur unsinnig, sondern Geschichtsfälschung.

Können wir aus der Geschichte lernen?

Eines jedoch zeigt die Katastrophe von 1618 bis 1648: Kriege zu beenden – in denen verfassungspolitische Fragen, konfessionelle Gegensätze, das Großmachtkalkül externe Mächte und die ökonomischen Interessen irgendwelcher Warlords ein unheilvolle Verbindung eingehen – ist so gut wie unmöglich. Das sieht man auch heute im Nahen Osten.

Der Dreißigjährige Krieg hatte sich irgendwann erschöpft, die Ressourcen waren aufgebraucht. Doch in einer globalisierten Welt verzehren sich Kriege nicht mehr. Sie werden permanent gefüttert, mit Waffen, Nahrung und Geld. Und die entstehenden Flüchtlingsströme werden exportiert. So wird das Feuer genährt. Aus der Geschichte lernen wir nur, so hat man den Eindruck, wenn es sich gut anfühlt.

Hans W. Koerfges | Sa, 19. Mai 2018 - 11:39

An den Autor ein Danke für diesen Artikel. Ich nehme mir die Freiheit, in einem zentralen Punkt zu widersprechen. Das ist die Erschöpfung von Kriegen durch Verbrauch aller Ressourcen. Das soll heute nicht mehr möglich sein. Einspruch dagegen. Wenn Kriege geführt und Waffen nicht mehr bezahlt werden können, erlischt die Kriegsfackel, zumindest dann, wenn kein Grosser gierig ist und sich Kriegsparteien einverleibt.
Eine andere Haltung führt zu gefährlichem Pessimismus, und dem will ich nicht anhangen.

Gisela Fimiani | Sa, 19. Mai 2018 - 13:00

Der letzte Satz ihres Beitrages bringt es auf den Punkt. Nachdem wir (nach WW II) die Demokratie verordnet und angenommen hatten, fühlte diese sich im Laufe der Zeit gut an. Den tieferen Auftrag der Demokratie haben wir weder verstanden noch angenommen. Wir blieben der Anbetung des väterlichen Staates verhaftet, in dem wir aufgehoben und geschützt sind. Wir sind Schönwetter Demokraten und verteidigen unsere Demokratie nicht, weil wir den zutiefst wahren Satz Churchilles ebenfalls nicht verstanden haben, dass die Demokratie die schlechteste Regierungsform, mit Ausnahme aller anderen sei. Der Deutsche Untertangeist fühlt sich in der Despotie des imperium paternale ( Kant) wohler, als in der anstrengenden Staatsform der Demokratie, um die man sich selbst kümmern muss.

Martin Wessner | Sa, 19. Mai 2018 - 13:43

Kriege werden vorallem durch Soldaten gefüttert, die Mütter von 8 bis 12 Kinder ohne Unterlass gebären. Nennt sich auch "Youth-Bulge"(Gunnar Heinsohn). Wenn von ihnen ein Grossteil auf dem Schlachtfeld gefallen ist, dann verzehren sich indes auch heute noch -in einer globalisierten Welt- die kriegerischen Auseinandersetzungen sehr schnell und nachhaltig.

Harro Meyer | Sa, 19. Mai 2018 - 15:44

Da hatte der Bonifatius vorher ganze Arbeit geleistet: Die Germanen zu Leuten zu machen, die das orientalische Christentum ernst nahmen.

Martin Lederer | Sa, 19. Mai 2018 - 19:13

Das war ein Bürgerkrieg in Deutschland, an dem verschiedene ausländische Mächte beteiligt waren(wie Schweden, Dänemark, Spanien, Frankreich, Niederlande, ...). Trotzdem war es ein deutscher Bürgerkrieg. Genauso wie auch bei anderen Bürgerkriegen zwar ausländische Möchte beteiligt sind, er aber trotzdem in dem jeweiligen Land ausgetragen wurde.

Thorsten Wagner | Sa, 19. Mai 2018 - 20:20

Also ich muss mich schon sehr wundern: der Autor schreibt einen Artikel über den 30 Jährigen Krieg, an dem es nichts kritisieren gibt außer das der "Sonderweg 1648 eingeschlagen wurde. Hätte sich Hr. Grau mit der ganzen Geschichte auf dem Gebiet des hl. römischen Reiches deutscher Nation beschäftigt, so war das immer ein Staatenbund in dem der König gewählt wurde und dann zum Kaiser gekrönt wurde. Jeder König/Kaiser mußte sich beweisen, eine Zentralmacht gab es seit dem Tode von Karl dem Großen und der Aufteilung des Frankenreiches im sogenannte Ostreich nie. Die Habsburger schwächte die Stellung der Königs/Kaisers durch Einführung einer Quasi-Erbmonarchie weiter. Sie kümmerten sich mehr um den "östereichischen" Teil und ihrer Hauptstadt Wien.
Der Staatenbund war schon immer in Mitteleuropa das Natürliche - deshalb gaben schon die Römer auf Germanien zu erobern - Arminius gelang eine kurzfristige Einigung.

Andreas Thomsen | Sa, 19. Mai 2018 - 21:17

Ferdinand II war nicht "deutscher Kaiser", sondern "Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" - wann der Zusatz "Deutscher Nation" zum "Römischen Kaiser" dazukam, ist mir nicht bekannt.
Dieses Reich erstreckte sich von Holstein im Norden bis weit nach Oberitalien, es umfaßte Savoyen, Lothringen, zeitweilig Teile von Burgund im Westen und Böhmen, Mähren, Schlesien und Pommern im Osten. "Deutschland" - der Begriff taucht z.B. bei Wallenstein im Gegensatz zu "Böhmen" auf, war nur ein allerdings großes und wichtiges zentrales Gebiet in diesem Reich.

Insofern ist der Bezug auf die heutige EU zwar schief, aber nicht völlig unberechtigt.

Walter Rupp | Sa, 19. Mai 2018 - 21:55

In Deutschland wird gerne verdrängt, dass die verheerenden Religionskriege ihren Ursprung in den maßlosen Übertreibungen, den Hasspredigten Martin Luthers hatten. Erasmus, selbst ein Reformator, flehte ihn auf Knien an, sich der Diplomatie zu bedienen, vergebens. Ich kann nur jedem empfehlen, die Dispute zwischen beiden zu lesen.

Christoph Ernst | So, 20. Mai 2018 - 12:27

Danke für diesern erhellenden Beitrag. Allerdings müsste es im Trailer "deutsche" statt "europäische Bevölkerung" heißen. Ja, die Parallelen zu Syrien/Irak sind frappant, und wer sich mit der Belagerung Magdeburgs und der anschließenden "Hochzeit" beschäftigt, dem drängt sich das Schicksal Aleppos auf. Interessant wäre im Vergleich zu heute noch der damalige "Kriegs-Index", der Überschuss an jungen Männern, die in der Gesellschaft keinen Platz zum Nachrücken finden, miteinander konkurrieren, sich irgendwann gegenseitig an die Gurgel gehen oder ihren Zorn nach Außen tragen, so wie dieser Tage in der muslimischen Welt, wo es bis 2015 eine Viertelmilliarde junger Männer im wehrfähigen Alter geben wird, die zweite, dritte oder siebente Söhne sind. Ich kennen da keine Zahlen für die deutschen Lande vor 1618, aber laut Gunnar Heinson haben 90.000 überschüssige junge Männer im elisabethianischen England gereicht, um die die Keimzellen des Imperiums zu erplündern.

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 20. Mai 2018 - 18:28

Aber mir fehlen die geschichtlichen Kenntnisse, es fast immer auch als ein solches leuchten zu lassen.
Es ist eine Wiege des Protestantismus wie auch des Pluralismus, eine der Aufklärung und der parlamentarischen Demokratie.
Deutschland ist wunderschön.
Für mich ist es besonders, wenn manchesmal auch schwerst auf Abwege geraten/gedrängt.
Herr Grau zeigt ja leider nur zu gut, dass Konflikte der Größenordnung und Dimension nur schwer wieder einzudämmen sind, da es nicht nur um Sieg und Niederlage geht, sondern um Achtung der Interessen aller Beteiligten.
Engländer wollen keine Sklaven sein, Deutsche unterwerfen sich nicht gerne, es sei denn freiwillig Situationen, die sie an/erkennen.
Irrtümer gibt es allerdings auf allen Seiten.
Deutschland ist vlt. nicht der Kopf, nicht die Seele Europas, aber mindestens sein Herz. Es verortet sich europäisch und eher nicht imperial oder kolonial, eigentlich erst recht nicht als Weltmacht.
Packt Euch doch erst einmal an die eigene Nase.

Willi Mathes | So, 20. Mai 2018 - 19:27

Wohl wahr, Herr Dr. Grau,

" Interessengruppen " dirigieren ( bestimmen ) rücksichtslos den Alltag aller Menschen !

Daran wird sich an der " Unzulänglichkeit " der Menschen , nichts ändern !

Herzlichen Dank und freundliche Grüsse

Winfried Sautter | Mo, 21. Mai 2018 - 13:08

Nach dem 30-Jährigen Krieg konnte sich u.a. eine einigermassen stabile Staatenordnung auch deshalb etablieren, weil der Friedenschluß mit einer Amnestie für im Krieg begangene Verbrechen verbunden war. Schlußstrich. Reset. Das unterscheidet den Westfälischen Frieden von den heute, seit 1918 gängigen Kriegen und deren Beendigung: Der Krieg als Kreuzzug, die Ziele moralisch überhöht und verabsolutiert. Der Sieg statuiert die moralische Überlegenheit des Siegers ebenso wie die moralische Verwerflichkeit des Unterlegenen ... So kann kein echter Frieden entstehen.