Man kann getrost über ihn hinweggehen: der neue „Downton Abbey“-Film / dpa

Downton Abbey II: Eine neue Ära - Der Trost, der nicht mehr tröstet

Seit letzter Woche läuft die zweite Kinoadaption der Erfolgsserie „Downton Abbey“ in den deutschen Kinos. Sie lässt einen in doppelter Melancholie versinken: Die Bilder sind nach wie vor wunderschön und erzählen von einer Zeit, in der zwar auch nicht alles in Ordnung war, man aber zumindest gute Anzüge trug. Vor allem aber sehnt man sich nun nach jenen Jahren zurück, als man diese Bilder noch genießen konnte. Doch selbst das ist vorbei.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Januar erschien von ihm „Entfremdet. Zwischen Realitätsverlust und Identitätsfalle“ bei zu Klampen.

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In Zeiten des Unheils ist die Sehnsucht nach heiler Welt naturgemäß besonders groß. Doch auch die heilen Welten der Imagination müssen irgendwie zu dem Unheil passen, von dem sie ablenken sollen. Ist das nicht der Fall, wirken sie anachronistisch und unpassend.

So ergeht es der zweiten Kinofassung der britischen Fernsehserie „Downton Abbey“. Als das von Julian Fellowes entwickelte Format 2011 auch über deutsche Fernsehbildschirme flimmerte, war die Begeisterung nahezu einhellig. Vielen galt „Downton“ als die beste Fernsehserie aller Zeiten. Und das nicht zu Unrecht. Verglichen mit anderen Erfolgsserien amerikanischer Provenienz wie „Wired“, „Breaking Bad“ oder „House of Cards“, die für ihre postmoderne Narration gelobt wurden, kam die britische Produktion zwar überaus klassisch daher. Allerdings überzeugte das Format mit überragenden Production Values: Ausstattung, Kamera, Schnittführung, Szenengestaltung, Dialoge – das alles war von einer solchen Qualität, dass man Tränen in den Augen bekommen konnte, ohne den Plot auch nur zu kennen.

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Walter Bühler | Sa, 7. Mai 2022 - 14:31

Gewiss aus sentimentaler Liebe zum geschichtsbewussten England und bezaubert von Cambridge und Oxford, wo Wissenschaft - wie früher ja auch in Heidelberg, Tübingen, Marburg, Freiburg usw. - noch um ihrer selbst willen als Wissenschaft praktiziert zu werden scheint:

ja, aus Sentimentalität und Nostalgie schätze ich den "jungen Inspektor Morse". Die Werte, die dort vorgeführt werden, fesseln mich ebenfalls.

Noch kann man ein paar Episoden in der ZDF-Mediathek finden.

Europa ohne England ist schwer vorzustellen.

und deshalb gehört es für mich weiter dazu.
Zu Europa ja sowieso, Sie meinten vielleicht auch die EU?
Ich folge da meist einem bestimmten Klang. Eventuell eine Schnulze, die nicht wirklich eine ist, bedenkt man, wie Vögel sich in Brutkolonien immer wieder finden, "Der Klang des Herzens" USA 2007.
Das macht, dass Menschen sehr viel weiter sein können als die sogenannten Gegebenheiten, sie leben zusammen, sie wollen zueinander kommen, sie verändern die "reale" Welt, bauen die reale Welt.
Wie übrigens Merryl Streep in dem Vierteiler über den Holocaust.
Ich habe damals Strom gespart, also saßen wir zusammen in meiner Studentenbutze, umhüllt von Decken.
Bitte leiden Sie nicht unnötig, Herr Bühler.
Wir haben mittlerweile die 8. Staffel Morse käuflich erworben, den Alten sowieso etc.
Barnaby habe ich jahrelang immer wieder gesehen.
Ab einem bestimmten Punkt begann ich Streamingdienste zu schätzen und gebe Angesammeltes auch wieder weg.
Privates Schauen ist entspannend, aber zusammen...:)

jetzt stimme ich Ihnen zu, zumindest teilweise. Auch wenn ich das mit den "Werten", die sie da glauben, erlebt zu haben, eher ein wenig als an den Haaren herbeigezogen sehe.

In den letzten Folgen, die in der Mediathek zu sehen sind, leidet der geniale Kriminalist erheblich unter seinem Suff.

Und auch seine Unfähigkeit, eine tragfähige Beziehung zum anderen Geschlecht aufzubauen, wird immer wieder thematisiert.

Einerseits ist er hochintelligent; was aber emotionale Ausstattung angeht, ist Moorse ein Neandertaler....bester Anschauungsunterricht für Psychoanalytiker.

Und die Werte? Stocksteife Briten, die sich in einer erzkonservativen Umgebung mit ihren Traditionen dauernd selbst im Weg stehen. Bismarck-Fans jauchzen vielleicht ...was diese Werte angeht.

Aber gute Unterhaltung, keine Frage.

Karl-Heinz Weiß | Sa, 7. Mai 2022 - 17:53

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit-lohnender sind allerdings die Landschaftsaufnahmen von Cornwall in Pilcher-Filmen. Im CICERO eine heimliche Liebeserklärung für die unverändert bestehende englische Klassengesellschaft: man lernt nie aus.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 7. Mai 2022 - 18:21

und beliebt, da schadet es nicht, dass ich bislang noch nicht eine Folge sah.
Ich mag nun mal keine Fiktion, die zu eng mit den Umbrüchen und überhaupt realen historischen Ereignissen bespielter Zeit verknüpft ist.
Agatha Christie ist eng mit ihrer Zeit verbunden, ohne dass die in ihren Werken prominent zum Tragen käme.
Die Realität einer Agatha Christie ist deshalb Fiktion, weil sie in der Realität wohl nie zum erkennbaren Tragen kam.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von der Historie hin zur Fiktion und dem was Realität sein könnte.
Entsprechend habe ich gestern die Serie "The Sound of Magic" Südkorea 2022 , Erscheinungsdatum auf Netflix 6. Mai 2022, gesehen, die erschreckend "realistisch" ist, aber auch das trägt, was Realität sein könnte, vorausgesetzt man beantwortet die dort gestellte Frage "Do you believe in Magic" mit Ja.
Ich dachte, die Romantik hätte solchen Eindruck auf Sie gemacht, Herr Grau, stellt Downton Abbey diese Frage?
Magie, hat das mit Magnetismus zutun?

Ernst-Günther Konrad | So, 8. Mai 2022 - 09:19

Ja Dr. Grau, da haben Sie ein für mich gutes Thema beleuchtet. Ich sah schon gerne die Fernsehverfilmung von Downton Abbey und werde sicher den neuen Film anschauen. Überhaupt mag ich das britische Genre der Krimis und der sozialkritischen Filme. Nicht nur Inspektor Morse, wie auch bei Herrn Bühler, sondern auch Barneby und die alten Agatha Christi Filme oder die unvergessliche Margreth Rutherford mit Ehemann in Miss Marple schaue ich mir immer wieder gerne an. Ja, da haben Sie durchaus recht, man kann da wirklich einmal abschalten und gedanklich in diese Zeit abdriften. Für mich sehr wohltuend.

Walter Bühler | So, 8. Mai 2022 - 11:45

Nach meinem alten Schulwörterbuch geht die Bezeichnung "Magnet" letztlich auf die erzreiche thessalische Landschaft "Magnesía" zurück.

Unser heutiges Fremdwort "Magie" kommt dagegen von "Mágos", das einen medischen oder persischen Priester bezeichnet.

Ja, ich finde es auch unangenehm, wenn Fiktion und Realität allzu sehr vermuddelt werden. In den oft mehr als seichten Fernseh-"Dokus" wird auf diesem Weg viel unwissenschaftlicher Blödsinn als Faktum verkauft, manchmal aus löblichen pädagogischen Gründen, aber leider auch oft aus finsteren ideologischen Gründen.

Daher sollte man sich in der Regel bemühen, Realität und Fiktion zu trennen, obwohl es eine Fiktion ohne realen Hintergrund nicht geben kann.

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