Portrait - Don Quijote im Knüllgebirge

Ulrich Holbein ist Schriftsteller und Enzyklopädist. In seinem abgeschiedenen «Merlinhaus» hat er nun ein unvergleichliches Kompendium der Narren aller Zeiten und Völker geschrieben. Ein Besuch in der hessischen Provinz

Schon lange hatte sich der scheue Greg hinter einer Mauer aus Schweigen verschanzt. Nur sehr gelegentlich wandte er sich an seinen letzten Vertrauten, den behandelnden Arzt, um sich mit Nachrichten aus der Außenwelt zu versorgen. «Was macht eigentlich Jimi Hendrix?», fragte er dann aus heiterem Himmel. «Man hört neuerdings nicht mehr viel von ihm.» Gregs unangefochtene Lieblingsgruppe aber waren The Grateful Dead; die, das glaubte er felsenfest, hatte er vor höchstens einem Jahr noch live gehört. Der Arzt, dem Greg bei solchen Gelegenheiten auch seinen Lieblingssong «Tobacco Road» vorzusingen pflegte, ist der Neurologe Oliver Sacks. Sacks behandelte Greg 1977 – etliche Jahre, nachdem dieser The Grateful Dead zum letzten Mal gehört hatte und auch Jimi Hendrix schon tot war. Der kuriose Zustand seines Patienten gründete indessen auf einem neurologischen Handicap: Ein Hirntumor in der Größe einer Pampelmuse löschte die Zeit nach 1969 aus Gregs Erinnerung; dass sich die Welt auch weiterhin drehte und darüber veränderte, verrätselte dem Mann seine Existenz. So fiel das Ende von Flower Power für Greg mit dem Ende der Geschichte zusammen. «Er war», so folgert sein Arzt, «ein Fossil, der letzte Hippie.»

Diese Fallgeschichte birgt nicht zuletzt eine historische Behauptung. Sacks suggeriert, dass die Hippies wie Dino­saurier auf einen Schlag ausgestorben seien und führt Greg als singuläre Ausnahme vor, die diese Regel bestätigt. Als müsse einer, der den alternativen Lebensentwurf von ‘68 ungebrochen bis heute weiterführen will, schon eine Pampelmuse im Kopf haben. Es lässt sich diese patho­logisierende Annahme auf zumindest zweierlei Arten widerlegen: durch die Lektüre des «Narratoriums», eines 1000-seitigen Lexikons randständiger, manischer, komischer und oftmals tragischer Lebensläufe aus allen Zeiten und Kulturen; oder durch einen Besuch beim Autor dieses fulminanten Kompendiums selbst.

Die Reise zu Ulrich Holbein führt in keine sagenhaft entlegene Region – auch wenn der Name dieser Gegend klingt, als gehöre er der Phantasiewelt eines Kinderbuchs an: Der Knüllwald, kurz Knüll, liegt 60 Kilometer südlich von Kassel und ist am ehesten als Transitland bekannt. Homberg (Efze), die Kreisstadt, kommt in den Staumeldungen des Verkehrsfunks häufiger vor, steilere Anstiege der A7 machen schwerfälligen Fahrzeugen hier zu schaffen. Mittelgebirge. Der weite Himmel überspannt fast nur Natur. Wer in Homberg abgefahren ist und Autohof, Drive In und Truck-Wash hinter sich gelassen hat, durchquert Fachwerk-Dörfer, deren Namen sich wie die gewagte Behauptung lesen, sie seien von Menschen bevölkert: Holzhausen, Dickershausen, Hombergs­hausen, Mörshausen, Waßmuthshausen, Hausen.


Ein Haus aus Knöterich

Bei Allmuthshausen lebt Ulrich Holbein, der Schriftsteller, und sein Refugium ist durch Zufall oder gar nicht zu finden. Ein kniehohes Gartentor und der Briefkasten wurden durch Camouflage-Bemalung in den allgemeinen Wildwuchs eingepasst. Dahinter führt ein vierzig Meter langer Trampelpfad durch Johannis- und Stachelbeerbüsche und an Erlen und Korkenzieherweiden vorbei in Richtung einer riesenhaften Wucherung aus Knöterich, wildem Wein und Efeu. Ein Bach durchquert das ansteigende Gelände. Und während sich die Augen langsam auf die Vielfalt dieses mitteleuropäischen Dschungels einstellen, fallen auch die Fenster im Knöterich auf. Dieser Busch ist in Wahrheit ein Haus. In der paradiesischen Stille, die das Areal umfängt, hat Holbein den motorisierten Besuch längst kommen gehört. Und macht den staunenden Gast sogleich mit den verstreuten Sensationen seines Wildgartens vertraut, in dem nicht nur Zaubernuss, Gänsekresse, Besenheide und Polsterphlox, sondern auch Grasnelken, korsischer Nieswurz und kaukasisches Vergissmeinnicht gedeihen.

Man kann nicht sagen, dass der Schriftsteller als Fremdkörper aus dieser naturwüchsigen Umgebung he­raus­stechen würde. Den Verlockungen der urbanen Mode­­industrie entsagt er jedenfalls mit einer Standhaftigkeit, die noch den Heiligen Antonius vor Neid erblassen lassen sollte. Buntbestickte Weste, Hemd und Beinkleider von unbestimmter Farbe, verschiedenartige Wollsocken in Trekkingsandalen mit Klettverschluss – Fashion Victims sehen anders aus. Der Bewuchs seines von schulterlangen Haaren umflossenen Asketengesichts erinnert durch eine Stutzung aufwärts der Oberlippe an einen chinesischen Gelehrtenbart.

1953 im thüringischen Erfurt geboren, war Holbein noch ein Kind, als die Familie in den Westen übersiedelte; Bad Hersfeld lag nicht weit von der Zonengrenze, und auch nach Allmuthshausen sind es bloß dreißig Kilometer – Holbein schwärmt davon, dass man diese Strecke zu Fuß zurücklegen kann, ohne auch nur eine einzige menschliche Ansiedlung zu passieren. In Bad Hersfeld durchlief der verträumte Junge die Schule, an die sich ein Studium der Kunstgeschichte anschloss. Nach Jahren des unsteten Lebens – mit dem zwanzigsten Lebensjahr brach eine ganze Dekade ausgedehnter Reisen an, die ihn durch Südeuropa und bis nach Indien führten – hat sich Holbein zu Anfang der Achtziger hier niedergelassen.

Kurz zuvor, so erzählt er, war es ihm auf einem nahe gelegenen Einödhof zu ungemütlich geworden. Bhagwan-Anhänger eröffneten damals überall Diskotheken und suchten zwischendurch auch alteingesessene Landkommunen heim, von denen es im dünn besiedelten Hessen besonders viele gab. Holbein ging der Lärm auf die Nerven, den die hedonistischen Sannyasins verursachten. Geschrieben hat er, solange er denken kann; damals aber wurde die Schriftstellerei zum Hauptberuf und erforderte Konzentration – zudem konnte ihn der Sektenführer und Rolls-Royce-Fahrer auch als spirituelle Autorität nicht überzeugen. «Osho», sagt Holbein, «hat in der Haribo-Tüte spiritueller Traditionen die Spreu von den Perlen getrennt und dann den Rahm abgeschöpft.»


Heilige und Scharlatane

Womit der Schriftsteller bereits beim Kern der Sache ist, schließlich kennt Holbein die spirituelle Haribo-Tüte wie seine Westentasche. In berserkerhaften Lektüren hat er sich ein enzyklopädisches Wissen über religiöse, esoterische, literarische und handfestere Sinnstiftungsversuche angeeignet – und nun ein ziegelsteinschweres Buch vorgelegt: «Narratorium» führt in alphabetischer Reihenfolge die Portraits von 255 teils prominenten, teils gänzlich unbekannten, stets aber manischen Gestalten auf; das historische Spektrum reicht vom 680 vor Christus geborenen Dichter Archilochos von Paros über Till Eulenspiegel bis zu der heute 34-jährigen Julia Butterfly Hill, die rekordverdächtige zwei Jahre in einem von der Abhol­zung bedrohten Mammutbaum lebte.

Holbein ist ein zuweilen flammender und immer pointierter Polemiker, und er weiß, dass auf dem Feld der Passionen nur subjektive Urteile gelten können: Wer ein Heiliger ist und wer ein Scharlatan – das ist vor allem eine Frage des Standpunkts. Peter Sloterdijk beispielsweise, der ehemalige Sannyasin und heutige Star-Philosoph mit TV-Präsenz, hält den seligen Bhagwan noch immer als «Wittgenstein der Religionen» in Ehren. Holbein mag aber seinerseits in Sloterdijk bloß einen «Schaum­werker» sehen und auch der Erkenntnis nichts abgewinnen, dass «beim Zurweltkommen das Entbindungsapriori um ein Dringlichkeitsapriori zu ergänzen sei». Womöglich ist der polemische Furor, mit dem sich hier der eine Autor auf den anderen stürzt, auch in zwischenzeitlicher biografischer Nachbarschaft begründet. Holbein und Sloterdijk haben ihre intellektuellen Wurzeln in der Alternativkultur der siebziger und frühen achtziger Jahre, aber nur der eine ist ihr, lebenspraktisch, treu geblieben. Also ging es vor allem mit Karriere und Bekanntheitsgrad des anderen sehr zügig voran.

Zurück in der Realität dieses herbstlichen Nachmittags weiß der Schriftsteller von weitaus konkreteren Nachbarschaftsproblemen zu berichten. Es ist nämlich wider Erwarten nicht so, dass sich jenseits seiner Grundstücksgrenze Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Hier residieren ganz normale Leute, und wo es Holbein wachsen und wuchern lässt, stehen dort die Gemüserabatten in Reih und Glied; auf der einen Seite amorpher Blumenwald, auf der anderen Waschbetonplatten und gestutzte Hecken, die den Autor an quadratische Blöcke aus Tiefkühlspinat erinnern. «Wenn ich Ihren Garten seh, könnt ich heulen», mit solchen Bekenntnissen warb die Frau von nebenan bereits um die Einsicht des Nachbarn, wobei sich dieser, die andere Seite des Grundstücks im Blick, dasselbe dachte. Seitdem gingen Klagen beim Ordnungsamt ein; ein zugewachsenes Straßenschild, «schädlicher Samenflug», von dem großflächigere Verwüstungen zu befürchten seien – das Leben in der deutschen Spießbürger-Provinz erspart auch einem einsiedlerischen Buchmenschen kaum die Mühen der sozialen Ebene.

Windmühlenkampf dem Schubladendenken!

Holbeins Berichte von Begegnungen aus dem dörflichen Alltag lassen vermuten, dass der Autor hier nicht ohne eigenes Zutun als Freak – und noch dazu als ein etwas hochnäsiger – bekannt ist. So kam es vor, dass er bodenständigen Allmuthshausenern eine Ausgabe des «Spiegel» unter die Nase hielt und sich bei ihnen nach der Identität des auf dem Titelblatt Abgebildeten erkundigte. Mit niederschmetterndem Resultat: Albert Einstein? – keine Ahnung, wer soll das sein, der ist hier noch nicht durchgekommen. Wenn der Schriftsteller solche Anekdoten referiert, dann gehört das offenbar auch zu einer strategisch angelegten Stilisierung der eigenen Person. Am Ende sollen Leben und Literatur miteinander verschmelzen – und wenn es eine literarische Figur gibt, die Holbein für diese Identifikation wie auf den Leib geschnitten scheint, dann ist das Don Quijote. Demonstrativer Bildungsdünkel, Exzessiv-Botanik und modischer Nonkonformismus – all das gehört zum Windmühlenkampf, den die Existenzform zwischen Establishment und Freigeisterei mit sich bringt. «Meine Windmühlen», so Holbein, «heißen Schubladendenken».


Merlin im Funkloch

Der Autor hat seit 1989 schon über zwanzig Bücher auf der Habenseite; davon erschienen drei bei Suhrkamp, waren echte Kritikererfolge und zogen Literaturpreise und Stipendien nach sich. Holbein schrieb regelmäßig auf der Stil-Seite der «FAZ» und hatte in der «Zeit» und der «Süddeutschen Zeitung» eigene Kolumnen. Der nicht von ungefähr mit Jean Paul und Arno Schmidt verglichene Autor hörte deshalb aber bis heute nicht damit auf, in kaum bekannten Kleinstverlagen zu publizieren: Yedermann, Nachtschatten, Elfenbein – und immer wieder bei der Grünen Kraft, einem auf Kifferfibeln und andere Rauschmittelforschung konzentrierten Haus, dessen Firmensitz seinen treuen Lesern nach alter Hippie-Sitte bloß als Highdelberg im Gedächtnis haftet. Hier ist Holbein in einem Autorenumfeld zu Hause, in das auch der Sex- und Drogen-Forscher Günter Amendt und der LSD-Papst Timothy Leary gehören. In all diesen Nischen noch ein wenig zu stecken und sich dank enzyklopädischer Bildung und ungebändigten Sprachwitzes doch meilenweit da­rüber erheben zu können – darin besteht Ulrich Holbeins große Kunst. Und die Chance, dass sein «Narratorium» zu einem noch in vielen Jahren konsultierten Kompendium werden kann. Wenn es sich für eine lineare Einmal-Lektüre auch als zu sperrig erweisen mag, bietet es eine zwischen zwei Buchdeckeln beispiellose Material- und Assoziations­fülle und wird so zum Türöffner ganzer Bibliotheken.

Holbeins «Narratorium» ist die Comédie Humaine in 255 Akten: Mit antiken Naturphilosophen und Kynikern, Kriegsherren, Wandermönchen und Drogenessern; Top-Terroristen, Lebensreformern, Dandys, Popmusikern, Religionsstiftern und Schriftstellern. Obwohl ohne eigenen Eintrag stiftet vor allem Don Quijote im Chaos dieser unendlich mäandrierenden Lebenslinien eine gewisse Kontinuität. «Jede Gestalt», befindet der Autor zu Recht, «ist ein überschmückter Weihnachtsbaum, eine Welt für sich.»
Und wie Holbein ist jede dieser Gestalten zugleich ein Windmühlenkämpfer; der obsessiven Vernarrtheit in diese oder jene vernünftige oder idiotische Idee folgt mit nahezu gesetzmäßiger Konsequenz am Ende der Absturz. Von Ludwig II. zu Erich von Däniken, von Giuseppe da Copertino zu Osama bin Laden und Daniel Paul Schreber, Novalis und Aleister Crowley – und von dort zu den wirklich entlegenen Gestalten der chinesischen Antike oder hessischen Gegenwart: wer hier als gut oder böse, genial oder blöde in Erinnerung bleibt, darüber entscheiden oft nur historische Zufälle. Auch Jesus von Nazareth, sagt Holbein, wäre unter anderen Umständen höchstens als durchschnittlicher Sektenchef durchgegangen und hätte sich wohl posthum am meisten über die Prominenz gewundert, zu der ihm seine Jünger noch verhelfen sollten.

Ulrich Holbein wohnt in einem Busch aus Knöterich und nennt diesen Busch sein «Merlinhaus». In dessen Innerem setzen sich die Trampelpfade des Wildgartens fort: Es geht nun durch einen Dschungel aus Papieren und Büchern. Die Peinlichkeit ist daher programmiert: Bevor der Gast seine Motorik auf diese sorgsam balancierten Gebilde ausgerichtet hat, fällt schon der erste Stapel. Aber wohin auch sonst mit all dem Papier? Die Regale sind bereits übervoll und Wände dahinter nicht zu erkennen. Ulrich Holbein sortiert seine Bücher nach Farben. Das also ist das Material, aus dem er seinen polyphonen Chor der Heiligen und Unheiligen, Spinner und Propheten orchestriert. Auf die Dauer macht sich ein leises Ohrensausen bemerkbar. Ist Holbein der letzte Hippie? Kaum: mit dem scheuen Greg hat er weder Pampelmuse noch Filmriss gemein. Und schon gar nicht die Vorliebe für Popmusik. Grateful Dead, Jimi Hendrix oder Heino – das ist für Holbein, den Mozart-, Ligeti- und Gesualdo-Freund, einerlei: «So etwas hält mein Sensorium keine Sekunde aus.» Also kein Hippie? Dieser Autor hat einfach immer weitergemacht: gelesen und geschrieben und abseits des Mainstream gelebt. Und dass er nicht der einzige Verfechter dieses Lebensmodells ist, lässt sich in seinem Buch nachlesen. Außerdem weiß gerade der Sufi-Forscher, Freak-Experte und Literaturgeschichtler in ihm um die Fragwürdigkeit allzu straffer Historisierungen von Alternativ-Stilen: «Bevor Dada da war, war Dada da.»

Am Ende dann doch noch ein Filmriss, wenn auch rein technischer Natur: auf dem Weg zum Auto brummt das Mobiltelefon wegen Stunden alter Kurznachrichten vor sich hin. Sieh an: Ulrich Holbein lebt in einem Funkloch. Es muss ungefähr so groß sein wie sein Grundstück. Die nächtliche Fahrt zurück führt durch den pechschwarzen Knüll, und erst nach einer ganzen Weile leuchtet von fern eine blaue Blume. Die letzte Tankstelle vor der Autobahn.

 

Ulrich Holbein
Narratorium
Ammann, Zürich 2008. 1008 S., 39,90 €

Weltverschönerung. Ein Handbuch der lustvollen Lebensgestaltung
Haffmanns bei Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2008. 634 S., 14,90 €

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