Dissidente Künstler - Scheinhelden für deutsche Medien

In Paris wurde der russische Künstler Pjotr Pawlenskij festgenommen, weil er die Eingangstür der französischen Nationalbank in Brand gesetzt hat. Sein Fall offenbart die Tendenz deutscher Feuilletons, Künstler aus autoritären Staaten gerne als edle Helden darzustellen

Der russische Künstler Pjotr Pawlenskij im Gefängnis hinter Gittern
Der russische Künstler Pjotr Pawlenskij hinter Gittern: Der große Medienhype ist abgeflaut / picture alliance

Autoreninfo

Moritz Gathmann berichtet seit vielen Jahren als freier Journalist für deutsche Medien aus dem postsowjetischen Raum. Gathmann studierte Russistik und Geschichte in Berlin, volontierte danach beim Tagesspiegel und lebte von 2008-2013 in Moskau und Kaluga. Seit 2013 lebt er wieder in Berlin. Von 2010 bis März 2014 war er zudem als Gastredakteur für die SZ-Beilage „Russland HEUTE‟ tätig.

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Kennen Sie das? Man fährt in Urlaub, in die Alpen oder an die Küste, und findet dort im Gebirgsbach oder im Meerwasser einen Stein. Er glänzt so rätselhaft, seine Farben erscheinen unwirklich. Man fischt ihn raus, nimmt ihn mit nach Hause. Und dort, auf dem Fensterbrett, in Berlin oder in Stuttgart, da sieht er plötzlich ganz anders aus. Er glänzt nicht mehr, er ist grau. Er ist… ein ganz normaler, langweiliger Stein.

In meinen Jahren als Russland-Korrespondent habe ich mehrmals beobachtet, wie deutsche Medien Künstler aus Osteuropa zu Helden aufgeblasen haben. Das war so im Fall der Frauen von Pussy Riot, deren Hübscheste es immerhin auf’s Cover des Spiegel geschafft hat. Es war so im Falle der ukrainischen „Femen“-Aktivistinnen, die es mit ihrem barbusigen Protest gegen alles und jeden (aber immer für das Gute) zumindest auf die Titelseiten deutscher Regionalzeitungen schafften. Und zuletzt war es der Petersburger Aktionskünstler Pjotr Pawlenskij, dem das deutsche Feuilleton seitenlange Lobeshymnen widmete, als ihm in Russland der Prozess gemacht wurde, weil er die Eingangstüren des russischen Geheimdienstes FSB in Brand gesteckt hatte.

Heldenstilisierung nach Schema F

Das Schema, nach dem unsere Medien diese Figuren aufbauen, ist immer dasselbe: David gegen Goliath. Hier die mutigen Künstler, vom Freiheitswillen zum Protest getrieben, dort der repressive Staat, der sie dafür in den Knast steckt. Unsere Lobeshymnen sind unser Beitrag für ihren Kampf. Ohne Zweifel: Die Repressionen, denen Künstler in autoritären Staaten wie Russland oder China ausgesetzt sind, sind erheblich und nicht gerechtfertigt.

Worüber die meisten Menschen in deren Herkunftsländern jedoch regelmäßig den Kopf schütteln, ist ihre Stilisierung zu Helden. Und den Kopf schütteln nicht nur die Fans autoritärer Herrschaft. Warum? Weil die Heroisierung in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Objekte steht. Und weil Heroisierung nur funktioniert, wenn man alles ausblendet, was dieses Bild stören könnte.
Es sollte uns zu denken geben, dass Femen, Pussy Riot und jetzt Pawlenskij ganz anders wirken, wenn sie nicht mehr im fernen Moskau, St. Petersburg oder Kiew handeln, sondern wir sie vor Augen haben. Ähnliches geschieht übrigens auch mit „Helden“ aus anderen (autoritären) Kulturkreisen, mit denen ich mich allerdings weniger auskenne: Des Westens Lieblingschinese Ai Weiwei sorgt mit seinen Äußerungen für deutlich mehr Kopfschütteln, seit er in Deutschland lebt.

Großer Hype, wenig Substanz

Beginnen wir mit Femen. Sehr gut erinnere ich mich an die erste Aktion der Feminismus-Aktivistinnen auf deutschem Boden: Da kreuzigten sie bei der Eröffnung der „Barbie-World“ unweit des Berliner Alexanderplatzes eine Barbie-Puppe und verbrannten sie demonstrativ. Es war eine typische, primitive Femen-Aktion. Doch was beklatscht wurde, solange es im barbarischen Osten stattfand, wurde nun bestenfalls ignoriert oder (wie auf Spiegel Online) mit einigem Befremden beschrieben.

Weiter mit Pussy Riot. Wie wurden diese Frauen, die angeblich Putin das Fürchten gelehrt hatten, bei uns gefeiert! Man wollte ihnen den Sacharow-Preis verleihen, den Luther-Preis und was weiß ich noch alles. Und dann kommt Nadjeschda Tolokonnikowa nach Berlin und lässt viele ratlos zurück. Gut erinnere ich mich an eine Radioreportage auf RadioEins vom Auftritt der Aktivistin auf der Berlinale. Da waren die Journalisten und Kunstschaffenden zu ihrer Heldin gepilgert, um endlich persönlich die Erleuchtung in Empfang zu nehmen. Und was bekamen sie? Plattitüden über Freiheit und Feminismus.

Und nun Pawlenskij. Der Petersburger Künstler war im Fahrwasser von Pussy Riot zu Ruhm gelangt: Er hatte sich aus Protest gegen die Repressionen des Kremls den Hodensack auf den Roten Platz genagelt, den Mund zugenäht, sich nackt in Stacheldraht gewickelt und war dafür mit freundlichen Porträts bedacht worden. Er sagte darin schöne Dinge, die sich mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ zusammenfassen lassen.

Diese Subversität! Dieser Mut!

Der Durchbruch schließlich gelang ihm, als er die Eingangstüren des Geheimdienstes in Moskau in Brand steckte und der Staat ihn dafür festnahm (das Verfahren endete mit einer Geldstrafe). Gut erinnere ich mich an den verzweifelten russischen Mitarbeiter eines deutschen Magazins, der Tage damit verbrachte, für eine Feuilleton-Redakteurin die Prozessstenogramme zu übersetzen: Er konnte nicht verstehen, wozu das gut sein sollte. Ich musste es ihm erklären: Die Freiheit der Kunst gegen den autoritären Staat. Diese Subversivität! Dieser Mut! Wir lieben das! Aber haben Sie eigentlich schon einmal versucht, die Eingangstür des BND oder der CIA in Brand zu stecken? Lassen Sie es lieber.

Pawlenskijs Karriere in Russland jedenfalls endete unrühmlich: Die Schauspielerin eines unabhängigen Theaters bezichtigte ihn der versuchten Vergewaltigung. Pawlenskij bestritt alles, bezeichnete das als Trick der Behörden, um ihn mundtot zu machen. Vorsichtshalber floh er trotzdem mit seiner Frau nach Frankreich. Was hatte unser Feuilleton dazu zu sagen? Wenig bis gar nichts. Wichtiger als er selbst ist das Idol, das gegen den autoritären Staat kämpft.

Der Glanz ist weg

Im September dann gab Pawlenskij der Deutschen Welle auf Russisch ein Interview, in dem er seinen Lifestyle beschrieb: Er fahre schwarz Metro, wohne in einem besetzten Haus und klaue sich sein Essen in Supermärkten. Kurzum, er lebe „wie die meisten Pariser“.

Und nun? Nun hat er die Türen der französischen Nationalbank in Brand gesetzt. Am Ende wird er dafür wohl verurteilt werden, weil so etwas auch im Rechtsstaat Frankreich in erster Linie eine Straftat und erst ganz am Ende ein Kunstwerk ist. Vielleicht wird der Künstler dann nach Russland zurückgeschickt und dort womöglich verurteilt wegen der versuchten Vergewaltigung.

Der Glanz ist weg. Aber keine Sorge: Wir finden sicher bald neue Helden.

Karsten Paulsen | Mo, 23. Oktober 2017 - 09:22

Ich habe einen Bekannten der bereits lange in Russland lebt und dort einen Blog betreibt. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Pressefreiheit in Russland bedroht ist, im Gegenteil scheinen mir die Behörden selbst bei Beschimpfungen und Verunglimpfungen der Politiker oder Verwaltung eher zäh als überzureagieren.

Kostas Aslanidis | Mo, 23. Oktober 2017 - 12:39

In reply to by Karsten Paulsen

Ich poste in deutschsprachigen russische Zeitungen. Nie werde ich zensiert und auch die totalen gegenmeinungen werden zugelassen. In fast jeder deutschsprachigen plus (Österreich/Schweiz) Zeitung werde ich pausenlos zensiert.Die Gründe sind immer Fadenscheinig. Es wird keine Gegenmeinung geduldet. Sobald was positives über Russland kommentiert wird, ( Sie verstoßen gegen die Regeln ), bla, bla. Kein einziger Westpolitiker würde sich wie Putin, jedes Jahr Journalisten aus der ganzen Welt stellen. Putin antwortet immer auf die Fragen. Merkel ist nicht mal fähig auf gestellte Fragen zu antworten. Sehen Sie mal die Sendung 60 Minuten in Russland. Da wird so konträr debattiert. In Deutschland immer die gleiche Leier. Einer gegen Fünf plus gestellter Moderator. Warum die offensichtliche auffallende Doppelmoral geduldet wird, ist der Arroganz geschuldet. In Russland herrscht größere Meinungsfreiheit als in Deutschland.

Josef Garnweitner | Mo, 23. Oktober 2017 - 16:11

In reply to by Kostas Aslanidis

ich lese jeden Ihrer Kommentare, weil Sie sehr genau beobachten und objektiv schreiben. Liegt es am Abstand zu Deutschland? Sie leben zwar nicht in, aber beobachten Deutschland sehr genau.

Rolf Pohl | Mo, 23. Oktober 2017 - 18:24

In reply to by Kostas Aslanidis

... als in Deutschland."
Putzig lieber Kostas. Es gelang Ihnen, das was Sie kritisierten per schwarz und/oder weiß Bemalung, ohne jeden Grauton, sofort zu konterkarrieren. ;-)
Wie wärs mit der noch eindeutigeren Formel, Russland=gut, Deutschland=schlecht?

Christa Wallau | Mo, 23. Oktober 2017 - 09:58

Der Autor spießt hier zu recht etwas auf, das längst hätte beim Namen genannt und als Verrat an der Kunst u. an wirklichen Helden hätte verurteilt werden müssen:
Unsinniges mediales Theater um selbsternannte Künstler u. Dissedenten!
Keine Aktion konnte bisher für die mediale Öffntlichkeit verrückt bzw. abartig genug sein, um die Akteure nicht zu sofort zu Avantgardisten der Kunst u. Helden des Widerstandes zu machen. Einfach nur beschämend!
Wie im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" gab es
immer Leute, die - vom Medienrummel unbeeindruckt - sagten: "Das Ganze ist doch nur
eine geschmacklose Zurschaustellung", aber sie
wurden - wie das Kind im Märchen - bisher nie
ernst genommen, sondern als Kulturbanausen
abgetan.
Es ist wie in der Politik: Die tragenden, vernünftigen Maßstäbe für echte Kunst und echtes Heldentum - in Jahrhunderten entwickelt u. in klassischen Dramen europäischer Dichter u. Denker beschrieben - sind vergessen. Stattdessen herrschen Skandalismus u. Obszönität.

es geht doch schon damit los, wer sich heutzutage so Künstler nennt. Was hatte Pussy Riot mit Kunst zu tun? Was eine vorsätzlich in Brand gesteckte Türe einer Bank? In Peking gibt es z.Zt eine deutsche Kunstaustellung. Da stellt z.B. ein Künstler eine Rohkarosse, also eine nackte Autokarosserie, als Kunstwerk aus. Und der Außenminister Gabriel eröffnet diese Ausstellung auch noch. Dieser abartige Schwachsinn wird vom deutschen Steuerzahler auch noch bezahlt. Können Sie sich vorstellen, was so eine Ausstellung deutscher "Künstler" in Peking kostet?

Sie erinnern sich, daß ich vor einiger Zeit sagte "wir dachten damals, mit Josef Beuys wäre der Gipfel der Scharlatanerie erreicht gewesen"

Wie Sie sehen, geht es immer noch schlimmer.

Und ich sagte, der Spuk hört sich erst auf, wenn der Steuerzahler nicht mehr für jeden Schwachsinn bezahlt. Bzw. diese Herrschaften, die für diese Art Verschwendung von Steuergeldern verantwortlich sind.

Marie Werner | Mo, 23. Oktober 2017 - 10:02

Danke Herr Gathmann, genau auf den Punkt gebracht. Diese Liste lässt sich unendlich fortsetzen, z.B. mit Deniz Yücel etc...
Deutschland scheint den Blick ohnehin für die Welt verloren zu haben. Bezeichnend dafür ist nun der neue Name einer evt. Koalition "Jamaika".
Für mich steht der Name für Dreadlocks, kiffen, saufen, abhängen. Passt zu diesem mittlerweile verblendeten Hippiestaat und seiner Mainstreammedienkultur.

Jürgen Löffler | Mo, 23. Oktober 2017 - 10:29

Wer sich seinen Hodensack auf den Roten Platz nagelt, den Mund zugenäht und sich nackt in Stacheldraht einwickelt , gehört in die deutschen Feuilletons, sondern in die Psychiatrie.

Ruth Müller | Mo, 23. Oktober 2017 - 11:46

Der grüne Kulturbetrieb braucht periodisch seine Helden - ansonsten müsste Er sich legitimieren. Dann wird es eng. Das Elend vor der eigenen Haustür ist nicht sexy genug.
Aktionen mit einer Agenda sind keine Kunst - sie sind Propaganda.

Toni Zweig | Mo, 23. Oktober 2017 - 12:52

Sehr geehrter Autor,
prinzipiell bestätige ich, was Sie schreiben, doch bezüglich der Femen, die mit manchen Aktionen hier sehr wichtige Themenfelder angeschnitten haben, z.B., daß Frauen keine Waren sind, kann ich Ihnen nicht zustimmen! Wenige wagen es, die Systematiken der Macht, auf denen Prostitution beruht, zu benennen und zu hinterfragen, den Nutzerblick auf Frauen, der diesem System immanent ist und beschädigend zurückwirkt auf das Verhältnis der Geschlechter insgesamt.

Kostas Aslanidis | Mo, 23. Oktober 2017 - 12:54

und nicht Autoritär. Es hat andere Probleme als Deutschland. Das es aus Deutschland kommt ist unverständlich. Da wollen sogar die sogenannten Demokraten nicht mal im Bundestag, neben der AfD sitzen. Ich verstehe bis Heute nicht, was Russland den Deutschen angetan hat. Sie haben sich von 41-45 gegen Nazideutschland gewehrt, halten sich an Verträge. Was hätten sie denn tun sollen? Noch mehr Tote als die 27 Millionen. Für fast alle Russen klingt es wie Hohn, wenn vorallem Deutschland diese aggressive Russland Politik betreibt. Ohne die Russen, wäre das 3. Reich jetzt die führende Kraft in D umd Europa, fast alle Juden ausgerottet. Immer wird dieses Land angegriffen.

es ist ein Teil der Deutschen. Sehr viele Deutsche haben ein sehr gutes Verhältnis oder anders ausgedrückt wollen ein gutes Verhältnis zu Russland. Genau so wie es unter Herrn Kohl und Herrn Schröder war. Allerdings wurden manchmal (nachdem erfolgreich Russland und Putin als das Böse schlechthin die Meinungshoheit erreicht hatte) diejenigen die sich einen differenzierten Blick im Verhältnis EU//Deutschland/ Russland leisteten als "Trolle" betitelt und wenn nötig auch gemoppt (siehe Schröder).

... Ihre Erläuterungen zur Historie Sowjetunion vs. Deutsches Nazi-Reich sind korrekt aber unvollständig.
Das ein J.W. Stalin die von ihm diktatorisch, unter vollem Einsatz von Terror gegen die eigene Bevölkerung, darunter z.B. jede Menge Kommunisten, die Sowjetunion führte, blendeten Sie ebendso aus wie den Fakt, dass Stalins Sowjetunion und Hitlers Nazi-Reich bis Sommer 1941 verbündete waren und zuvor gemeinsam Polen von der Landkarte tilgten um es in dessen Folge unter sich aufzuteilen.

"... vor allem Deutschland betreibt diese aggressive Russland Poltik."
An der Stelle irren Sie ziemlich intensiv lieber Kostas. Schlechtestenfalls zwei deutsche Parteien, die CDU und die Grünen, stützen diese im Grunde überflüssigen, noch aktuellen Russlandsanktionen. Der Rest des Landes incl. Wirtschaft ganz sicher nicht.
In dem Fall sehen sich wohl zuerst z.B. die USA als vermeindliche Nutznießer der Sanktionen und die haben immerhin die Führung in der NATO.

Kostas Aslanidis | Mo, 23. Oktober 2017 - 18:58

In reply to by Rolf Pohl

nicht. Es war ein grausiges Regime mit Millionen Toten. Ausser die AfD und teile der Linken, begrüßen alle anderen Parteien die Russlandpolitik der deutschen Regierung. Sonst stimme ich ihnen zu.

sind das blödsinnigste, was Europäer, bes. Deutschland, auf Geheiss der USA mitmachen, denn sie verlieren zu USAs Gunsten ihren Markt, ist also ein Schuss ins eigene Knie. Russland ist so reich an Bodenschätzen, es braucht die doofen EUler gar nicht, und andere Wirtschaftspartner gibts genug.

Olav Palme | Mo, 23. Oktober 2017 - 13:58

Klasse Artikel! Hoffentlich bekommen Autor und Verantwortliche keinen "Info-Häppchen-Entzug" durch die durch und durch demokratische Regierung der BRD.
WEITER SO!

Wolfgang Keller | Mo, 23. Oktober 2017 - 15:12

Wenn "wir" schon beim Thema sind: Mir fiel dieser Tage auf, wie anders doch die politische Rezeption der Autonomiebestrebung Kataloniens gehandhabt wird im Vergleich zu solchen von Staaten aus dem ehemaligen Ostblock. Dort sind es immer die benachteiligten Menschen, die sich gegen zentralstaatliche Bevormundung auflehnen, hier hat der Zentralstaat das Recht und die Pflicht, Unabhängigkeitsbestrebungen letztlich mit allen Mitteln zu unterbinden. Irgendwie komisch ...

Josef Garnweitner | Mo, 23. Oktober 2017 - 16:41

In reply to by Wolfgang Keller

Herr Keller, aber da sind wir ja wieder bei der dem, was viele dieser Selbstgerechten in allen Parteien unter Meinungsfreiheit verstehen. Die, die auf der "richtigen" Seite stehen haben auch die richtige Meinung.

Lothar Finger | Mo, 23. Oktober 2017 - 15:26

Alexander Walterowitsch Litwinenko
Anna Stepanowna Politkowskaja
Boris Nemzow

Moritz Gathmann | Mo, 23. Oktober 2017 - 21:28

In reply to by Lothar Finger

Diese Fälle sind doch völlig anders gelagert. Deshalb kommen sie in meinem Stück auch nicht vor.

Edgar Timm | Mo, 23. Oktober 2017 - 15:44

(gern auch gewalttätig) protestiert ist in Deutschland ein Held. Wer in Deutschland die Regierungspolitik nur hinterfragt und die Einhaltung von Gesetzen fordert ist ein NAZI. Wer GEZ-gepampert "Gegen Rechts" singt wird im Radio gespielt - wer "das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen" lassen will, "führe einen „Mutterkreuzzug“, dessen polarisierende Wirkung die von ihr moderierten Sendungen negativ beeinflusse" und wird deshalb vom NDR gefeuert. (Siehe hierzu bei Wikipedia: Eva Herman - es ist sehr interessant wie damals einer missliebigen Mitarbeiterin Aussagen unterstellt worden sind um sie wirtschaftlich zu vernichten.)

gegen die Regierung (gern auch gewalttätig) protestiert ist in Deutschland ein Held",
das ist doch nicht ganz richtig.
Das aber immer der (oder die), der gegen Russland- Regierung oder Putin schimpft ist wirklich ein angesehener Mensch bei unsren Medien. Und nicht nur.
Es gibt aber wenige Ausnahme.
Auch bei Spiegel:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/europa-und-russland-der-westen-ve…

Romuald Veselic | Mo, 23. Oktober 2017 - 16:14

in den Staaten der Islamischen Konferenz darüber, was die Themen um Pussy Riot, Femen, sowie über den Mann, der sich durch Hoden zum Boden selbst genagelt hat, angeht?
Was würde passieren, wenn sich Pussy Riot Ladies bei Rap-Musik in einer Moschee (im Iran, der Türkei, Malaysia) ausziehen würden?

Juliana Keppelen | Mo, 23. Oktober 2017 - 16:59

dieser Artikel bringt es auf den Punkt. Die gleichen Geister die wir hätscheln wenn sie nur gegen die "Richtigen" im richtigen Land agieren würden bei uns bei gleichem Tun in der Bedeutungslosigkeit versinken und zum Teil für ihr Tun auch mit unseren Gesetzen in Konflikt geraden jedenfalls würden sie nicht mit Preisen überhäuft werden.

Werner Neuber | Mo, 23. Oktober 2017 - 17:39

Wenn es gegen Russland geht, ist unseren "Qualitätsmedien" doch nichts zu blöd. Positiver Nebeneffekt ist jedoch, dass immer mehr Menschen an der Qualität der "Qualitätsmedien" zweifeln. Wenn denn Kommentare zu solchen Artikeln zugelassen sind, sind diese meist überwiegend kritisch.

Karsten Paulsen | Mo, 23. Oktober 2017 - 17:59

@Positiver Nebeneffekt ist jedoch, dass immer mehr Menschen an der Qualität der "Qualitätsmedien" zweifeln.

Ich glaube nicht dass Sie das so meinen, ich finde diesen Nebeneffekt nämlich nicht positiv. Lieber wäre mir eine Presselandschaft, die sich ordentlichem Jounralismus verpflichtet fühlt.

Ich sehe es vermutlich etwas fatalistisch aber ich habe keine Hoffnungen mehr für die Mainstreammedien. Deren Aufgabe ist es nicht Menschen objektiv zu informieren sondern ihnen zu sagen, was sie denken sollen. Wer ein "Rebell" oder "Terrorist", eine "Diktatur" oder ein "Königshaus" ist, bestimmen die transatlantischen Eliten und die Medien plappern das dann x-mal nach, bis auch beim Letzten etwas davon hängen bleibt.

Rudolf Stein | Mo, 23. Oktober 2017 - 18:40

Die Barbusigen und der Hodensack-Angenagelte - sie alle sind die Narren unseres Systems. Sie alle haben die Aufgabe, Russland zu bespucken, im Dienste unseres Systems. Danach haben die Narren ihren Dienst getan und können verschwinden. Wenn man deren Kontostände kontrollieren würde, käme man aus dem Staunen nicht heraus.

Winfried Sautter | Mo, 23. Oktober 2017 - 22:02

In den 1970ern haben wir als Pubertierende auch noch jeden selbstgemacht inspirierten Sch... zur Kunst erklärt, folgend Andy Warhol, "Jeder ist ein Künstler". Aber schon damals stanken die Fett&Filz-Werke von Beuys im Museum widerlich nach Ranz&Moder. Künstler ist nicht, wer sich selbst dazu erklärt, sondern, wer den Putzfrauen-Test übersteht: "Ist das Kunst, oder kann das weg?!"

Johann Beuys | Di, 24. Oktober 2017 - 16:24

(1/2)
Danke, ein wichtiger Beitrag. Doch – oder vielleicht deswegen – muss ich widersprechen:

Ich halte die Aktion tatsächlich für Kunst.
Ich halte Pjotr Pawlenski für einen wichtigen Gegenwartskünstler mit einem bedeutenden Gesamtwerk.

Die gesellschaftliche Funktion der Kunst ist es ja, vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen, den Kern einer Sache hinter der äußeren Hülle sichtbar zu machen, unlogische, paradoxe Bezüge zwischen scheinbar unzusammenhängenden Dingen herzustellen, die dann doch mehr gemein haben, als man vorher gedacht hat. Die Kunst und der Diskurs über Kunst ist eben ein Mittel (neben anderen) zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis einer Gesellschaft.

Die aktuelle Aktion von Pawlenski im Kontext seines Gesamtwerkes illustriert diese kunsttheoretischen Betrachtungen wunderbar:

Johann Beuys | Di, 24. Oktober 2017 - 16:25

(2/2)
Jeder Betrachter dieser Aktion stellt jetzt kritische Fragen, wie in diesem Artikel thematisiert.
Auch die anderen Aktionen stehen auf einmal wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit – aber unter einem ganz anderen Blickwinkel. Zur Entlarvung der Bigotterie, der doppelten Standards im politischen Betrieb und im Kunstbetrieb des Westens hat die jüngste Aktion einen nicht zu überschätzenden Beitrag geleistet.

Auch die vermeintliche Wiederholung ist perfekt:
Pawlenski studiert (und zeigt uns) die Wirkung eines gleichen Objekts (Brandstiftung) vor unterschiedlichen Hintergründen: FSB in Moskau vs. Bank der France in Paris.

Und jeder kann sehen: die Unterschiede in der Bewertung sind frappierend.
Das ist eben Kunst, welche Augen öffnet.
Genial.

Ob Pawlenski das nun so intendiert hat oder nicht, ist nebensächlich- wobei ich das bei dem durchgeknallten Typen gar nicht ausschließen will. Was aber wirklich zählt, ist die Wirkung des Werks.
Und die ist durchschlagend.

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