Weltfahrer und Spurensucher - Die Wahrheit der verwischten Fakten

Wie fing es an? Wie soll man sich die Entwicklung eines Reporters zum Literaten vorstellen? Vielleicht etwa so: R. K. sitzt in einem stickigen Zimmer in einem heruntergekommenen Hotel, er wartet darauf, dass das Telex wieder funktioniert, dass die Leitungen zum Leben erweckt werden.

Wie fing es an? Wie soll man sich die Entwicklung eines Reporters zum Literaten vorstellen? Vielleicht etwa so: R. K. sitzt in einem stickigen Zimmer in einem heruntergekommenen Hotel, er wartet darauf, dass das Telex wieder funktioniert, dass die Leitungen zum Leben erweckt werden. Er muss lange warten, manchmal Stunden, manchmal Tage, damit er eine knappe Meldung nach Hause schicken kann, an eine Redak­tion, die ihre Ungeduld betäubt mit den vielen anderen dramatischen Ereignissen aus aller Welt – eine Meldung von formelhafter Kürze, so als würde er mit der außenpolitischen Redaktion Fernschach spielen: «FNLA rückt vor, MPLA verschanzt sich in der Stadt.»

Der Reporter sucht nach einem Sinn in diesem ihm aufgezwungenen Warten; er beobachtet die Witwe hinter dem Tresen, er betrachtet die fliegenden Verkäufer, die hereingeweht werden, und wenn er hinausgeht, bezeugt er in dem schmalen Schatten, der sich wie ein kühlender Umschlag um die heiße Stirn der Gebäude legt, Unerhör­tes – den Untergang einer Welt, die Totgeburt einer neuen. Und er notiert all dies minuziös, skizziert sorgfältig die sensationsabgewandte Seite des Geschehens.

Irgendwann wird R. K. bewusst – mit einer Klarheit, die sich seinen zukünftigen Sätzen einschreiben wird –, dass in solchen Zeiten gewaltiger Umbrüche der Nackte-Fakten-Journalismus eine Übersicht simuliert, die der Unordnung der vorbeirauschenden Ereignisse nicht gerecht wird. Die Art, wie die Portugiesen in Luanda Kisten zimmern, um ihr Hab und Gut zu verstauen, sagt mehr aus über den hysterischen und brutalen Abzug der ehemaligen Kolonialmacht als jede Erklärung des Diktators Salazar. Und die unermüdliche Arbeit des Piloten Ruiz, der das letzte Transportflugzeug fliegt, vermittelt mehr über die Bedrängtheit der jungen Volksrepublik Angola als jede Verlautbarung des Generalstabs.


Aus kleinen Lügen entsteht die große Wahrheit

«Wieder ein Tag Leben», dieses Tableau vivant aus Angola in den ersten Tagen seiner Unabhängigkeit, ist vielleicht Ryszard Kapuscinskis schönstes Buch. Es wirkt so frisch, weil man dem Text anmerkt, mit welch sinnlicher Lust der Autor die neu gefundene Freiheit genießt, Menschen zu beschreiben, als seien sie Figuren in einem Roman, Szenen zu komponieren, als seien sie Kurzgeschich­ten, und Dialoge festzuhalten, die für ein Theaterstück geschaffen sein könnten.

Nur ein sehr naiver Leser würde annehmen, dass Kapuscinski jedem der portraitierten Menschen wie dargestellt begegnet ist oder dass er jedes der heraufbeschwo­renen Gespräche wortwörtlich wiedergibt. Selbstverständ­lich setzt er die Figuren zusammen aus verschiedenen Personen, die er kennengelernt hat, und gewiss spitzt er zu, was in der Realität flüchtig dahingesagt oder über Tage hinweg gestanden wurde. Unübersehbar ist es Kapuscinski ein großes Anliegen, die Stereotypen über Afrika zu überwinden und ein nuancierteres Portrait des Alltagslebens, des Überlebens an den Rändern der Gesellschaft zu vermitteln – und die Ränder sind in diesem Land zu jener Zeit zentral für das Verständnis. Dabei muss der Leser hinnehmen, dass die Realistik in gewisser Hinsicht fabriziert ist. Kapuscinski hätte die intensive Wirkung seiner Schilderungen nicht ohne das freie Arrangement des Materials, das seinen Erzählungen ihre kompakte und schlüssige Note gibt, erzielen können. Wie in jedem guten Roman haben die Figuren eine repräsentative Qualität; die Beschreibungen eignen sich nicht zum Steckbrief.

Die Erkundung des Zwischenlandes zwischen Fiktion und Reportage ist nichts Neues. Charles Dickens recherchierte den Alltag der unteren Schichten in London und beschrieb sie unter dem Pseudonym Boz in seinen «Street Sketches». Jack London («The People of the Abyss», 1902) und George Orwell («Down and Out in Paris and London», 1931) taten es ihm nach. In Deutschland war der legendäre Reporter Egon Erwin Kisch viel mehr Lite­rat, als es die Rezeption bis zum heutigen Tag wahrhaben will. George Orwell schrieb einmal, er bewundere das Talent von Charles Dickens, kleine Lügen zu erzählen, um die große Wahrheit einzufangen. Dies könnte auch für Ryszard Kapuscinski gelten. Erst das Verwischen der faktischen Vorlage bewirkt eine empathische Annäherung und einen existenziellen Erkenntniswert. Denn es kommt ihm darauf an, mittels der fiktionalen Durchdringung des dokumentarischen Berichts den Text auf eine höhere Ebene der Wahrheit zu heben.

Das war die einzige Wahrheit, die Kapuscinski, wollte er sein Land und seine Sprache nicht verlassen, offen stand. Dieser junge polnische Journalist, der zu Zeiten Stalins studierte und seine Karriere während des eher episodischen «Tauwetters» begann, hatte eigentlich keine Chance, doch er hat erstaunlich viel, bemerkenswert viel daraus gemacht. Es war die Epoche der totalen staatlichen Kontrolle über jegliche intellektuelle Produktion. Halbwegs wahrhaftiger Journalismus war im eigenen Land nur im Untergrund möglich.

Im Ostblock flüchteten viele Intellektuelle in abgelegene Themen und Genres, in der Hoffnung, die Zensur und der totalitäre Unterdrückungsapparat würden ihnen dorthin nicht folgen: in die Mediävistik oder in die Science Fiction, wie der andere große Nachkriegserzähler Polens, Stanislaw Lem. Diese Hoffnung erwies sich manch­mal als illusorisch, und Kapuscinski musste seinem Rang und Namen zum Trotz seinen «König der Könige» mit ausgebufften Tricks an der polnischen Zensur vorbeischmuggeln. «Afrika bedeutete meine private Befreiung», schreibt er in «Der Fußballkrieg», und dies ist wortwörtlich zu nehmen (die Staaten Afrikas wurden just zu dieser Zeit in die eigene Freiheit entlassen, und diese bemer­kenswerte Parallelität erklärt Kapuscinskis anfängliche Begeisterung und später seine bittere Enttäuschung über die verflossenen Hoffnungen der ersten Stunde).


Kapuscinskis weiter Blick – und blinder Fleck

Die Hinwendung zu fernen Ländern und die Entwicklung einer stark literarisierten Reportage-Form waren nicht nur Ausdruck eines leidenschaftlichen Interesses, sondern Überlebensstrategie. In seinen weltläufigen Erzählungen meidet der Autor-Reporter meist Abstraktes und Allgemeines, aber auch tagespolitische Enthüllungen – wie etwa, dass Tansania zeitweise mehr politische Gefangene inhaftiert hielt als das Apartheid-Regime in Südafrika, oder dass die MPLA in Angola in kürzester Zeit eine Ein-Parteien-Herrschaft errichtete (beide Regimes nannten sich «sozialistisch»). Allerdings finden auch Weltbank und Internationaler Währungsfonds – zwei Institutionen, deren ideologisierte Praxis die Not in Afrika entscheidend mitverschuldet haben – keine Erwähnung.

Politische Analyse ist nicht Kapuscins­kis Stärke, die Auseinandersetzung mit dem totalitären System seines Landes sein blinder Fleck. In seinem umfangreichen Panorama der auseinanderfallenden Sowjetunion («Imperium») konzentriert er sich auf Kräfte wie Nationalismus und religiösen Fanatismus und ignoriert die anhaltende Wirkung totalitärer Strukturen, wie etwa die Transformation der Nomenklatura in eine neue Oligarchie. Und wenn er in seinen «Lapidarien» (auf Deutsch: «No­tizen eines Weltbürgers»), jenen überwiegend gewitzten und anregenden Gedankensteinbrüchen, die er in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens regelmäßig herausgab, die Entwicklung vor und nach 1989 kommentiert, zeigt er sich von seiner zaghaftesten Seite.
 

«König der Könige» – ein allegorischer Roman

Stattdessen entstaubt Kapuscinski eine fast in Vergessenheit geratene Form zu neuem Leben: die Allegorie. Allen seinen Büchern ist etwas Gleichnishaftes eigen, und sein formal reifstes Buch, «König der Könige», ähnelt einer barocken Lehrgeschichte, etwa John Bunyans «The Pilgrim’s Progress». Das Universum des äthiopischen Kaiserhofes ist voller ritueller Extreme, nichts erscheint selbstverständlich oder geläufig. Der Leser verheddert sich in einem Dschungel der Überspitzungen, er kann sich keinen Satz lang sicher oder heimisch fühlen. Überall wuchert der Wahnsinn der absoluten Macht,
jeder Aspekt der anonym gehaltenen Höflingszeugnisse ist von Symbolik durchdrungen. Als der große afrikanische Schriftsteller Nuruddin Farah gebeten wurde, die englische Übersetzung zu rezensieren, schrieb er eine wohlwollende Besprechung über diesen «Roman». Der Redakteur rief ihn an: «Herr Farah, es muss eine Verwechslung vorliegen. Dies ist kein Roman.» «Sie irren», antwortete Nuruddin Farah, «dies ist einzig und allein ein Roman!»

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass Kapuscinskis beste Bücher gerade als Allegorien überdauern werden, die vor tropischem Hintergrund Parabeln von Macht und Ohnmacht erzählen, nicht so extrem imaginär wie bei den Surrealisten («das innere Afrika»!), aber gewiss dokumentarisch auch nicht zuverlässig genug, um als Quellentexte zu dienen.


Selbst durchmachen, worüber man schreiben will

Noch in einer anderen Hinsicht vermochte Kapuscinski aus einem vermeintlichen professionellen Nachteil literarisches Kapital zu schlagen. Im Gegensatz zu anderen Afrika-Korrespondenten stand ihm nur ein äußerst eingeschränktes Reisebudget zur Verfügung. Weder war er in einem fürstlichen Haus in Nairobi oder Kapstadt untergebracht, noch verfügte er über Sekretärinnen oder ein richtiges Büro. Er übernachtete in einfachen Pensionen, aß in Kaschemmen, wagte sich in einer Klapperkiste über Land in den Kongo und hielt sich als einziger Journalist in Orten auf, die von allen guten Chronisten längst verlassen waren. Man könnte ihn einen Journalist on a Shoe­string nennen. Was ihm anfänglich die Umstände aufzwangen, formulierte er später, in «Wieder ein Tag Leben», als literatur-ethisches Prinzip: «Weil ich der Ansicht bin, dass ich nicht über Menschen schreiben soll, mit denen ich nicht wenigstens ein wenig von dem durchgemacht habe, was sie durchmachen.»

Kapuscinski hätte nicht «über alles brillant schreiben können» (wie Alain de Botton neulich behauptet hat). Bei ihm waren stilistische Prägnanz und originelle Erfah­rung eng verknüpft. Der ungewöhnliche Blick auf eine außergewöhnliche Realität trägt mehr zu seiner flimmern­den Poesie bei als seine zweifellos beachtliche sprachliche Sensibilität und narrative Virtuosität. Und überdies hatte er für seine deutschen Ausgaben einen grandiosen Übersetzer: Martin Pollack.

Wie kaum ein anderer Europäer hat der Reporter Kapuscinski das blutige, abstoßende und schmutzige Innere der fernen Wirklichkeit erlebt. Und diese Nähe zum Schrecken und der Würde der Ereignisse hat entscheidend dazu beigetragen, dass er ein Leben lang von einer geradezu vorbildlichen Demut war, dass er nicht dem weit verbreiteten Zynismus erlag, dass er sich nie in jene selbstgefällige Abgeklärtheit ergab, die die westliche Bericht­erstattung über Afrika oft kontaminiert. In «Meine Reisen mit Herodot» (siehe „Literaturen” 3/2006) liefert er eine Charakterisierung des antiken Weltreisenden und Geschichtsschreibers, die man auch als Selbstportrait verstehen könnte: «Die Art, wie er schrieb, ließ ihn als jemand erscheinen, der den Menschen wohlgesonnen war und der Welt neugierig gegenüberstand, der immer viele Fragen hatte und bereit war, Tausende von Kilometern zurückzulegen, um wenigstens auf ein paar Fragen eine Antwort zu finden.»

 

Ilija Trojanow, 1965 in Sofia geboren, ist deutscher Schriftsteller bulgarischer Abstammung, lebte in Ostafrika, Bombay und Kapstadt und ist derzeit Stadtschreiber in Mainz und Gastprofessor an der Freien Universität Berlin. Sein Roman «Der Weltensammler» trug ihm den Leipziger Buch­preis 2006 ein. Im kommenden August erscheint der von ihm herausgegebene Band «Die Welt des Ryszard Kapuscinski. Seine besten Geschichten und Reportagen».

Werke von Ryszard Kapuscinski

Notizen eines Weltbürgers
Eichborn, Berlin 2007. 296 S., 19,90 €

Meine Reisen mit Herodot. Reportagen aus aller Welt
Eichborn, Frankfurt a. M. 2005. 363 S., 24,90 € (als Piper TB 10 €)

Wieder ein Tag Leben. Innenansichten eines Bürgerkrieges
Eichborn, Frankfurt a. M. 1994. 167 S., 18 €

König der Könige. Eine Parabel der Macht
Eichborn, Frankfurt a. M. 2000. 268 S., 22,90 €

Shah-in-Shah. Eine Reportage über die Mechanismen der Macht, der Revolution und des Fundamentalismus
Eichborn, Frankfurt a. M. 2007. 213 S., 19,90 €

Imperium. Sowjetische Streifzüge
Eichborn, Frankfurt a. M. 2000. 431 S., 24,90 €

Der Fußballkrieg. Berichte aus der Dritten Welt
Eichborn, Frankfurt a. M. 2000. 338 S., 22,90 € (als Fischer TB 10 €)

Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren
Eichborn, Frankfurt a. M. 2000. 324 S., 22,90 € (als Piper TB 9 €)

Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies. Reportagen, Essays, Interviews aus vierzig Jahren
Eichborn, Berlin 2000. 316 S., 59 € (als Piper TB 10 €)

Die Welt im Notizbuch
Eichborn, Frankfurt a. M. 2000. 336 S., 15 € (als Piper TB 9,95 €)

Alle Bände aus dem Polnischen von Martin Pollack

Kapuscinskis Welt. Stationen eines Weitgereisten
Gelesen von Hanns Zischler.
Eichborn/Lido, Berlin 2007. 5 CDs, 354 Min., 26,95 €

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