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(picture alliance)

Neue US-Autoren-Generation - Die Stimme des anderen Amerika

Eine neue Autoren-Generation hat in den USA mit einem Schlag die Bühne erobert, jetzt sind ihre Romane auf Deutsch zu lesen: die Stimme eines anderen Amerika

Sie heißen Teju Cole, Kevin Wilson, Chris Adrian und Chad Harbach und sind in den siebziger Jahren geboren, der Älteste ist 42, der Jüngste 33 Jahre alt. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Regionen, von Wisconsin bis Florida, einer von ihnen entstammt einer nigerianischen Familie. Alle haben sie Creative Writing studiert, einer arbeitet inzwischen als Kinderarzt und ist zugleich ausgebildeter Theologe, der andere verdient sein Geld als Assistent Professor für Creative Writing, ein Dritter gibt mit Freunden eine tonangebende Kulturzeitschrift heraus, der Vierte schreibt an seiner Dissertation in Kunstgeschichte, ist Street Photographer und unterrichtet daneben als Writer in Residence an einem renommierten College. Mit ihren Büchern machten alle vier im vorigen Herbst in der amerikanischen Literaturszene Furore. Und obwohl drei von ihnen nie zuvor einen Roman veröffentlicht hatten, beherrschen sie diese Form in den unterschiedlichsten Varianten perfekt: Sie geben dem Großstadt-, dem Künstler- und Familienroman ein neues Gesicht, übersetzen Shakespeares «Sommernachtstraum» in eine phantastisch-realistische Tragikomödie mit Schauplatz San Francisco, und einem von ihnen gelingt, was immer noch das geheime Ziel allen amerikanischen Romanschreibens ist: The Great American Novel.

Die Kritiken in allen großen Zeitungen und Magazinen waren fast ausnahmslos überschwänglich, die Autoren wurden mit namhaften Preisen ausgezeichnet, ihre Namen erschienen auf der Liste «20 under 40», die die wichtigsten Schriftsteller dieser Generation verzeichnet. Ihre Bücher kamen auf die Bestsellerlisten und wurden unter die besten Romane des Jahres gezählt: Glückliche Autoren, glückliches Amerika! Nicht einmal eine Generation nach Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides kommt hier die literarische Phantasie in neuer Formierung an die Macht. Ob diese Bücher aber von weltweiter Wanderung und Gewalt erzählen, von der Enteignung des Ich in einem Leben für die Kunst, von emotionalem und physischem Missbrauch oder davon, wie jähe Gefühls- Einbrüche ganze Karrieren verändern können – am Ende kommen sie alle zu einem auf den ersten Blick irritierenden Schluss: Die Sehnsucht nach Einfachheit und Normalität ist ihr gemeinsamer Nenner, das Außergewöhnliche gilt offenbar nicht länger als erstrebenswert.

Ein junger Mann läuft nachts durch New York, er ist ein Schwarzer mit Namen Julius. Tagsüber arbeitet er in einer Klinik und absolviert seine Facharztausbildung zum Psychiater, seine Freundin hat ihn vor Kurzem verlassen, Rastlosigkeit treibt ihn von einem Stadtviertel ins nächste. Denn alles scheint ungewiss: seine Ziele, seine Gegenwart, seine Arbeit, seine eigene Geschichte, nicht anders als die Lage der Stadt New York, fünf Jahre nach dem 11. September 2001. «Open City» hat Teju Cole seinen Roman genannt. Die Bezeichnung entstammt dem internationalen Kriegsrecht und signalisiert eine Ansammlung menschlicher Behausungen, die nicht angegriffen werden darf, weil deren Führung erklärt hat, dass sie sich nicht verteidigen wird: Sie verfügt über keine Abwehrmöglichkeiten mehr.

Es herrscht also Krieg, New York ist ein Kosmos im Belagerungszustand. Doch obwohl Julius einmal in seinem eigenen Viertel von einer Gruppe schwarzer Jugendlicher zusammengeschlagen wird, liegt das eigentliche Schlachtfeld doch in ihm selbst – sein Umherlaufen ist Selbsterkundung und Bestandsaufnahme zugleich. Denn worin besteht dieses Selbst des äußerlich bestens integrierten Einwanderers: aus Erfahrungen? Erkenntnissen? Beziehungen? Hoffnungen?

Teju Cole hat seinem Stadtwanderer eine Geschichte gegeben, die seiner eigenen ähnelt, doch ist der fiktive Nigerianer Julius in einer deutlich komplizierteren Lage. Während Cole 1975 als Sohn nigerianischer Eltern in den USA geboren wurde und in Lagos aufwuchs, hat sein Held zwar einen nigerianischen Vater, doch seine Mutter ist eine Deutsche – Erzählungen von Flucht, Vertreibung, Vergewaltigung, erneuter Flucht und einem darauf folgenden entwurzelten Umherirren zwischen den Kontinenten Europa, Amerika und Afrika gehören zum mütterlichen Entfremdungskomplex. Der Vater, in Nigeria ein geachteter Mann der bürgerlichen Schicht, stirbt früh, der Junge kommt auf eine Militärakademie. So ist auch er abgeschnitten von seiner Familie und in einem strikt durchregulierten Kontext eingebettet in die Grundsätze einer anderen, der angelsächsischen Kultur – was wiederum ihm später den reibungslosen Übergang in die USA ermöglicht; anders als jenem Flüchtling, den er in New York in der Abschiebehaft besucht und dessen Geschichte er sich anhört, ohne eingreifen zu können.

Seite 2: Weltgeschchte eines Stadtwanderers

Menschen, die sich in entfremdeten Zuständen zu behaupten versuchen, die unterliegen, entwürdigt werden oder aber doch noch einen Ausweg aus einer hoffnungslos erscheinenden Lage finden, prägen in «Open City» die afrikanische Szenerie nicht anders als diejenige in New York; mit unverminderter Wucht finden sie sich auch in Europa wieder. Auf einer Reise nach Brüssel, wo Julius seine deutsche Großmutter vermutet, trifft er auf den Betreiber eines Internet- Shops, den jungen, vielsprachigen Marokkaner Farouq. Der ist ein linker Muslim, liest Walter Benjamin und Deleuze, diskutiert über Marx, Malcolm X und Martin Luther King, in seinem Zufluchtsland ist er ein mehrfach Verfolgter: Die Araber werden von belgischen Nationalisten bedroht, Farouq wurde ein Universitätsabschluss mit fadenscheinigen Gründen verweigert. Dass der Krieg aber alleweil in den Köpfen tobt, der Marokkaner und sein Freund Khalil sind der lebende Beweis dafür: erklärte Feinde Israels, Sympathisanten der al-Khaida.

Während Julius in New York nicht nur die Zeichen des jüngsten Massenmordes am Ground Zero passiert, sondern ebenso ein historisches Leichenfeld: einen Friedhof ermordeter Sklaven, schwappen auch in seinem Hirn die Theorien – Teju Cole ist ein viel belesener Autor, der mal hier über Sigmund Freud, mal dort über Gustav Mahler oder Paul de Man räsoniert; der unübersehbare Stolz auf Zahl und Umfang seiner Lektüren kann dem Leser zwischendurch durchaus auch auf die Nerven gehen. Im Dunklen dagegen bleibt in dieser interkontinentalen Erkundung gewaltgetriebener Individualund Völker-Geschichte nur eines: der Vergewaltigungsvorwurf, den Julius’ nigerianische Jugendfreundin Moji gegen ihn erhebt. Der angehende Psychiater, dessen Arbeitsfeld die Aufklärung traumatisierender individueller Erfahrungen ist, hat die Umstände jenes Abends in Afrika verdrängt; er wird ihnen auch nicht weiter nachgehen.

Gerade dies aber entspricht der Charakterisierung, die Cole seinem Protagonisten auf den Leib geschrieben hat. Von der euphorisierten Kritik in den USA wurde sie als symptomatisch für die Geistesverfassung des urbanen Intellektuellen der Gegenwart gelesen: Der Held von «Open City» ist ein Zuschauer, was er sieht, bleibt ihm äußerlich. Beachtliche Mengen kulturellen Wissens kursieren in seinem Kopf, in Handlungen aber münzen sie sich nicht um: Empathie findet in der Theorie statt. Entsprechend ist auch das Bild der Stadt New York hier weniger dasjenige eines konkreten Ortes als das Konzentrat einer Welt ubiquitärer Gewalt und unaufhörlicher Migration.

Aus der großen Welt in die Provinz, von der wissenschaftlichen Theorie in die Praxis der Kunst, vom sich selbst isolierenden Einzelnen in die einem höheren Zweck verschriebene Hölle der Familie – Kevin Wilson setzt in seinem Roman «Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung» die Akzente in jedem zentralen Punkt entgegengesetzt zu denen in Teju Coles «Open city». Und so stehen hier dann an einem kalten, stürmischen Nachmittag fünf Männer auf einem Acker, irgendwo in Nebraska. Vier von ihnen, aus dem Irakkrieg heimgekehrte Soldaten, haben eine Kartoffelkanone erfunden, die wollen sie jetzt dem Fünften vorführen – Buster Fang schreibt für das Männermagazin «Potent», und dessen Chefredakteur hält die agrarische Spaßwaffe der Ex-Soldaten für «so gottverdammt männlich», dass er sie unbedingt im Blatt haben will. Doch die Sache geht nicht gut aus für den Reporter. Als er wieder aufwacht, liegt er im Krankenhaus und kann weder Nahrung zu sich nehmen noch sprechen. Auf irgendeine Weise muss die glühende Kartoffel ihren Weg mitten in sein Gesicht genommen haben.

Seite 3: Kunst als Familienangelegenheit

Für Buster, einen erfolglosen Romanautor, sind schmerzliche Erfahrungen nichts Ungewöhnliches, wenn auch die Verletzungen, die er als Kind und junger Mann bei den von seinen Eltern inszenierten Happenings davontrug, eher seelische Folgen hatten. Er ist der Sohn von Camille und Caleb Fang, sein Leben war von Geburt an der Kunst gewidmet, nicht freiwillig natürlich. Als «Kind B» trat Buster regelmäßig in den Chaos- Inszenierungen seiner Eltern auf, deren bevorzugter Ort Einkaufszentren waren: Die Fangs sind international renommierte Künstler, die zurückgezogen mit ihren Kindern auf dem Land leben und ihre Projekte vorbereiten, bis sie mit dem klappernden Familienvehikel zu einem neuen, auf Video dokumentierten Kunst-Ereignis aufbrechen. Mit von der Partie ist auch Busters Schwester Annie, die bei den Aktionen als «Kind A» figuriert, und selbstredend verläuft auch ihr Erwachsenenleben in Abfolgen hoffnungslos chaotischer Begebenheiten. Inzwischen zwar als Schauspielerin bereits für einen Oscar nominiert, kann Annie so wenig wie ihr Bruder unterscheiden, welche Handlungen ihr reales Leben beschädigen werden, wo die Kunst aufhört und sie ihre Rechte als Individuum behaupten muss.

Was der 33-jährige Kevin Wilson hier in seinem Roman-Debüt erzählt, ist eine ganz und gar verrückte Geschichte – eine Verschränkung von Familien- und Künstlerroman, die die gängigen Vorstellungen von Kunst und Familie in einer furiosen Reihe phantastisch- absurder Vorgänge auf den Kopf stellt und dabei die beiden innewohnende Logik schockhaft sichtbar macht. Familie ist hier nicht Schutzraum, sondern schnödes Mittel zum Zweck, Kunst wiederum die seelenlose Krake, die sich lebendige Wesen mit Haut und Haaren einverleibt und sie in immer neuen Varianten der Selbstentfremdung und Ich-Enteignung der Öffentlichkeit preisgibt. Das aber wird derart lustvoll erzählt, dass das Buch die Bestsellerliste der «New York Times» stürmte und unter den «Top Ten Books of 2011» rangierte. Wilson ist gewissermaßen der Jacques Tati unter den jungen amerikanischen Autoren: Die immer wieder tumultuarisch entgleisenden Ereignisse werden mit stoischem Blick angesehen, doch zeichnet sich dabei von Performance zu Performance deutlicher ab, was dem Einzelnen geschieht, wenn ihm der Sinn für Selbstbestimmung früh gekappt wird und er als namenloses Teilchen allein einem größeren Ganzen zu dienen hat. Aufgrund dramatischer Zwischenfälle in ihrem Erwachsenenleben kehren Annie und Buster schließlich ins Elternhaus zurück und werden, wie sollte es anders sein, von Camille und Caleb in eine letzte Kunst-Aktion hineinmanipuliert. Dies aber ist ihre Gelegenheit, mit der Geschichte der Entmündigung endgültig abzuschließen.

Ausdrücklich sieht Kevin Wilson seine Figuren in der literarischen Tradition der Künstlerfamilie Glass, die Jerome D. Salinger in den frühen sechziger Jahren entworfen hat (siehe Literaturen 2/2012). Im Rückblick auf dessen Erzählungen lässt sich ermessen, auf welche Bedürfnisse ein Roman wie «Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern» heute antwortet. Nicht mehr spirituelle Orientierungen, die der einzelnen Existenz Sinn und Fundierung geben können, sind hier das Thema, sondern existentielle Fragen: Welche Rechte muss der Einzelne für sich in Anspruch nehmen können, um sein Leben entsprechend seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen zu gestalten? Andererseits: Gibt es ein Recht auf Ich-Enteignung zu künstlerischen Zwecken, wenn die Kunst dem Publikum Erkenntnisse über seine eigene Wirklichkeit aufschließt? Die Projekte der Familie Fang liefern hierfür jede Menge Überlegungs-Material, zumal ja auch «Kind A» und «Kind B» später selbst Künstler geworden sind. Vor allem aber erzählt das Buch von der letztlich nicht zu unterdrückenden Energie unserer Wünsche und Vorstellungen: eine schwarze Komödie der Ermutigung.

Der 1972 geborene Chris Adrian hatte bereits drei Bücher veröffentlicht, als im vorigen Herbst sein Roman «Die große Nacht» erschien. Aus dem Leben scheinbar ganz normaler Menschen im San Francisco der Gegenwart öffnen sich hier Türen in eine andere Welt, die sich unter dem (real existierenden) Buena Vista Park erstreckt: das Reich von Titania und Oberon. Die Geschichte beginnt an einem Abend im Juni, in der Mittsommernacht, und was wir aus Shakespeares «Sommernachtstraum » kennen, wird hier wiederkehren, jedoch in brutalisierter Art, die alle Vorstellungen über das vermeintlich heitere Feen-Reich dementiert; für etliche Menschen und Elfen führt das zu keinem guten Ende.

Seite 4: Ein Elefantenstaat als Spaßgesellschaft

Unter den außerordentlichen Autoren seiner Generation ist Chris Adrian noch einmal eine Ausnahmeerscheinung: ein Arzt auf einer Kinderkrebsstation in San Francisco, der den legendären Creative Writing-Studiengang der Universität Iowa absolvierte und später Theologie studierte. Die Themen seiner verschiedenen Ausbildungswege prägten seine Geschichten und Romane von Anfang an – in «Die große Nacht» erscheinen sie nun einzigartig verdichtet. Dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt, ist Dreh- und Angelpunkt des Romans: Höhere Mächte spielen den Menschen hier auf eine Weise mit, die die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit nicht selten übersteigt. Und doch ist die Hoffnung, alles könne auch einmal anders kommen, nicht völlig ausgelöscht.

Während bei Shakespeare zwei Menschen-Paare sich im nächtlichen Park verirren, sich durch einen Zauber ineinander verlieben, dann auseinandergeraten und wieder zueinander finden, tasten sich hier zwei Männer und eine Frau durchs Gehölz, unterwegs zu einer Party, die sie freilich nicht erreichen werden. Denn vorher bricht ein Höllenkrieg der Elfenwelt über sie herein, entfesselt vom mörderischen Puck, der von einer todtraurigen Titania aus seiner Dienstbotenrolle entlassen wurde; eine Theatergruppe sozial Ausgegrenzter probt derweil ein Musical, das die Bevölkerung gegen den Bürgermeister von San Francisco aufwiegeln soll. Und doch, was auch immer geschieht, im Park wie in den zahlreichen Vorund Nebengeschichten: Bei allem geht es immer um die Liebe – und um den tödlichen Missbrauch, der mit ihr getrieben werden kann. Um Verzweiflung geht es also auch.

Unauflöslich ist dabei die Verknüpfung zwischen dem Realen und dem Übersinnlichen, der alltäglich erfahrbaren und einer phantastischen Welt, deren magische Kräfte jedoch versagen, wenn das geraubte Menschen-Lieblingskind von Oberon und Titania auf der Kinderkrebsstation an Leukämie stirbt und die Ehe des Elfenkönigspaars am Schmerz über diesen Tod zerbricht. Vor allem aber erzählt Adrian von der Kehrseite der Zauberwelt, einer bizarren Spaßgesellschaft, die nur dem eigenen – nicht zuletzt sexuellen – Vergnügen hingegeben ist, selbstherrlich in das Leben der Menschen eingreift, deren Knaben entführt und diese, sobald sie die Pubertät erreichen, unter den Menschen wieder aussetzt: ohne Erinnerung, fern ihrer Familien, unheilbar versehrt an Körper und Seele, über kurz oder lang auf den Selbstmord zusteuernd. Pucks einstiger Lieblingsknabe, der ihm von Titania und Oberon entrissen wurde, stellt sich am Ende dem rasenden Waldgeist entgegen und opfert in einem Kampf der Zauberkräfte sein Leben. Die seelenlose Elfengesellschaft aber zieht weiter an einen anderen Ort, während Puck, seiner übersinnlichen Kräfte endgültig beraubt, ein Leben als «ganz normaler Störenfried» in San Francisco führen wird.

Chris Adrian macht in «Die große Nacht» also Ernst mit der Überlappung beider Welten, die sich im «Sommernachtstraum » für die magischen Augenblicke einer Nacht verschränken: Sein Roman zeigt das Ineinandergreifen von Elfenstaat und Menschensphäre als existentielle Konstante – als unablässigen Übergriff der Naturwesen auf das menschliche Dasein. Was ihm dabei an phantastischen Kreationen, Aktionen und Kreaturen einfällt, kann sich nicht nur in seinen ironischen Figuren mit Joanne K. Rowlings Erfindungen in «Harry Potter» ohne Weiteres messen. Nur dass noch der kuriosesten Phantasiegestalt hier etwas Bedrohliches anhaftet und die endgültige Überwindung des Bösen unvorstellbar ist. Denn es ist die grundsätzliche Unfähigkeit der Naturgeister zum Mitgefühl, ihre rigorose Verfolgung der eigenen Bedürfnisse, die die Nachtseiten des Zaubers wie der Liebe heraufbeschwören: den Missbrauch derer, die keine Chance haben, sich der überirdischen Mächte zu erwehren.

Seite 5: Nichts für Angsthasen: The Great American Novel

Und doch endet die phantastischrealistische Forschungsexpedition in die Welt zertrümmerter Gefühle mit einem zarten Hoffnungsschimmer: Als die überlebenden Menschen im ersten Morgenlicht hügelab wieder in die Stadt taumeln, haben drei Menschenpaare sich gefunden. Und da Titanias Elfenstaat San Francisco verlässt, kann man hoffen, dass wenigstens sie für ihre Lebenszeit verschont bleiben.

Fühllosigkeit und Selbstversessenheit sind das große Thema, das die Romane von Teju Cole, Kevin Wilson und Chris Adrian durchzieht. Auf der Gegenseite markieren sie als existentiellen Mangel das Recht und die Möglichkeit des Einzelnen, über sein Schicksal selbst zu bestimmen und sich anderen Menschen in Zuneigung und Mitgefühl zuwenden zu können – eine schmerzlich klaffende Leerstelle. Mit seinem Debüt «Die Kunst des Feldspiels» schließt Chris Harbach sie mit einem großen Gegenentwurf – und einer überraschenden Konsequenz.

Dies allein ist schon kein Projekt für Kleinmütige. Harbach aber nimmt es in seinem ersten Roman gleich auch noch mit den Zentralgestirnen der amerikanischen Literatur und Kultur auf. Nicht nur ist ein Melville-Forscher eine seiner Hauptfiguren – er macht überdies die amerikanische Sportart überhaupt zu seinem Sujet: Baseball. Und so beginnt ein ironisches Spiel mit den großen Vorgängern: Herman Melvilles «Moby Dick» gilt als Urbild der Great American Novel, Baseball andererseits ist nicht nur der Gegenstand eines 1972 erschienenen satirischen Romans von Philip Roth – Titel: «The Great American Novel» –, ein Baseball- Spiel ist überdies in Don DeLillos «Unterwelt», dem großen Amerika-Roman des ausgehenden Jahrtausends, der Ort für ein gesellschaftliches Panorama der USA – an nationalen Heiligtümern also herrscht in «Die Kunst des Feldspiels» kein Mangel.

Dabei ist dieses Debüt keineswegs ein genialisch in einem Guss hingeschmetterter Wurf. Zehn Jahre lang arbeitete Chad Harbach, Absolvent des English Department der Harvard University und «Master of Fine Arts» des Studiengangs für Creative Writing an der Universität Virginia, an seinem Manuskript. Als es fertig war, wollte kein Verlag das Buch haben, bis ein junger Agent sich seiner annahm – in einer Auktion wurde der Text schließlich für die Rekord-Vorschuss- Summe von 665.000 $ versteigert, landete nach Erscheinen binnen Kurzem in der Spitzengruppe der «New York Times»-Bestsellerliste und gehörte im Dezember 2011 zu den «New York Times Books of the Year» – all dies selbst schon fast wieder Stoff für eine Great American Novel.

Dass man es mit einer solchen bei diesem Roman unbedingt zu tun hat, daran ließen die hymnischen Kritiken keinen Zweifel. Im Zentrum steht hier der zunächst fast Mitleid erregend schmächtige Henry Skrimshander aus South Dakota, der dem führenden Spieler einer College-Baseballmannschaft, Mike Schwartz, während eines Turniers auffällt: Mike erkennt in Henry, dessen ganzes Leben von Kindesbeinen an um Baseball kreist, das herausragende Naturtalent und sorgt dafür, dass der Junge einen Platz am Westish College und in dessen Baseball-Mannschaft, «The Harpooners», erhält. Präsident des Colleges aber ist niemand anderer als der Melville-Forscher Guert Affenlight, der einst als Student entdeckte, dass Herman Melville einmal als Gastredner in Westish war – als Präsident sorgt er für die Aufstellung einer Melville-Statue, für den an «Moby Dick» erinnernden Namen der Baseballmannschaft sowie für deren Symbol, die Harpune. Sobald dann Henrys künftiger Zimmernachbar und Teamkollege Owen Dunne – charmant, belesen, milchkaffeefarben und schwul –, ebenfalls in Westish eingetroffen ist und Affenlights Tochter Pella ihren Ehemann verlassen hat, um ihre Uni-Ausbildung am College wiederaufzunehmen, sind die Hauptfiguren des Romans komplett.

Das Drama um einen begnadeten und perfektionistischen Spieler, der seinen Freund Owen mit seinem ersten fehlgegangenen Wurf nach über hundert Spielen schwer verletzt und dadurch alles Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten verliert, kann beginnen. Dazu gehört auch eine Liebesbeziehung zwischen dem College-Präsidenten (der sich bis dahin nur als Liebhaber und Favorit der Damenwelt erfahren hatte) und dem Studenten Owen sowie eine andere zwischen Pella und dem im Sport wie im Studium gleichermaßen hoch motivierten Mike Schwartz. Er ist es, der Henry von Anfang an unter seine Fittiche genommen hat und nun erfahren muss, dass nicht einmal er dem Baseball-Genie, auf das bereits die Scouts der Profi-Teams Jagd machen, aus seiner Krise helfen kann. Als alles sich nach etwa 550 Seiten allmählich zu lösen beginnt, hat es einen Toten gegeben, hat sich ein Liebespaar gefunden und steuern vier junge Leute eine neue Phase ihres Lebens an, in der sie sich von überschwänglich-jugendlichen Überflieger-Plänen zugunsten ernsthafter Arbeit mit ihren jeweiligen Talenten verabschiedet haben.

Seite 6: Zurück zu den Grundlagen, die im Individuum selbst liegen

Eine Sozialschmonzette mit finaler Traumverzichts-Lösung hätte aus so einer Anlage leicht werden können, ein Coming of Age-Roman der banalen Art. «Die Kunst des Feldspiels» aber ist alles andere als das: Die Träume werden hier ebenso ernst genommen wie die konkreten Verhältnisse, denen sie begegnen – es geht darum, Persönlichkeits-Entwürfen eine Form zu geben, die in der Wirklichkeit Bestand hat. In diesem Wechselspiel zwischen Selbstreflexion und Realitätsanalyse ist der hochbegabte Owen Dunne, «Buddha» genannt, seinen Altersgenossen weit voraus; die anderen müssen sich darin erst noch üben, um eine Startposition für ein gelingendes Erwachsenenleben zu finden. Nicht Verzicht, sondern stetige Veränderung in Respekt vor dem Eigenen wie dem Anderen ist Harbachs Botschaft; Demut gehört unabdingbar dazu, Bescheidenheit ebenso. Für Henry Skrimshander aber gibt es noch eine besondere Lektion zu lernen: dass Gefühle Teil des Lebens sind, bedrohlich nur solange, wie sie unerkannt im Unbewussten wüten.

Lebenslehren für die Gegenwart also sind das Herzstück von Chad Harbachs Roman, und was ihn groß macht, sind nicht nur der Wagemut und die stupende Erzählbegabung dieses Autors – es ist gerade die Abwesenheit alles Lehrhaften oder Sentimentalen. Wo aber die Great American Novel, vom Grundlagentext «Moby Dick» bis zu Don DeLillos «Unterwelt», die amerikanische Gesellschaft noch in großen Panoramen in all ihren Facetten spiegelte, vollführt «Die Kunst des Feldspiels» die selbstbewusste Gegenbewegung – in der Beschränkung auf die Provinz und dort wiederum auf den übersichtlich begrenzten Raum eines Colleges. Nicht Weltkreise werden hier abgeschritten, die Bewährung des Einzelnen auf seinem je eigenen Feld ist das Thema. Erst wenn auch das Ausnahmetalent Henry gelernt hat, nicht nur seine herausragenden Fähigkeiten, sondern seine Persönlichkeit zu entwickeln und deren widerstreitende Anteile zu integrieren, wird er tatsächlich ein Held der amerikanischen Leistungs- und Erfolgswelt werden können: Er muss seinen Bezugspunkt im Inneren, nicht in einem glamourösen Außen finden.

Es ist mehr als erstaunlich, dass alle vier Bücher – der Intellektuellen- wie der Künstlerroman, die phantastischrealistische Fabel wie die Amerika-Saga – Anfang der 2010er-Jahre denselben Weg zurücklegen: zurück zu den Grundlagen, die im Individuum selbst liegen. Von dort stammt, folgt man Cole, Wilson und Adrian, die fundamentale Bedrohung auch des gesellschaftlichen Ganzen: aus den Rasereien eines deregulierten Selbst, das sich an keine Maßstäbe und Grenzen mehr gebunden fühlt, aus eigensüchtigen Übergriffen auf das Dasein anderer. Allein, dass «Die Kunst des Feldspiels» dagegen, neben dem Respekt vor eigenen wie fremden Gefühlen, Kategorien wie Bescheidenheit und Demut wieder ins Recht setzt, dürfte angesichts des Amerika der unmittelbaren Gegenwart verwundern. Den entschiedensten Schritt in die literarische Gegenwelt aber tut Chad Harbach mit seinem Schluss: einer begründeten Hoffnung auf Veränderung.

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