JFK in Dallas
John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, wenige Minuten vor seiner Ermordung / picture alliance / AP Photo | Uncredited

Die sechziger Jahre und wir - War die gute alte Zeit wirklich so gut?

Dass früher alles besser war, hört man derzeit allüberall. Putins Krieg mitten in Europa und Trumps Rückkehr auf die Weltbühne markierten einen Epochenbruch. In den 60er Jahren war die transatlantische Welt noch in Ordnung. Stimmt das eigentlich?

Autoreninfo

Der promovierte Politikwissenschaftler Ulrich Berls ist Fernsehjournalist und Autor. Von 2005 bis 2015 leitete er das ZDF-Studio München. Bei Knaur erschien sein Buch „Bayern weg, alles weg. Warum die CSU zum Regieren verdammt ist“.

So erreichen Sie Ulrich Berls:

Großkrisen, Kriegsgefahr, Chaos, auch Disruption sind kein Exklusivproblem unserer 2020er Jahre wie – pars pro toto – ein kurzer Blick auf die sechziger Jahre zeigt. Die heute so gerne evozierte Nachkriegs-Idylle hätte leicht schon 1961/62 untergehen können. Auf die Errichtung der Berliner Mauer und den Ausbau der innerdeutschen Grenze zum Todesstreifen im Sommer 1961 folgte die Kubakrise. Aus dem kalten Krieg drohte ein nukleares Armageddon zu werden. Niemals, wirklich nie zuvor und nie danach, stand die Welt näher am Abgrund.

Cicero Plus

Ohne Abo Lesen

Mit tiun erhalten Sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Cicero Plus Inhalte. Dabei zahlen Sie nur so lange Sie lesen – ganz ohne Abo.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Dr. Oliver Strebel | Mi., 4. Februar 2026 - 08:25

Er trifft den Nagel perfekt auf den Kopf.

Rainer Mrochen | Mi., 4. Februar 2026 - 08:34

Die "alten Zeiten" waren zu keinem Zeitpunkt besser als ihre Nachfolger. Das Erleben in der jeweiligen Zeit ist immer nur ein momentanes Abbild gegebener Zeitgeschehnisse. Was allerdings zu konstatieren ist, ist; ob Entwicklungen insgesamt einen "positiven" Verlauf nehmen oder eben durchaus regressiv sein können. Die Frage nach "guten, alten Zeiten" stellt sich somit immer als Frage vergleichender Maßstäbe innerhalb eines neuen Wertesystems. Im übrigen verschieben sich die Bewertungskoordinaten für besser oder nicht besser mit zunehmendem Lebensalter und zunehmender Erfahrung. Für mich gibt es keinen Absolutismus. Heut ist auch vieles gut was es früher nicht gab und früher war besser was heute als Modern zu gelten hat. Die Dinge bleiben halt im Fluss. Im hier und jetzt zu leben und gelebt zu haben, dürfte zu jedem Zeitpunkt eine komplexe Angelegenheit gewesen sein.

Chris Groll | Mi., 4. Februar 2026 - 08:58

Herr Berls, was Sie schreiben ist richtig.
Als kurz nach dem letzten Krieg Geborene, ist die Zeit für mich jedoch niemals so bedrückend und hoffnunglos gewesen wie die letzten Jahre.
Es ist der Niedergang, der Verlust an Freiheit, die Humorlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die alles
übertüncht.
Daß sich Deutschland auf dem Weg in eine sozialistisch/islamische Diktatur befindet (oder bereits ist), ist für mich persönlich ganz fürchterlich.
Ich bin in einer freiheitlichen Bundesrepublik aufgewachsen und hoffte, das diese Freiheit immer so bestehen würde. Hoffte, daß die Menschen nicht auf ***fänger hereinfallen würden.
Aber weit gefehlt. Wohlstand macht wohl blind und dekadent.

Ja, und vor allem bequem und dumm im Kopf ……Undankbarkeit über die „geschenkte“ Freiheit mit Marshall-Plan zum Wiederaufbau, ganz zu schweigen.
Mit Unverständnis habe ich die Studentenunruhen im Westen verfolgt, die Plakate mit sozialistisch kommunistischen Parolen in den End 60ziger Jahren
Eine Zeit in dem ich das „Beat- Club“ Logo das der Londoner U- Bahn nachempfunden war aus Suralin (?) mit einer Sicherheitsnadel gebastelt habe und eine Kanüle am Revers trug was bedeutete „wir lassen uns den Sozialismus nicht einimpfen“ Abitur, Bauingenieur- Studium danach die Ernüchterung, das die sozialistische Planwirtschaft sich nicht nur im Mangel im privatem, sondern wenn nicht sogar noch mehr, an der täglichen Arbeit zeigte.
Familiengründung, Kinder, Hausbau wenige Jahre später die Wende in der Hoffnung endlich die sozialistischen Segnungen hinter sich lassen zu können.
Arbeitsplatzverlust, Neuanfang 1991 in NRW im „Schwarzen“Paderborner Land
Und heute ? Es lebe die DDR 2.0 !
MfG a d E R

Sie erleben es erneut und ich muß es jetzt leider auch erleben. Die DDR (2.0).
Trotzdem wünsche ich mir, daß wir gemeinsam mein altes freies Deutschland zurückbekommen.
MfG aus dem Sauerland

Thomas Hechinger | Mi., 4. Februar 2026 - 09:49

Ja, so war die Zeit. Ich habe selbst Erinnerung daran. Mein erstes bewußtes politisches Erlebnis war die Beerdigung von Konrad Adenauer, als die Großfamilie sich um den kleinen Fernseher versammelt hatte. Ich kann mich an den winkenden Willy Brandt in Erfurt erinnern, an die „Willy-Wahl“ 1972. Ich hatte damals „Willy Brandt ist blöd“ oder ähnlich an die Tafel geschrieben, wie es Kinder so tun, wenn sie etwas von daheim mitbringen und sich wichtig machen wollen. Ich habe mir dafür einen ordentlichen Rüffel meiner alten Klassenlehrerin eingehandelt. Sie hat mich nicht bestraft, aber über Politik zu diskutieren begonnen. Ich konnte ihr natürlich nicht standhalten, als sie sich zu Willy Brandt und der SPD bekannte. Aber ich habe etwas daraus gelernt. Da ich die Lehrerin mochte und diese offenbar die SPD, war an der SPD vielleicht doch nicht alles so schlecht, wie mein Vater es mir beigebracht hatte. Ob ich heute für meinen Spruch eine Gefährderansprache durch die Polizei erhalten hätte?

Karl-Heinz Weiß | Mi., 4. Februar 2026 - 10:45

"Als Veganer glänzen wollen" - dieses Bild passt perfekt. Und (fast) alle folgten gerne der "alternativlosen" Kanzlerin. "Sie kennen mich" genügte, um als Weltpolitikerin zu gelten. Unvergessen ihr amüsiertes, leicht herablassendes Lächeln beim Gespräch mit dem frisch ins Amt gekommenen Trump. So lächelte sie auch das Ignorieren des 2%-Ziels oder die Bedenken gegen NS weg. Vor Deutschland liegt ein steiniger Weg. Einzig positiver Aspekt: die Rolle des politischen Schulmeisters ist erledigt. Einziges Relikt aus dieser Zeit ist Anna-Lena Baerbock bei der UN.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi., 4. Februar 2026 - 11:31

Wir kennen doch alle die Sketche von Sketch History seinen "Frauenkonsum" betreffend?
Wie ich mich glaube erinnern zu können, hervorgerufen durch starke "Steroidzufuhr aufgrund seiner schwächlichen Gesundheit"?
Doch Politik ist noch komplexer, noch anstrengender und in den Folgen teils auch gefährlicher geworden.
Dagegen stemmt sich unser heutiges Wissen und die Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen.
Das Deutsche Reich wurde nicht angegriffen; ich stimme der quantitativen Zuordnung von Stalin und Mao zu Hitler zu, bin mir aber nicht sicher in Bezug auf die historische Einordnung.
Habe gerade gestern Abend einen sehr interessanten südkoreanischen Film gesehen "1909 Im Schatten des Imperiums", sehe immer auch mal bei IQIYI interessante Serien.
Das Zarenreich wurde im 1. Weltkrieg "schrottreif"? geschossen?
Ich könnte über die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht so "sicher" schreiben.
Es wäre aber schade drum, wenn wir heute statt Zusammenarbeit den Krieg wählten...

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 5. Februar 2026 - 09:39

Antwort auf von Dorothee Sehrt-Irrek

pesönlich, ich gehe jedoch seit der Gründung/Unabhängigkeit der USA von derer eventuellen Einflussnahme auf den alten Kontinent aus und auch Richtung Asien.
So gesehen bin ich mir bis zur Darlegung aller Fakten nicht sicher, welche Rolle die USA beim Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo spielten, bzw. ob überhaupt, aber auch welche beim Attentat auf Sisi.
Es kommt mir alles so persönlich und politisch eher diffus vor, kurz evtl. ...?

Ernst-Günther Konrad | Mi., 4. Februar 2026 - 11:52

Machen wir uns nichts vor. Diese Empfindungen sind doch sehr individuell. Jeder hat seine Kindheit, seine Jugend, seinen Start ins Erwachsenenleben anders in Erinnerung. Und jeder hat ganz individuell je nach Lebensumständen seine Erfahrungen gemacht und kann sich mehr oder weniger erinnern. Man mag manches als besser empfunden haben, aber war es das wirklich? Man hat viele Schweinereien des Lebens nicht mitbekommen, weil die Informationswege noch anders waren, es gab kein Internet, keine sozialen Netzwerke usw. Heute verbreiten sich Informationen in Windeseile, sind Wahrheiten und Lügen schneller unter die Leute gebracht. War es deshalb früher besser oder deswegen schlechter? Ich meine jede Zeit hat seine Qualität und mag manches punktuell besser empfunden worden sein und wird manches heute schlechter empfunden, all das wird von jedem Menschen anders empfunden. Nur von einem bin ich überzeugt. Wir sind in einer Zeitenwende, aber anders als Politiker es sagen. Lest Abd Ru Shin.

H. Stellbrink | Mi., 4. Februar 2026 - 13:33

Wer träumt denn der "guten alten Zeit"nach? Das ist eine Unterstellung, ein Strohmann-Aspekt. In Wirklichkeit geht es um konkrete politisch ungelöste Probleme, die von den regierenden Parteien unter den Tisch gekehrt werden: Überforderung durch Migration, innere und äußere Sicherheit, ausufernder Sozialstaat, Verschuldung, Abbau der Meinungsfreiheit, ruinöse Klima-"Rettung" etc..
Das ist nicht sentimental, sondern sehr konkret. Wer wünscht sich denn schon die Mauer oder die RAF zurück, deren Morde nicht unerwähnt bleiben sollten?
Das ist m.E. eine Phantomdiskussion, die von den konkreten, langsam überwältigenden Probleme ablenkt. Die Deutschen sind ein romantisches Volk, aber so sentimental sind sie dann doch nicht. Zumindest die nicht, die nicht glauben dass "Wir" "das" so "schaffen".

Sabine Lehmann | Mi., 4. Februar 2026 - 17:25

Seitdem Mittelerde nur noch Negativ-Schlagzeilen produziert und alles was nicht ganz weit links liegt für Mordor gehalten wird, werde ich gerne und etwas wehmütig in die Vergangenheit blicken......auch, wenn dort wirklich nicht alles besser war und ich persönlich Anfang der Sechziger noch als Quark im Schaufenster gelegen habe;-) Es war anders und Einiges hat mir wesentlich besser gefallen als heute;-) Und wie das heute schon Frau Sehrt-Irrek ansprach, wer sich im historischen Rückblick herrlich amüsieren möchte, der "muss" unbedingt "Sketch History" anschauen. Eines der wenigen Dinge, die das Zweite Deutsche Erziehungsfernsehen so richtig gut hinbekommen hat!