Multi-Gesellschaft als neue Realität - Die Traditionsgemeinschaft stirbt

Kolumne: Grauzone. Gesellschaften werden in Zukunft multikulturell, multiethnisch und multireligiös sein. Traditionelle Milieus und landsmannschaftliche Eigenarten lösen sich auf. Die Frage ist, wie wir die Multi-Gesellschaft gestalten

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Vor Kurzem erschien sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ beim Claudius Verlag München.

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„Politik ist die Kunst der Möglichen“, sagte Otto von Bismarck. Doch um das Mögliche zu leisten, muss man die Realität zur Kenntnis nehmen und das schonungslos, offen, ohne Wunschdenken und weltanschauliche Scheuklappen.

Zur heutigen Realität gehört die Multi-Gesellschaft. Wir werden eine Multi-Gesellschaft sein: multikulturell, multiethnisch und multireligiös. Homogene Gesellschaften gehören in Europa – im Grunde aber weltweit – der Vergangenheit an. Das hat viele Gründe. Da ist zum einen die so oft beschriebene Individualisierung. Sie führt dazu, dass sich kulturelle Traditionsgemeinschaften auflösen.

Menschen gestalten ihr Leben autonom, aufgrund ihrer individuellen Wertvorstellungen, ihrer Lebensideale. Es entstehe Subkulturen, in die man nicht hineingeboren wird, sondern für die man sich entscheidet. Nicht die Herkunft bestimmt den Lebensstil, sondern die Entscheidung des Einzelnen.

Menschen suchen sich eine neue Heimat
 

Das hat auch damit zu tun, dass wir mobiler geworden sind. Menschen verlassen die Heimat, in der ihre Vorfahren seit Generationen lebten. Das Ergebnis: Traditionelle Milieus, landsmannschaftliche Eigenarten und konfessionelle Prägungen lösen sich auf. Aus den Dörfern von Schleswig bis Oberbayern wandern die Menschen ab, andere wandern hinzu. Soziale Bindungen und Überlieferungen werden gesprengt. Man mag das bedauern, es ist aber die unabänderliche Realität.

Hinzu kommt: Die neuen Subkulturen, die sich bilden, sind nicht regional gebunden. Wir finden sie in Hamburg, München und Berlin, in London, Barcelona und Toronto. Viele Menschen ziehen in ihrem Leben mehrfach um, über Kontinente hinweg, und bauen überall auf der Welt immer wieder neue Bindungen auf.

Das funktioniert nur, wenn nicht historische Überlieferungen die Werte der Menschen bestimmen, sondern weltweit vorfindbare, internationalisierte Lebensstilkulturen. Diese ermöglichen es dem Menschen der Postmoderne, sich weltweit zuhause zu fühlen, egal ob in San Fransisco, in Stuttgart oder Montevideo.

Doch nicht nur die berufliche Flexibilität gut bezahlter und gut ausgebildeter Fachkräfte sorgt für eine internationale Durchmischung der Bevölkerung, sondern auch die Krisen der Welt. Menschen suchen ihr Glück andernorts, teils, um einfach besser zu leben, teils, um überhaupt zu überleben.

Durchmischung der Religionen
 

Zudem ist die Welt kleiner geworden. Damaskus ist ein Nachbarort von München. Das setzt Wanderungsbewegungen in Gang, die sich in Krisensituationen eruptiv verstärken. Man kann versuchen, das im Vorfeld abzumildern, verhindern lässt es sich nicht. Es ist die Realität.

Dies führt nicht nur zu einer ethnischen, sondern auch zu einer religiösen Durchmischung. Verstärkt wird dieser Prozess dadurch, dass auch ohne Einwanderer Europa nicht mehr religiös homogen ist. Menschen wählen ihre Religion auf dem Markt der Religionen selbst, werden Buddhisten oder Esoteriker, leben eine Patchworkreligiosität oder sind Religionen gegenüber vollkommen gleichgültig eingestellt. Die Gesellschaften Europas werden multireligiös sein. Viele Religionen gehören zu Deutschland. Man kann das finden wie man will, es wird so sein.

Kurz: Wir befinden uns in einer epochalen Zeitenwende. Homogene Gesellschaften – falls es sie überhaupt je gab – gehören der Vergangenheit an. Das ist unabänderlich. Die Gesellschaft der Zukunft wird eine Multi-Gesellschaft sein. Das ist keine Frage von Werten, sondern von Tatsachen, denen man schonungslos ins Auge blicken muss. Wer will, kann das beklagen, das ist aber ungefähr so sinnvoll, wie zu kritisieren, dass die Erde um die Sonne kreist.

Die Frage ist somit nicht, ob die Multi-Gesellschaft kommt, sondern wie wir sie gestalten. Schon die Vorstellung einer Leitkultur ist angesichts der Individualisierung postmoderner Gesellschaften eine Illusion. Es gibt sie nicht mehr. Auf sie zu setzen, ist Traumtänzerei.

Jeder Einzelne ist ein pluralistischer Kosmos
 

Denn Vielfalt beginnt schon im Individuum: Keiner von uns hat homogene Werte und Ideale, schon jeder Einzelne widerspricht sich in seinen Träumen und Lebensvorstellungen. Jeder Einzelne ist ein pluralistischer Kosmos.

Forderungen nach einer homogenen Gesellschaft sind somit nicht nur illusorisch, sondern unsinnig. Das stellte die Politik vor enorme Herausforderungen, da das Demokratiekonzept des 18. Jahrhunderts, auf dem die westlichen Staaten basieren, genau in dieser Homogenitätsvorstellung gründet.

Die Welt hat sich in ein gewaltiges Labor verwandelt – Ausgang des Experimentes offen. Denn Multi-Gesellschaften sind kein buntes Stadtteilfest. Ihr Konfliktpotential ist enorm. Gerade aber weil das so ist und hochgradig heterogene Gesellschaften eine gewaltige Herausforderung darstellen, gilt es den Tatsachen ins Auge zu sehen, illusionslos und unverblümt. Nur so werden wir das Mögliche erreichen – ein friedliches Miteinander.

Hinweis: In einer früheren Version wurde das Zitat über die Politik Churchill zugeordnet. Tatsächlich stammte es von Bismarck. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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