Geld, Liebe, Eva Illouz, Tina Klopp
(Franziska Daxer) Ist die romantische Liebe überschätzt?

Geld oder Liebe? - Die Lüge von der wahren Liebe

Geld oder Liebe? Ein vertracktes Verhältnis, dessen Zusammenhänge um einiges komplexer sind, als es auf den ersten Blick scheint. Tina Klopp über romantische Überhöhung, große Erwartungen und falsche Ideale. Teil 1 einer Serie

Ein Land voller Romantiker: Zwei Drittel aller Deutschen glauben an die Liebe fürs Leben. Auch Heiraten steht wieder hoch im Kurs. Am liebsten heiraten die Deutschen in den Sommermonaten. Sonne und blauer Himmel sollen ihr Liebesglück besiegeln.

Doch eine Zahl macht stutzig. Statistisch fast genauso beliebt wie die Wonnemonate ist der Dezember. In Nordrhein-Westfalen war der kalte Monat 2010 sogar der beliebteste aller Hochzeitsmonate. Das könnte finanzielle Gründe haben. Der steuerrechtliche Sonderstatus, den Eheleute vor dem Gesetz genießen, gilt für das gesamte Jahr. Selbst wer den Bund der Ehe noch an Silvester schließt, erlangt rückwirkend den vollen Steuervorteil.

Wie also steht es um das Verhältnis von Geld und Liebe?  Dass Geld und wahre Liebe sich ausschließen müssten, ist ein sehr romantischer und ziemlich naiver Gedanke. Die meisten Menschen wissen, dass die Ehe historisch betrachtet eine ökonomische Erfindung war. Die Liebesheirat hingegen ist eine Idee der Romantik und somit noch gar nicht so besonders alt.

Der Mythos, wonach Geld in der Liebe keine Rolle mehr spielt, hält sich hartnäckig. Mittlerweile sagt die Mehrheit der Deutschen, die Liebe müsse der wichtigste oder gar der einzige Bindungsgrund sein. Schon die soziologische Forschung sieht das ein bisschen anders. Und die praktische Politik erst recht: Überall sollen Bürokratie und Behördengänge abgeschafft werden – warum aber setzt sich niemand für die kostenlose e-divorce ein, die Scheidung per Mausklick? Und warum sollen finanzielle Anreize nach wie vor geeignet sein, die standesamtliche Beziehung auf Dauer zu fixieren?

Schon ganz am Anfang einer Beziehung spielt nicht nur Liebe eine Rolle. Studien belegen, dass schon bei der Partnerwahl aufs Geld geschielt wird. "Welche Eigenschaften schätzen Sie an Ihrem Partner, Ihrer Partnerin am meisten?" fragte die GfK Marktforschung aus Nürnberg mehrere tausend Menschen. Finanzielle Unterstützung fanden 33,8 % der Frauen, und immerhin noch 7,9 % der Männer besonders attraktiv. Angeblich wirkt sich ein dickes Konto sogar auf den Spaß beim Sex aus.

Liebe kann man nicht kaufen, heißt es, doch die Soziologin Eva Illouz  ist sich da nicht so sicher. In ihrem Buch "Konsum der Romantik" hat die Israelin beschrieben, wie vieles, das Paare miteinander tun, nur gegen Geld zu haben ist. Ob Parfüm oder Blumen, Candle-Light-Dinner oder Dessous – die moderne Liebe scheint viel tiefer mit dem Kapitalismus verstrickt als allgemeinhin angenommen. Auch die Ratgeberliteratur ist sich einig: Will ein Mann das Herz einer Frau gewinnen, darf er alles, nur nicht geizig sein.

Seite 2: Liebe und eiskaltes Kalkül 

Der Staat unterstellt seinen Bürgern ohnehin eiskaltes Kalkül. Oder wie ließe sich erklären, dass der Steuerzahler die amtlich fixierte Liebe mit so vielen geldwerten Vorteilen fördert? Das Ehegattensplitting etwa bringt einem Paar in der Spitze über 16.000 Euro Steuerersparnis pro Jahr, zumindest für den Fall, dass einer der Partner Allein- und Großverdiener ist. Ist einer der Partner Normal- und der andere Geringverdiener, erreicht die Ersparnis immer noch an die 800 Euro im Monat. Rechnet man den gesparten Krankenkassenbeitrag hinzu, darf ein verheiratetes Paar im Monat getrost 1000 Euro mehr für Miete ausgeben. Oder für ein Kindermädchen. Aktienfonds? Rennpferde? Rohdiamanten?

Doch das ist erst der Anfang. "Economies of scale" oder "ein angenehmerer Lebensstandard zu geringeren Kosten", heißt das bei den Wirtschaftswissenschaftlern. Die haben ihre Theorien zum Homo Öconomicus schon vor Jahren ganz nüchtern auf private Haushalte übertragen. Gary Becker, immerhin Träger des Wirtschaftsnobelpreis, schreibt über den Vorteil der Liebe, dass „die Qualität der Mahlzeiten, die Qualität und Quantität der Kinder, Prestige, Erholung, Kameradschaft, Liebe und Gesundheit“ steigen. Die Wissenschaftler Barbara Dafoe und David Popenoe von der amerikanischen Rutgers-Universität haben festgestellt, dass verheiratete Paare bis zum Lebensende rund doppelt so viel Vermögen angehäuft haben wie ihre Single-Freunde.

Richtig groß wird die Steuerersparnis, wenn sich ein Ehepartner selbstständig macht und erfolglos bleibt. Dann kann das Paar Verluste und Einkommen miteinander verrechnen. Am allermeisten lohnt sich die Ehe bei Schenkungen und Erbschaften. Ehegatten haben einen Freibetrag von 500 000 Euro, unverheiratete Partner von nur 20 000 Euro. Auch die Witwenrente gibt es nur auf Trauschein.

Dass Geld entgegen allen romantischen Beteuerungen in Beziehungen eine große Rolle spielt, hat sich längst in die Sprache eingeschlichen. "Ich habe so viel investiert" wird gerne behauptet. Oder: "Das bist du mir wert." Und am Ende? Da wird "abgerechnet." Jedes vierte Paar streitet "häufig" oder "ab und zu mal" über Geld. Die Paartherapeutin Victoria Felton-Collins behauptet gar, Streit um Geld sei einer der häufigsten Trennungsgründe. Ihr Buch zum Thema heißt: "Paare und Geld – Hört beim Geld die Liebe auf?"

Eigentlich müssten die hohen Kosten einer Scheidung selbst die größten Streithansel zur Vernunft bringen. In der Tat: Rein statistisch halten Ehen länger, wenn sie spät geschlossen werden, wenn es Kinder gibt, und, ganz wichtig: wenn es gemeinsamen Immobilienbesitz oder Altersvorsorgen gibt. Das alles treibt nämlich den Streitwert in die Höhe. Aber warum eigentlich sind Scheidungen teuer? Geht es dem Staat insgeheim um Abschreckung? Umgekehrt jedenfalls ist interessant: Gerichts- und Anwaltskosten lassen sich von der Steuer absetzen. Aber als wollte der Staat hier noch ein Hintertürchen offen halten, gilt das auch, wenn es "in letzter Minute" doch nicht zur Trennung kommt.

Seite 3: Mehr Pragmatismus, weniger Scheinheiligkeit

Und wie gehen Paare im Alltag mit Geld um? Mehr als die Hälfte aller Paare wirft alles Geld in einen Topf. Ein Viertel besteht auf eigener Kontoführung. In Familien mit geringem Haushaltseinkommen verwalten zumeist Frauen das Geld, hat der Psychologe Rolf Haubl herausgefunden. Je höher der soziale Status der Männer ist, desto eher behalten sie sich die Verfügungsgewalt über das Geld vor. Das liegt daran, sagt Haubl, dass Geldanlage erst ab einer bestimmten Summe Spaß macht. Und Spaß ist Männersache.

Natürlich hat Geld mit Macht zu tun. Geld schafft eine einfache Möglichkeit, sich zu vergleichen, zum Beispiel im Beruf. Offensichtlich spielt das Geld sogar beim Seitensprung eine Rolle: Sind Männer ökonomisch auf ihre Frauen angewiesen, werden sie durchschnittlich fünfmal häufiger untreu, besagt eine Studie Cornell University in Ithaca. Das passt zu Studien, die belegen, das der unattraktivere Teil eines Paares statistisch häufiger fremd geht. Offensichtlich müssen die Männer ihre Unterlegenheit durchs Fremdgehen kompensieren.

Selbst in der jungen Generation, in der Männern das Wort Gleichberechtigung mittlerweile ziemlich selbstverständlich über die Lippen kommt, ändern sich die Dinge nur ganz allmählich.  Zwar haben Männer und Frauen oft ähnliche Schulabschlüsse, und ihre Einkommen sind auch gleich. Aber häufig nur so lange, bis das erste Kind da ist. Danach geraten viele Frauen in einen Rückstand, den sie oft ihr Leben lang nicht aufholen. Dass Geld in der Liebe keine Rolle spielen sollte, rächt sich spätestens, wenn die Beziehung zu Ende geht. Viele Frauen ärgert es dann, nicht besser vorgesorgt zu haben.

Geld oder Liebe? Aller Romantik zum Trotz ist es selbst für die innigste Beziehung gut, wenn beide Partner eigenes Geld besitzen. Auf diese wichtige Funktion von Geld weist der Frankfurter Soziologe Christoph Deutschmann hin: Es ist die Voraussetzung der gleichberechtigten Liebe. Früher waren die Frauen abhängig von ihren Männern. Dass sie heute eigenes Geld verdienen, machte egalitäre Liebe erst möglich. Bleibt die Frau treu, dann aus Liebe, nicht aus Finanznot.

Zu viel Liebe tut auch nicht gut. Mehr Pragmatismus und weniger Scheinheiligkeit würde vielen Paaren gut tun. Denn dies ist ein Erfolgsrezept langer Beziehungen. Erfolgreiche Paare verzichten nämlich darauf, die Liebe romantisch zu überhöhen und mit riesigen Erwartungen zu überfrachten. "Die meisten Paare scheitern an ihren falschen Idealen", sagt die Eheberaterin Felton-Collins, „und nicht am Geld als solchem."

Geld oder Liebe. In den nächsten Wochen widmet sich Cicero Online in einer kleine Serie dem  Zusammenhang von Geld und Liebe. Tina Klopp geht dabei unter anderem der Frage nach, welche Rolle Geld bei der Liebe in anderen Kulturen spielt, was die Marktforschung über das Konsumverhalten von Paaren herausgefunden hat oder wie die Chancen für reiche Frauen stehen, sich im Internet einen schönen, jungen Mann zu angeln. Geld oder Liebe? Es ist ein vertracktes Verhältnis, die Zusammenhänge sind viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint!

 

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